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31.10.1997 - 

Problem 2000/Das Problem 2000 embedded

Wird Software fehlerfrei, wenn man sie in Chips brennt?

Vornehm ausgedrückt, ist die Zurückhaltung der relevanten Hersteller und wichtiger Anwenderfirmen unübertrefflich. Selbst im Internet finden sich kaum Informationen, wenn man nach dem Problem 2000 bei Embedded Systems (ES) sucht.

Nach einer Verbindung der Suchbegriffe "Embedded" und "Year2000" bleiben gerade noch zwölf Einträge übrig, ganze zwei weisen direkte Bezüge zum Thema auf. Nur ein Dokument enthält detaillierte Anweisungen zu Lösungsverfahren. Es stammt von der britischen Firma FM-Solutions, einem der nicht allzu zahlreichen auf dieses Gebiet spezialisierten Hilfeanbieter.

Dabei sind die vom Problem betroffenen "Nicht-Computer" einfach überall: Ihr Einsatz reicht von Faxmaschinen, die im Meldungskopf ein Datum ausdrucken, über Autos, Aufzüge, Alarmanlagen, Verkehrsampeln oder Geldautomaten bis zu Klimaanlagen, Heizungen, Videorecordern und programmierbaren Haushaltsgeräten. Selbst in Meß- und Wiegeanlagen von Lebensmittelfabriken stecken sie.

Was passieren kann, illustriert in bescheidenem Ausmaß ein Vorfall: Im Schaltjahr 1996 schalteten sich sämtliche 660 Steuerungssysteme aus, die Schmelzprozesse in einer neuseeländischen Aluminiumhütte überwachten. Der zusätzliche Schalttag war nicht berücksichtigt. Mit fatalen Folgen: Fünf zerstörte Schmelztiegel kosteten das Unternehmen schätzungsweise allein eine Million Neuseeland-Dollar. Über weitere Aufwendungen und ihre Kosten schwieg sich der Verhüttungsbetrieb aus.

Wenn ein Faxgerät ab dem 1. Januar 2000 keine Datumszeile mehr drucken, ansonsten aber funktionieren sollte, wird das viele nicht stören. Falls doch, kauft man sich eben ein neues. Im Aufzug steckenzubleiben ist schon schlimmer. Lebenserhaltende Apparaturen auf den Intensivstationen der Krankenhäuser sind möglicherweise ebenso betroffen wie Leitstände in Stahlwerken - oder natürlich in Atommeilern.

Es gibt hierzulande keine öffentlich bekannten Aktionspläne für solche Extremfälle. Nicht einmal Schätzungen über die Kosten für einen Austausch jener maladen Chips sind zu erfahren.

Die weltweite Belieferung mit Kohle, Öl-, Gas- wie Atomenergie hängt von programmspeichernden Chips ab. In der pharmazeutisch-chemischen wie der Nahrungsmittel-Industrie steuern solche Systeme Herstellungsprozesse von Arzneimitteln, Kunstharzen wie Getränken. Wie steht es mit der Wasserversorgung, mit Rundfunk und Fernsehen, Kommunikationsanlagen und Eisenbahnen - mit der öffentlichen Versorgung?

Embedded-Systeme sind weltweit die primären Komponenten für das Funktionieren der gesamten Infrastruktur. Aber diese zu finden und sie damit für eine Lösung zu identifizieren ist extrem schwierig: In jeder Organisation gibt es tausende solcher Apparate, Regler, Black-Boxes, nicht alle aber führen datumssensible Funktionen aus. Während sich für andere Umstellungsprojekte Anbieter in Hülle und Fülle auf den Markt drängen, scheint es für Embedded-Systems keine zu geben.

Die Antworten auf Fragen nach möglichen Auswirkungen sind verblüffend: Keine der betreffenden Anbieterfirmen weiß Auskunft zu geben. Ignoranz, Naivität, Vogel-Strauß-Reflex - oder Schönreden, um Panik zu vermeiden? Wo ist hier etwa die Aussage von Intel-Pressesprecher Heiner Genzken einzuordnen, der - im Prinzip richtig - auf andere verweist: "Wir liefern die nackten Bausteine. Die Software für die darauf implementierte Embedded-Anwendung stammt von deren Lösungsanbietern."

"Wir kennen das Problem und arbeiten daran", lautete die Auskunft bei Siemens, aber Näheres war nicht zu erfahren. Texas Instruments: "Wir haben ein Programm aufgelegt, mit dem wir uns dem Problem stellen. Sollten unsere Kunden davon berührt sein, werden wir entsprechend notwendige Informationen auf unserer Web-Seite bringen."

Derartige Statements sind nichtssagende Formulierungen. Sie sind allenfalls einer Öffentlichkeitsverhinderungsstelle würdig. Manche aber sind gar arrogant: "Wenn jemand wie wir mit Ada programmiert, dann spielt der Platz von lediglich zwei Bytes keine Rolle", verlautete aus der auch mit Militärtechnik befaßten Dasa. Als ob diese oder irgendeine andere Programmiersprache für die damit erstellten Funktionen verantwortlich wäre.

Da ist es dann schon erfrischend, wenn jemand sein Nichtwissen bekundet, wenn auch streng vertraulich: "Es gibt derzeit keine Möglichkeit, den Umfang , die Wirkung der Effekte des Problems sowie deren Potential exakt zu fassen."

Das stimmt, soweit es die Genauigkeit betrifft. Immerhin existiert ein Unternehmen, das präziser wird. Mitre, ein Embedded-Systems-Beratungsunternehmen, schlägt für militärische Anwendungen eine Untersuchung in vier Stufen vor, der jede ES-Technologie zu unterwerfen sei. Nicht immer müssen alle vier Phasen durchlaufen werden, in manchen Fällen genüge schon die erste Analyse, die nach dem Wirkungskreis.

Bei boden- und luftgestützten Radarsystemen sei mit Kosten zwischen 2,02 bis zu 8,52 Dollar je Line of Code zu rechnen. Prozeßverarbeitende Kommunikationssysteme sind mit 1,23 bis 5,54 Dollar pro LoC billiger. Für sogenannte Command- und Control-Planungssysteme schätzen die Berater Kosten von 1,22 bis 1,84 Dollar für jede Programmzeile. Supportsysteme für Logistik rangieren sogar noch darunter bei 1,02 bis 1,39 Dollar.

Und sind die Anwender von Embedded-Systems beunruhigt? Ein Daimler-Benz-Sprecher verweist auf eine "Projektgruppe, die sich mit der Thematik beschäftigt". An die möge sich der Frager wenden. Die meisten Umstellungsarbeiten beim Autokonzern obliegen Debis. Dessen "Leiter des Kompetenz-Centers Kalenderjahr 2000", Josef Kisting, kennt sich aus - aber nur auf einem Gebiet, "das mit ES nichts zu tun hat". Über Aktivitäten in diese Richtung sei nichts bekannt.

*Ferdinand Daemisch ist freier Journalist in Lörrach.