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19.02.1999 - 

Notfall 2000/"Ein Rest Unsicherheit bleibt"

Württemberger Energieversorger halten DV-GAU für unwahrscheinlich

Von Michael Diestel Im Prinzip, da sind sich die DV-Verantwortlichen und technischen Geschäftsführer der württembergischen Energieversorgungsunternehmen einig, dürfte beim Jahr-2000-Wechsel nichts passieren. Doch im Prinzip geht auch schief, was schiefgehen kann.Weshalb einige Vorsorge treiben.

Welchen Effekt ein Software-Ausfall haben wird, wagt Erich Möck, Sprecher der Stadtwerke Freiburg, nicht zu sagen: "Die Auswirkungen sind hochspekulativ." Peter Hitzfelder, Chef der Leitwarte der Stadtwerke Tübingen, meint mit der Gelassenheit des routinierten DV-Kenners: "100 Prozent Sicherheit gibt es nicht, ein Rest Unsicherheit bleibt." Dabei ist Hitzfelder für das Tübinger Energieversorgungsunternehmen der absolute Jahr-2000- Glücksfall. Seit zehn Jahren im Betrieb, steckt er buchstäblich drin in "seiner" Software: "Ich habe vieles hier selbst programmiert, ich kenne die Fallstricke."

Hitzfelder konnte es sich deshalb auch leisten, nicht auf die oft zögerlichen Angaben der Soft- und Hardwarehersteller zu warten. Er hat "das meiste einfach selbst gemacht" und verwendet die Herstellerinfos nur noch zur Ergänzung: "Was ist", fragt er, "wenn ich mich auf den Hersteller verlasse und der irrt sich?"

Wolfgang Lotz, Werkleiter der Stadtwerke Biberach, hat da mehr Probleme. Er hat zwar auch die Hersteller seiner Software intensiv befragt, Antworten stehen aber immer noch aus. Versorgungssicherheit nach dem Jahreswechsel? "Ich denke, ja", sagt Lotz.

Vorsicht ist aber die Mutter der Prozellankiste: Die Biberacher Stadtwerke feiern das Jahr 2000 mit den betroffenen Mitarbeitern plus Familien in den Betriebsräumen. Eine gemeinsame Party, damit auch wirklich jeder sofort zur Stelle ist. Nicht nur, weil man den eigenen Systemen nicht ganz traut: "Wir denken an unsere Kunden", sagt Lotz. "Was ist, wenn bei denen die Heizungen spinnen?"

Dreh- und Angelpunkt der meisten Energieversorgungsunternehmen sind die Leitwarten. Hier laufen die Daten von draußen auf: aktuelle Verbrauchs- und Liefermengen von Strom, Gas und Wasser. Von hier aus werden die Motoren, Regler, Schalter, Relais überwacht und gesteuert, die an den Übergabepunkten die Entnahme aus den Zuliefernetzen regeln. Die Leitwarte bestimmen auch, wann wieviel Energie aus dem Netz oder aus Speichern bezogen wird. Die Rechner in den gutgesicherten und rund um die Uhr besetzten Leitwarten sind das Herzstück der Energieversorgung und der Verbrauchsdatenerfassung.

In Tübingen hat man sich für den Austausch der acht Jahre alten Hard- und Software entschieden. Testweise hatte man die Uhr schon mal auf das Schicksalsdatum 2000 vorgestellt. Das zentrale Leitsystem, abgesichert über ein Backup-System, lief zwar weiter - aber die angeschlossenen Rechner bekamen ein falsches Datum: 1999.

Im Ernstfall hätten die Tübinger zwar weiterhin Strom, Gas und Wasser bekommen, doch Datenarchivierung, Verbrauchsmengenabrechnung, der Zugriff auf Kundendaten - all das hätte nicht mehr richtig funktioniert. Für das veraltete DOS- System gab es auch keine aktuellen Treiber mehr. Hier rächte sich, wie anderswo auch, die Entwicklung zwar maßgeschneiderter, aber damit auch zu individueller Systeme.

Bei Standardsoftware, hat das Team der Stadtwerke Freiburg erkannt, ist es einfacher: "Da haben wir gesicherte Aussagen", meint Pressesprecher Möck. Sobald die Anlagen individuell konzipiert oder gar selbst verändert würden, werde es problematisch. Oft haben die damaligen Entwickler, Programmierer und DV-Chefs den Betrieb in der Zwischenzeit verlassen.

Den Stadtwerken Tübingen ist Leitwarten-Chef Hitzfelder zwar erhalten geblieben, trotzdem müssen sie jetzt eine halbe Million Mark in die neue Technik, ein Prozeßleit- und Visualisierungssystem auf NT-Basis, investieren. Grund ist aber nicht nur die Jahr-2000-Problematik.

Der liberalisierte Energiemarkt, in dem künftig jeder von jedem Strom oder Gas beziehen kann, zwingt die Energieversorgungsunternehmen gesetzlich zur Durchleitung der Fremdenergie zum Kunden. Dieser Anforderung sind die wenigsten Leitwarten gewachsen, Ausbau oder Austausch waren also sowieso fällig.

Freiburg steckt gleich eine runde Million Mark in neue Systeme. Andere warten noch die Ergebnisse von Ernstfall-Simulationen ab. Bei den Stadtwerken Giengen bereitet man sich auf die sommerlichen "Schwachzeiten" vor, dann wird die fünf Jahre alte Rechneranlage auf Datumscrash-Kurs gebracht. Die Echttests, mit einem zweiten Rechner gegen allzugroße Pannen abgesichert, werden auch die Höhe des Investitionsbedarfs ergeben.

Der Tübinger Peter Hitzfelder kann seinen Kollegen nur den Wunsch für starke Nerven mit auf den Weg geben. Er hatte Überzeugungsarbeit durch alle Instanzen zu leisten, bis die Mittel freigegeben waren. Nicht so sehr das Jahr-2000-Problem, sondern die Wettbewerbsfähigkeit des Energieversorgers haben seine Etatverwalter schließlich überzeugt.

Mehr Sorgen als die Leitwarten machen den Versorgungsverantwortlichen die unterschiedlichen Außensysteme. Bei den Stadtwerken Freiburg, wo man seit Monaten quer durch alle Einrichtungen nach dem Motto "Wenn das ausfällt, was passiert dann?" testet, entdeckte man ein Blockheizkraftwerk, das sich im Ernstfall nicht mehr mit der bedarfsorientierten Steuerung verstanden hätte. Wo nur drei Motoren hätten laufen sollen, produzierte das gesamte System Strom und Wärme auf Hochtouren. "Vielleicht", sagt Möck, "hätten wir das am 1. Januar 2000 wie jede alltägliche Störung schnell in den Griff bekommen - aber da hängen 10000 Menschen dran." Also wurde die Steuerung komplett ausgetauscht.

Viele kommunale Nahversorger setzen, wenn es um die Versorgungssicherheit geht, in der Neujahrsnacht auf Handbetrieb - und veraltete Technik. In Giengen etwa wird die Wasserversorgung noch mit wenig moderner Elektronik, dafür von um so mehr alten Relais gesteuert. "Ein Segen", freut sich Reiner Schnalzer, kaufmännischer Leiter der Stadtwerke Giengen, heute über seine museale, aber voll funktionsfähige Elektromechanik.

Er läßt vor dem Jahreswechsel die Speicher randvoll mit Wasser füllen - "das reicht dann auf jeden Fall für 24 Stunden, ohne daß wir Pumpen oder Strom brauchen". In allen Versorgungsbereichen können Ausfälle zudem per kurzfristigen Handbetrieb überbrückt werden.

Nicht nur Hitzfelder zweifelt aber daran, daß es soweit kommen wird. Ihm ist bei den Tübinger Stromversorgungsanlagen kein Aggregat bekannt, das mit dem Datum zu tun hätte. Auch bei der Wasserversorgung gebe es keine Uhr, nur Zähler. Erst wenn die Verbrauchsdaten bei der Leitwarte eintreffen, bekommen sie ihren "Zeitstempel".

Unsicherheitsfaktor bleiben die Embedded Systems, deren genaue Zahl und Funktion keiner so recht kennt. "Wir können deshalb einfach nicht abschließend sagen", so Reiner Schnalzer, "in welchen Rechnern Datum und Uhrzeit eine Rolle spielen" - und welche Auswirkungen das haben könnte.

Zum Beispiel Gasversorgung: Die Stadtwerke sind gegenüber den Lieferanten verpflichtet, für eine optimale, das heißt weitgehend gleichmäßige Entnahme aus den Zuleitungen Sorge zu tragen. Das läßt sich per Messung des Verbrauchs und anhand von Erfahrungswerten machen, wobei ein Speicher als Puffer für unvorhersehbare Entwicklungen dient.

Fällt diese Steuerung aus, kann es entweder zu einer Unterversorgung oder aber einem unkontrollierten Bezug kommen. Selbst wenn der Verbraucher davon nichts merkt - das Versorgungsunternehmen muß für nicht angemeldete Bezugsüber- oder -unterschreitungen Strafe zahlen. Vorausgesetzt, der Zähler konnte das überhaupt noch an die Leitwarte melden und damit dokumentieren.

Garantien für die volle Funktionsfähigkeit aller Systeme mag deshalb trotz aller Vorsorgemaßnahmen niemand übernehmen. Für die Versorgungssicherheit ist man sich zwar rundum ziemlich einig, daß nichts passiert. Aber nicht für die peripheren Dienstleistungen - Verbrauchsabrechnungen, Systemüberwachungen bei Großkunden, die Optimierung der Bezugs- und Abgabemengen, die Steuerung der eigenen Energieanlagen.

In Freiburg wird man deshalb die verbleibende Zeit intensiv, wenn auch ohne zusätzliches Personal nutzen. Hitzfelder: "Mit jedem Test wird die Risikoeinschätzung besser, können wir genauer sagen, was wo noch notwendig ist."

Dies sei auch dem Kunden gegenüber wichtig: "Der steht am äußersten Ende des Systems, dem wollen wir, wenn schon keine Garantie, dann aber doch eine verläßliche Einschätzung der Risiken geben können." Der wichtigste Tip, den Hitzfelder für alle Kunden hat, lautet ganz einfach: "Im Jahr 2000 alle Rechnungen genau überprüfen."

Die meisten Betriebe basteln trotz aller Zuversicht an Notfallplänen. Die Leitwarten werden auf jeden Fall rund um die Uhr verstärkt besetzt sein, wichtige Mitarbeiter sind in Rufbereitschaft. Verdächtige Systeme draußen sollen verstärkt direkt vor Ort überwacht werden. Und wie in Biberach denkt man auch in Freiburg über eine Silvesterparty für die Mitarbeiter samt Familien im Betrieb nach.

Anwesenheitspflicht ist nicht überall vorgesehen

Präsenzpflicht scheint schon deshalb geboten, weil man dem Telefonnetz nicht traut. Hitzfelder verweist darauf, daß die Telekom zwar beteuert, sie beschäftige sich mit dem Problem, daß sie aber noch keinerlei Update für die Anlagen angeboten habe. In Tübingen vertraut man zusätzlich auf das stadtwerkeeigene Netz: "Ich hoffe mal, daß das nicht ausfällt."

Klaus Roth, Abteilungsleiter DV der Stadtwerke Wertheim, bleibt jedenfalls daheim. Sein einziger Vorsatz: "Ich werde in dieser Nacht keinen Fahrstuhl betreten." Peter Hitzfelder möchte in dieser Nacht daheim, aber erreichbar sein. Er denkt schon weiter: "Ich rechne am 1. Januar 2000 mit dem Lob der Firma und der Kunden und freue mich, wenn alle sagen: Toll, es hat funktioniert!.

Jahr-2000-Hilfen

Gerade kleineren Energieversorgungsunternehmen machen die Vorbereitungen auf den Datumswechsel noch Schwierigkeiten. Sie haben schlecht dokumentierte, oft auch veraltete Anlagen, sind personell und etatmäßig überfordert. Doch schlimmer noch: Einigen Betrieben fehlt das Problembewußtsein. Für sie gibt es inzwischen umfangreiche aktuelle deutschsprachige Informationen im Internet und über die Branchenverbände.

- Grundsätzliche Informationen gibt es beim Bundesverband der Deutschen Gas- und Wasserwirtschaft e.V. Der heiße Draht: 0228/2598208

Informationen für alle Branchen gibt es mit zahlreichen weiterführenden Adressen und Literaturhinweisen unter www.iid.de/ jahr2000.

- Die "Spezialseite zum Jahr-2000-Problem" stellt eine "Spezialplattform für IT-Unternehmen mit Spezialkompetenz zum Jahr-2000-Problem" dar: www. jahr-2000.de.

- Auch die kommunalen Rechenzentren werden in den nächsten Wochen und Monaten für ihre Kunden gezielt Seminare zum Thema anbieten. Ein Anruf dürfte sich lohnen.

Angeklickt

Eigentlich, so die Verantwortlichen bei baden-württembergischen Stadtwerken, seien keine Probleme mit der Energieversorgung zu erwarten. Genauere Nachfragen offenbaren aber, daß der Kenntnisstand über die Anfälligkeit ihrer Anlagen sehr unterschiedlich ist. Es fällt auf, daß Verantwortliche eher fremden Geräten mißtrauen, zum Beispiel Aufzügen, nicht aber den eigenen Systemen. Und vielerorts steht schon jetzt fest, daß alle notwendigen Leute an Silvester 1999 an ihren Arbeitsplätzen sein müssen - für den Notfall.

Michael Distel ist freier Journalist in Gomaringen bei Tühringen.