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02.06.1995

Wissenschaftler kritisiert deutsche Unternehmen Software-Engineering wird dem Ingenieursansatz kaum gerecht

MUENCHEN (CW) - Deutsche Fuehrungskraefte sehen Software in erster Linie als Kostenverursacher und als notwendiges Uebel, weniger als Innovationsfaktor. Diese Denkweise ist gefaehrlich, da sie verkennt, wie stark die Wirtschaft von der Software-Entwicklung abhaengt. Mit dieser These konfrontierte der hochdekorierte Muenchner Informatikprofessor Manfred Broy die Teilnehmer einer Management-Tagung der Diebold Deutschland GmbH.

In deutschen Unternehmen wuerden die Chancen, die in der professionellen Entwicklung von Anwendungs-, System- und Embedded- Software laegen, zuwenig gesehen. Nur langsam dringe die Bedeutung der weichen Ware in das Bewusstsein der Verantwortlichen - so geschehen bei der Siemens AG, die herausgefunden habe, dass sie 50 Prozent ihrer Wert-schoepfung aus Software ziehe. Zudem sei das Niveau des Software- und System-Engineerings hierzulande weit von den klassischen Ingenieurswissenschaften entfernt.

Software diene nicht nur Rationalisierungszwecken, sie sei ein wesentlicher Innovationsfaktor bei der Entstehung neuer Produkte. Zusaetzliche Funktionalitaet werde ueberwiegend durch den Einsatz entsprechender Programme erzielt.

"In vielen Unternehmen werden alte, unzuverlaessige, schlecht strukturierte Programmiersprachen genutzt", charakterisierte Broy die "eigenartigen Verhaltensweisen mancher Firmen". Fuer eine eigens entwickelte Programmiersprache, die sich seiner Ansicht nach besser als alle marktgaengigen Produkte zur Entwicklung verteilter Anwendungen eignet, koenne er dagegen kaum einen Pilotanwender finden.

Auch das aktuelle Niveau des Software-Engineerings griff der Informatiker an. Waehrend Bauingenieuren die Beherrschung der Schluesselfak-toren Kosten, Qualitaet und Termine als Basis jeden Erfolgs gelte, haetten derlei Kriterien fuer Software-Ingenieure noch immer kaum Relevanz. "Die vorhandenen Systeme sind viel zu kompliziert. Es fehlt an billigen, sauber gemachten, benutzerorientierten Produkten", monierte Broy.

Hohe Produktionskosten und "Over-Engineering" seien fuer die Softwarewelt - nicht zu letzt fuer PC-Anwendungssoftware - typisch. Zu komplexe Programme erreichten den Kunden, deren Funktionalitaet nur zu rund zehn Prozent genutzt werde und die zu viele ueberfluessige "Gimmicks" enthielten.

Was die Anwendung wissenschaftlicher Methoden angehe, seien die Grundlagen oft nur unvollstaendig erarbeitet worden. So halte beispielsweise die verfuegbare Literatur zum Thema Objektorientierung einer kritischen Lektuere keine fuenf Minuten stand. Ausserdem werde bei der Erzeugung von Softwareprodukten nicht genug Wert auf Wiederverwendbarkeit gelegt. Man muesse ein Belohnungssystem einfuehren fuer Entwickler, die wiederverwendbare Produkte schafften oder vorgefertigte Komponenten verwendeten.

Broy haelt die konservative Grundhaltung und die eingeschraenkte Kompetenz der Entscheider fuer einen der wichtigsten Hinderungsgruende beim Ausbau der Softwaretechnik. Hinzu komme, dass der Wettbewerb hauptsaechlich durch Politik und Marketing, nicht durch technische Qualitaet bestimmt werde. Das sei kaum verwunderlich, denn noch immer gebe es zu wenig Verfahren und Messinstrumente, um die Produktivitaets- und Qualitaetsstrukturen von Software zu messen.

Als zukunftsweisenden Trend im Software-Engineering fuehrte der Informatikprofessor die Prozessorientierung ein. "Wir brauchen neue Vorgehensmodelle, die prozessorientiertes Arbeiten ermoeglichen", forderte Broy. Mehr Anwendungsorientierung koenne durch staerkere Kundenorientierung und das Einbeziehen von Benutzern sowie durch angemessene Modellierungs- und Programmiertechniken erzielt werden, wie sie die Objektorientierung biete. Hier muessten sich Prototyping-Ansaetze durchsetzen, die nicht nur die Benutzeroberflaeche, sondern die komplette Funktionalitaet eines Programms betraefen.

Broy entwickelte die Vision einer Software- und Systemtechnik, die den Ansatz einer Multi-Sichten-Modellierung verfolgt. Fuer Ablauf- (Process Modeling) und Aufbaumodellierung (Component Modeling) sowie Zustandsuebergangs- (State Transition Modeling) und Schnittstellen-Modellierung (Interface Modeling) gebe es keine einheitlichen Verfahren. Von einer Integration der Modellierungsarten koenne schon gar nicht die Rede sein. Lediglich bei der Datenmodellierung (Information Structure Modeling) habe sich mit der Entity-Relationship-Methode ein Quasistandard herausgebildet. Allerdings saehen die entstehenden Datenmodelle, Schnittstellen und Kulturen so unterschiedlich aus, dass eine enge Kooperation zwischen grossen Firmen einschliesslich des elektronischen Datenaustauschs oft schwerfalle.

So kann die Softwarekrise ueberwunden werden*:

1. Verstaerkte Ausbildung in Software- und Systems-Engineering;

2. staerkere Verbindung von Forschung und Anwendung;

3. gezielte Anstrengungen zur Verbesserung der Methoden;

4. unternehmensuebergreifende Softwarestrategien;

5. hoehere Innovationsbereitschaft durch Anreize;

6. bessere, umfassende Modellierungstechniken;

7. Verbesserung des Kenntnisstands von Anwendern und Entscheidern.

* nach Manfred Broy