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03.09.1999 - 

Wie die IT-Belange ihren Stellenwert in der Fachplanung erhielten

"Wir sind dazu verdonnert, keine Fehler zu machen"

MÜNCHEN (qua) - Mit guter Planung lassen sich fehlende Ressourcen teilweise kompensieren. Darauf hofft die Flughafen Köln/Bonn GmbH mit Sitz in Köln. Beweisen will sie es mit der reibungslosen Inbetriebnahme der Informations- und Kommunikationssysteme für das neue Fluggast-Terminal. Im April 2000 schlägt die Stunde der Wahrheit.

Eins hat der Flughafen Köln/Bonn dem großen Bruder in Düsseldorf-Lohausen voraus: In der schwach besiedelten Wahner Heide dürfen auch nachts Flugzeuge starten und landen. Doch auf dieses Alleinstellungsmerkmal wollen sich die Flughafenbetreiber nicht verlassen - zumal die nahegelegenen Benelux-Airports Maastricht und Eupen ebenfalls keinem Nachtflugverbot unterliegen.

Aus diesem Grund hat sich der übersichtliche, aber wenig ansprechende und schlecht zu erreichende Flughafen zu einem Facelifting entschlossen: Im April 2000 soll das neue Terminal eingeweiht werden - ein vom Stararchitekten Helmut Jahn geschaffener Palast aus Stahl und lichtdurchlässigem Spezialglas mit offenem Fluggastbereich sowie integriertem S-Bahn- und ICE-Anschluß.

Welche Bedeutung die Informationstechnik für das reibungslose Funktionieren eines Flughafens hat, wird erst deutlich, wenn sie versagt. So geschehen beispielsweise bei der Inbetriebnahme des Flughafens Chep Lap Kok in Honkong (siehe CW 29/98, Seite 37). Beispiele wie dieses vor Augen, drang Bernd Christoph Meisheit, Abteilungsleiter Organisation und Informationssysteme bei der Flughafen-Betreibergesellschaft, darauf, von Anfang an in das Projekt "Terminal 2000" einbezogen zu werden.

"Ein ziemlicher Kampf" sei es gewesen, die Sicht der IT-Fachleute in das Fachplanungsgremium hineinzutragen, erinnert sich Meisheit. Naturgemäß habe der Architekt zunächst nur im Sinn gehabt, daß das Gebäude optisch etwas hermache. Die Informatiker mit ihren Wenns und Abers seien da schnell als "Oberbedenkenträger" abgestempelt worden.

Doch Meisheit und seine Mitarbeiter ließen sich nicht abwimmeln. Uneingeladen nahmen sie vor drei Jahren an den ersten Sitzungen des Projektplanungs-Teams teil. Dort vertraten sie konstant ihre Auffassung, daß Termin- und Kostenpläne erst dann eingehalten werden könnten, wenn sie auch den Aufwand für die Kommunikations- und Datenverarbeitungs-Struktur angemessen berücksichtigten.

Allein die sichtbare Hardware des vor anderthalb Jahren installierten, aber bereits im Hinblick auf das neue Terminal entwickelten "Flight Information Monitoring System" (Fims) schlug mit drei Millionen Mark zu Buche. Eine Summe wie diese nimmt sich bescheiden aus angesichts der 400 Millionen Mark, die das neue Terminal am Ende verschlungen haben wird. Deshalb fielen solche Beträge zunächst unter den Tisch - ganz zu schweigen von den schwieriger zu kalkulierenden Aufwänden für Software-Anpassungen, Tests und Inbetriebnahme.

Ein solches Versäumnis würde sich aber, das wußte Meisheit nur zu gut, später rächen: Womöglich wäre den Verantwortlichen erst drei bis vier Monate vor dem Umzug bewußt geworden, was auf seiten der Informationssysteme noch zu leisten war - eine Vorstellung, die Meisheit kalte Schauer den Rücken hinunterjagt: "Dann hätten wir viel zu spät damit angefangen - ohne Pflichtenheft, ohne Testläufe und ohne die Möglichkeit, Kundenwünsche zu berücksichtigen."

Vorausschauendes Handeln ist für die IT-Abteilung im Flughafen Köln/Bonn pure Notwendigkeit, denn für Ad-hoc-Maßnahmen fehlt das Personal: Von den 26 Planstellen sind derzeit nur 17 besetzt, was nicht nur am generellen Informatikermangel liegt, sondern auch daran, daß die Flughafen Köln/Bonn GmbH, obschon ein privatwirtschaftliches Unternehmen, die Bezahlung ihrer Mitarbeiter am Bundesangestelltentarif (BAT) ausrichtet. "Unsere Leute bewerben sich nicht, aber sie werden abgeworben - mit verdoppelten Gehältern", klagt Meisheit. Seine Konsequenz: "Wir müssen das Ressourcen-Manko durch Planung ausgleichen."

So zum Beispiel beim Gepäckinformations-System, laut Meisheit "das Herz unserer Informationssysteme". Lange vor der Inbetriebnahme wird die gesamte Anlage mehreren Testläufen unterzogen - unter simulierten Ernstfall-Bedingungen mit "Fluggästen" vom Studentendienst und alten Koffern. "Eine kleine Mannschaft wie wir ist dazu verdonnert, keine Fehler zu machen", begründet der IT-Chef solche Vorsichtsmaßnahmen, auf die der neue Flughafen in Hongkong glaubte, verzichten zu können.

An das "Baggage Information Gateway System" (Bigs) angeschlossen ist ein neues System für die Zuordnung von Gepäckstücken zu Fluggästen, das "Baggage Reconciliation System", kurz BRS. Damit greift der Flughafen einer erst in drei Jahren verbindlichen Gesetzesbestimmung vor: Indem das BRS die Informationen vom Bordkarten-Leser auf der "Luftseite" des Check-in-Bereichs direkt an die Gepäckverlade-Ebene weitergibt, ermöglicht es die zeitgleiche Endabfertigung von Passagier und Koffer. Es stellt also sicher, daß nur Gepäck verladen wird, dessen Besitzer sich ebenfalls an Bord befindet. Darüber hinaus generiert das BRS Lade- listen, anhand derer sich bestimmte Gepäckstücke im Frachtraum wiederfinden lassen, ohne daß die gesamte Fracht wieder ausgeladen werden muß.

In Hard- und Software umgesetzt wurde das System von externen Dienstleistern, konzipiert jedoch von Meisheit und seiner IT-Gruppe. Und die ist mächtig stolz auf das Ergebnis: Auch große Flughäfen behelfen sich, so der IS-Manager, derzeit noch mit teilautomatisierten Lösungen. Ein "rundlaufendes" System sei ein Novum.

Als ebenso einzigartig bezeichnet Meisheit eine andere Softwarekomponente, die mit dem "Cologne Airport Traffic and Operation System" (Catos) verbunden ist: eine Lösung für die Verkehrsabrechnung von Abfertigungsunternehmen. Nachdem die Fluglinien ihre Passagiere neuerdings selbst abfertigen oder diese Aufgabe sogar einem Drittanbieter übertragen dürfen, sieht der IS-Spezialist für das "Ground Handling System" (GHS) sogar einen Markt außerhalb des eigenen Flughafens. Gemeinsam mit der Topsystem GmbH, Würselen, und der Siemens AG, München, wollen die Köln/Bonner Informatiker die Unix- und NT-basierte Software weitervermarkten und auf diese Weise einen Teil der Kosten für die externe Entwicklung wieder hereinholen. Personalnot macht eben erfinderisch.

Zur Infotechnik

Rund 6,5 Millionen Mark gibt der Flughafen Köln/Bonn im laufenden Jahr für Hard- und Software aus. Hinzu kommen 1,7 Millionen Mark für Wartung und Support von Hard- und Software, eine Million für die Miete der SAP-Software, 300 000 Mark für den Internet-Auftritt und - last, but not least - 1,8 Millionen für externe IT-Dienstleistungen. Das ist eine stolze Summe angesichts der Tatsache, daß sich die Gehälter der 17 festangestellten IT-Mitarbeiter nur auf zwei Millionen summieren.

Das Rechenzentrum des Flughafens ist mittlerweile Mainframe-freie Zone. Die Informationstechnik basiert auf einer Client-Server-Architektur, die mit geclusterten Sun-Servern, RS/6000-Maschinen von IBM und "Proliant"-Rechnern von Compaq arbeitet. Während auf den Clients schon seit Jahren Windows NT läuft, dominieren im Server-Bereich noch die Unix-Derivate. Mittelfristig sollen jedoch zumindest die AIX-Systeme durch NT-basierte Rechner ersetzt werden. In den sicherheitsrelevanten Bereichen ist das Microsoft-System jedoch noch keine Alternative, weil es sich, so IT-Fachmann Bernd Christoph Meisheit, nicht clustern läßt.

Auf der Softwareseite hat Köln/Bonn neben den Eigenentwicklungen auch eine Reihe von Standardpaketen im Einsatz. Dazu zählen unter anderen die Module FI (Finanzbuchhaltung), CO (Controlling), AM (Anlagenbuchhaltung), MM (Materialwirtschaft) und HR (Personalwirtschaft) von SAP. Derzeit steigen die Köln/Bonner von R/2 auf R/3 um. Für das Datenbank-Management kommen die relationalen Systeme von Oracle und Informix zum Einsatz.

Zum Unternehmen

Die Flughafen Köln/Bonn GmbH mit Sitz in Köln wurde am 8. Dezember 1950 ins Leben gerufen. Anteilseigner sind zu jeweils etwa 31 Prozent die Bundesrepublik Deutschland, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Köln; rund sechs Prozent hält die Stadt Bonn; Minderheitsbeteiligungen von weniger als einem Prozent liegen bei den angrenzenden Kreisen (Rhein-Sieg- beziehungsweise Rheinisch Bergischer Kreis). Im vergangenen Jahr liefen etwas mehr als 143000 Flugbewegungen über den Flughafen mit dem internationalen Kürzel CGN. Hinter dieser Zahl standen fast 5,5 Millionen Flugäste und 360000 Tonnen Luftfracht. Die Umsatzerlöse lagen mit 304,5 Millionen Mark etwas niedriger als 1997 (317,3 Millionen). Allerdings investierte der Flughafenbetreiber 1998 auch fast doppelt soviel wie im Jahr zuvor: 238,8 Millionen Mark gab er aus, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Bilanzsumme betrug 705,9 Millionen Mark, die Zahl der Mitarbeiter etwas mehr als 1400.