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20.10.1989

Wohin führt das Hersteller-Bundling?

Dieter Jenz, Geschäftsführer der Jenz & Partner GmbH, Bad Homburg

Das "Bundling", die kostenlose Dreingabe von Software, schien Mitte der siebziger Jahre endgültig vom Tisch zu sein. In jüngster Zeit ist jedoch festzustellen, daß die großen Hardware-Hersteller das Software "Bundling" in verschiedenen Variationen mit Macht wieder einführen. Auch das zwar nicht gänzlich kostenfreie, jedoch konkurrenzlos kostengünstige Anbieten von Software kann getrost dieser Kategorie zugerechnet werden.

Der Aufschrei der Software-Branche ertönte zwar bereits, war aber in der öffentlich hörbaren Tonstärke zu leise und damit der Problematik nicht angemessen. Scheut man sich etwa, das eigene Unternehmen in den Augen der Kunden als direkt betroffen darzustellen? Immerhin ist auf der Ebene der Verbände der Protestzug bereits in Bewegung geraten.

Licht - sehr viel Licht - kommt ins Dunkel wenn die Frage gestellt wird: Was hat zu dieser Maßnahme geführt und warum kommt sie gerade jetzt?

Die Strategien der Hardware-Hersteller, die gleichzeitig immer auch Software-Anbieter sind, müssen eine Reihe von Fakten berücksichtigen, die die nächsten Jahre bestimmen.

Erstens: Der Schwerpunkt zukünftiger DV-Investitionen wird sich hin zu intelligenten Arbeitsstationen verlagern. Das Mikrocomputer-Segment wird weiterhin wachsen, während Minis und Mainframes zunehmend reine, "Server" -Funktionen übernehmen, sei es zum Beispiel als Netzwerk-"Server" oder als Datenbank-"Server".

Zweitens: Computersysteme mit der geforderten Leistung sind in ausreichenden Mengen verfügbar. Eine Marktbereinigung muß zwangsläufig erfolgen, sie ist bereits in vollem Gange. In deren Verlauf werden Preiskämpfe geführt, die sich auf die Ertragslage aller DV-Hersteller negativ auswirken.

Drittens: Unix setzt sich zunehmend auch in kommerziellen Anwendungen durch. Die Hinwendung zu Unix ist nach heutiger Betrachtung irreversibel. Für die DV-Hersteller bedeutet dies, daß die Bindung von Hardware und Betriebssoftware langfristig gelöst wird. Herstellern droht die Substituierbarkeit.

Viertens: Für die Anwendung tritt das Betriebssystem immer mehr in den Hintergrund. Betriebssystem-Spezifika finden sich nur noch zu einem kleinen Teil in Anwendungen wieder. Standardisierte Bedieneroberflächen, Datenbank-Abfragesprachen, etc. fungieren als Schicht zwischen Betriebssystem und Anwendung.

Fünftens: Die Zukunft wird vom Zusammenwirken verschiedener Hardware-Systeme und Betriebssysteme in Netzwerken bestimmt sein. Der Lebenszyklus der Hardware wird sich wieder verlängern.

Sechstens: Die bisher sicheren Ersatzinvestitionen in leistungsfähigere Hardware desselben Herstellers gehen verloren. Die Zukunft wird hauptsächlich durch Erweiterungsinvestitionen geprägt sein, wobei jedoch zumeist mehrere Hardware-Hersteller mit vergleichbarem Leistungsangebot um die Gunst der Kunden buhlen werden.

Angesichts dieses Szenarios müssen die Hersteller damit leben, daß sich zukünftige Umsätze nicht mehr ohne weiteres aus den früheren hochrechnen lassen. Die Marktchancen insbesondere der Hersteller von Großsystemen wären in den wichtigen Märkten der Zukunft begrenzt, zumindest jedoch sehr gefährdet. Sie können deshalb nicht das Risiko eingehen, in Zukunft weiterhin auf ihre proprietären Betriebssysteme zu

setzen.

Hersteller können nur dann die Kontrolle über den Markt behalten, wenn es ihnen gelingt, herstellerspezifische System-Software ins Betriebssystem zu integrieren. Nur dann haben sie die Chance, ihre eigentlichen Besitzstände, sprich die gewichtig und

überproportional zum Unternehmenserfolg beitragenden Großsysteme, wirkungsvoll zu schützen und diese auch weiterhin bei ihren Kunden unterzubringen.

Die Herstellerseite trifft außerdem auf eine gegenüber früheren Jahren viel schwerer wiegende Komplikation. Internationale Standards werden von Anwenderseite immer stärker gefordert, denn Anwender wollen die tiefgreifende Abhängigkeit von den Hardware- und Software-Herstellern nicht länger hinnehmen. Für den Anwender bringen Standards vordergründig den gewünschten Effekt der Substituierbarkeit von Anbietern. Portable Software verlängert den Lebenszyklus der Anwendung und erlaubt die kostenmäßig attraktive Ausnutzung aller technologischen Innovationen.

Die großen Hersteller haben sich daraufhin zu einem zwiespältigen Vorgehen entschlossen. Einerseits müssen sie nach außen hin Bekenntnisse zu Standards ablegen, andererseits kann es jedoch nicht im geringsten in ihrem Interesse liegen, ihre Kunden wirklich in die Unabhängigkeit zu entlassen. Die Kraft der Hersteller, sich gegen allgemein verbindliche Standards zu stemmen, reicht aber allenfalls noch zu einer Verzögerung, eine Verhinderung ist nicht mehr möglich. Der Druck von Großanwendern und Institutionen, die ja ebenfalls in den Standardisierungsgremien mitarbeiten, sorgt für den stetigen Fortschritt der Standardisierungsbemühungen. Hersteller haben zwei Möglichkeiten, auf diese Situation zu reagieren. Sie können in den Normungsgremien als Bremser wirken und gleichzeitig verabschiedete Standards in wichtigen Punkten übertreffen. Damit wird eine Spaltung des Standards in einen offiziellen und in einen Industrie-Ständard herbeigeführt. Da dies allein jedoch nicht ausreicht, sind sie deshalb dringend darauf angewiesen, wichtige Schlüsselbereiche mit eigenen Produkten zu erschließen und schließlich zu dominieren. Sie müssen versuchen, rechtzeitig die Kontrolle über das gesamte Netzwerk zu gewinnen. Zum einen geht dies über die Datenbank-Software, zum anderen über die Kommunikations-Software.

Gerade in diesen Bereichen ist denn auch Zurückhaltung der großen Hardware-Hersteller zu spüren, wenn es um die Förderung von Standards geht. In der Tat lassen sich gerade durch "Bundling" von Datenbank- und Kommunikations-Software mit dem Betriebssystem die langfristigen Bande mit dem Anwender besonders eng knüpfen. Datenbanksysteme werden zunehmend auch Schnittstellen zu vielen anderen wichtigen Komponenten besitzen, so zum Beispiel zum Netzwerkmanagement-System, zum "Repository" etc.

Hersteller können ihre Einbußen kompensieren

Diese Strategie läßt sich absichern, indem das Angebot an Standard-Software auf angrenzende Bereiche wie zum Beispiel Bürokommunikations-Software ausgedehnt und Integrationsmöglichkeiten geschaffen werden. Auf diese Weise kann verhindert werden, daß Fremdsoftware allein aufgrund besserer Leistungsmerkmale zum Zug kommt.

Gleichzeitig kann das eigene Angebot immer noch in der Summe preisgünstiger ausfallen als das der unabhängigen Softwareanbieter. Den Herstellern, die das "Bundling" unterstützen, ist damit gleichzeitig auch die Möglichkeit gegeben, einen Teil ihrer vordergründigen Ertragseinbußen zu kompensieren. Die Hersteller werden somit mit Sicherheit das Softwareangebot mit Schnittstellen zu "gebündelter", strategischer Software stark ausbauen.

Hardware-Hersteller müssen als eine ernste Bedrohung empfinden, wenn homogene Netzwerke zunehmend zu heterogenen migrieren. Die Devise muß deshalb lauten, über den "Server" möglichst das gesamte Netzwerk zu kontrollieren. Der Herstellstrategie ist es deshalb - zumindest derzeit - nicht förderlich, Standards in diesem Bereich (OSI-Netzwerkmanagement) offensiv zu unterstützen. Über Netzwerk-Management-Software lassen sich - zumindest für den "Server" zutreffend - durchaus Hersteller von Fremdhardware ausbooten, indem keine Unterstützung im Problemfall gewährt wird. Der Zweck, Software und Hardware eng miteinander verknüpfen, ist erreicht.

Im zweiten Bereich, dem der relationale Datenbanksysteme spielt sich ähnliches ab. Aus de Blickwinkel der Anwender haben relationale Datenbanksysteme weit mehr als nur Werkzeugcharakter. Ihnen kommt in Verbindung mit der Softwareentwicklungsumgebung strategische Bedeutung zu. Entscheidungen in diesem Bereich wirken stets langfristig. Wer sich heute für ein Datenbanksystem entscheidet, muß davon ausgehen, daß er dieses während des gesamten Lebenszyklus der Anwendung einsetzt. Der Grund: Den Datenbank-Herstellern ist es gelungen, trotz eine existierenden Standards (SQL) echte Portabilität zu verhindern. Damit sind die besten Voraussetzungen geschaffen, um in einer verteilten Umgebung über alle Datenbanken die Kontrolle zu erringen.

Das Zusammenwirken von heterogenen Datenbanksystemen in Netzwerken ist insbesondere Großunternehmen auf der Anwenderseite eine der Herausforderungen der nächsten Jahre. Die bisher vorhandenen Inkompatibilitäten der Datenbanksysteme, die eine enge Bindung an den Hersteller verursachen, müssen ihre Auswirkungen auf die DV-Bugets verlieren. Standardisierungsgremien sind derzeit damit beschäftigt, das Protokoll zum

Datenaustausch ("Remote Database Access") zu definieren. Die großen Hersteller halten sich jedoch in diesem Bereich mit Commitments zurück, wohl wissend, daß sie damit langfristig ihre eigene Installationsbasis gefährden würden. Sie werden sich erst dann die Spitze der Bewegung setzen wenn die eigene Position genügend gestärkt ist.

Es zeichnet sich bereits ab, daß die Hersteller in einem nächsten Schritt auch die Kontrolle über die Anwendungsentwicklungsumgebung ihrer Kunden gewinnen wollen. Wegbereiter dazu ist das "Repository", ein Medium zur zentralen Ablage aller Informationen eines Unternehmens, dem Informationsmodell. Der Entwickler wünscht sich fast nichts sehnlicher als diese gemeinsame Informationsbasis für alle Werkzeuge, um den Entwicklungs- und Wartungsprozeß dereinst durchgängig unterstützen zu können. Die notwendigen Investitionen zu Entwicklung eines "Repository" sind immens und auch von

bedeutenden Software-Herstellern alleine kaum zu leisten. Von daher wären die Voraussetzungen ideal, um ein "Repository" herum herstellerspezifische CASE-Werkzeuge zu "bundeln". Wirklich erforderlich wäre das "Bundling" nicht, da ohnehin nur ein Anbieter-Oligopol existiert. Gleichwohl ließen sich die eigenen Betriebssysteme zum Nachteil von Unix stützen. Unabhängige Software-Hersteller werden auf Druck der Anwenderbasis die Schnittstellen zum jeweiligen "Repository" bereitstellen müssen. Damit unterminieren sie jedoch die eigene Marktposition, denn die eigenen System-Kataloge boten durch Inkompatibilität bisher einen gewissen zusätzlichen Schutz.

Die Auswirkungen, die sich durch "Repositories" in der Hand einiger weniger Hersteller auf die gesamte Software-Branche ergeben werden, können nur als gewaltig bezeichnet werden. Es hat nichts mit der sprichwörtlichen Lust am Untergang zu tun, wenn an dieser Stelle die Befürchtung geäußert wird, daß mittel- und langfristig mit der Verfügbarkeit einer durchgängigen CASE-Umgebung - ob "gebundelt" oder nicht - für ganze Branchensegmente (zum Beispiel 4G-Sprachen) das "Aus" kommen wird.

Auch Hersteller profitieren von Standards

Wie sieht die Zukunft der "Bundler unter den Herstellern aus? Zunächst haben Bekenntnisse zu Standards für die Hersteller durchaus auch ihr Gutes. Den Entscheidem auf Anwenderseite wird eine vordergründige, mindestens funktionale Identität mit Wettbewerberangeboten auf Basis des Standards vorgeführt. Wettbewerber können sich mit ihren Produkten allenfalls noch kurzfristig über einen oder zwei Releasestände hinweg wesentlich abheben, preislich schon gar nicht - zumindest nicht auf der Grundlage der offiziellen Preisliste. Langfristig ergeben sich für die "Bundler" keinerlei Nachteile; denn wenn erst das Heer der Wettbewerber auf ein Häuflein zusammengeschmolzen ist, läßt sich das Sicherheitsdenken des Anwenders für die eigenen Zwecke nutzen. Eine Eigendynamik zugunsten der Produkte des Quasi-Monopolisten entsteht. In anderer Sache und unter anderen Vorzeichen: Gab es da nicht einmal eine Fülle von TP-Monitoren unabhängiger Anbieter für /370-Systeme? Schlußendlich kann man, nachdem der Markt erobert wurde, bei hohen Installatiönszahlen das Innovationstempo reduzieren und über die Wartungsgebühren sowie zusätzlich installierte Hardware langfristig die über die Lizenzgebühren ausgefallenen Erträge wieder hereinholen.

Die "Bundler" werden also beileibe nicht zur armen Kirchenmaus. Software für Systeme (vornehmlich Großsysteme), die nicht direktem Wettbewerbsdruck unterliegen, bleibt außerdem vom "Bundling" ausgespart. Das Instrument "Bundling" wird nur dort eingesetzt, wo es der Eroberung der Märkte dienlich ist.

Welche Konsequenzen ergeben sich für unabhängige Anbieter von System-Software? Für alle Unternehmen, die in den Bereichen, die die großen Hardware-Hersteller als strategische Schlüsselbereiche betrachten, Software anbieten, fällt die Antwort eindeutig aus: Ihnen wird in Zukunft ein scharfer Wind ins Gesicht blasen, denn die Maßnahmen der Bundler" führen zu einer vorzeitigen - oder besser ausgedruckt: unzeitigen - Marktbereinigung. Die "Ein-Produkt"-Unternehmen werden es am schwersten haben, denn für sie geht es um das nackte Überleben. Die Gefahr, daß der Preiskampf sehr bald auch über die bisher weitgehend unangetastet gebliebenen Software-Wartungsgebühren geführt wird, ist abzusehen. Ein weiteres kommt hinzu: das Interesse der Hersteller von Standard-Anwendungssoftware geht bei schwindender Marktbedeutung verloren.

Heil in der Diversifikation

Die betroffenen Firmen werden ihr Heil in der Diversifikation suchen oder ihr Produkt in Software-Gesamtlösungen (vertikale Systemsoftware) einbringen müssen. Besser gewappnet sind solche Unternehmen, die rechtzeitig eine Diversifikation in Bereichen wagten, die nicht direkt von den Hardware-Herstellern bedroht werden.

Was bedeutet dies für den Anwendet? Das DV-Management gerät zunehmend unter Rechtfertigungsdruck, wenn es um die Anschaffung von Software unabhängiger Hersteller geht, die sich in der Funktionalität nicht wesentlich unterscheidet. Auf kurze Sicht entlastet "Bundling" zwar das Budget, auf lange Sicht gesehen begibt sich der Anwender jedoch erneut in die Abhängigkeit des Herstellers.

Qualitative Aspekte unterliegen Kostenüberlegungen, denn vordergründig stehen fünf- und sechsstellige Beträge zur Debatte. Nichts fördert jedoch die Dynamik von qualitativen wie funktionalen Verbesserungen und Erweiterungen so sehr wie der Wettbewerb. Durch "Bundling"-Maßnahmen wird der Markt quasi-dirigistisch beeinflußt und wichtiger Korrektive beraubt.

Der am Ende dieser Entwicklung geringere Innovationsdruck führt dazu, daß der Anwender die Zeche trotzdem zahlt: Erstens über die Wartungsgebühren, für die er weniger Gegenleistung erhält, zweitens über das nicht "gebundelte" Software-"Drumherum", das er zusätzlich benötigt und drittens über zusätzliche Hardware, die erforderlich ist, um die Performance nicht zu verlieren.

Kann das "Bundling" somit im Sinne der Anwender sein? Die Antwort lautet: Nein! Wird sich der in Gang gekommene Prozeß aufhalten lassen? Abgesehen von eventuellen Anti-"Bundling"-Gerichtsbeschlüssen auf supranationaler Ebene: Sicherlich nicht, denn zu oft dominieren in den Unternehmen Kostenaspekte gegenüber langfristigen strategischen Überlegungen. Das will heißen: Entscheidungen werden auf Basis der Preislisten getroffen.