Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

06.08.1999 - 

Forschung und Technologietransfer/Online-Transfer: Ein Weg mit Hindernissen

Wissen ist reichlich vorhanden - es hapert an der Vermarktung

In deutschen Forschungseinrichtungen hat jeder seinen Internet-Zugang, auch E-Mail wird untereinander kräftig genutzt. Beides soll den Austausch zwischen Forschern und Entwicklern und sogar Unternehmen vereinfachen, doch in der Realität hapert es hier noch gewaltig. Gerda von Radetzky* durchforstete deutsche Forschungseinrichtungen auf der Suche nach Beispielen geglückten Technologietransfers.

"Technologietransfer ist die Fortsetzung der Erfindung mit anderen Mitteln, jedoch nicht weniger kreativ." Dieser Spruch ziert die Homepage der Vermarktungsfirma der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), der Garching Innovation GmbH (GI). Die MPG setzte bereits auf ihrer eigenen Homepage einen Link zur GI. Um aber an die Technologietransferstellen derer zu kommen, die früher "Großforschungseinrichtungen" genannt wurden und heute "Deutsche Forschungszentren" heißen, bedarf es einiger Kreativität. Gemeint sind die 16 Einrichtungen, die unter dem Dach der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschunggesellschaften (HGF) zusammengeschlossen sind (siehe Kasten). Der Namenswechsel ist auch Zeichen des technologischen Wandels: Einrichtungen wie die GMD Forschungszentrum Informationstechnik GmbH haben gar keine Großgeräte mehr. In St. Augustin, dem Sitz von GMD, gibt es nicht einmal mehr ein Rechenzentrum. Große Rechenleistung wird auf Superrechnern gemietet.

Zu den Großforschern zählt heute neben HGF und MPG auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Ihnen allen gemeinsam ist, daß sie von Bund und Ländern finanziert werden. Auch weisen sie den gleichen Hintergrund auf: War früher kaum ein Forscher daran interessiert, seine Ergebnisse zu vermarkten, so sind heute in Deutschland "Technologietrans- ferstellen" eingerichtet. Dabei geht es nicht um den Transfer der reinen Technik-Lehre, sondern um die Vermarktung von Know-how, Ergebnissen und Verfahren.

Die größte Hürde umschreibt Wolfgang Heidrich, zuständig für den Technologietransfer am Forschungszentrum Jülich, so: "Wir haben eine relativ erstarrte Gesellschaft. Die ist nur bedingt wandlungsfähig. Wir verforschen lieber ''ne Mark; Transfer hat nur Alibifunktion nach außen, er darf innen nicht stören." Dennoch will er das Marketingdenken in die Köpfe der Entwickler bringen. Und zwar mit "Step", einer 1996 unter Federführung der HGF mit der Deutschen Messe AG auf der Industriemesse Hannover begonnenen Initiative. Wer Know-how sucht, füllt über die Homepage einen Fragebogen aus. Step leitet die Anfrage an angeschlossene Institute weiter. Forscher erfahren hierdurch, wo Bedarf ist - ein wechselseitiges Geben und Nehmen sollte stattfinden. Die Nachfrage ist freilich bescheiden. Heidrich führt dies unter anderem darauf zurück, daß Step nicht bekannt ist. Wie sollte es auch! Sucht man mit einschlägigen Suchmaschinen nach Step, erscheint die Adresse www.fz-juelich.de/step nicht, und auch der Verweis auf die Site des Internet-Dienstes "idw", der einen direkten Link zu Step hat, taucht nirgendwo auf.

Seit Jahren bemüht sich die Technische Universität Clausthal-Zellerfeld, mit dem Dienst "idw" (idw.tu-clausthal.de) Wissenschaftler und Anwender jedweder Couleur - Industrie, Forschung, Medien - zusammenzubringen. Die Autorin dieses Beitrags gab eine Anfrage auf mit der Bitte um Kontakt zu "Technologietransferstellen bei Forschungseinrichtungen" unter Ausschluß von der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) und sämtlicher Universitäten. Auch der Grund, nämlich das Thema "Technologietransfer und Neue Medien" in der Computerwoche behandeln zu wollen, war genannt. Seither sind wir im Presseverteiler einer "Frauenstelle" an der Universität Bielefeld.

Beim zweiten Versuch mailten die 16 HGF-Gesellschaften direkt. Der Erfolg beider Aktionen: Sechs relevante Kontakte. Obendrein meldete sich die Biologische Bundesanstalt Braunschweig (www.bba.de). Die zur HGF gehörende Braunschweiger GBF hingegen schwieg.

Unter den HGF-Instituten ragt GMD insofern heraus, als es sich fast ausschließlich mit Multimedia- und Kommunikationstechniken beschäftigt. August Tepper, im Vorstand zuständig für die Koordination von Forschung und Entwicklung, betont, daß Projekte mit der Industrie notwendig sind, bei denen das gemeinsame Interesse schon den Beginn der Forschungsarbeiten prägt. Die GMD bietet ausführliche Informationen online. In der letzten Juniwoche wurde auf den Server in St. Augustin (die Niederlassungen in Berlin und Darmstadt haben eigene Server) knapp 300 000mal zugegriffen. Der zentrale FTP-Server wird dieses Jahr voraussichtlich 2,5 Millionen Files versenden. Es gibt allerdings keine Rückmeldung, welche Kooperationen aufgrund eines Besuchs der Internet-Seiten zustandegekommen sind. Die Homepage verfügt über eine Suchmaschine, die zum Beispiel bei einem Begriff wie "Roboter" den Link zum Institut für Autonome Intelligente Systeme (AiS) aufführt. Jedes Institut wiederum weist gezielt auf die Produkte hin, die es im Angebot hat.

GMD arbeitet anwendungsrelevant. Deutlich wird dies in den Kooperationen mit Unternehmen, wobei im vergangenen Jahr 197, das heißt 80 Prozent der 240 Vereinbarungen auf Kommunikationsverfahren und multimediale Systeme entfielen. "Eine zunehmend wichtiger werdende Trans- ferschiene ist die Ausgründung", so Tepper. GMD unterstützt Spin-offs vor allem durch einen Technopark (www.technopark. gmd.de). Abgesehen von einer modernen Telekommunikationsinfrastruktur können die Unternehmen GMD-Labors mitbenutzen. Seit vergangenem Jahr entstanden 18 Spin-offs, für dieses Jahr erwartet Tepper sechs weitere Gründungen. Im Technopark ist zudem die Fachhochschule Rhein-Sieg angesiedelt.

Schon gibt es Erfolgsstories. Ende Januar erwarb die zur Deutschen Bank gehörende Gesellschaft für Finanzmarketing (GEFM) GmbH, Eschborn, eine Mehrheitsbeteiligung an der Secude GmbH. Diese wurde 1996 als Spin-off der GMD-Karlsruhe gegründet und bietet Lösungen zur sicheren Kommunikation über offene Netze für Entwickler und Nutzer an, auch mit Smartcards. Das jüngste Unternehmen meldete sich Anfang Juli: Mitarbeiter von GMD-Fokus gründeten die Agentscape GmbH. Um ihre Produkte schnell auf den Markt zu bringen, taten sich die Berliner mit Popnet, einer Hamburger Agentur, zusammen - so entstand die Popnet Agentscape AG. Je 40 Prozent liegen bei Agentscape und PopNet, 20 Prozent hält der Hamburger Unternehmer Gottfried Neuhaus, Geschäftsführender Gesellschafter der Techno Nord VC GmbH.

Am "Market Monitor" wird noch gearbeitet

Mit Agenten-Software sollen Angebot und Nachfrage gezielt zusammengeführt werden können. Der britische Marktforscher Ovum prognostiziert dem Markt für Agenten-Technologie Umsatzsteigerungen von derzeit 19 Millionen auf 4,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2006. Agentscape will seine Agenten-Software Ende 1999 einführen. Dem Problem des Suchens und Findens widmet sich die GMD auch in Zusammenarbeit mit dem Spin-off "Human IT". Zur Zeit wird an der Software "Market Monitor" gearbeitet. Damit sollen bei der Online-Suche nicht, wie bisher, nur Links zur Industrie auftauchen, sondern auch zu relevanten Forschungseinrichtungen. "Dieser Weg umgeht das Problem der Hol- beziehungsweise Bringschuld auf intelligente Weise und erleichtert den Technologietransfer", so Tepper. Das setzt allerdings voraus, daß die Forscher ihre Ware über das Internet zur Verfügung stellen. Und das tut längst nicht jeder.

Am Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) haben die Mikrofertigungstechniker ein neues Produkt, nämlich das Forschungszentrum Karlsruhe Industrieforum (FIF) ins Internet gestellt. In einem "User-Club", der bisher sieben Mitglieder aus der Industrie hat, soll "die geballte Ladung unseres Expertenwissens unseren Industriepartnern zur Verfügung gestellt werden", so Rüdiger Czolk, Leiter von FIF. Er möchte die Bedürfnisse des Marktes frühzeitig kennenlernen, damit die Forschung darauf eingehen kann.

Wesentlich für ihn ist, die Hemmschwelle zu überwinden, die zwischen kleinen und mittelständischen Betrieben einerseits und Forschern andererseits existiert. Er will eine gemeinsame Sprache finden, Vertrauen schaffen. Dazu wird gerade eine Datenbank aufgebaut, die für Mitglieder über den User-Club freigeschaltet wird. FIF soll einen unbürokratischen Kontakt zwischen den Mitgliedern schaffen. Czolk hofft, daß die Mitglieder über den User-Club untereinander Kontakt aufnehmen und daß das System schließlich ein Modell für jeglichen virtuellen Know-how-Transfer des FZK wird. Für Axel Polak, Leiter der Innovative Technologien Neuherberg GmbH, der für die GSF zuständigen Vermarktungsfirma, ist das Internet "ein wesentliches Element des High-Tech-Marketing", es soll Anfang 2000 "als Instrument" herangezogen werden.

Keine Hinweise auf eigene Lifescience-Site

Einen anderen Weg schlug die GSF im Bereich Biotechnologie ein. Mit dem Burda Verlag und Geld vom Bayerischen Wirtschaftsminister ging www.lifesciences.de, ein rein virtueller Auftritt, im Mai ans Netz. Die Plattform soll das "public understanding of sciences" fördern. Doch unprofessionell ist das Marketing auch hier: GSF gibt keinen einzigen Hinweis auf die eigene Lifescience-Site.

Die Informationen über HNB erhielten wir von der Vermarktungsstelle des MDZ, der BBB Biomedizinische Forschungscampus Berlin-Buch GmbH. Sie wurde 1995 vom MDC gegründet mit dem Zziel, damit Forschungsergebnisse aus den Labors und den Kliniken schnell und effektiv einer wirtschaftlichen Nutzung zuzuführen. Um für junge Unternehmen optimale Bedingungen zu gewährleisten, errichtete BBB ein Innovations- und Gründerzentrum, das im September 1998 offiziell eröffnet wurde. Heute arbeiten auf dem Campus 29 Firmen. Von Lizenzfragen bis zum Betrieb des Campusnetzes reichen die Aufgaben intern, nach außen werden Geldgeber und Industriepartner vermittelt.

Das Argument, Forschungsgegenstand des Instituts sei nicht die IuK-Technik und deshalb sei das Internet auch kein Thema, zieht nicht. Dorothee Lux vom UFZ Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle: "Seit November 1998 gibt es die Technologietransferstelle, seither ist der Kontakt zur Industrie deutlich intensiver geworden." Derzeit ist sie dabei, einen "Leistungskatalog" mit Kooperations- und Lizenzangeboten ins Internet zu stellen.

Auch Dorothee Rück von der GSI Gesellschaft für Schwerionenforschung sieht eine ihrer wesentlichen Aufgaben der seit dem 1. März existierenden Transferstelle darin, daß "Geld reinkommt" - über Lizenzverträge, über Dienstleistung an Geräten und über F&E-Verträge mit der Industrie. Derzeit baut sie eine Site für den Technologietransferaus auf. Die Gruppe der Adressaten ist klein. Rück kennt die Handvoll Firmen, der Transfer funktioniert über die Köpfe, und der Kontakt findet hauptsächlich in Form persönlicher Besuche statt. Darüber hinaus setzt sie auf das Internet und auf Messen. Auch das Hahn-Meitner-Institut (HMI) hat für die Industriekooperationen mit der Pharma- und der Energiebranche eine auf Internet-Technologie basierende Software zur Projektverfolgung selbst entwickelt. Auch bei der "Arbeitsgemeinschaft Solare Materialien", die aus dem HMI heraus gegründet wurde, läuft der Informationsaustausch mit einer eigenen Anwendung über das Web.

Angeklickt

Erste Kontakte auch beim Technologietransfer lassen sich erstaunlich gut und in großer Menge über das Internet anbahnen. Plattformen stellen alle Großforschungseinrichtungen zur Verfügung und sparen dabei weder mit Links zu anderen relevanten Institutionen noch mit eigenen Informationen. Natürlich geht es zunächst nur um die Anbahnung von Kontakten. Bis zum virtuellen Marktplatz für innovatives IT-Know-how, wie ihn derzeit die rührigeren Amerikaner bereits planen, wird es in Europa ein paar Jahre länger dauern - wie immer halt.

*Gerda von Radetzky ist freie Journalistin in München.