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06.07.2001 - 

CW-Gespräch mit Cisco-Senior-Vice-President James Richardson

"Wir wissen es einfach nicht"

Im Zuge der schlechten Konjunktur sind auch vermeintliche Blue Chips der IT-Branche wie Cisco Systems in Schwierigkeiten geraten. CW-Redakteur Gerhard Holzwart unterhielt sich mit Senior Vice President James Richardson, der Ciscos Enterprise-Geschäft verantwortet.

CW: Cisco Systems galt lange Zeit als die heimliche Macht des Internet, stand als Synomym für grenzenloses Wachstum. Spätestens seit den Anfang Mai veröffentlichten enttäuschenden Zahlen für das dritte Quartal ist dieser Nimbus jedoch gebrochen. Für viele Marktbeobachter war die Tatsache, dass auch Ihr Unternehmen Milliardenverluste bilanzieren und Mitarbeiter entlassen musste, geradezu ein Schock. Wie nachhaltig ist die Krise, in der sich die weltweite IT-Industrie befindet?

Richardson: Zunächst einmal handelt es sich in der Tat um einen weltweiten Konjunkturabschwung. Das Problem stagnierender oder einbrechender Märkte betrifft längst nicht mehr nur die Vereinigten Staaten. Es ehrt uns in gewisser Hinsicht, dass man Cisco bis zuletzt als stabile Größe gesehen hat. Warum aber sollten wir von der Rezession nicht genauso betroffen sein wie andere Hersteller? Entscheidend sind für mich zwei andere Aspekte: Wir haben rechtzeitig vor einem Abflauen des Wachstums gewarnt und in keinem Segment höhere Einbußen als der Wettbewerb hinnehmen müssen.

CW: Darauf kommen wir noch zu sprechen. Vorher würde uns aber interessieren, wie Cisco mit dem Verlust von zwei Dritteln seiner Marktkapitalisierung umgeht. Da kann man doch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und quasi mit einem Schulterzucken sagen, die Rezession hat uns auch getroffen.

Richardson: Was sollten wir sonst für Gründe anführen? So einen Markteinbruch, wie wir ihn in den vergangenen Monaten erleben mussten, gab es meiner Kenntnis nach noch nie. Natürlich ist für uns diese Situation nicht angenehm. Wir sind seit elf Jahren an der Börse notiert, haben im direkten Quartalsvergleich stets gute bis sehr gute Umsatz- und Gewinnzuwächse verzeichnen können. Jetzt gingen die Einnahmen gegenüber dem Vorjahr plötzlich um fünf Prozent zurück. Die Konsequenz war: Wir mussten, wie viele andere IT-Firmen auch, unsere Kosten den veränderten Bedingungen anpassen.

CW: Was sind Ihrer Ansicht nach die Ursachen für das momentan schlechte Marktumfeld im Bereich der Telco- und Netzausrüster?

Richardson: Ich denke, es gibt dafür drei Gründe. Zum einen ist es einfach die schwache Konjunktur. Sie finden derzeit - wenn man vielleicht von Teilen der Chemie- und Automobilindustrie absieht - kaum eine Branche, in der man nicht feststellt, dass die ursprünglich prognostizierten Wachstumsraten nicht zu schaffen sind. Ein Blick auf das für dieses Jahr zu erwartende Wirtschaftswachstum in den USA und Europa genügt, um sich diesen makroökonomischen Zusammenhang vor Augen zu führen. Wir haben somit als Folge daraus auch ein anderes Kostenbewusstsein bei unseren Kunden, die eben das eine oder andere Projekt auf Eis gelegt haben.

Die beiden anderen Ursachen für die Marktabschwächung sind direkt im Telco-Sektor zu suchen. Es ist in den vergangenen Jahren viel, manche Beobachter meinen auch, zu viel Risikokapital in die einschlägige Dotcom-Szene gepumpt worden. Jetzt zeigt sich, dass viele der Newcomer, insbesondere unter den Internet-Service-Providern, kaum jemals profitabel arbeiten werden. Viele sind ja auch schon vom Markt verschwunden; die Investoren haben eine Menge Geld verloren. Kein Wunder also, dass die gesamte Internet-Szene von der Börse abgestraft wurde. Und natürlich haben wir es derzeit auch mit einem Investitionsstau bei den klassischen Telcos zu tun. Der gesamte Markt der Diensteanbieter, in dem wir zuletzt mehr als 40 Prozent unserer Umsätze erzielten, ist momentan in einer Warteposition.

CW: Genau das ist der Punkt. Für den Geschmack vieler Analysten hat sich Cisco in den letzten Jahren zu sehr auf den Telco-Markt fokussiert und dabei sein klassisches Enterprise-Geschäft vernachlässigt. War diese Strategie falsch?

Richardson: Ganz im Gegenteil. Es ist unsere Stärke, dass wir in allen Segmenten gut aufgestellt sind - also sowohl im Geschäft mit großen Anwenderunternehmen als auch mit Service-Providern und Telcos. Es wäre geradezu töricht, jetzt, wo der Markt schwächelt, diese ausbalancierte Strategie zu ändern. Wir haben dies in den vergangenen Monaten immer wieder gegenüber Analysten erklärt und sind auch von dieser Seite darin bestätigt worden. Insofern kann ich die von Ihnen erwähnte Kritik in der Financial Community nicht erkennen. Nehmen Sie das Beispiel Lucent Technologies, dann sehen Sie, in welche Schwierigkeiten ein im Markt einseitig positioniertes Unternehmen geraten kann.

CW: Es gibt die Thesen, Cisco trage inzwischen einen unübersichtlichen Bauchladen an Produkten vor sich her und sei zum Teil sehr spät in Marktsegmente wie Optical Networking eingestiegen.

Richardson: Das ist doch in sich widersprüchlich. Warum waren wir zu spät, wenn wir doch gar nichts hätten unternehmen sollen? Tut mir leid, wenn ich jetzt mit Nortel Networks noch einen weiteren Wettbewerber strapaziere. Aber es ist halt in schwierigen Zeiten ein Unterschied, ob man eine Produktlinie - in diesem Fall den Bereich Optical Networking - hat, mit der mehr oder weniger das ganze Unternehmen steht und fällt, oder ob man wie Cisco über ein Dutzend profitabler Business Units verfügt, die jede für sich für eine Milliarde Dollar und mehr Umsatz steht. Wir wären ohne unsere Diversifizierungsstrategie nie so schnell gewachsen und können jetzt im Gegensatz zu unseren Konkurrenten die eine oder andere Umsatzdelle besser kompensieren.

CW: Das müssen Sie jetzt nur noch den Finanzanalysten erklären. Denn die Börse zeigt Cisco immer noch die kalte Schulter. Übrigens auch, weil man über die Frühwarnsysteme, derer sich Ihr Unternehmen immer gerühmt hat, enttäuscht ist. So fragt man sich beispielsweise im Zusammenhang mit der 2,25 Milliarden Dollar teuren Abschreibung von Lagerbeständen, mit der Sie im letzten Quartal überraschten, warum die Internet-Company Cisco angeblich nicht rechtzeitig mitbekommen hat, dass Kunden, die über lange Lieferzeiten verärgert waren, zum Teil mehrfach bestellt haben - einmal bei Cisco selbst und dazu noch bei dem einen oder anderen Distributor.

Richardson: Ich denke, dieses Problem ist aufgebauscht worden. Wir hatten es mit keiner Stornowelle großen Ausmaßes zu tun. Außerdem haben wir keinen Zugriff auf die Systeme unserer Wiederverkäufer.

CW: Und was ist mit der berühmten Weitsicht des Cisco-Managements? Warum wurden die Läger noch mit Ware voll gepumpt, als eine Abschwächung der Marktes längst erkennbar war? Und warum hat sich CEO John Chambers noch im Herbst vergangenen Jahres in Durchhalteparolen geübt, als bei einigen Ihrer Wettbewerber die Alarmzeichen bereits aufleuchteten?

Richardson: Hätten wir öffentlich in Panik ausbrechen sollen, als unsere Zahlen noch im Plan waren? Ich finde diese Kritik unfair, weil sie einfach nicht zutrifft. Wir sind, auch wenn es manche nicht glauben wollen, vom Niedergang des Marktes binnen weniger Wochen überrascht worden. Chambers hat dann im Januar ganz offen erklärt, dass wir Schwierigkeiten auf uns und den Markt zukommen sehen. Danach haben wir ohne Hektik gegengesteuert. Alle wichtigen Analysten wussten über die internen Vorgänge Bescheid. Cisco ist nicht wie einige andere Firmen nach einem Quartalsabschluss wochenlang auf Tauchstation gegangen, um dann mit der Botschaft herauszurücken: Wir haben Milliardenverluste und müssen Tausende von Leuten entlassen.

CW: Zu behaupten, unsere Strategie war und ist richtig, dürfte jetzt jedenfalls nicht ausreichen, um das Vertrauen der Anleger wiederzugewinnen. Wo will Cisco in Zukunft seine Duftmarken als Markt- und Technologieführer setzen?

Richardson: Ich denke, dass sich die Analysten und unsere Kunden weiter auf unsere führende Rolle werden verlassen können. Wir würden ja nicht beispielsweise das Hohelied von Voice over IP singen, wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass wir hier einen der ganz großen Zukunftsmärkte vor uns haben. Denken Sie nur an den Bereich großer Unternehmensnetze, wo es binnen der nächsten fünf Jahre definitiv zur Ablösung der traditionellen PBX-Systeme, also der Nebenstellen-Telefonanlagen, kommen wird. Allein hier reden wir über ein Marktvolumen zwischen 15 und 20 Milliarden Dollar.

CW: Was macht Sie diesbezüglich so sicher? Einige Kritiker spotten hier ja über eine "Self-Fulfilling Prophecy" von Cisco.

Richardson: Diese Stimmen gab es noch vor einem Jahr, heute aber nicht mehr. Man hat längst erkannt, dass sich der Sprachverkehr über IP-basierte Campus-Netze qualitativ gut, effektiv und vor allem kostengünstig realisieren lässt. Ich denke, man wird in der PBX-Welt eine ähnliche Entwicklung wie bei IBMs SNA-Architektur erleben. Wir können jedenfalls das nötige Infrastruktur-Equipment, die passenden Betriebssysteme sowie Anwendungssoftware, beispielsweise für Call-Center oder Unified Messaging, bis hin zu Endgeräten anbieten.

CW: Wo sehen Sie noch die künftigen Herausforderungen des Marktes?

Richardson: Wie viel Zeit geben Sie mir? Spaß beiseite. Ich weiß wirklich nicht, wo ich anfangen und wo ich aufhören soll. Ich probiere es mit drei Schlagworten: Wireless-IP, Netzwerk-Security und - was einige vielleicht überraschen wird - 100-Gbit/s-Ethernet als preiswerte Breitbandalternative.

CW: Womit wir im Prinzip nochmals beim Thema Optical Networking wären, wo Cisco vor kurzem die Produktion von Komponenten des 1999 übernommenen Router-Spezialisten Monterey Networks eingestellt hat und wo immer mehr Analysten aufgrund einer offenbar gravierenden Fehleinschätzung des Marktes vom "Dark Fibre" sprechen.

Richardson: Wenn Sie auf aktuelle Schwierigkeiten von Firmen wie JDS Uniphase, Qwest oder Level 3 anspielen, mag an einer gewissen überzogenen Erwartungshaltung schon etwas dran sein. Man könnte hier ja auch wieder Nortel oder Lucent und damit das Problem einer zu einseitigen Produktausrichtung anführen. Jetzt aber - so wie von einigen Analysten in den USA geschehen - den ganzen Breitband-Internet-Markt in Grund und Boden zu schreiben, ist unseriös. Die Telcos gehen derzeit durch ein Tal der Tränen, aber an der Zukunft breitbandiger Internet-Dienste und damit auch an unserem Commitment zu diesem Markt gibt es keinen Zweifel.

CW: Apropos Markt: Zuletzt trat ja ein Wettbewerber im Segment der Highend-Router auf, der Cisco zu schaffen machte - Juniper Networks.

Richardson: Das ist richtig und hat uns auch geärgert. Ansonsten kann ich nur ein weiteres Mal auf die Risiken einer Ein-Produkt-Strategie hinweisen. Ich denke, die Ergebniswarnung, die Juniper vor kurzem herausgegeben hat, spricht für sich.

CW: Mit dem Kaufrausch, der Cisco in der Vergangenheit immer wieder attestiert wurde, dürfte es aufgrund des niedrigen Aktienkurses vermutlich zunächst vorbei sein.

Richardson: Wir haben sicher im Durchschnitt mehr Firmen übernommen als der Wettbewerb, aber warum sollte sich daran etwas ändern? Nicht nur unsere Marktkapitalisierung hat gelitten, alle Firmen sind preiswerter geworden. Eine Änderung gibt es nur insofern, als wir jetzt stärker auf das Segment und eine möglichst schnelle Profitabilität unserer Neuerwerbungen achten.

CW: Wie will sich Cisco in den von Ihnen skizzierten Zukunftsmärkten positionieren? Man hat ja seit geraumer Zeit den Eindruck, dass Ihrem Unternehmen sehr daran gelegen ist, das frühere Image der Router-Company loszuwerden.

Richardson: So würde ich das nicht unterschreiben - jedenfalls nicht, was unseren Business-Case angeht. Wir betrachten Router, Hubs und Switches, vor allem im Highend-Segment, nach wie vor als eines unserer Kerngeschäfte. Aber man kann den Kunden heute nicht mehr nur eine Box hinstellen. Sie müssen, so wie wir es beispielsweise mit unserer "Avvid"-Architektur tun, eine komplette Umgebung mit Infrastruktur, Software und Endgeräten anbieten können. Damit, das ist richtig, verlagern sich unsere Schwerpunkte zum Teil mehr in Richtung Software; manche würden auch sagen, Internet-Middleware.

CW: Kommen wir zum Schluss noch einmal auf die kurz- und mittelfristigen Geschäftsaussichten zu sprechen. Wenn Cisco spricht, hört der Markt gespannt zu, hieß es in den vergangenen Jahren oft ironisch. Zu einem halbwegs konkreten Ausblick auf die kommenden Quartale lässt sich die langjährige IT-Wachstumslokomotive jetzt aber nicht hinreißen?

Richardson: Wir wissen es einfach nicht, was passieren wird, und müssen abwarten. Die gesamte IT-Branche benötigt erst wieder verlässliche makroökonomische Daten, um halbwegs seriöse Vorhersagen treffen zu können. Ich denke, man sollte jetzt nicht den Fehler begehen, die Stimmung im Markt schlechter darzustellen, als sie vielleicht ist. Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet und werden entsprechend handeln.

SpekulationenKommt sie, oder kommt sie nicht? Die Rede ist von einer Cisco-Gewinnwarnung für das vierte Quartal, mit der die Wallstreet rechnet. Seit vor rund drei Wochen Cisco-Wettbewerber Nortel Networks einen dramatischen Umsatz- und Ergebniseinbruch sowie weitere Entlassungen ankündigen musste, steht angeblich das Telefon im Cisco-Headquarter nicht mehr still. Fast im Stundentakt, so heißt es unter Insidern, sollen sich die Analysten aller großen US-Investmentbanken nach einer "Tendenz" für die am 31. Juli endende Berichtsperiode erkundigen. Neben schlechten Zahlen im operativen Geschäft befürchtet man weitere Verlustabschreibungen auf Lagerbestände und Akquisitionen. Bei Cisco selbst ging man indes in Sachen viertes Quartal jetzt auf Tauchstation - offizielle Äußerungen Mangelware. Im vergangenen Monat hatte man eine Prognose abgegeben, wonach der Umsatz gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres unverändert oder um bis zu zehn Prozent niedriger ausfallen könnte.

Zur PersonJames Richardson ist seit Mai 1990 bei Cisco tätig und begann seine Laufbahn als Vertriebsbeauftragter in Kanada, wo er die dortigen Aktivitäten der damals noch verhältnismäßig kleinen und unbekannten Company aufbaute. Ähnlich wie dem Unternehmen selbst gelang auch Richardson ein kometenhafter Aufstieg. Von 1992 bis 1996 koordinierte er als Vice President zuerst das operative Geschäft in Asien sowie in Lateinamerika, später in Nordamerika. Zwischen 1996 und 1999 verantwortete der heute 43-jährige Spitzen-Manager die Cisco-Operations in den Regionen Europa, Afrika und Mittlerer Osten. Seit vergangenem Jahr ist Richardson als Senior Vice President zuständig für die "Enterprise Line" der Kalifornier und gehört als Mitglied des so genannten Senior Staff zum engsten Führungskreis um CEO John Chambers, Finanzchef Larry Carter, Sue Bostrom als Verantwortliche für die Internet Business Solutions Group sowie den "Chefstrategen" Mike Volpi.

Abb.1: Cisco - Umsatz- und Ertragsentwicklung

Mit den Cisco-Zahlen ging es jahrelang kontinuierlich bergauf. Droht jetzt ein Einbruch? Quelle: Cisco Systems

Abb.2: Cisco - die Kursentwicklung

Die Cisco-Aktie - derzeit alles andere als ein rasanter Aufsteiger. Quelle: Cisco Systems