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29.07.1994

Wireless LANs: Wenn die Putzfrau Laerm verursacht

Flexibilitaet, Mobilitaet und Kostenersparnis durch leitungslose Netzinstallationen versprechen die Hersteller von Wireless LANs. Den Verkabelungstrupps wird die noch junge Technik allerdings nicht den Garaus machen. Haeufig dienen die Systeme derzeit lediglich als Notnagel und Quick-and-dirty-Loesung bei kurzfristigen Vernetzungen, denn Anwender bemaengeln die geringe Uebertragungsrate und die Instabilitaet. Aus der Rolle des Lueckenbuessers konnten die drahtlosen Verfahren nur im Lagerbereich herauskommen - dort ist Mobilitaet bei geringem Datenverkehr gefragt. Die Chancen der Wireless LANs im Bueroumfeld liegen in der Ergaenzung, nicht aber im Ersatz der verkabelten Strukturen.

Die Technik sollte man zur Zeit nicht zu sehr loben", urteilt Ansgar Schulte, Leiter der Gruppe fuer dezentrale Systeme im Klinikum rechts der Isar, Muenchen, ueber die drahtlosen LANs. Schultes Meinung basiert auf einigen Funktionstests fuer die Anwendung im klinischen Bereich. Resultat: unbefriedigender Datendurchsatz und zu geringe Stabilitaet. Die drahtlosen Netze waren urspruenglich als temporaere Ergaenzung zu festverkabelten Strukturen gedacht. Im Altbautrakt, so der DV-Experte, wo eine Verkabelung aufgrund der Bausubstanz schwierig ist, haetten schnell Netze aufgebaut werden koennen, bis eine festinstallierte Infrastruktur nachgezogen worden waere - als Ersatz fuer die leitungsgebundene Uebertragung seien die drahtlosen Netze jedoch nie geplant gewesen.

Das Vorhaben scheiterte an der Unsicherheit des Datentransports im Aether: "Sobald die Bedingungen wechseln, wenn sich beispielsweise zwei Leute in der Uebertragungsstrecke unterhalten oder ein Wagen fuer die Essensausgabe vorbeifaehrt, gibt es Probleme", erklaert Schulte das Manko der drahtlosen Netze. Besonders die vielen mobilen Geraete wie Betten und Transfusionsvorrichtungen veraendern die Reflexionsflaechen sowie Uebertragungswege und lassen Funkschatten entstehen. Allerdings, so raeumt der Gruppenleiter ein, sei dies wahrscheinlich ein krankenhausspezifisches Problem, "in Grossraumbueros dagegen, wo auf die Schnelle mal zwei oder drei PCs vernetzt werden sollen, moegen die drahtlosen Netze eine akzeptable Loesung sein".

Auf erste Erfahrungen mit der Technik im Bueroumfeld kann Peter Grabienski, Systemplaner bei der Thyssen Stahl AG, Krefeld, verweisen. Dort sind bereits mehrere NCR-Systeme mit insgesamt dreissig PC-Karten und sieben "Wavepoint"-Knoten fuer die Integration des Funk-LANs mit der verkabelten Infrastruktur im Einsatz. Mit dem drahtlosen Netz ist Grabienski zufrieden. Es laeuft stabil, Probleme mit Funkschatten sind in seiner Installation kaum aufgetreten. "Zwar sind Signalpegel gesunken, wenn die Putzfrauen mit fahrbaren Muelleimern verbeifuhren, Datenpakete blieben jedoch nicht auf der Strecke", berichtet er.

Die Uebertragung per Funk hat im Hause Thyssen einen Grund, mit dem die Hersteller von Wireless LANs gerne werben: Aus feuertechnischen Gruenden ist es an gewissen Stellen verboten, zur Leitungslegung einfach die Waende der Bueroraeume zu durchbohren, daher suchte der Stahlkonzern Abhilfe bei den drahtlosen Systemen. Mittlerweile versorgt Grabienski bereits ein PC-Netz im benachbarten Gebaeude via Funk mit Daten. Dabei ist in dem Hauptgebaeude ein Wavepoint installiert, dessen Reichweite bis zum danebenliegenden Buerohaus reicht. Dort laufen einige PCs mit NCR- Funkkarten und sind somit in das Unternehmensnetz eingebunden.

Ein weiteres Projekt befindet sich bei Thyssen in der Planungsphase und wurde ebenfalls durch bautechnische Beschraenkungen veranlasst. Der Stahlkonzern will jeweils einen Wavepoint auf das Dach einer Halle und eines Buerogebaeudes stellen und so die Produktionsstaette ans Netz anschliessen. Eine direkte Verkabelung ist nur mit enormen Aufwand moeglich, da sich unter der Halle eine Abflussdrainage fuer Saeuren befindet. "Um eine Entfernung von 100 Metern zu ueberbruecken, muessten Kabel von einem Kilometer Laenge verlegt werden. Laesst sich die Strecke jedoch mit zwei Wavepoints ueberbruecken, kommt das wesentlich billiger", erklaert der Systemplaner die Rentabliltaet der Loesung. NCR hat die Wavepoints jedoch nicht fuer den Betrieb im Freien konzipiert, und so kann Grabienski auf keinerlei Erfahrungswerte zurueckgreifen, wie anfaellig die NCR-Geraete gegenueber den Launen von Mutter Natur sind. Die Wetterfestigkeit der Funkuebertragung soll daher in den naechsten Wochen bei Hitze, Nebel und Regen geprueft werden.

Selbst wenn das Vorhaben, zwei Gebaeude via Wavepoints miteinander zu verbinden, gelingt, ist die Durchfuehrung des Projekts aber noch nicht gesichert: Das rauhe Umfeld erschwert den Einsatz der drahtlosen Netze in der Halle. In einer Umgebung mit Stoereinfluessen von maechtigen Kranmotoren und Schmutz muss sich das System zunaechst einmal beweisen. Besonders der metallische Staub ist ein Unsicherheitsfaktor, den der DV-Fachmann derzeit noch nicht einzuschaetzen weiss: "Wenn die Metallpartikel sich an den Antennen festsetzen, koennen sie abschirmend wie ein Faradayscher Kaefig wirken." Einen Mitarbeiter, der regelmaessig die Geraete abstaubt, sieht die Personalplanung bei Thyssen jedoch nicht vor.

Die Uebertragungsstrecke zur Halle ist als Verlaengerung des lokalen Netzes vorgesehen und soll, so sie die Tests besteht, Daten fuer 3270-Emulationen, E-Mail, File-Transfer und Datenbankanwendungen transportieren. Die Mitarbeiter in den Lagern der Halle koennten dann mit Notebooks und Handterminals ausgestattet werden und die Daten direkt vor Ort erfassen und ins Netz einspeisen. Ueberall, so Grabienski, wo die Mitarbeiter nur in einem begrenzten Bereich mobil sind, bieten sich solche Systeme an.

Diesen Ansatz verfolgt auch ein internationales Handelsunternehmen, das derzeit seine gesamten deutschen Selbstbedienungs-Warenhaeuser mit Funk-LANs von Telxon ausruestet. Die Erwartungshaltung ist gross, verspricht sich der Handelsriese von der neuen Technik doch einen strategischen Wettbewerbsvorteil. "Zunaechst soll die Installation im Wareneingangsbereich zum Einsatz kommen", erlaeutert der in Deutschland fuer das Informations-Management zustaendige Bereichsleiter das Projekt.

"Mit dem drahtlosen System brechen wir hier mit einem Prinzip. Die angelieferten Produkte gehen nicht zur Wareneingangskontrolle, sondern der Mitarbeiter geht zur Palette." Ausgestattet mit tragbarem Terminal, Barcodescanner und portablem Drucker, kann der Mitarbeiter direkt vor Ort die Eingangsnummer und Warenmenge aufnehmen und via Funk zur zentralen AS/400 uebertragen. Dort werden die Informationen mit den Stammdaten verglichen, fehlende Balkencodes koennen ueber den tragbaren Drucker ausgegeben werden.

Seit Juni laeuft das System im ersten Warenhaus in Produktion - bisher stabil. Im naechsten Jahr soll das Projekt in allen Filialen abgeschlossen sein, die Funktechnik ist dann auch in den Verkaufsraeumen praesent. Dort koennen die Mitarbeiter direkt am Regal die Preise kontrollieren und bei Bedarf vor Ort Etiketten ausdrucken. "Wir erwarten vor allem eine organisatorische Flexibilitaet", so der Manager, "gerade im Einzelhandel, wo die Welt morgen schon ganz anders aussieht, ist die Unabhaengigkeit von der technischen Infrastruktur wichtig." Bei Sonderaktionen will das Handelsunternehmen auch die Verkaufsstaende auf Vor- und Parkplaetzen mit dem Funksystem ausruesten, so dass sich die Daten der dortigen Kassen direkt in den Inventurvorgang und in die gesamte Logistik- und Dispositionsabwicklung einbinden lassen.

Einen Schritt weiter in seinen Anforderungen an die Flexibilitaet geht Wolfgang Voss, Projektleiter fuer mobile Endgeraete bei der Deutschen Lufthansa AG in Kelsterbach bei Frankfurt. Seine Serviceabteilung liefert den verschiedenen Geschaeftsbereichen der deutschen Airline die Infrastruktur und Geraete, wenn schnell und unkompliziert PCs vernetzt oder Anwender mit ihren Notebooks bei Praesentationen und Messen ohne Verkabelungsaufwand auf Netzdaten zugreifen wollen. "Es gibt kaum Loesungen fuer die Token-Ring-Netze der Flughaefen", beschreibt der Lufthansa-Mitarbeiter sein Problem. Fuer den mobilen Einsatz von Notebooks benoetigt die Serviceabteilung Wireless-LAN-Adapter im PCMCIA-Format. Xircom fuehrt zwar Token-Ring-Karten im Portfolio, fuer den deutschen Markt hat der Hersteller allerdings noch keine Zulassung. Zudem fehlt dem Projektleiter noch die Roaming-Software, mit der mobile Teilnehmer, wenn sie waehrend des Betriebs den Empfangsradius eines Versorgungsknotens verlassen, automatisch zum naechstgelegenen weitergereicht werden. Obwohl es von Unternehmen wie Telxon oder LXE schon entsprechende Programme gibt, wartet die Airline mit dem Kranich-Emblem noch auf eine angekuendigte Loesung von NCR, da deren Produkte mit einer Uebertragungsrate von 2 Mbit/s ihren Anforderungen am naechsten kommen.

"Zwei Megabit," so Voss, "reichen doch voellig aus, wenn das Netz nicht zu gross ist."

Ins gleiche Horn stoesst Detlef Klostermann, Berater bei Funkconsult in Senden. Schwierigkeiten beim Datendurchsatz sieht er nur bei den Dect-konformen Geraeten. Digital European Cordless Telecommunication ist kein reiner Funk-LAN-Standard, so der Consultant, sondern eine Norm fuer schnurlose Telefone, die auch die Datenuebertragung zulaesst. Wireless LANs, die im Dect- Frequenzband zwischen 1,8 und 1,9 Gigahertz funken, muessen sich die verfuegbaren Kanaele mit den TK-Anlagen teilen. Da Telefongespraeche erfahrungsgemaess laenger dauern als Datenuebertragungen, bleiben den LANs weniger freie Kanaele, und die Netto-uebertragungsrate sinkt. Systeme wie das Telxon-baugleiche

"Meshnet" bieten Durchsatzraten von bis zu 2 Mbit/s, und das ist, so Klostermann, bei Anwendungen wie in der Industrie und Produktion ausreichend.

Dem widerspricht jedoch Netzexperte Schulte vom Muenchner Klinikum: "Mitarbeiter, die durch festverkabelte Strukturen verwoehnt sind, werden sich kaum mit laengeren Anwortzeiten zufriedengeben", begruendet er seine Bedenken, "das drueckt die Akzeptanz." Auch wenn es Produkte gaebe, die hoehere Datenuebertragungen unterstuetzen, bleibt fuer Schulte immer noch ein weiteres, fast unueberwindliches Hindernis: Der Elektrosmog. Die Belastung durch drahtlose Netze liegt, laut Berater Klostermann, mindestens um den Faktor 30 unterhalb der Richtkurve des Verbandes Deutscher Elektrotechniker (VDE), doch fuer Schulte spielt dieses Problem weniger technisch als psychologisch eine Rolle: "Im klinischen Bereich sind die Leute diesen Themen gegenueber wesentlich sensibler." Dort koenne sich eine permanente Hochfrequenzbelastung zu einem Politikum entwickeln. Doch diese besondere Sensibilitaet tritt wohl nur in Krankenhaeusern auf. Wer beispielsweise neben einem Zehn-Megawatt- Motor steht, ist einer groesseren Strahlenbelastung ausgesetzt. Und auch die TK-Industrie verkauft im Vergleich zu den Wireless LANs wesentlich gefaehrlichere Geraete: Die mit hoeherer Leistung und direkt am Kopf sendenden Handies.

Wireless-LAN-Standards

Fuer Wireless LAN gibt es derzeit nur einen Rahmenstandard fuer Funkparameter, um den Betrieb auf schon belegten Frequenzen zu ermoeglichen. Bei dem europaeischen Normungsinstitut ETSI finden unter der Bezeichnung "Hyperlan" die ersten Aktivitaeten zur Entwicklung eines verbindlichen Standards statt, im Laufe des naechsten Jahres sollen die Arbeiten abgeschlossen werden. Parallel zu den ETSI-Bemuehungen erstellt das IEEE-Gremium mit dem 802.11- Standard einen konkurrierenden Vorschlag. Beide Normen legen fuer die Funkuebertragung das Frequenzband bei 5,2 Gigahertz fest, das exklusiv fuer Wireless LANs reserviert ist. Die heute verfuegbaren Produkte arbeiten ueberwiegend in dem Bereich zwischen 2,4 und 2,5 Gigahertz. In fast allen Laendern ist dieses Band freigegeben, das haeufig durch Geraete wie etwa Mikrowellenherde verunreinigt ist. Olivetti dagegen hat eine Dect-konforme Loesung auf dem Markt, die Frequenzen zwischen 1,88 und 1,9 Gighertz nutzt. LXE verwendet fuer seine Systeme Frequenzen im 450-Megahertz-Band, wofuer allerdings eine Einzelgenehmigung erforderlich ist.

Ansgar Schulte, Leiter der Gruppe fuer dezentrale Systeme im Klinikum rechts der Isar, Muenchen