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08.07.1977 - 

Nebenfach DV für Ingenieure:

Wirtschaft will keine "lästigen Informatiker"

"Reine Informatiker sind nicht gefragt", stellte die Fachhochschule Gießen aufgrund einer Umfrage bei einigen hundert Firmen über die Aussichten dieser Berufsgruppe fest. So wäre beispielsweise in einem größeren Statikbüro ein Softwarespezialist sehr bald als "lästig" empfunden worden. Das steht in krassem Widersprucht zur vielzitierten Prognose (1973 bis 19T8) des Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT) über den Bedarf an DV-Fachkräften: Demnach werden in diesem Zeitraum 18 500 diplomierte und graduierte Informatiker gesucht. Die Erhebungen liefern - so das BMFT- einen "deutlichen Hinweis" auf das Interesse der Industrie an dem Studiengang Informatik.

Die Fachhochschule Gießen führte 1975 bei einigen hundert Betrieben der verschiedenen Grundindustrien des Dienstleistungsgewerbes und bei Behörden eine Umfrage durch, um die Berufsaussichten von Informatikern auszuloten. Die außergewöhnlich hohe Antwortquote überraschte zunächst. Verwunderung trat jedoch bei der Auswertung der vielen hundert Antworten auf. Das Fazit: Sieht man von einigen Branchen ab, wird der Informatiker als Hardware- oder Softwarespezialist kaum gesucht. Gefragt ist, und das bestätigte sich auch in verschiedenen Gesprächen, nach wie vor der Elektroingenieur, der Maschinenbauingenieur und der Chemieingenieur. Im Gegensatz dazu wird aus den Zimmern der Personalchefs und technischen Büros immer noch - allerdings auf Grund der schlechten Erfahrungen immer schwächer- nach Informatikern gerufen.

Dieser scheinbare Widerspruch war nach der Auswertung 1975/76 bald geklärt: Selbst in einem größeren Statikbüro beispielsweise ist ein Softwarespezialist schnell den Statikern lästig. Denn zur Programmierung benötigt er dasjenige Fachwissen, das computergerecht aufgearbeitet werden soll. Müssen aber die Statikerkollegen ihm erst einmal sämtliche Formeln und Tabellen zusammenstellen, die zur Hausberechnung notwendig sind, fällt auch ein traumhaftes Statik-Programmsystem in sich zusammen. Gesucht ist dagegen der Statiker, der selbst programmieren kann. So wird er die Fachprobleme selbständig ohne Einschaltung eines Fachfremden mit Hilfe eines Rechners lösen. Dies gilt entsprechend auch für den Elektroingenieur, der die automatische Netzüberwachung programmiert, für den Maschineningenieur bei der Festlegung eines Werkzeugmaschinenprogaramms oder für den Gießereiingenieur bei der kostengünstigsten Auswahl der Einsatzlegierungen.

Ingenieur mit EDV-Kenntnissen gefragt

Gefragt ist also der Fachingenieur mit einer Reihe von Kenntnissen auf

dem Gebiet der Datenverarbeitung, für den die Begriffe "on-line", "off-line" oder "Unterbrechungssystem'' keine Fremdwörter sind. Diese Erkenntnis scheint sich auch in den Personalbüros herumzusprechen, und der einst strahlende Himmel für "reine Informatiker"

verdüstert sich zusehends. Dies bedeutet, daß die Ingenieure eine zusätzliche Ausbildung auf dem Gebiet der Datenverarbeitung erhalten müssen.

In bezug auf die Ausbildung junger Ingenieure ergeben sich zwei Alternativen: Kürzen des bisherigen Vorlesungspensums und Ersatz durch Fächer aus der Datenverarbeitung oder Verlängerung der Ausbildung.

Die Fachhochschule Gießen hat das Vorlesungsprogramm so erweitert und umgestaltet, daß sowohl ein Aufbaustudium für Datenverarbeitung durchgeführt als auch Datenverarbeitung als Nebenfach studiert werden kann.

Programmiersprachen im Lehrplan

Im zweisemestrigen Aufbaustudium werden Programmiersprachen (FORTRAN, BASIC) und Assembler angeboten. Ergänzt werden diese Vorlesungen durch die allgemeiner gehaltene Vorlesung "Softwaretechniken" und Praktika. Der Schwerpunkt im zweiten Semester liegt auf dem Gebiet Betriebssysteme, Prozeßrechner, Geräte- und Meßtechnik. Der immer wieder gemachten Beobachtung ist Rechnung getragen worden: Zunehmender Einsatz der Datenverarbeitung erhöht den Bedarf an Mathematik. Deshalb sind Vorlesungen über Statistik, Operations Research, Wirtschaftsmathematik und numerischer Mathematik teils wahlweise vorgesehen.

Beim Nebenfachstudium Datenverarbeitung werden in den ersten drei Semestern zusammen zwölf Wochenstunden Vorlesungen über allgemeine Grundlagen der Datenverarbeitung und Programmiersprachen angeboten. Im Hauptstudium stehen im Mittelpunkt Softwaretechniken, Betriebssysteme, Prozeßrechner und Anwendungsbereiche der Datenverarbeitung unter Berücksichtigung fachspezifischer Aspekte. Für das Fachstudium der Elektrotechnik und des Maschinenbaus sind neben den diesbezüglichen Grundlagenfächern auch fachspezifische Vorlesungen vorgesehen.

Tätigkeitsfelder sind beispielsweise für den Maschinenbauingenieur die Fertigungstechnik (Schneidpläne und Materialprüfung), automatische Konstruktion, Anlagetechnik, Numeric- Control-Maschinen sowie Projektsteuerung und für den Elektroingenieur die Automatisierung der Energieversorgung (Schalthandlungen, Frequenzleistungsregelung), Optimierung des Kraftwerkseinsatzes ferner der Einsatz digitaler Prozeßrechner bei Versuchsfeld- und Laborarbeiten.

Dr. Karl Ruckelshaußen ist Fachbereichsleiter in der Fachhochschule Gießen, Rüdiger Ziethen ist Leiter des Rechenzentrums.