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24.01.1992 - 

Existieren in einem nicht-weltweiten Konzert

" Wir werden die offenen Schnittstellen im BS2000 direkt implementieren. "

Droht den Mainframes eine Götterdämmerung? Längst wird mit PCs und Workstations, bei denen das MIPS nur einen Bruchteil kostet, erheblich mehr Geld verdient, als mit den proprietären Großsystemen. Ein Anbieter nach dem andern wirft das Handtuch, selbst IBM schreibt rote Zahlen. Einer der letzten Mitspieler in diesem Markt ist SNI mit seinem BS2000. Der aus der Fusion der abgestürzten Nixdorf AG mit dem Siemens-Unternehmensbereich Daten- und Informtionssysteme (DI)" hervorgegangene Branchenriese gilt als die letzte europäische DV-Hoffnung. Doch statt Erfolgen gab es bisher nur schwindelerregende Verluste. Ist auch das BS2000 ein Auslaufmodell? Keinesfalls, versichern Rudolf Bodo, Leiter der Systemplanung bei SNI und Marketingdirektor Eberhard Reichert. Es gebe Fusionsprobleme, aber keine Angebotsmängel. Mit dem BS2000 sei auch im letzten Jahr gutes Geld verdient worden. Und die Zukunft der SNI-eigenen Systemwelt werde Offenheit sichern - aber nicht mit Unix auf dem Mainframe, wie es IBM mit AIX versucht, sondere mit einem BS2000, das sich über standardisierte Schnittstellen in heterogene Umgebungen einfügt. Dazu eine bewußte Beschränkung auf bestimmte Märkte und auf ganz bestimmte Kompetenzbereiche bei der Eigenentwicklung. Das Gespräch mit den beiden SNI-Managern führten die CW-Redakteure Heinrich Vashe und Gerhard Schmid.

Mainframer müssen jetzt argumentieren

Der Mainframe-Anbieter ist eine bedrohte Spezies. Wie soll er im Downsizing-Zeitalter, in der Ära der Workstations und PCs, überleben? Die Antwort der maßgeblichen Unternehmen lautet: Wir gestalten unser proprietäres Betriebssystem neu, indem wir offene Schnittstellen anbieten. Das Uberlebenskonzept der Mainframer klingt zumindest vordergründig plausibel: Der Großrechner hat eine Zukunft als leistungsstarker Datenserver in einer modernen Client-Server- Umgebung. "

Daß sich die"geöffneten proprietären" Betriebssysteme wirklich langfristig durchsetzen könnten, entspringt aber wohl, eher einem Wunschdenken der Marketing- Verantwortlichen. Die Entwicklung zeichnet sich ab: Unix wird um klassische Eigenschaften eines Großrechner-Betriebssystems erweitert. Als Hardwareplattformen düften sich leistungsstarke Mehrprozessor-Workstations durchsetzen, die in den 90er Jahren ausreichend und zu akzeptablen Preisen auf den Markt kommen werden.

Die Entwicklung am Softwaremarkt unterstreicht diesen Trend: Die Softwarehäuser, denen von Marktbeobachtern eine Perspektive für die 90er Jahre zugestanden wurde, entwickeln heute im Unix-Bereich. Die von Mainframe-Anwendern angeführten Argumente für den Großrechner - bessere Möglichkeiten der Transaktionsverarbeitung, höhere, Datensicherheit - haben zwar noch ihre Berechtigung, aber auch hier macht das Unix-Betriebssystem Boden gut.

Wirtschaftlich stehen alle Anbieter proprietärer Großrechnersysteme vor dem selben Problem: Die Cash-Cow will so recht keine Milch mehr geben. Trotzdem gibt man sich bei Siemens-Nixdorf optimistisch. Immerhin konnte das Geschäft mit den neuen Ländern der BS2000-Bilanz noch einmal matten Glanz verleihen. Auch von den neu zu erschließenden Ostmärkten erhofft sich SNI Auftrieb.

Allerdings geht das Geschäft mit dem Großrechner offensichtlich nicht mehr so leicht von der Hand, wie es die SNI-Marketiers gewohnt sind. Erstmals muß man der Fachwelt erklären, warum es noch immer Sinn macht, ein BS2000-System zu installieren. Marketing für den Mainframe ein Phänomen, das bisher nur dort zu beobachten war, wo es galt, einen starken Mitbewerber aus dem Feld zu schlagen. hvCW: Wer vom BS2000 spricht, muß auch über den Mainframe reden. Können die Großrechner den Ansturm der PCs und Workstations überleben? Ist das BS2000 ein Auslaufmodell?

Reichert: Ganz sicher nicht. Noch sind die Mainframes nur bei bestimmten Anwendungstypen und auch da nur bis zu einer bestimmten Grenze ersetzbar, darüber hinaus braucht man die Funktionalität, die beispielsweise ein BS2000 liefert. Unix kann hier auf absehbare Zeit noch keine Alternative sein. In den Gebieten, wo die Mainframe-Systeme zu Hause sind, fehlt Unix schon noch eine ganze Menge. Tendenziell allerdings mögen Sie recht haben: je mehr wir uns dem Jahr 2000 nähern, desto geringer wird der Abstand, weil die Unix-Funktionalität schnell wächst.

CW: Die IBM bietet seit kurzem ihr Unix-Derivat AIX auf den Großrechnern an. Haben Sie ähnliche Pläne?

Bodo: Nein, wir haben uns für die direkte Implementierung von offenen Schnittstellen entschieden.

Reichert: Wir hatten die Entwicklung einer entsprechenden Sinix-Version schon begonnen. Wir haben viel Geld ausgegeben dafür, und sie dann doch gestoppt zugunsten der Implementierung von offenen Schnittstellen - wobei sich das natürlich zum Teil überlappt. Das war keine einfache, aber eine sachlich vernünftige Entscheidung. Jetzt müssen wir zu den Kunden gehen und ihnen erklären, warum das vernünftig ist, auch für den Kunden.

Bodo: Wir haben oftmals versucht, hier die Kundenmeinungen zu beeinflussen. Beispielsweise wurden viele Gespräche mit den maßgeblichen Leuten bei der EG-Kommission geführt, in denen wir sie immer wieder davon zu überzeugen versuchten, daß Unix auf dem Mainframe sachlich keine so gute Lösung ist. Schließlich haben wir doch damit begonnen, einfach weil die Nachfrage nicht nachließ. Aber dieser Ansatz wurde jetzt definitiv beendet, weil wir eingesehen haben, daß es nicht der richtige Weg ist. Reichert: Daß die IBM diesen Schritt macht, haben wir, offen gestanden, nicht erwartet.

CW: Kommt SNI damit nicht in Zugzwang?

Reichert: Nein. Wir glauben, daß wir - und auch unsere Kunden - mit der anderen Strategie besser fahren und daß wir das auch vermitteln können. Bodo: Wir glauben, daß es in den nächsten Jahren in erster Linie um die auf der Anwenderebene liegenden Schnittstellen gehen wird. Es ist die erklärte Absicht vieler Hersteller, hier einheitliche Schnittstellen in ihren Systemen zu implementieren. Diesen Weg gehen beispielsweise HP, IBM, DEC, auch AT&T, und das werden auch wir machen. Da sitzen dann die Anwendungen auf Schnittstellen, die wirklich eine verteilte und offene Welt bedeuten. Damit sind sie unabhängig vom Betriebssystem. Das ist die eigentliche Zukunft.

Das Problem ist, daß diese Entwicklung erst anfängt. Das DCE zum Beispiel ist erst jetzt spezifiziert worden. Da gibt es dann natürlich wieder mehrere Versionen, und Sie müssen die Tools haben, mit denen Sie die entsprechenden Anwendungen realisieren können. Bis diese Schnittstellenwelt Einzug gehalten hat, wird es Mitte bis Ende der 90er Jahre. Aber sie kommt. Davon bin ich überzeugt.

CW: Welchen Wettbewerbsvorteil hat das BS2000 dann noch?

Bodo: Gegenüber Unix liegt es in der Funktionalität weit vorne, und im Vergleich zum Mitbewerb bietet es diese Funktionalität in sehr effizienter Weise an. Das wirkt sich im Preis-Leistungs-Verhältnis aus leid auch im Betrieb, bei den Kosten ebenso wie bei der Handhabung. Reichert: Und demnächst wird es hier noch ein paar sehr starke Argumente mehr geben. Denn wenn wir BS2000 in Zukunft wesentlich stärker in die offene Systemwelt einbauen, dann ist es eben nicht mehr nur ein geöffnetes System, wie bisher, sondern ein wirklich offenes System.

CW: Siemens hat einmal den Ansatz vertreten, BS2000 vom Großrechner bis hinunter zum PC einzusetzen. Was ist daraus geworden?

Bodo: Es hat sich herausgestellt, daß die Kunden das BS2000 auf Desktop-Systemen nicht akzeptieren. Dieser PC2000 war in Wahrheit zwei Rechner in einem Gehäuse, mit zwei verschiedenen Betriebssystemen nebeneinander - BS2000 und Unix. Das war vielen zu kompliziert.

CW: Es ist aber weiterhin Ihr Ziel, das Betriebssystem über verschiedenste Plattformen hinweg bis auf die Büroebene hinunter einzusetzen?

Reichert: Selbstverständlich. Die Modelle C 30 und zum Teil C 40 sind BS2000-Rechner besonders für Büroumgebungen. Allerdings ist der Einstiegslevel in den vergangenen Jahren immer weiter nach oben gerückt, hinsichtlich der Leistung, nicht beim Preis.

CW: Sie hatten zuletzt in Großbritannien große Erfolge mit dem Verkauf von PC-Netzen. Hierzulande stützen Sie, sich vor allem auf das BS2000. Daneben sind Sie mit Unix-Maschinen und den proprietären Nixdorf-Rechnern am Markt. Auf wie vielen Hochzeiten will und kann SNI künftig eigentlich tanzen?

Reichert: Wir müssen unseren Kunden heute eine Vielfalt von Lösungsmöglichkeiten bieten. Eine Host-Anwendung mit dummen Terminals wird heute noch genauso installiert wie hochkomplexe Client-Server-Systeme, wo Daten über verschiedene Netze auf unterschiedlichenEbenen transportiert werden, mit Anwendungen, die jeder von jedem Terminal aus nutzen kann. Wir müssen heute als Full-line-supplier diese Vielfalt bieten, denn der Markt verlangt danach.

CW: Dumme Terminals sind das eine Ende des Spektrums. Wie sieht es bei SNI am anderen Ende aus, bei verteilten Anwendungen?

Bodo: Es gibt zwei Typen von verteilten Anwendungen: Die verteilte Datenbank, wo die Anwendung die Verteilung der Daten nicht kennt, und die verteilte Transaktionsverarbeitung, wo die Anwendung im Transaktionsteil sehr wohl mit anderen Anwendungen korrespondieren muß.

Wir haben beides im Angebot: mit Sesam als verteilter Datenbank mit Two-Phase-Commit schon seit einigen Jahren, und mit UTM-D als verteiltem Transaktionssystem.

Es hat sich gezeigt, daß die eigentlichen Probleme auf der Anwendungsebene liegen. Es ist sehr schwer, verteilte Anwendungen vernünftig zu programmieren und vernünftig einzusetzen.

Wenn eine Verteilung wirklich stattfindet, dann vermutlich auf der Ebene verteilter Datenbanken. Da ist sie für die Anwender etwas einfacher. Wahrscheinlich werden sie dann aber Lösungen auf heterogenen Systemen fordern, das heißt eine verteilte Datenbank auf den Systemen verschiedener Hersteller. Wir haben uns bewußt dagegen entschieden, eigene verteilte Datenbanksysteme für Nicht-Siemens-Systeme zu entwickeln. Für Kunden, die ein heterogenes System, mit einer Datenbank betreiben wollen, sind wir die Kooperation mit Oracle eingegangen. Oracle bietet ein Datenbanksystem für, verschiedene Plattformen an, und mit der Version 7, die in diesem fahr kommen soll, wird es auch die Verteilung beherrschen.

CW: Ihre eigenen Systeme, UTDS oder Sesam, sind da nicht integriert?

Bodo: Unsere Systeme werden dem ANSI-SQL-Standard angepaßt. Die Schwierigkeit besteht darin, daß es noch keine standardisierte Schnittstellen- und Protokollwelt gibt. Eine Nachentwicklung von anderen Datenbanken oder privaten Schnittstellen aber wollen wir nicht machen, Wir hoffen, daß der SQL-Standard ANSI 2 nicht mehr allzulange auf sich warten läßt.

CW: Wie positionieren Sie all diese Datenbank-Produkte?

Reichert: Wir haben uns auf der Datenbankseite nicht auf ein bestimmtes Mainframe-System konzentriert, das würde aus unserer Sicht im Moment auch keinen Sinn machen. Es gibt eine spezifische Positionierung von Sesam und eine von UDS, jeweils im BS2000-Umfeld, dann auf der Unix-Seite Informix. Oracle wird angeboten, wenn über mehrere Systemebenendasselbe System gewünscht wird.

CW: So klar, wie es hier klingt, hat es bisher aber nicht ausgesehen: Zuerst schien Sesam am Sterben, dann bekam das Codasyl-System UDS aus unerfindlichen Gründen eine aufwendige SQL-Schnittstelle, für Unix gibt es Informix, für die PCs Guptas SQL-System, dazu für's BS2000 noch das eine oder andere fossile System, und schließlich wurde um einen Großauftrag in der Schweiz zu bekommen, auch noch Oracle auf BS2000 portiert.

Reichert: Das muß man präzisieren. Dieser Schweizer Kunde, ein wirklich langjähriger Partner von uns, hat damals bei einer Neuevaluation als eines der ersten Unternehmen gesagt: Wir fangen nicht bei der Hardware, sondern beim Datenbankssystem an, und man wollte ein durchgängiges Datenbanksystem, vom Desktop bis zum Mainframe. Das gab es damals wie heute nur von Oracle. Also mußten alle Bewerber ihr Angebot auf der Basis von Oracle abgeben. Das war der Anstoß dafür, Oracle auf BS2000 zu implementieren. Im Unix-Bereich, insbesondere in den USA, ist das heute die Regel: Die Kunden orientieren sich zuerst am Datenbankangebot, und wählen danach dann den Rechner aus.

Aber ich gebe zu, daß unsere Datenbankpolitik nach außen hin vielleicht etwas chaotischer aussah, als sie nach innen tatsächlich war; aber wir haben das in Ordnung gebracht und inzwischen eine saubere strategische Richtung festgelegt.

CW: Können Sie sich das leisten, sowohl UDS als auch Sesam weiterzuentwickeln und zu vermarkten?

Bodo: Die Kundenbasis ist großgenug - wir haben etwa 1100 Sesam- und zirka 750 UDS-Installationen. Das sind BS2000 spezifische Datenbanken, die wir in keiner Weise vernachlässigen werden.

CW: Und Sie glauben Sie können beide Systeme konkurrenzfähig erhalten?

Bodo: Absolut. Wir können nur eines nicht tun: diese Datenbanken noch auf heterogener Systeme setzen, Reichert: Die Datenbanken gehören in jedem Fall zu den Kernkompetenzen eines Full-Line-Suppliers wie SNI. Es ist für uns enorm wichtig, das originäre Know-how auf dem Datenbankgebiet zu behalten.

CW: Wie wird es weitergehen? Die Zuwachsraten bei Mainframes sind gegenwärtig recht kläglich, verglichen mit früheren Jahren.

Bodo: Derzeit hat dieser Markt eine Zuwachsrate vor, fünf bis sechs Prozent. Manche Industrie wäre froh über diese sechs Prozent. Die SNI ist ein etablierter Mainframe-Anbieter. Wir haben über 5000 BS2000-Systeme installiert. Wir haben eine ausgereifte Hardware und ein leistungsfähiges Betriebssystem. Mit diesen Voraussetzungen müßten wir die sechs Prozent in jedem Fall auch schaffen.

CW: Wie lange wird das noch gehen? Die Leistung der Hardware steigt ständig, doch die Leistungsbedürfnisse der Kunden steigen nicht unbedingt im selben Maß. Wo Sie heute 10 000 Potentielle Kunden für ein BS2000-System haben, sind in ein paar, Jahren vielleicht nur noch 1000 übrig. Der Rest kommt mit einem größeren Unix- oder OS/2-System hin.

Reichert: Derzeit werden es eher mehr. Nehmen Sie die neuen Bundesländer, den gesandten Osten. So wie es heute aussieht, haben wir hier bis ins Jahr 2000 gute Chancen. Dort gibt es einen riesigen Nachholbedarf, den Sie nicht allein mit Unix und PCs decken können.

CW: Sie bauen sehr stark auf die Ostmärkte.

Reichert: Wir strengen uns jedenfalls sehr an. Wir hatten im letzten Jahr in den neuen Bundesländern einen überproportionalen Erfolg und sind dortsogar Marktführer. Der überwiegende Teil davon wurde mit BS2000 erreicht, wobei das natürlich nicht nur ein originäres Geschäft war. Es hat sich zu einein guten Teil auch aus Ost-West-Partnerschaften und Patenschaften ergeben, oder aus Verbindungen zwischen Unternehmen. Denken Sie nur an die Bankenwelt.

Trotzdem war das letzte Jahr etwas enttäuschend. Sicherlich hat auch die Gründung des neuen Unternehmens SNI einiges dazu beigetragen, daß das BS2000-Geschäft, auf das die DI-Seite ja doch sehr stark fokussiert war, in manchen Ländern nicht ganz so gelaufen ist, etwa in den Ländern, die ein neues Management begonnen haben. Wenn Sie in einem Land eine neue Leitungsbesetzung haben, die bisher das Geschäft ausschließlich mit Unix, Targon oder Quattro gemacht hat, dann dauert es einfach eine gewisse Zeit, bis sich diese Organisationseinheit auch mit der BS2000-Seite so beschäftigt, wie mit den anderen Systemen.

CW: Wie lief das Neukunden-Geschäft? Wie viele neue BS2000-Kunden haben Sie im letzten Jahr gewonnen?

Reichert: Die Zahl war kleiner als in den Jahren davor. CW: Nicht mehr dreistellig?

Reichert: Zu DI-Zeiten hatten wir im Ausland durchschnittlich 100 bis 120 Neukunden pro Jahr - wobei das ja nur zwölf Länder waren - und 1991 war es ungefähr die gleiche Anzahl. Im Inland ging das Geschäft in den neuen Bundesländern relativ gut, in den alten Ländern ist es dagegen nicht so gut gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben. Aber wir sind sicher, daß wir durch die Öffnung des BS2000 das Neukundengeschäft wieder beleben werden. Der Gegensatz "Offene Systeme versus proprietäre Systeme" ist eine Ideologie, die wir abschaffen müssen.

CW: Lassen Sie sich mit ihrer öffnung nicht selbst schon auf diese Ideologie ein?

Reichert: Eben nicht, "proprietär" muß ja nicht "geschlossen" heißen. Letztendlich wird sich dieser Konflikt mit zusätzlichen offenen Schnittstellenwelten auflösen. In Wahrheit geht es doch nur um die Schnittstellen.

CW: Gibt es Pläne, den engen Bereich Deutschland, Europa zu überschreiten? 90 Prozent der BS2000-Installationen sind in Europa, und in den USA sind Sie unseres Wissens überhaupt nicht präsent.

Reichert: Außerhalb Europas gibt es einen sehr kleinen Bestand in USA: acht Systeme von europäischen Großkunden. ln Südafrika, das mit zu den "Dl-Ländern" gehörte, haben wir 40 bis 50 Maschinen installiert, darüber hinaus haben wir Installationen in einzelnen Ländern Südostasiens, zum Beispiel rund 25 Systeme in China. Es gibt einen, wachsenden Bestand im Iran. Das sind die Länder, die wir noch zur Siemens-Zeit als unsere Zielmärkte definiert hatten.

CW: Haben Sie vor, daran etwas zu ändern?Bodo: Ich glaube nicht, daß wir große Pläne haben, auf dem amerikanischen Kontinent mit BS2000 aktiv zu werden.

CW: Warum nicht?

Bodo: Das ist eine Frage des Kalküls: Sie brauchen Service, Betriebsorganisation, Vertrieb und Sie haben eine Anlaufzeit von zwei, drei Jahren. Ich glaube nicht, daß das ein lohnendes Projekt wäre. Reichert: Nehmen Sie die USA, Kanada. Diese Länder sind so groß, und die Unternehmen sind oftmals auf dein ganzen Gebiet tätig, so daß in diesen Ländern eine regionale Fokussierung kaum möglich ist. Sie können zum Beispiel nicht sagen, Sie bearbeiten nur die Ostküste. Das Unternehmen, mit dem Sie gerade verhandeln, hat eben in Dallas oder in St. Louis eine Zweigniederlassung, und dann müssen Sie dort den Service sicherstellen. Die Serviceseite ist ja erst mal der Hauptpunkt, den Sie klären müssen. Sie müssen im Zweifel das ganze Land bedienen, und das bekommen Sie auf der Unix-Seite über Third-Parties natürlich viel, viel schneller geregelt als auf der BS2000-Seite. In solchen Ländern würde uns vermutlich auch das Angebot offener Schnittstellen nichts helfen.

Im Iran dagegen sieht das ganz anders aus: Alles ist im wesentlichen in Teheran konzentriert, vielleicht noch an zwei, drei anderen Orten. Da können Sie eine Wartungsmannschaft wirtschaftlich aufbauen, auch in China konnten wir das.

CW: Es heißt, SNI hätte noch drei Jahre Zeit, ein globaler Anbieter zu werden, und wenn Sie es in diesen drei Jahren nicht schaffen, könnten Sie aufgeben.

Reichert: Sie wissen, daß es in der Datenverarbeitung nie zu spät ist. Das zeigen die vergangetien 25 Jahre zur Genüge. Bodo: Die Frage, um die es hier geht, ist doch: Hat ein Europäer vom, Zuschnitt Bull, ICL, Olivetti oder SNI eine Chance gegen weltweit operierende Konzerne wie IBM, Hitachi oder NEC. Dahinter steht immer die These: Man muß in die volle Breite, alles selber machen und weltweit operieren, sonst kommt man nicht in die berühmten Economies of Scale, man bekommt die Stückzahl nicht, die Marge, um zu überleben. Diese These kann man widerlegen.

Sie müssen etwas anderes tun. Sie müssen innerhalb Ihres Bereiches, meinetwegen in Westeuropa, stark präsent sein, dazu vielleicht noch einige Spezialangebote in Übersee. Und man muß innerhalb eines Bereiches mit seinen Kostenfaktoren so umgehen können, daß man eben nicht alles selber macht. Bestimmte Kernprodukte macht man selbst, andere werden zusammen mit Partnern entwickelt, und dann kann man in einem nicht-weltweiten Konzert existieren. Das ist unsere Überlegung.

CW: Nun machen Sie ja sehr viel selbst. Sie haben zum Beispiel eine ziemlich Große Ableitung für Anwendungsprogrammierung.

Reichert: Wir machen bei weitem nicht alles selbst. Wir sind gerade jetzt dabei, umfassend zu definieren, in welchen Gebieten wir unsere Kernkompetenz sehen, auf denen wir selber tätig sein wollen, und das sind natürlich bei weitem nicht alle Gebiete, aber es sind die aus unserer Sicht wichtigsten. Nehmen Sie zum Beispiel das Gebiet Anwendungssoftware: Wir konzentrieren uns auf ausgewählte Branchenlösungen, wobei eine Branchenlösung auch ein Hardware-Software-Konglomerat sein kann, etwa bei Banken oder im Retail. Andere Gebiete finden Sie nicht, dort ziehen wir eine Kooperation vor. Das SAP-System R/3 ist dafür ein Beispiel.

Zu den Kerngebieten gehören die Datenbanksysteme in dem Sinne, wie ich es vorhin erklärt habe. Dazu gehört das Thema Office Automation. Da ist für uns ein eigenes Angebot sogar so wichtig, daß wir es nicht nur auf unseren Systemen, sondern auch auf beliebigen Systemen, also auf neutralen Plattformen anbieten werden.

Diese Grundüberlegung, SNI-Lösungen wie ein Softwarehaus auch für Fremdsysteme zu vermarkten, stellen wir für bestimmte Gebiete jetzt systematisch an. Natürlich sollte man so etwas tunlichst am Anfang einer Software-Entwicklung machen und nicht erst bei der dritten Version. Da ist in der Vergangenheit manches sicherlich nicht ganz optimal gelaufen.

Die ganze Netzthematik ist ebenfalls einer unserer Schwerpunkte. Besonders wichtig ist ferner die Fertigung: Die Fähigkeit zu fertigen und die damit verbundene Fertigungstiefe sehen wir als ein Core-Competence-Gebiet an, an dem uns sehr viel liegt und das wir behalten wollen: Wir sind der Ansicht, daß es nicht genügt, nur Blaupausen zu entwickeln. Was das bedeuten kann, haben die Amerikaner schmerzlich erfahren, als sie sich weitgehend aus der Fertigung zurückgezogen haben. Ist ein Kerngebiet als solches definiert, dann muß es natürlich mit angemessenen Ressourcen ausgestattet werden. Bodo: Das wird in der Öffentlichkeit oft mißverstanden. Ich bin im letzten Jahr mehrfach gefragt worden, ob wir überhaupt noch eigene Mainframes bauen, weil wir doch alles in Japan kaufen würden. Das ist falsch. Wir kaufen nur, und ganz bewußt, das Spitzenmodell, die Höchstleistungsmaschine. Davon verkaufen wir im Jahr 20 Stück. Bei Entwicklungskosten von 1, 2 Milliarden Mark würde sich das für uns nie rechnen. Wir gehörten - drastisch ausgedruckt- rausgeschmissen, wenn wir eine solche Maschine selbst entwickelten. Aber daraus wird dann geschlossen, wir seien im ganzen Mainframe-Gebiet nur noch Händler für japanische Computer. Daß wir pro Jahr über 1000 selbst entwickelte Maschinen in Augsburg bauen, wird nicht registriert.

CW: Oben rentiert es sich nicht und unten könnte es sich in einem immer breiteren Bereich auch bald nicht mehr rentieren.

Bodo: Wir haben gerade zwei Maschinen zur Weiterentwicklung am unteren Ende beschlossen und bereiten eine Ankündigung zur CeBIT vor. Ich meine schon, daß es sich im unteren und vor allem im mittleren Bereich noch lohnt. Diese Systeme sind die wesentlichen Umsatzträger. Da kommen zwar relativ wenig Neukunden hinzu, aber da haben wir ein exzellentes Nachliefergeschäft.