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03.11.2000 - 

Interview mit Red-Hat-Chef Bob Young

"Wir müssen die Innovationsrate von Open Source erst nutzbar machen"

Seit sechs Jahren bestehend, ist Red Hat eine der größten Linux-Distributionen und eine Macht in der Open-Source-Welt. Mit Bob Young, Mitbegründer und President des Unternehmens, sprach CW-Redakteur Ludger Schmitz über Positionierung und Ziele.

CW: Funktioniert bei Red Hat das Modell der Open-Source-Welt, Profite aus Services zu ziehen statt aus Lizenzen?

Young: Bei unserem Börsengang vor ungefähr einem Jahr machten wir rund 20 Millionen Dollar Gesamtumsatz, davon 50 Prozent aus dem Vertrieb der Linux-Distribution. Nach den Zahlen unseres letzten Quartals liegen wir jetzt bei etwa 80 Millionen. Die Distribution trägt dazu noch zehn bis 15 Prozent bei. Unsere Profitrate ist in den letzten zwölf Monaten von 38 auf derzeit 56 Prozent gestiegen, und wir wollen sie noch in diesem Jahr auf gut 70 Prozent bringen. Services sind ein hochprofitables Geschäft.

CW: Wann kommt Red Hat dann aus den roten Zahlen heraus?

Young: Innerhalb der nächsten zwölf Monate. Wir übertreffen mit den Quartalsergebnissen regelmäßig unsere eigenen Voraussagen zur Geschäftsentwicklung.

CW: Red Hat hat einige Unternehmen übernommen. Ist es eine notwendige Strategie, sich möglichst schnell in Märkte einzukaufen?

Young: Akquisitionen beschleunigen das Wachstum. Man kann sich eine Menge Entwicklung sparen, indem man die Entwicklerfirma kauft. Unsere Eigenwachstumsrate ist ziemlich genau 100 Prozent pro Jahr. Aber wir werden auch in Zukunft Technologien aufkaufen, die unsere Kunden brauchen, um Open-Source-Betriebssysteme so effektiv nutzen zu können wie Solaris oder AIX oder NT. Vom Gesichtspunkt der Funktionalität her haben wir bei Linux Nachholbedarf.

CW: Das Red-Hat-Network RHN soll nun den Serviceaspekt unterstreichen. Wie kommen Sie dazu, es gleich als "neues Business" zu bezeichnen?

Young: AT&T hat 1928 in einer Untersuchung herausgefunden, dass die weitere Verbreitung von Telefonen begrenzt ist, weil das überproportional mehr Handvermittlungsstellen erfordert hätte. Die Folge war die Entwicklung von Selbstwählverbindungen. Wir stehen vor einer ähnlichen Schwierigkeit: Das Hauptproblem in der IT besteht darin, dass es generell zu wenig qualifizierte Systemadministratoren gibt, die mit anspruchvolleren Betriebssystemen als Windows-XX umgehen können. Unser RHN ist darauf angelegt, Funktionen der Systemadministration zu automatisieren.

Unser Linux besteht aus über 800 Einzelmodulen, die zum größten Teil ganz unabhängig von uns mindestens einmal pro Jahr ein Upgrade erfahren. Das heißt, ein Systemadministrator müsste rund drei Updates pro Tag mitkriegen, eine viel zu hohe Innovationsrate. Das ist eigentlich eine der besten Seiten der Open-Source-Welt, aber gleichzeitig ihr größtes Problem. Indem wir den Kunden im RHN diese Aufgabe der Systemadministration abnehmen, machen wir ihnen die Innovation erst realistischerweise zugänglich, ohne sie zu belasten.

CW: Die hohe Innovationsrate war doch wohl nicht der einzige Grund, warum professionelle Anbieter selbst dann Linux zögernd gegenüberstehen, wenn sie dem Konzept schon zugeneigt sind.

Young: Vor drei oder vier Jahren lag das daran, dass wir eine zu kleine Firma waren, weswegen die DV-Leiter Microsoft und Sun vorzogen. Deswegen sind wir Partnerschaften mit Intel und Netscape im Herbst 1998 eingegangen sowie im Frühjahr 1999 weitere mit SAP, Oracle, IBM, Compaq, Dell und Novell. Immer in der Hoffnung, wenn die professionellen Anwender unserer kleinen Ingenieurtruppe aus North Carolina nicht trauen, dann aber den großen Namen. Die Kooperationen gingen aber nicht einseitig von uns aus, sondern die Kunden dieser Firmen hatten ihr Interesse an einer Alternative zu proprietären Betriebssystemen angemeldet.

CW: Haben denn die Kooperationen mit den Big Playern der IT Red Hat vorangebracht?

Young: Und ob! Wir reden nicht mehr von ein paar Installationen von SAP R/3 auf Red-Hat-Linux, sondern das waren vier, fünf Monate nach der Ankündigung schon dreistellige Zahlen. Heute gibt es unzählige Beispiele, dass Anwender IBM DB2, SAPs R/3 und andere unternehmenskritische Programme auf Linux-Systemen laufen lassen. Derzeit gibt es eine Lawine von solchen wichtigen Anwendungen, die auf Linux gebracht werden. Diese Entwicklung und die zahlreichen Pilotprojekte bei den Anwendern werden sich in ein, zwei Jahren auch in den Marktanteilen niederschlagen.

CW: Und was macht Red Hat anders als die Traditionsnamen?

Young: Die DV-Verantwortlichen sind von ihren Softwarelieferanten frustriert, weil der Verkäufer seinen Kunden kontrolliert. Wenn ein Autoverkäufer sich nicht um die Probleme eines Kundens mit seinem Wagen kümmert, warten schon ein Dutzend andere Verkäufer. Nur in der Softwareindustrie ist das anders. Ein Anbieter kann Software mit signifikanten Fehlern verkaufen, und für die Fehlerbehebung muss der Käufer tatsächlich bei der nächsten Version noch einmal zahlen. Die IT-Anbieter verkaufen Programme unter Lizenzen, die es den Kunden verbietet, auch nur die Fehler zu beheben. Völlig hirnrissig.

CW: Immerhin haben die traditionellen Big Player sehr viel mehr Erfahrungen im Markt und mit den Kunden als die jungen Open-Source-Firmen. Welche Chance haben Sie da überhaupt?

Young: Wir haben eine Chance, wenn wir die richtigen Leute, das richtige Kaliber rekrutieren. Man schaue sich einmal an, welche Geschichte die Topleute bei Red Hat haben. Wir haben sehr erfahrene Leute. Es gibt keine natürlichen Grenzen für Open Source. Die einzige Grenze könnte die Kompetenz der Open-Source-Anbieter sein. Wenn IBM, Sun oder HP besser geführte Firmen sind als Red Hat, Suse oder VA Linux, dann hat Open Source keine Chance.

Der Trend geht zu Open Source, da sehe ich ebenso wenig Grenzen, wie Microsoft sie damals für Windows-PCs sah. Und wir sprechen mit Linux einen größeren Bereich an: von den Mainframes bis zu den PCs und noch weiter zu den Embedded Devices wie PDAs und Handys. Wir erleben überall eine unglaublich Dynamik am Markt, die die aktuellen Verhältnisse in der IT komplett umkrempeln könnten.

CW: Noch aber sind es vor allem Web-Server, auf denen Linux eine starke Marktposition hat.

Young: Keine Frage, die Killerapplikationen, die auch den Erfolg von Red Hat ausmachen, sind Internet-Anwendungen: Apache-Web-Server, FTP-Server, Print-and-File-Server, Domain-Naming-Technologie, Sendmail, kurz und gut: Internet-Technologie. Was ist der am schnellsten wachsende Teil der IT-Industrie heute? Internet und Intranet.

CW: Gleichwohl kommen von den professionellen Anwendern Einwände, Open Source sei nicht für anspruchsvolle IT-Aufgaben geeignet.

Young: 1994 habe ich Linux nur an Enthusiasten vertreiben können, die sich für jede neue Technologie interessieren. Solche Leute brauchen keine vorinstallierten Linux-PCs von Dell, aber sie sind ein marginal kleiner Teil der IT-Anwender. Der Rest der Welt kauft keine Technologie. Alle anderen würden eher Papier und Bleistift benutzen, wenn es keine andere Technologie gäbe, die den Anforderungen ihrer Unternehmen besser gewachsen wäre. Es braucht also IT-Firmen, die Technologie in Lösungen umwandeln. Darum ist IBM die weltgrößte Computerfirma, deshalb sind EDS und Arthur Anderson erfolgreich.

CW: Noch aber wird der Open-Source-Trend zu einem bedeutenden Teil von Leuten vorangetrieben, die aus Spaß programmieren und weniger aus Interesse an Business-Lösungen.

Young: Also muss die Open-Source-Bewegung über den Kreis der Enthusiasten hinauswachsen. Der PC ist in einem Kreis von Technik-Freaks entstanden, im Homebrew Computerclub wurden alle möglichen Teile zusammengelötet. Der PC hat erst Aufmerksamkeit erregt, als IBM aus dem Chaos an Hardwareteilen einen Standard gemacht hat. Die Parallele zu heute besteht darin: Firmen wie Suse und Red Hat müssen die Open-Source-Technologien strukturieren. Die Community kriegt es nicht geregelt, aus 800 Softwareentwicklungen ein Paket zu schnüren. Das Chaos von Technologien muss organisiert werden, es muss in Lösungen verwandelt werden.

Man kauft ein Auto und nicht die ganzen Einzelteile, um sich eins zu bauen. In der IT geht das auch so. Bis auf ein paar Techies will sich niemand aus Kernel, Libraries, X-Window-System, Apache und noch einigen Dutzend Programmen etwas zusammenbasteln. Die Anwender wollen komplette Lösungen für ihre Aufgaben. Kein IBM-Kunde fragt nach Linux als Betriebssystem, sondern nach Lösungen ohne proprietäre Fesseln.

CW: Gerät Red Hat dadurch zunehmend in die Rolle des Systemintegrators?

Young: Nein, VA Linux ist schon eher in der Rolle. Wir bleiben der Lieferant des Betriebssystems. Allerdings definieren wir das nicht im engeren Sinne. Für uns sind Low-Level-Applikationen wie der Apache-Web-Server oder FTP-Server Teile der Betriebssystem-Infrastruktur.

CW: Sehen Sie in Embedded Systems den nächsten Bereich, in dem Linux erfolgreich sein könnte?

Young: Linux wird ein Erfolg bei Embedded Systems, besser gesagt: bei allen Appliances. Die meisten Leute werden, ganz anders als heute Windows auf PCs, Linux verwenden, ohne es zu bemerken, in PDAs, in Handys, in Settop-Boxen, in Appliances aller Art.

CW: Hat der PC keine Zukunft?

Young: Es wird Leute geben, die Linux auf PCs verwenden. Der PC-Markt ist groß und reif, aber er ist ein Legacy-Markt. Dieser Altlastenmarkt macht es 16-jährigen Hackern möglich, Unternehmensnetze zum Zusammenbruch zu bringen. PCs und Windows sind Technologien der 80er Jahre, die nicht für Internet-Zeiten taugen.

CW: Wie beurteilen Sie die Beteiligung von Microsoft an Corel? Ist das der Einstieg der Redmonder in Linux?

Young: Nein, in erster Linie muss man den Fall ähnlich beurteilen wie die Beteiligung von Microsoft an Apple. Sie haben ein Quasimonopol bei Betriebssystemen und bei Anwendungen auf Desktops. Sie müssen einen Wettbewerber am Leben erhalten, der ihren Dateiformaten folgt. Ihre IT-Welt darf nicht von den Rändern her abbröckeln. Wenn sie aber ihre File-Formate weiter diktieren können, kontrollieren sie auch die zukünftigen Standards, nach denen Internet-Appliances miteinander kommunizieren werden. Dafür sind 135 Millionen Dollar eine billige Investition, für die kostenlose Linux-Software von Corel wäre das rausgeschmissenes Geld. Die könnte Bill Gates von Red Hat oder Suse für umsonst downloaden, Sourcecode inklusive. Wenn man Microsoft auch sonst nichts zubilligen mag, es ist eine außerordentlich intelligente und taktisch kluge Firma.