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24.11.1978

"Wir stehen erst am Anfang des Mikroelektronik-Einsatzes"

Mit dem bayerischen Staatsminister für Wirtschaft und Verkehr, Anton Jaumann, sprach Elmar Elmauer

þHerr Staatsminister, Ihr Haus hat nun die Ergebnisse einer Studie vorgelegt, die sich mit den Auswirkungen der Mikroelektronik auf die bayerische Wirtschaft beschäftigt. Die positiven Aussagen der Studie - eine Arbeitsplatzgefährdung finde aber nicht statt - haben einen Schönheitsfehler Sie berücksichtigen nur die Situation bei den Herstellern, in deren Produkten der Einsatz von Mikroelektronik naheliegend wäre. Halten Sie die Studie für geeignet, die Diskussion zu entgiften, die über die Auswirkungen der Mikroelektronik auf die Arbeitsplatze bei Anwendern geführt wird?

Durch die Untersuchung ist uns klargeworden, wie schwierig es ist, den Einfluß der Mikroelektronik auf die Anwender zu prognostizieren: Sie können dort einfach nicht den Einfluß der Mikroelektronik von anderen Ursachen isolieren. wie konjunkturelle Veränderungen oder die Lohnentwicklung. Man kann beispielsweise nicht den Modellfall Fernschreiber auf eine ganze Branche umrechnen - das führt zu falschen Schlüssen. Genau dies liegt aber den negativen Prognosen zugrunde. Aber generell kann man wohl sagen, daß die Elektronik m den Anwenderbereich mit einer geringeren Geschwindigkeit eindringt als in den Herstellerbereich .

þKonkret: Müßte nicht doch die Auswirkung der Mikroelektronik auf den Arbeitsmarkt bei den Anwendern auch untersucht werden?

Es wäre wohl zweckmäßig, doch die Schwierigkeiten sind zu groß. Im übrigen: Wenn die bayerische oder deutsche Industrie bei den Herstellern in der Lage ist, Mikroelektronik einzusetzen - dann ist die Frage ob und wann die große Anwenderwelle kommt, sekundär.

þStört Sie's auch nicht, daß etwa Gewerkschafter den Rückgang von 5500 Beschäftigten innerhalb von drei Jahren allein bei den Warenhäusern Karstadt, Kaufhof, Neckermann und Horten auch mit den Konsequenzen aus der Mikroelektronik begründen?

Das muß leider in Kauf genommen werden.

þDie Studie liefert Anhaltspunkte, daß in Bayern keine spektakulären Beschäftigungseinbrüche bei Herstellern und keine regionalen Problemgebiete durch die Mikroelektronik entstehen würden. Aber Sitzen nicht die untersuchten Branchen in ohnehin gesunden Regionen, so daß die Studie letztlich nur eine heile Welt vortäuscht?

Die Studie untersucht unter anderem Branchen, die vorrangig in Mittelfranken und Oberfranken beheimatet sind und das sind durchaus keine problemlosen Regionen. Aber selbst wenn alles gesund wäre, so ist die Mikroelektronik gerade ein Paradebeispiel dafür, welche Veränderungen möglich sind. Ich war zwar von vornherein nicht so pessimistisch über die Auswirkungen dieser Technologie, ich wollte mich aber hier in Bayern nicht von unangenehmen Entwicklungen überraschen lassen. Und nur wenn sich bis zum Sankt Nimmerleinstag nichts verändern wurde, hätten wir uns die Studie sparen können?

þSagt die Studie auch darüber etwas aus, wie viele Arbeitskräfte aufgrund der Mikroelektronik schon von vornherein eingespart werden, weil Arbeitsabläufe mit Mikros produktiver und mit weniger Manpower durchgeführt werden können ?

Für mich ist die Bilanz entscheidend: Was bleibt unter dem Strich, was wird zusätzlich geschaffen . . .

þ. . . aber Sie tragen politische Verantwortung dafür, daß dort, wo der Wille zu arbeiten vorhanden ist, auch Arbeitsplätze entstehen: Und wenn Jugendliche oder andere Teile der Bevölkerung auf der Straße stehen, weil ihre Qualifikation nicht ausreicht, um an mikroelektronisch orientierten Arbeitsplätzen tätig zu sein, dann verlangt dies doch Konsequenzen.

Gegenargument: Wenn diese mikroelektronischen Elemente nicht gebaut ; würden, werden wir mit absoluter Sicherheit innerhalb kurzer Zeit - weil veraltet - nicht mehr konkurrenzfähig sein. Hier muß man einfach die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge sehen.

þGut. Zeichnet sich für Sie heute schon die Stoßrichtung ab, in die die staatlichen Maßnahmen künftig zielen?

Wir werden die Analyse hier sehr gründlich mit Kammern und Verbänden diskutieren. Wenn man die Dinge ganz nüchtern sieht, dann muß man sagen daß wir mit den bisherigen Förderkonzepten hier mehr weiterkommen. Wir müssen den Mut zu einem neuen Förderkonzept haben, und vor allem: Wenn der Staat handelt, dann muß er dies rasch tun. Denn die schnelle technologische Fortentwicklung der Elektronik und ihre hohe Eindringgeschwindigkeit in den Herstellerbereich läßt uns nicht viel Zeit. Und Zeit bedeutet in diesem Fall auch Arbeitsplätze. Aber ich kann mich noch nicht festlegen und sagen, wir fördern bereits ab 1979

þHerr Minister, die Subventionierung moderner Technologie-Entwicklung und Einführung hat bislang stets zu den Vorwürfen geführt, die Großindustrie bekomme den größten Happen in den Rachen geworfen. Können Sie diese Entwicklung für Bayern vermeiden?

Ich würde die Aufgabenstellung des Landes auf den mittelständischen Bereich lenken und nicht auf Großforschungsprojekte oder ähnliches. So kann der Effekt, die Großen kassieren und die Kleinen haben das Nachsehen, gar nicht eintreten.

þGeben Sie der unmittelbaren Förderung oder mehr der Forderung durch Auftragserteilung die Präferenz? Etwa die öffentliche Hand als Großkunde?

Der Bedarf der öffentlichen Hand ist nicht so groß, als daß man darauf Branchenwachstum bauen könnte.

þDie Studie betont das Management-Problem bei der Einführung von Mikroelektronik. Mir scheint, dahinter verbirgt sich die schlichte Frage: Wer soll die Produktions-Umstellung, die Software-Entwicklung bezahlen, wenn ich die Mikroelektronik in meinen Produkten einführe? Halten Sie es für denkbar, daß hier die Länder gemeinsam mit dem Bund finanzieren, etwa über ERP-Mittel?

Es ist natürlich in unserem Sinn, wenn mittelständische Unternehmen Bundesmittel, etwa aus dem ERP-Programm, in Anspruch nehmen. In Bayern selbst haben wir eine ganze Reihe von staatlichen Investitionshilfen, so das Bayerische Mittelstandskreditprogramm. Inwieweit die bestehenden oder finanziellen Hilfen weiterentwickelt oder ergänzt werden sollen, wird eben auch von der Diskussion mit der Wirtschaft abhängen

þEin noch größeres Management-Problem im Umgang mit der Mikroelektronik ist die Sachkunde. Vor allem, wenn Sie das Hineinwachsen der Mikros in Computeraufgaben gedenken, muß die Frage erlaubt sein: Haben Sie den kurzen Draht zum Kulturminister, um dem verständlich zu machen, wie lebensnotwendig hinkünftig Informatiker und Programmier-Spezialisten sind, damit diese Technologie auch tatsächlich tief integriert werden kann?

Ich glaube wohl kaum, daß hier der "kurze Draht" im Vordergrund steht wenn es darum geht, ob wir genügend viele und genügend richtig ausgebildete Leute haben. Es sollten aber in der Tat die Ausbildungs- und Lehrplane an den Hochschulen und Fachhochschulen, ebenso wie an den Industrie- und Handelskammern oder Handwerkskammern durchleuchtet werden, ob den Erfordernissen der modernen Elektronik genügend Beachtung geschenkt worden ist.

þDie Auswirkungen der Mikroelektronik auf Arbeitsplatze wird sich ohne Zweifel durch die zunehmende Leistungsfähigkeit potenzieren: Hat Ihr Haus dazu schon Überlegungen angestellt, wie's dann weitergeht?

Wir stehen ja überhaupt erst am Anfang des Mikroelektronik-Einsatzes. Deshalb war ja Ziel Studie, möglichst frühzeitig die gehört zu den wenigen Fällen in der Bundesrepublik Deutschland, in denen eine

Technologie-Folgenabschätzung, noch dazu gezielt für Region, durchgeführt worden ist. Und wenn Sie fragen, wie's weitergeht: Wir hören hier ja nicht das Arbeiten auf, die Studie war für uns nur ein Anfang. Mich als Politiker interessiert und muß interessieren: Was hat das für wirtschaftspolitische Konsequenzen? Generell gilt hier, je ein man eine Entwicklung erkennen und einschätzen kann, um so besser kann man sich darauf einstellen.

þHerr Minister, grundsätzlich ist zu loben, daß diese Studie durchgeführt wurde und nun verwertbare Ergebnisse vorhanden sind. Aber: Hätte die Studie zu einem früheren Zeitpunkt durchgeführt, Problemfälle verhindern oder mildern können, die sich ja auch in Bayern abgespielt haben? Ich denke an das Beispiel NCR.

Das glaube ich nicht. Denn wenn ein Unternehmen wie NCR nicht weißt, wie es vorgehen soll, dann hatte hier ein Untersuchungsleiter, der ja auch nur über Zweitwissen verfügt, für solche Betriebe bestimmt keine positive Anleitung geben können. Ich bin der Überzeugung, die Studie ist zur rechten Zeit gekommen. Jetzt kann man diejenigen, die noch in Mechanik denken, noch auf die Möglichkeiten der Mikroelektronik aufmerksam machen.