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16.01.1987

Wirtschaftsinformatik - quo vadis?

Professor Dr. Rainer Bischoff, Fachhochschule Furtwangen Fachbereichsleiter Fachbereich Wirtschaftsinformatik Furtwangen

Oft unter Wirtschaftsinformatik verstanden: 2 x 1/2-gebildet oder noch schlechter 3 x 1/3-gebildet = Computer (-Technik) + BWL + Mathematik. Wirtschaftsinformatik wäre danach auch dreidimensional oder, etwas feiner, interdisziplinär; oder noch feiner: Mehrfachqualifikation. Unter Wirtschaftsinformatik-bezogenem Arbeiten verstünde man dann einfach exemplarisches Arbeiten; "mit Fallstudie" liest man oft in Vorlesungsverzeichnissen.

Die öffentliche Hand stellt wenige Wirtschaftsinformatiker ein. Sie holt sich einen Großteil ihres DV-Nachwuchses aus den eigenen Fachabteilungen, indem sie eine Programmierausbildung aufsetzt. Schon wäre man bei der Wirtschaftsinformatik als spezielle Betriebswirtschaftslehre (BWL); was sie zugestandenermaßen rein organisatorisch auch dort sein muß, wo kein eigener Fachbereich Wirtschaftsinformatik existiert. Die öffentliche Hand stellt weniger Wirtschaftsinformatiker ein, da sie unter den (abgesenkten) BAT-Bedingungen nicht zu haben sind!

Der erste Studiengang Informatik in der Bundesrepublik Deutschland wurde 1966 an der TU München eingerichtet, der erste Studiengang Wirtschaftsinformatik 1971 an der Fachhochschule Furtwangen. Betrachtet man die Entwicklung der Curricula seit jener Zeit, vermitteln sie oft ein in weiten Bereichen getreues Abbild des jeweils erreichten DV-Entwicklungszustandes.

Der Charakter der Wirtschaftsinformatik wäre damit ein rein instrumenteller, ähnlich dem des Operations-Research. Die Aufgabenstellung reduzierte sich auf die Übertragung von betriebswirtschaftlichen Aufgabenlösungen auf den Rechner. Das Instrumentarium dazu stammt oft aus der "reinen" Informatik. Die Wirtschaftsinformatik hätte es zu adaptieren und für betriebliche DV-Lösungen aufzubereiten. Die Wirtschaftsinformatik als Adapter?

Zweifelsohne muß das Studium der Wirtschaftsinformatik - sei es im Hauptfach, sei es im Nebenfach - auch handwerkliches Können und Faktenwissen vermitteln. Die vorwärtsführende Technologie zwingt hierbei zu einer dynamischen Anpassung der Wissensvermittlung. Die "Disziplin" Wirtschaftsinformatik hat dabei sicherlich auch die Aufgabe, das zugrunde liegende Handwerkszeug fachspezifisch verfügbar zu machen, sei es auf dem Wege der Übernahme, der Anpassung oder der Weiterentwicklung. Bezogen auf das Faktenwissen hat sie das "Richtige" auszuwählen und aufzubereiten. Letzteres gilt auch für das Handwerkszeug.

Dieses "Richtige" setzt ein eigenes Erkenntnisobjekt der Wirtschaftsinformatik voraus. In den Komponenten Wirtschaftlichkeit und Praktikabilität kann es wohl kaum liegen. Und darf immer noch nachvollziehend übernehmen und allenfalls optimieren, sei es mit Methoden und Faktenwissen aus Informatik und DV-Technologie, sei es die in diesen Richtungen angepaßte Realisierung betrieblicher beziehungsweise betriebswirtschaftlicher Lösungen auf dem Rechner? Gibt es dieses eigene Erkenntnisobjekt?

Bei Existenz eines solchen "Zentrums" würde eine betriebliche Problemlösung nach den "Erkenntnissen der Wirtschaftsinformatik" betrieben werden können. Dies gibt es noch nicht. Bei der Lösung betrieblicher Fragestellungen wird vielmehr in Funktionen, Datenstrukturen (wenn auch in abstrakten) und Algorithmen gedacht; die "reine" Informatik wird ja oft auch als algorithmen- und anwendungsbezogene Methodenwissenschaften bezeichnet. Vereinfacht illustriert: Den Methoden und Algorithmen wird eine Problemlösung überlagert. Der Top-down-, auch der Outside-in-Ansatz sind nur scheinbare Widersprüche hierzu; ist die Unterlage, nämlich zu klein, hackt eben der betriebliche Prokrustes die Beine ab. Manchmal merkt man aber gar nicht, daß dieses Bett komfortabler sein könnte. Der Anwendungsstau ist sicher auch ein Mengenstau. Er ist jedoch wesentlich auch ein Qualitätsstau in dem genannten Sinne.

Das Herunterbrechen eines betrieblichen Problems im Kontext integrativer Verflechtungen - und ganz besonders nicht nur datenmäßiger Verflechtungen und Abhängigkeiten (löst der Mensch Informationsverarbeitungsaufgaben wirklich datenorientiert? Man denke an die neueste KI-Forschung!) - auf eine logische Meta-Ebene, die die einzelnen Elemente der Problemstruktur und mögliche Lösungsstrukturen offenlegt, die dann mit der existierenden DV- und Organisationstechnologie (im weitestens Sinne) einer "zu dieser Zeit" möglichen Problemlösung zugeführt werden - das ist Wirtschaftsinformatik. Im besonderen ist dies die Aufgabe der Forschung in der Wirtschaftsinformatik, die damit offensichtlich ganz wesentlich anwendungsorientierter Art sein muß (Forschung an der Entwicklung). Aus der interdisziplinären Wissenschaft Wirtschaftsinformatik wäre - oder ist - eine eigenständige Wissenschaft geworden; durchaus mit wohldefinierten Schnittstellen zu anderen Wissenschaften, deren Erkenntnisobjekt von einer umfassenden humanen Problemlösung angesprochen wird.

Im Sinne dieser Zielrichtung sollte der Student der Wirtschaftsinformatik "geimpft"

werden. Die zunehmende Mündigkeit des Anwenders, für den Wirtschaftsinformatiker oft der EDV-orientierte Betriebswirtschaftler, kann ihn in der Praxis von den Aufgaben befreien, die er bis jetzt stellvertretend für den Anwender (Benutzer) erledigen muß. Er kann sich Problemlösungen und nicht nur Programmlösungen widmen.

Der Wirtschaftsinformatiker der Zukunft ist in der Praxis auf diese Weise Analysator, Rekonstrukteur (auf der genannten Meta-Ebene) und Planer. Er ist ganz wesentlich Promotor. Er zeichnet sich aus durch

* das generelle Wissen über das Zusammenspiel aller betrieblichen Daten und Aufgaben;

* die Kenntnis des Informationsversorgungsaspektes im humanen, technologischen und wirtschaftlichen Bezug;

* die aus der Problemstrukturierung heraus basierte Komponente "Beratungs- und Beurteilungsfunktion dem Benutzer" gegenüber;

* durch die Fähigkeit, betriebliche Aufgaben problemlos adäquat strukturieren und auf die jeweilige Hardware und Software-Technik abbilden zu können und

* durch die Fähigkeit, diesen Abbildungsprozeß von der Problemstrukturierung her werten zu können.