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11.09.1987 - 

Systemauswahl nicht nur unter technischem Blickwinkel angehen:

Wirtschaftliche Aspekte sind letztlich entscheidend

Für die traditionelle DV-Welt hat Unix wichtige neue Impulse gebracht. Der Anspruch, dem SW-Entwickler eine weitgehende Hardware-Unabhängigkeit bei seiner Arbeit zu ermöglichen, ist dabei nur ein Aspekt. Mindestens genauso stark fallen bei der Entscheidung für oder gegen Unix wirtschaftliche Gesichtspunkte ins Gewicht.

Zahlreiche Unternehmen der DV-Branche geben ihr Debüt mit neuen Hardware-Konzepten und fortschrittlichen Rechnerarchitekturen. Ihnen hilft der Einsatz von Unix, ihre Entwicklungskosten und -risiken beträchtlich zu vermindern. Denn nach einer überschaubaren Investition stehen viele Compiler und Anwendungspakete für die ersten Kunden bereit. Diese Anbieter profilieren sich meist durch ein sehr günstiges Preis/Leistungs-Verhältnis. Auf dieser Basis fördert Unix also den technischen Fortschritt bei der Hardware und sorgt für Druck auf die Systempreise. Einige Hersteller aus dem Unix-Lager halten sich komplett aus dem Enduser-Geschäft heraus und beliefern statt dessen Firmen mit großen Vertriebsnetzen, die im Unix-Markt mitmischen wollen. Dadurch kann der Kunde die Geräte dieser Anbieter über verschiedene Vertriebswege erwerben.

Mangelnder Überblick führt zu hektischen Anpassungen

Diese spezialisierten Hersteller richten sich mit ihrer Produktion nach den Planungen ihrer Vertriebspartner und merken nur mit einiger Verzögerung, wie sich die tatsächlichen Umsätze entwickeln. Bei einigen Unternehmen hat dies bereits zu hektischen Kapazitätsanpassungen geführt. Ausschlaggebend war dabei, daß Unix nicht, wie vorausgesagt, mit kleinen und mittleren Mehrplatzsystemen ähnliche Stückzahlen erreichen konnte wie MS-DOS im Bereich der Einplatzsysteme.

Eine der wichtigsten Ursachen hierfür ist eine Standardisierungslücke: Beim PC hat der Marktführer IBM nicht nur das Betriebssystem MS-DOS, sondern auch einen Hardware-Bus festgeschrieben. Nur beides zusammen ermöglicht den blühenden Markt für Kompatible, wo der Konkurrenzdruck fallende Preise und ein vielfältiges Konfigurationsangebot bewirkt.

So ist es interessant zu beobachten, wie sich der Gerätemarkt auch bei einem einheitlichen Betriebssystem zersplittert. Die durch den Absatz großer Stückzahlen bedingte Preisreduktion bei Systemkomponenten bleibt aus, wenn kein Anbieter mit einer starken Position im Markt einen Bus-Standard erzwingt. Die Fertigung von Unix-Hardware wäre allerdings in diesem Fall bereits jetzt von den europäischen mittelständischen Fabrikanten zu fernöstlichen Massenproduzenten verlagert worden. Anbieter, die ihre Computer mit hauseigenem Betriebssystem sowie auch mit Ausrichtung auf Unix vertreiben, entwickeln ein interessantes Verhalten. Das gilt für die Großen wie IBM und Digital Equipment mit DOS/VSE, MVS, VM und VMS, aber auch für mittlere bis kleine Unternehmen. Ihre Politik kann nur sein, den gewachsenen Kundenstamm auszubauen und weiter an das Hausprodukt zu binden. Unix hingegen soll neue Kundenkreise gewinnen, die sich mit dem etablierten Betriebssystem nicht ansprechen ließen.

Erfahrene Vertriebsbeauftragte haben ein handfestes Mißtrauen gegen leicht austauschbare Systeme: Bei einem Kunden mit Unix bringt eine geplante Erweiterung eine neue Ausschreibung und viel Arbeit. Bei einem Abnehmer des Hausprodukts hingegen ist der unterschriebene Auftrag meist sehr schnell in der Eingangspost, nämlich sobald Preis und Lieferzeit feststehen.

Die sichere Motivation eines etablierten Vertriebsapparats wiegt deshalb bei vielen Produzenten kommerzieller Anwendungssoftware alle Vorteile von Unix auf. Auch sind nach wie vor einige Promille der VMS- oder /3X-Installationen noch interessanter als ein paar Prozent Zugewinnchancen in der Unix-Welt. Im kommerziellen Bereich ist folglich das Angebot an Unix-basierten Lösungen knapp, und die potentiellen Abnehmer zeigen sich entsprechend zurückhaltend. Bislang wurde dieser Teufelskreis lediglich bei den technischen Applikationen durchbrochen.

IBM sieht Unix nur als reine Anwendungssoftware

Um den Vertrieb nicht in die Schizophrenie zu treiben, werden Unix-Produkte deshalb oft von einer eigenen Vertriebsmannschaft betreut. Ausnahmen machen hier lediglich die Spitzenreiter der Branche - IBM und DEC.

Big Blue sieht Unix im Mainframe-Bereich nicht als Betriebssystem, sondern als Anwendungssoftware für qualifizierte Systementwickler. Damit ist Unix eines von vielen Produkten unter einem IBM-Betriebssystem.

Digital Equipment sieht sich im technischen Bereich oft mit der Forderung nach Unix konfrontiert. Das Interesse für DEC-Hardware wird durch die Anschlußmöglichkeit des hauseigenen Derivats Ultrix an DEC-Net gesichert. Denn eine Unix-Insellösung mit Hardware zu Sonderkonditionen ist für viele industrielle Anwender uninteressant: Sie bleiben auch bei Unix Stammkunden "ihres" Herstellers.

Nicht nur die Branchenriesen, sondern alle Software-Produzenten sollten. Unix eigentlich als ideales Betriebssystem werten. Natürlich bieten die Hersteller von etablierten Produkten "auch" eine Unix-Version. Dennoch ist das Engagement bei den reinen SW-Unternehmen nicht besonders groß.

Die kleineren Häuser erwarten von ihrem Hardware-Partner eine intensive Zusammenarbeit mit der Vertriebsorganisation. Sie sehen dies als Belohnung dafür, daß die Software auf seine Computer abgestimmt wird. Verträge zwischen Softwerkern und HW-Herstellern von Unix-Systemen gibt es genügend. Zum Leben erweckt werden sie allerdings erst, wenn die lokalen Vertriebsbeauftragten von ihrem Nutzen überzeugt sind. Und die Bedenken der VBs gegen leicht austauschbare Unix-Systeme sind zur Genüge bekannt.

Unix dient als Normteil für interne Standards

Unternehmen, die Hardware beziehungsweise Endbenutzerpakete produzieren und ein erfolgreiches Vertriebsnetz aufgebaut haben, nutzen Unix häufig als internes Standardisierungsmittel. Wenn sie auf ein langes Bestehen zurückblicken, sind viele HW- und Betriebssystem-Varianten zu betreuen. Dies läßt sich erleichtern, indem Unix als trennende Schicht zwischen Anwendung und Hardware eingezogen wird. Die Bedienungsoberfläche, mit der der User umgehen muß, verändert sich bei diesem Prozeß meist nicht.

Betriebswirtschaftlich gesehen entspricht dies der Einführung von Normteilen, mit den bekannten Vorteilen wie verminderte Lagerhaltung, weniger Entwicklungsrisiken und mehr Effizienz bei den Mitarbeitern. Auch der Personalengpaß läßt sich mindern, denn Hochschulabsolventen, die heute meist mit Unix vertraut sind, können relativ rasch produktive Aufgaben übernehmen. Ein großes Risiko wird indes eingegangen, wenn Normteile außerhalb ihres ursprünglichen Anwendungsgebietes zum Einsatz kommen. So haben schon zahlreiche Unternehmen für Unix-Anpassungen im Bereich ausfallsicherer Systeme und Echtzeit-Applikationen ein hohes Lehrgeld bezahlt.

Unix-Fans, die zu einer von missionarischem Eifer erfüllten Gemeinde gehören, sehen meist in irrationalen Vorurteilen oder schlichter Dummheit den Grund dafür, daß sich Unix nur bei wissenschaftlich orientierten Informatikern und bei technisch ausgebildeten Entwicklern wirklich durchgesetzt hat. Sie übersehen, daß beträchtliche Zeit vergeht, bis nach einer Umstellung das neue, "bessere" Betriebssystem wirtschaftlicher arbeitet. Dieser angestrebte Effekt stellt sich erst dann ein, wenn soviel Erfahrung mit diesem Produkt vorliegt, daß auch alte, ausgefuchste Spezialisten keine besseren Lösungsvorschläge präsentieren können.

In puncto Beliebtheit und Verbreitung wird Unix eindeutig von seinem "Nebenprodukt" C überstrahlt. Diese Programmiersprache hat inzwischen die weniger populären Sprachen in den Schatten gestellt und nimmt nun auch Fortran beziehungsweise Cobol Marktanteile weg. Gegenüber Pascal, PL/1 und den PL/1-Varianten der Mikroprozessor-Welt setzt sie sich zunehmend durch. So bietet IBM derzeit "C" beim strategischen 4GL-System CSP für kommerzielle Aufgaben an, PL/ 1 hingegen nicht. Im technischen Bereich ist es interessant, daß wesentlich mehr Migrationshilfen von Fortran nach C" angeboten werden als umgekehrt.

Mageres SW-Angebot läßt Engagement verfliegen

Eine ernsthafte Konkurrenz erwächst Unix durch Hardware-unabhängige Datenbank-Management-Systeme und 4GL-Tools. Diese Produkte verlangen keine Festlegung auf ein bestimmtes Betriebssystem und sorgen für Portabilität nahe bei der eigentlichen Anwendung. Die Programmentwicklung und -betreuung ist in der gewohnten Umgebung möglich. Ein weiterer Vorteil dieser Vorgehensweise ist, daß die System-Experten vor allem im Umgang mit dem DBMS-Produkt geschult werden müssen und mit dem Betriebssystem selbst relativ wenig zu tun haben.

In den gewachsenen DV-Abteilungen werden Unix-Spezialisten nur dann gesucht, wenn sich das alte Betriebssystem für neue Anwendungen nicht wirtschaftlich einsetzen läßt. In diesem Fall ist es sinnvoll, Unix in der Ausschreibung fest vorzugeben, denn der Aufwand für die Einführung eines neuen Betriebssystems würde ja in jedem Falle entstehen. Zusätzliche Vorteile sind, daß die eingehenden Angebote einfach zu vergleichen sind und die langfristige Versorgung mit modernen und leistungsfähigen Rechnern weitgehend risikofrei gesichert wird.

Endbenutzer interessiert die Vielfalt des Angebots von Hard- und Software für ihre drängenden Aufgaben. Ihr Unix-Engagement verfliegt, wenn sie nur ein mageres Angebot vorfinden. Angesichts der Tatsache, daß die Paket-Produzenten vor Unix-Investitionen zurückschrecken, schließt sich hier ein Teufelskreis.

Natürlich gibt es auch einzelne erfolgreiche Produkte, bei denen Unix versteckt hinter spezieller Anwendungssoftware oder in Zusammenhang mit Datenbanken als Systembestandteil mitgeliefert wird. Viele Anwender kommen darüber hinaus über MS-DOS-Befehle unbewußt mit Unix-Fragmenten in Berührung. Beachtliche Marktanteile hat sich Unix hingegen im technischen Bereich bei Workstations für CAD erobert. In diesem Branchensektor ist das Betriebssystem wirklich zu einem Standard für qualifizierte technische Anwender geworden.

*Dr. Wolf Dietrich Nagl ist freiberuflicher Unternehmensberater in Kirchheim bei München.