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15.06.1990

"Wir sind genauso gescheit wie die Amerikaner"

15.06.1990

Der Austausch von Wissenschaftlern im Fach Informatik zwischen der Bundesrepublik und den USA geht eher schleppend vonstatten. Für die Amerikaner ist die Bundesrepublik in bezug auf " Computer sciences" keine erste Adresse. Die bundesrepublikanischen Informatiker wiederum finden auf dem

Arbeitsmarkt so attraktive Angebote, daß sie kaum der Versuchung erliegen, ein

Forschungsstipendium für die USA zu beantragen. Und dennoch: Das Kennenlernen des anderen Bildungssystems mit all seinen Stärken und Schwächen ist eine Reise wert.

Die staatlichen Stellen in der Bundesrepublik, die für die Vergabe von Stipendien verantwortlich sind, können über die oben skizzierte Entwicklung wahrlich nicht besonders glücklich sein. Einige Zahlen belegen nämlich eindeutig: Für 1988 stellte die Humboldt-Stiftung 100 Stipendien für deutsche Wissenschaftler zur Verfügung, die ins Ausland wollten; 86 Bewerber meldeten sich. Und weiter: Im Zeitraum von 1979 bis 1988 war ein einziger Informatiker mit dieser Stiftung als Gastdozent in den USA.

Nicht anders sieht es beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aus. Bei der DFG spricht Karlernst Seifert von drei bis fünf Informatikern, die jährlich zu einem Forschungsaufenthalt in die USA reisen, und mit den DAAD gehen "sehr wenige" über den großen Teich. DAAD-Sprecher Ulrich Grothus wünschte sich gerade im naturwissenschaftlichen Bereich mehr Aktivitäten in bezug auf Forschungsaufenthalte. Bei den deutschen Informatikern spielten die großen Chancen, auf dem Arbeitsmarkt schnell einen guten Job zu erhalten, eine nicht unwesentliche Rolle.

Auch aus dem Informatik-Land USA zieht es nur wenige in die Bundesrepublik. Grothus verweist in diesem Zusammenhang jedoch darauf, daß der universitäre Mittelbau in den USA größtenteils aus Ausländern besteht, die naturgemäß nicht so großes Interesse an der Bundesrepublik hätten.

Rainer Rohr von der Fulbright-Stiftung in Bonn relativiert die Aussage des DAAD-Sprechers, indem er auf die besseren Ausbildungs- und Finanzierungsmöglichkeiten in den USA hinweist, die einen Aufenthalt hier nicht als attraktiv erscheinen lassen. Eine große Barriere stellen auch die Sprachschwierigkeiten dar. Wer zum Beispiel durch die Fulbright-Stiftung in die Bundesrepublik komme, müsse die deutsche Sprache beherrschen.

Allerdings sei es sehr schwer, die gesamte Zahl der Wissenschaftler zu erfassen, die sich hier zu Forschungsaufenthalten aufhielte. Die Eigeninitiative spiele da noch eine wichtige Rolle, so Rohr. Nach seiner Schätzung liegt die Zahl der US-Wissenschaftler, die hier arbeiten, um das Zehnfache höher, als es staatliche Stelle behaupten.

Durch die Fulbright-Stiftung kam im vorigen Jahr ein einziger Informatiker aus den USA in die Bundesrepublik: Victor Pollara. Er forscht und unterrichtet in Passau und ist so angetan von der bayerischen Provinz und den guten Arbeitsbedingungen, daß er seinen Aufenthalt um ein Jahr verlängerte.

Ihm liege die theoretische Ausrichtung der bundesdeutschen Informatik-Fakultäten. Er meint denn auch: "Je theoretischer das Studium, desto langfristiger die Ausbildung." In USA würde man bis zum College-Abschluß sehr anwendungsbezogen studieren. In den ersten beiden Jahren besuche man eher Kurse, die der Allgemeinbildung dienten, in den darauffolgenden Jahren erfolge die Spezialisierung. Lag der Schwerpunkt in der Informatik, könne man anschließend als Programmierer arbeiten. Pollara: "Mit 21 Jahren verdienen die Leute bis zu 30 000 Dollar im Jahr."

Pollara schätzt in Passau die großen Freiräume, was die Forschungsmöglichkeiten anbelangt. In den USA müsse man gerade an kleineren Universitäten viel unterrichten und hätte kaum Zeit für die Forschung.

Auf diese Vorzüge deutscher Universitäten verweist auch Eric Werner, Assistent an der Universität Hamburg: "Ich genieße es, hier zu forschen, ich kann meine Ideen freier entwickeln". Allerdings weist Werner, der unter anderem auch am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete, darauf hin, daß an den großen US-Universitäten wie Stanford und MIT das theoretische Wissen sehr gut ist und auch die Forschungsmöglichkeiten nichts zu wünschen übrig lassen.

Er empfand die vielen Unterrichtsstunden als er an der kleinen Universität in Montana lehrte auch als sehr anstrengend, betont aber, daß die Kurse gemeinsam mit den Kollegen erarbeitet wurden, nicht wie hier, wo jeder Professor seine Vorlesungen selbst vorbereitet.

Trotz der großen Freiräume, die er genießt, tat sich Eric Werner am Anfang seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in Hamburg schwer. Das lag zum Teil daran, daß ihm hierarchisches Denken fremd war. Während man in den USA mit einem PhD-Titel an der Universität unterrichten kann, sozusagen als Professor gilt, berechtigt dieser Titel zunächst nicht dazu, auch an bundesdeutschen Hochschulen zu lehren. Und als Assistent muß man hier "die ganze Drecksarbeit des Professors" übernehmen. Die Hierarchien scheinen ihm zu zementiert und die Macht der C4-Professoren zu groß. Kritik unter Professoren habe er hier noch nicht erlebt.

Ein neuer Studiengang innerhalb kurzer Zeit

Außerdem habe er Wissenschaftler kennengelernt, die noch immer am gleichen Thema forschen wie vor zig Jahren, obwohl es schon damals niemanden interessiert hätte. Ihm, Werner, habe die Arbeitsteilung in Harvard gut gefallen; die älteren Professoren würden den Studenten die Grundlagen beibringen, sie seien aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung die besseren Pädagogen. Die jungen Professoren dagegen entwickelten neue Kurse, um den aktuellen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Diese Möglichkeit, in den USA zukunftsorientiert zu studieren, beeindruckte auch Christian Freksa von der TU München. Während in der Bundesrepublik der Stundenplan, so der Münchner Informatiker, auf Erkenntnissen der Vergangenheit beruht, werden in den USA innerhalb kürzester Zeit Lehrveranstaltungen zu ganz neuen Fachgebieten angeboten. Auch dazu hat Werner ein Exempel parat: Während er am MIT forschte, entstand innerhalb weniger Wochen ein neuer Studiengang über künstliche Intelligenz.

Bundesdeutsche Informatiker sind von der gut funktionierenden Kommunikation unter Kollegen begeistert, wenn sie von einem US-Aufenthalt zurückkommen. Professor Friedrich Vogt von der Universität Hamburg weist auf den feinen Unterschied hin: "Hier in Europa wird Kritik gleich als persönlicher Angriff empfunden, in den USA dagegen als Anregung zur Sachdiskussion betrachtet."

Insgesamt sind bundesdeutsche Informatiker sehr angetan von dem, was US-Hochschulen zu bieten haben. Sie sind jedoch selbstbewußt genug, von sich zu sagen, daß sie mit ihren US-Kollegen mithalten können, wie etwa Professor Bernd Radig von der TU München: "Wir sind genauso gescheit wie die Amerikaner".

Begeistert ist man von der materiellen Ausstattung und von der Möglichkeit, rund um die Uhr Bibliotheken und Rechner zu nutzen.

Kommunikation ermöglicht produktives Arbeiten

Der deutsche Vogt und der Amerikaner Pollara glauben jedoch, daß die Unterschiede in der materiellen Ausstattung nicht nennenswert seien. Anders dagegen Eric Werner, der auch hier sehr deutlich wird: "Es ist ein Unding, daß nicht jeder Professor der Informatik einen PC am Schreibtisch hat." Er kann sich mit dem deutschen bürokratischen Apparat nur schwer anfreunden. Wenn man etwas bestelle, dauere es sehr lange, bis man es auch tatsächlich erhalte.

Über die günstige Betreuungsrelation zwischen Professoren und Studenten an amerikanischen Universitäten können unsere Wissenschaftler nur müde lächeln. Walter Tichy von der Universität Karlsruhe: "In Purdue arbeitete ich in der Regel mit 35 Studenten, hier sitzen 300 bis 600 Studenten in meinen Veranstaltungen und ich kenne keinen."

Weil die Professoren in Übersee die Studenten sehr gut kennen, ist auch eine gute Kommunikation und damit eine produktive Arbeitsatmosphäre möglich. Die Türen der Professoren stehen immer offen, so Freksa. "Wenn ich jedoch hier einen Tag meine Tür offen ließe, könnte ich ununterbrochen nur Fragen beantworten und mit meiner Arbeit überhaupt nicht weiterkommen."

Amerikanische Studenten sind sehr selbstbewußt

Bei den selbstbewußten amerikanischen Studenten würde ihm wohl nichts anders übrigbleiben, als seine Tür offenzulassen. Denn das Auftreten der Studenten in USA imponiert unseren Professoren. Vogt: "Die sind viel selbstbewußter als unsere Studenten." Für Freksa liegt die Erklärung dafür im amerikanischen Erziehungssystem: "Die Kinder werden wie Erwachsene behandelt, sie lernen darüber hinaus sehr frühzeitig, frei zu sprechen und sicher aufzutreten." Hier dagegen halte ein Student erst im Alter von 20 seinen ersten Vortrag während eines Seminars.

Eric Werner weist auf einen weiteren Unterschied hin: In der Bundesrepublik betrachten

die Studenten, so seine Erfahrung, die Universität als ein Geschenk, in den USA müßten fürs Studium Gebühren bezahlt werden. Also verlangen die Lernwilligen von den Professoren Leistung; dementsprechend treten sie einem Lehrer gegenüber auf. Die Professoren erhalten am Ende jedes Semesters ihre Zensuren von den Studenten.

Pollara erlebt die Studenten hier in der Bundesrepublik viel entspannter als in den USA, weil sie nicht verpflichtet sind, so seine Feststellung, Kurse zu besuchen. Zudem freut es ihn, daß seine Studenten von Anbeginn kompetente Gesprächspartner sind; sie haben nämlich nur ein Hauptfach und zwei Nebenfächer, wissen also sehr frühzeitig in ihrem Fach Bescheid. Werner hält es da mehr mit den Amerikanern. Er meint, daß eine gute Allgemeinbildung unerläßlich sei und daß Techniker mehr dafür tun müßten.

Reiner Rohr, der von berufswegen tagein tagaus mit solchen Aussagen konfrontiert wird, bestätigt die verschiedenen Auffassungen und faßt sie zusammen: "Die Amerikaner genießen den Freiraum und sind froh, hier mehr ihren Neigungen und Interessen nachgehen zu können. Deutsche schätzen es in den USA, an die Hand genommen zu werden und mit einer präzisen Vorgabe in kurzer Zeit ein Ergebnis abliefern zu müssen."

Letzten Endes, das betonen sowohl Amerikaner als auch Deutsche, ist es sehr schwer, Vergleiche zwischen den beiden Universitätssystemen zu ziehen. Es wäre jedoch schon ein Fortschritt, wenn zumindest die eine oder andere Anregung umgesetzt werden könnte.