Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

12.11.1999 - 

IT im Handel/Technik gegen Ladendiebe

Wirksamer Schutz, aber kein Standard

Vom einfachen Diebstahl bis zum High-Tech-Schwindel reicht die Bandbreite der Versuche, Waren im Laden ohne Bezahlung oder zu billig mitgehen zu lassen. Der Handel hat dagegen aufgerüstet, ein Schutzstandard ist allerdings nicht in Sicht. Hans-Jürgen Stenger* schildert, worum es geht.

In der klassischen Form des Ladendiebstahls wandert nach wie vor der Parfum-Flakon oder die CD in die Manteltasche. Neuerdings sehen sich die Kaufhäuser mit intelligenteren Formen des Diebstahls konfrontiert.

Der Labelbetrüger läßt sich wie ein gewöhnlicher Kunde eingehend beraten. Hat er sich beispielsweise für einen neuen Fernseher im Breitwandformat für 2.998 Mark entschieden, sucht er sich ein konventionelles Gerät zum Preis von 798 Mark aus und notiert sich die Ziffernfolge auf dem Barcode-Etikett dieses Gerätes.

Zuhause druckt er mit seinem PC und einem Programm zur Erzeugung von Balkencodes auf seinem Laser- oder Tintendrucker ein Barcode-Etikett aus, wie es auf dem preiswerteren Gerät angebracht war. Gut organisierte Täter fertigen die Etiketten bereits auf dem Kundenparkplatz mittels Laptop und mobilem Drucker.

Anschließend ist es eine Angelegenheit von wenigen Sekunden, den Fernseher für 2998 Mark mit dem Preisetikett für 798 Mark zu versehen. An der Kasse interpretiert der Scanner die Striche als Fernsehgerät für 798 Mark. Falls es sich bei dem billigen Gerät auch noch um denselben Hersteller handelt wie bei dem Fernseher im Breitwandformat, hat das Kassenpersonal kaum eine Möglichkeit, den Etikettenschwindel zu erkennen. Der Preisvorteil für den betrügerischen Käufer: 2200 Mark. Das Unternehmen verliert die Differenz der Netto-Einkaufspreise.

Die Strichfolgen auf den Artikeln in jedem Laden mögen für viele kryptisch wirken. Tatsächlich sind sie die maschinenlesbare Form der Ziffern, die auf dem Etikett zu lesen sind. Die Ziffernfolge auf einem Eitkett definiert einen ganz bestimmten Artikel und ordnet ihm seinen Preis zu. Daneben erleichtert die elektronische Artikelnummer (EAN) dem Kaufmann die Warenbewirtschaftung erheblich, da sich verkaufte Artikel damit in der zentralen Warenbestandsführung registrieren lassen.

Die eher triviale Bedeutung der Balken wird beim Bezahlen an Scannerkassen deutlich, wenn der Strichcode nicht gelesen werden kann, weil beispielsweise der Leser verschmutzt oder das Etikett zerknittert ist. Das passiert an deutschen Scannerkassen täglich tausendfach. In diesen Fällen tippt die Kassiererin die Ziffernfolge auf dem Etikett einfach manuell ein. Auch in diesem Fall wird der Preis über die Artikelnummer zugeordnet.

Für den Schwindel mit sogenannten EAN-Etiketten braucht ein Betrüger daher keine besonderen Kenntnisse. Insbesonde-re muß er den Strichcode nicht "knacken". Die Bedeutung der Stri-che ist für den Betrüger eher nebensächlich. Die Agenturmeldung von AFP im nebenstehenden Artikel ist insoweit mißverständlich.

Etiketten werden manipuliert, seit es diese Art der Preisauszeichnung gibt. Als die Waren noch mit Etiketten mit dem Artikelpreis in Mark und Pfennig ausgezeichnet waren, wurden hochpreisige Produkte mit Etiketten preiswerterer Artikel überklebt. Der Handel reagierte mit mehrteiligen Etiketten, die nur schwer und nur Teil für Teil gelöst werden konnten.

Das Umetikettieren von Waren mit elektronischer Artikelnummer ist mit allgemein verfügbaren Mitteln möglich. So ist ein PC heute in vielen Haushalten Alltagsgerät wie Waschmaschine und Videorecorder. Barcode-Programme zum Etikettendruck sind für jedermann erhältlich. Man kann sie sogar aus dem Internet kostenlos herunterladen.

Der Einzelhandel hat dennoch eine ganze Reihe von Möglichkeiten, solche Machenschaften zu erschweren und das Entdeckungsrisiko zu erhöhen:

-Grafisch gestaltete Etiketten - etwa mit farbigem Firmennamen oder Logo - vermindern das Fälschungsrisiko. Investiert der Täter allerdings in Farbscanner und Farbdrucker, dann laufen solche Maßnahmen ins Leere.

-Die Sensibilisierung des Kassenpersonals ist ein wesentlicher Aspekt zur Verhinderung von Inventurverlusten. Mitarbeiter, die über die Mißbrauchsmöglichkeiten informiert sind, bemerken Ungereimtheiten und können darauf reagieren.

-Ein hohes Maß an Sicherheit läßt sich durch die Verwendung von sogenannten EAN-128-Etiketten erreichen. In solchen Etiketten wird das Gewicht mitangegeben. Führt man die Ware an der Kasse über eine Waage, ist ein automatischer Vergleich des tatsächlichen Gewichts mit dem angegebenen Artikelgewicht möglich. Im oben genannten Beispiel hätte die Prüfung ergeben, daß die Etikettenangabe von zum Beispiel 28 Kilogramm nicht mit dem tatsächlichen Gewicht von 45 Kilogramm übereinstimmt.

Hochpreisige Ware sollte man grundsätzlich auch durch ein sogenanntes elektronisches Artikelsicherungssystem schützen. Das System arbeitet mit Etiketten, die auf ein elektro-magnetisches Wechselfeld reagieren und so beim Verlassen des Kaufhauses einen Alarm auslösen, wenn sie nicht vorher deaktiviert werden.

Das Einmaleins der Striche

Beim Balkencode auf Waren handelt es sich um eine maschinenlesbare 13stellige Artikelnummer, die EAN. Die ersten sieben Ziffern repräsentieren die sogenannte Basisnummer. Sie beginnt mit einem zweistelligen Länderkennzeichen. In Deutschland sind dafür die Zahlen 40, 41, 42 und 43 vergeben. Die weiteren fünf Ziffern der Basisnummer bezeichnen den Hersteller, Händler oder Importeur. Diese fünfstellige sogenannte Betriebsnummer ist eindeutig und weltweit unverwechselbar. Über die Betriebsnummer läßt sich jeder Lieferant identifizieren. Alle EAN-Artikelnummern eines Lieferanten beginnen mit derselben Basisnummer.

Zur eindeutigen Kennzeichnung des Artikels stehen dem Lieferanten fünf weitere Ziffern zur Verfügung. Vergabe und Verwaltung dieser Ziffern liegen ausschließlich in der Verantwortung des Lieferanten. Die 13te und letzte Stelle schließlich enthält eine Prüfziffer.

Ist die Verpackungseinheit zu klein für den Barcode der 13stelligen EAN, kann man eine achtstellige EAN verwenden. Benötigt der Handel zusätzliche Informationen über das Produkt, zum Beispiel Verfallsdatum, Menge und Gewicht der Ware, können diese Angaben in einer erweiterten Artikelnummer, der EAN 128, angegeben werden.

Dem EAN-System gehören zwischenzeitlich über 70 Länder an. In jedem Land gibt es nur eine Stelle zur Vergabe von Betriebsnummern. In Deutschland ist dies die Centrale für Coorganisation GmbH (CCG) in Köln.

Wenn, wie jüngst bei einem Drogeriespezialisten, die Inventurdifferenz größer als die Dividendenausschüttung ausfällt, ist es höchste Zeit, über einen ganzheitlichen Ansatz nachzudenken. Elektronische Artikelsicherung ist das Zauberwort, das verspricht, Inventurdifferenzen um bis zu 50 Prozent zu senken.

Die Waren werden mit einem Sicherungselement, zum Beispiel einem Etikett, versehen, das sich dazu anregen läßt, Wellen auszusenden. Beim Bezahlen wird dieser Sender deaktiviert. Nichtbezahlte und damit nicht deaktivierte Ware löst an einer Schleuse Alarm aus, die Kunden und Mitarbeiter zwangsläufig passieren müssen.

Die Etiketten sind allerdings relativ teuer, mehr noch das Anbringen. Durchschnittlich fünf Pfennig für das Etikett und zehn bis zwanzig Pfennig für das Aufbringen müssen veranschlagt werden.

Als Lösung für dieses Problem bietet sich die elektronische Artikelsicherung schon im Produktionsprozeß, quasi an der Quelle an. Daher kommt auch der Name elektronische Quellensicherung(EQS). Etwa 600 Herstellerfirmen in Europa sichern auf diese Weise bereits über 500 Millionen Produkte.

Die Industrie hat für den Handel unterschiedliche Sicherungselemente entwickelt. Das Klebeetikett mit elektronischer Ausstattung ist sicherlich am bekanntesten. Das kleinste Element ist ein dünner, rund drei Zentimeter langer Metallstreifen.

Wegen seiner geringen Größe läßt er sich gut in bestehenden Produktions- und Verpackungsprozessen einsetzen. So lassen sich mit einer Drahtrolle über200000 Einheiten sichern.

Verlage und Buchhändler erproben derzeit Anwendungen, bei denen das Sicherungselement unsichtbar in den Buchrücken eingelassen wird.

Die Einführung der Quellensicherung in großem Umfang scheitert allerdings an den unterschiedlichen Sicherungssystemen, deren Verfahren untereinander nicht kompatibel sind (EM - Elektromagnetik, AM - Akustomagnetik, RF - Radiofrequenz). Nach derzeitigem Stand der Technik kann die Kompatibilität der Systeme auch nicht hergestellt werden.

Dieses Problem ist seit langem bekannt. Bereits 1996 erhielt die CCG (Centrale für Coorganisation GmbH) den Auftrag, eine Anwendungsempfehlung für ein einheitliches Verfahren zur elektronischen Artikelsicherung in Form einer Quellensicherung zu erarbeiten.

Dieser Auftrag wurde zurückgezogen, weil zwischen Handel und Industrie kein Konsens zustande kam. Die verfahrene Situation unterschiedlicher Interessenlagen und fehlender Standards wird aus der Pressemitteilung der CCG vom Juni dieses Jahres deutlich: "Die fachlichen und politischen Diskrepanzen zwischen den beteiligten Entscheidungsträgern werden gegenwärtig als unüberwindbar eingestuft. Neben der festgefahrenen Diskussion auf nationaler Ebene stellt sich obendrein auch die Problemlösung auf internationaler Ebene als aussichtslos dar."

Die CCG wurde 1974 ins Leben gerufen, um organisatorische Probleme, die sich aus der Zusammenarbeit zwischen Handel und Industrie ergeben, partnerschaftlich zu lösen. Dies ist der Gesellschaft hinsichtlich eines einheitlichen EAS-Standards nicht gelungen.

Nachdem der Handel Ladendiebstähle und Inventurdifferenzen durch den Einsatz von EAS-Systemen in erheblichem Umfang mindern konnte, fehlt der notwendige Leidensdruck dafür, die Industrie zu einem einheitlichen Artikelsicherungsstandard zu bewegen. Die Kosten des nicht genutzten Rationalisierungspotentials in Form einer standardisierten Quellensicherung trägt letztlich der Verbraucher.

Angeklickt

Solange die Kosten von Ladendiebstählen in einer Größenordnung bleiben, die der ehrliche Kunde, der diese Kosten letztlich trägt, toleriert, solange wird der Händler oder das Kaufhaus nicht zu teuren Sicherungsmaßnahmen greifen. In Marktsegmenten mit geringen Margen indes kann das Überleben davon abhängen. Unterschiedliche und nicht kompatible Sicherheitssysteme machen eine Systementscheidung immer noch schwer.

Etikettenschwindel

Mehr als ein Jahr lang hat ein Computerfreak aus dem französischen Besancon günstiger eingekauft als die Polizei erlaubt. Dem 27jährigen, Abteilungsleiter eines Baumarktes, war es gelungen, die Strichcodes zu knacken. Mit Etiketten eigener Produktion bestimmte er den Preis selbst und versah damit Hi-Fi-Geräte oder Computerzubehör. Für ein elektronisches Computer-Zubehörteil zahlte der 27jährige auf diese Weise nur 30 statt 800 Mark. Gefaßt wurde er nicht, weil jemand die Preise in Frage stellte, sondern weil er beim Überkleben der echten Etiketten erwischt wurde. (AFP) Meldung aus der SZ vom 17./18. 10. 98

*Hans-Jürgen Stenger ist Leiter des Sachgebietes Computerkriminalität beim Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) in München.