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29.03.2007

Woran VoIP noch krankt

Während die großen IT-Hersteller den schnellen Umstieg auf VoIP propagieren, schlägt Jürgen Hoffmeister* nach seinen Erfahrungen bei der Entwicklung von SIP-Produkten bedächtigere Töne an und rät zum Abwarten.

Der potenzielle VoIP-Kunde kann einem Leid tun: Fast täglich wird er mit angeblichen Innovationen, neuen Protokollen und Erweiterungen, die ihm den Überblick erschweren, zugeschüttet. Von den vermeintlichen Industriestandards profitiert aber letztendlich nur einer - der Hersteller. Er bindet den Nutzer mit immer feineren Methoden an den Anbieter.

Hier lesen Sie ...

• woran es bei VoIP noch hapert;

• warum Abwarten eventuell die bessere Lösung ist;

• wie Anwender mit VoIP in eine neue Abhängigkeit geraten;

• welche Komfortmerkmale bei VoIP noch fehlen.

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www.computerwoche.de/

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Glossar

• Clip/Clir: Calling Line Identification Presentation/Restriction: Rufnummern werden angezeigt oder unterdrückt.

• DTMF: Dual Tone Multiple Frequency, wird mit Doppeltonmehr- frequenz übersetzt. Ein Beispiel ist "Wählen Sie die 1, um den Vertrieb zu erreichen" oder auch die Eingabe einer Geheimnummer (Personal Identification Number = PIN) für das Online-Banking.

• Overlap-Sending: wörtlich übersetzt überlappendes Senden. Die Funktion bietet die Möglichkeit, jede Ziffer einer Telefonnummer einzeln einzugeben.

• SIP: Session Initiation Protocol, künftiger VoIP-Standard, der auf Normen der Internet-Engineering Task Force (IETF) aufsetzt.

• SIP-Trunk: SIP-Anschluss, der beim Anmelden an den SIP-Provider beziehungsweise Registrar einen Rufnummernblock verwalten kann, um die Durchwahl zu den einzelnen Nebenstellen zu bewerkstelligen.

ISDN versus VoIP

Die Sinnfrage wird dabei nur in den seltensten Fällen gestellt: Wozu braucht ein Unternehmen, das seit zehn Jahren über ISDN telefoniert, eine neue Telefonanlage, die VoIP-Verbindungen über ISDN-Leitungen aufbaut? Die schon vorher vorhandene Funktion Sprachtelefonie wird über neue Geräte, Programme und Dienstleistungen teuer erkauft. Auch der Umstieg auf den künftigen Standard Session Initiation Protocol (SIP), der DSL-Verbindungen verwenden kann, bringt für den nüchtern kalkulierenden Entscheider wenig Vorteile. Die Anbieter addieren zu den ISDN-Anschlüssen die DSL-Anschlüsse, um angeblich das beste aus zwei Welten zu vereinen. Der Effekt verfliegt aber spätestens dann, wenn neben der gewohnten monatlichen Rechnung für den ISDN-Primärmultiplexanschluss die Zahlungsaufforderungen für einen symmetrischen DSL-Anschluss und den VoIP-Provider ins Haus flattern. Außerdem beklagt sich der Administrator über die zusätzliche Arbeit, die die Konfiguration des VoIP-Netzes mit sich bringt.

Hier nutzt die günstige Flatrate für die Telefonie relativ wenig. Mehrere monatliche Grundgebühren für ISDN und VoIP werden nur sehr ungern gesehen. Die für VoIP notwendige DSL-Technik kostet eine Anschlussgebühr, hinzu kommen die Kosten für den Datenverkehr und die VoIP-Entgelte. Unter dem Strich bleiben nur wenige wirtschaftliche Anreize, um auf die neue Technik umzusteigen. Ob es wirklich eine Innovation ist, von der heute auf ISDN basierenden Technik auf VoIP mit einem ISDN-Anschluss zu wechseln, darf ebenfalls bezweifelt werden. Die komplette Ablösung des Primärmultiplexanschlusses durch DSL steht nämlich erst am Anfang. Zudem muss die neue Technik noch beweisen, ob mit ihr die gewohnte Verfügbarkeit erzielt werden kann.

Kundenbindung

Richtig zum Ärgernis wird der neue Anschluss aber dann, wenn der Provider spezielle Funktionen bereithält. Die Enhanced Symmetrical Digital Subscriber Line (ESDSL) ist so ein Fall. Der um proprietäre Ergänzungen erweiterte DSL-Anschluss ist so gestaltet, dass ein Wechsel zu einem anderen Provider mit eventuell besseren Serviceleistungen nur mit einem Hardwarewechsel und Eingriffen in der Telefonanlage vorgenommen werden kann.

Aber die Anwender sind diese Art der Kundenbindung ja gewohnt. So wurden beispielsweise am Anfang der VoIP-Euphorie hybride Anlagen propagiert, die eine Migration erleichtern sollten. Hybride Anlagen besitzen neben den klassischen ISDN-Verbindungen auch Ethernet-Steckplätze, um etwa die alten Telefone und neue VoIP-Geräte parallel zu betreiben. Die Technik zementierte aber die Abhängigkeit vom alten Hersteller, da die alten Geräte nur mit der hybriden Anlage des bisherigen Anbieters funktionierten. Das Thema Telefone ist einer der absoluten Schwachpunkte von VoIP. Vor VoIP sprachen die Hersteller immer dann von Systemtelefonie, wenn firmeneigene Standards die Funktionen im Telefon bereitstellten. Daran hat VoIP nichts geändert. Zwar gibt es offizielle Verlautbarungen der Marktführer, den SIP-Standard zu unterstützen, doch klammheimlich werden weiter proprietäre Signalisierungsverfahren verwendet.

Zusätzlich zu dem Unfug mit den proprietären Protokollen produzieren einige Hersteller ihre Geräte am Markt vorbei. So hat das Marktforschungsunternehmen Gartner kürzlich festgestellt, dass die Nutzer zu viel Geld für unnütze Telefone ausgeben. Für die Komfortgeräte mit Riesen-Display werden weltweit in den nächsten vier Jahren etwa 20 Milliarden Dollar verschwendet, errechneten die Forscher. Jedes Unternehmen sollte sich im Klaren darüber sein, dass sich oft Softphones zusammen mit preiswerten Handsets einsetzen lassen, um die bisherigen Telefone abzulösen.

Wo bleiben die Funktionen?

Im Frühjahr 2006 posaunten einige Hersteller auf der CeBIT ihre Unterstützung für das SIP-Trunking heraus. Ohne diese wichtige Funktion lässt sich kein Unternehmen vernünftig anschließen, da nur so der Rufnummernblock umgesetzt werden kann und eine direkte Durchwahl an die jeweilige Nebenstelle möglich ist. Von einer durchgängigen Realisierung ist der Markt jedoch auch nach einem Jahr weit entfernt. Ei- nige Hersteller und Provider haben diese im Standard noch nicht vorgesehene Funktion realisiert - mit jeweils proprietären Normen. Zur Ehrenrettung der Beteiligten sei angemerkt, dass sie keine andere Möglichkeit hatten.

Wählprobleme

Die Umsetzung dieser wesentlichen Funktion zeigt, wie weit der Markt von der Realität entfernt ist. Es gibt aber noch weitere Beispiele. Eine der eher unscheinbaren Funktionen ist Overlap-Sending. Sie bietet die Möglichkeit, jede Ziffer einzeln einzugeben und auch Pausen einzulegen. Dieses Verhalten ist übrigens der seit Jahren gewohnte Vorgang beim Wählen und hat schon im alten VoIP-Standard H.323 funktioniert. Die meisten SIP-Lösungen nutzen aber nun die Blockwahl, bei der die komplette Nummer auf einmal gewählt wird. Dabei lässt sich Overlap-Sending mit dem standardisierten SIP umsetzen. Dafür dient der Reinvite-Befehl, mit dem sich jede einzelne Ziffer einzeln eingeben lässt. Dass der Signalisierungsverkehr dabei erheblich ansteigt, ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung, die für den gewonnenen Komfort in Kauf zu nehmen ist.

Weitere Beispiele für Komfortmerkmale der klassischen TK-Welt, die in der neuen VoIP-Welt mehr schlecht als recht umgesetzt sind, sind etwa spröde Funktionen wie Calling Line Identification Presentation/ Restriction (Clip/Clir). Dieses Feature kennt jeder, der seine Rufnummer gegenüber dem Gesprächspartner anzeigen oder unterdrücken will. Die im Standard Q.1912 geregelte Funktion erlaubt das An- und Abschalten von Clip/Clir in der Telefonanlage. Dieses Leistungsmerkmal aus der klassischen TK-Welt ist derzeit in SIP-Umgebungen nicht problemlos realisierbar und stellt beispielsweise für Call Center ein Problem dar. Eine andere wichtige Funktion ist die Steuerung von Anwendungen über Wähltöne. Dafür ist die DTMF-Erkennung und -Weitergabe wichtig. Die Dual Tone Multiple Frequency oder Doppeltonmehrfrequenz im SIP-Umfeld muss jedoch entweder über die Umwandlung (Modulation) oder als Echtzeitdatenstrom (Real Time Protocol = RTP) transparent ausgefiltert werden, um doppelte Übermittlungen und damit Fehler zu vermeiden.

Simulierte Besetzttöne

Darüber hinaus sollten in der Phase des Verbindungsauf- und des -abbaus, also während die Verbindung noch nicht durchgeschaltet ist, alle Töne originalgetreu übermittelt werden. Beispielsweise schalten die Mobilfunk-Provider oder auch die Festnetzanbieter Ansagen auf, um den Anrufer über das Verlassen des Funkbereichs oder über eine falsche Rufnummer zu informieren. Ein simulierter Besetzton wie in der VoIP-Welt ist hier keine Hilfe, da wichtige Daten fehlen. Ein Aufschalten des Codecs, der die Sprachinformationen der IP-Pakete erst bei aufgebauter Verbindung umwandelt, ist in diesem Fall ebenfalls keine Lösung.

SIP muss sich weiterentwickeln

Diese Kritik darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Zug unaufhaltsam in Richtung SIP fährt. Durch die Marktmacht von Firmen wie etwa Cisco oder Microsoft, die SIP nachhaltig unterstützen, sind die Meilensteine gesetzt. Doch für den Entscheider in den Unternehmen ist es wichtig zu wissen, wann sich der Umstieg lohnt - jetzt oder ob er lieber noch ein bisschen warten soll, um Kinderkrankheiten zu vermeiden. Es wäre auch ungewöhnlich, wenn die Normen, die sich auf nordamerikanische Technik beziehen, in unseren hochentwickelten und anspruchsvollen Märkten auf unkritische Resonanz stoßen würden.

Den Schlüssel zum VoIP-Markt haben die Provider und die Anbieter in der Hand. Beide sitzen im selben Boot. Sie dürfen den Kunden nicht mit den alten Methoden an sich fesseln. Die Kunden werden erst dann in größerem Umfang auf die neue Technik umsteigen, wenn sie davon einen Vorteil haben. Ein Beispiel wäre, dass die häufig in Powerpoint-Präsentationen propagierten verbesserten und effizienteren Arbeitsabläufe endlich möglich werden. Werden diese Versprechen nicht eingelöst, wird der Kunde die neue Technik links liegen lassen. (hi)