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15.01.1988 - 

Antworten auf die acht häufigsten Anwenderfragen zum neuen E-Mail-Standard:

X.400 als Drehscheibe für Dienste und Endgeräte

Vor fast genau drei Jahren wurde im Bereich Electronic Mail von CCITT (International Telegraph and Telephone Consultative Committee), dem weltweiten Zusammenschluß aller Postverwaltungen, ein internationaler Standard geschaffen. Die X.400-Serie von Empfehlungen für Message Handling Systems hat seither viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten. Ist diese Aufmerksamkeit berechtigt? Der folgende Beitrag versucht, nach drei Jahren eine erste Bilanz zu ziehen. Die Aussagen basieren auf Intensiver Erfahrung aus zahlreichen Beratungs- und Realisierungsprojekten für Großanwender und Hersteller im X.400-Umfeld. Fazit: Der Durchbruch in kommerzieller Sicht ist in diesem Jahr zu erwarten.

X.400 - ein Teil von Schicht 7

Die Protokolle von X.400 sind Teil der Anwendungsschicht (Schicht 7) des Referenzmodells für Open System Interconnection. Die Schichten 4 und 5 entsprechen weitgehend denen des Teletex-Protokolls. Die untersten Schichten sind nicht festgelegt und erlauben somit eine beträchtliche Freiheit ( X.25, X.21, ISDN, LAN, SNA,....).

Ein großer Verdienst von X.400 ist es, das komplexe und verwirrende Gebiet der Elektronischen Post durch ein Modell transparenter gemacht zu haben. Dabei lehnt man sich stark an die bekannten Konzepte der Briefpostvermittlung an.

Benutzer werden in diesem Modell durch User Agents (UA) repräsentiert. Miteinander kommunizierende Message Transfer Agents (MTA) leiten Nachrichten von einem User Agent an ein oder mehrere andere User Agents speichervermittelt (store-and-forward) weiter. Das P1-Protokoll regelt den Nachrichtenaustausch zwischen Message Transfer Agents und definiert Umschlag (Envelope) und Inhalt (Content) einer Nachricht (Message). P2 ist eines der möglichen End-zu-End-Protokolle zwischen User Agents und unterteilt den Inhalt einer Nachricht in Kopf (Header) und Körper (Body) eines typischen Bürodokuments.

Der P2-Körper einer Nachricht kann sowohl aus IA5-Text (ASCII), Telex-Zeichen, Teletex-Zeichen und Faksimile bestehen oder eine andere definierte Form haben. Die Konvertierungsmöglichkeit von einer Form in eine andere ist Bestandteil von X.400. Der Zugriff auf Message Handling Systems wird für eine Vielzahl von Endgerätetypen über spezielle Schnittstellen unterstützt, wie zum Beispiel für Teletex-Terminals.

Verwaltung und Unterhalt eines weltweiten Message Handling System ist nur möglich, wenn ein so großes System in kleinere Einheiten zerlegt wird. Zu diesem Zweck hat X.400 sogenannte Management Domains definiert, die mindestens einen MTA und gegebenenfalls mehrere UAs zusammenfassen. Für private Management Domains (PRMD) sind private Organisationen wie zum Beispiel eine Firma, für öffentliche Management Domains (ADMD) Postverwaltungen oder vergleichbare Organisationen verantwortlich. Nachrichten zwischen zwei PRMDs können direkt oder über eine oder mehrere ADMDs ausgetauscht werden.

Diejenigen Instanzen, die im Message Handling System benannt und adressiert werden müssen, sind die Benutzer. Bei den Adressen wurde versucht, sie möglichst benutzerfreundlich zu gestalten. Sie sind daher auch entsprechend komplex.

Die spezielle Problematik der Anbindung von PCs an eine "X.400 Welt" hat schon in der Standardisierung eine große Rolle gespielt. Ein besonderes Protokoll (P3) wurde entwickelt, das es ermöglicht, Nachrichten in einem größeren Computer (Server, Großrechner) zwischenzuspeichern, bis der PC schließlich eine Verbindung zu diesem Computer aufnimmt und die wartenden Nachrichten übernimmt. Aus einer Reihe von Gründen konnte sich dieses Protokoll allerdings zunächst nicht durchsetzen, so daß intensiv an einer Modifizierung gearbeitet wurde. Die Arbeiten sind inzwischen abgeschlossen.

Während die Vorteile von X.400, wie hohe Funktionalität, Protokollflexibilität und Einbezug neuer Technologien, offenkundig sind, so warf die 1984er Version dieses Standards noch einige Probleme auf, Standardisierungsgruppen arbeiteten seither an den erforderlichen Präzisierungen und Ergänzungen.

Was X.400 nicht bietet, ist eine Benutzerschnittstelle. Es beschränkt sich ganz bewußt auf die Kommunikationsaspekte. Dies erleichtert den Softwareherstellern die Integration von X.400 in ihre Bürokommunikations-Anwendungen, ermöglicht aber trotzdem den Aufbau eines fast homogenen, weltweiten Dienstes von hoher Funktionalität.

Wen interessiert überhaupt das Protokoll zur Übertragung von Elektronischer Post? Wichtig ist, daß eines existiert. Welches das ist, ist gleichgültig.

Es ist richtig, daß ein Anwender sich nicht für die Details der verwendeten Protokolle interessiert, und sich auch nicht interessieren sollte. Für ihn ist die gebotene Funktionalität das entscheidende Beurteilungskriterium.

Ein Protokoll auf der OSI-Anwendungsebene hat jedoch starke Auswirkungen auf die dem Benutzer präsentierte Funktionalität. In X.400 sind Beispiele hierfür die Delivery Confirmation, die Receipt Notification und das Forwarding. Ein Benutzer hat somit ein großes Interesse an einem funktional sehr leistungsfähigen Protokoll für Electronic Mail, an dem er noch dazu über mehrere Jahre hinweg festhalten kann. Es muß zukunftssicher sein.

Darüber hinaus ermöglicht erst die Verwendung internationaler OSI-Standards im Message Handling dem Benutzer, weltweit mit beliebigen Partnern in gleichbleibender Qualität Nachrichten austauschen zu können. Auch deshalb ist die überlegte Auswahl des Protokolls von entscheidender Bedeutung.

Da X.400 dem Benutzer eine sehr mächtige Funktionalität bietet und noch dazu an neue technologische Entwicklungen angepaßt werden kann, muß ein Benutzer ein sehr großes Interesse daran haben, daß das von ihm verwendete Electronic Mail System X.400-fähig ist.

Warum wird so viel Wirbel um X.400 gemacht? Den Anwender interessieren doch vielmehr Standards für auszutauschende Dokumente und Daten.

Diese Frage ist sehr berechtigt. Nur ein geringer Prozentsatz von Nachrichten, die Menschen elektronisch austauschen möchten, besteht aus unstrukturierter Information. X.400 will hier aber nur das Vehikel, eine internationale Infrastruktur, darstellen, über das beliebig strukturierte Dokumente und Daten zwischen beliebigen Benutzern ausgetauscht werden können. Dies ist, für sich genommen, schon eine sehr große Errungenschaft.

Eine Reihe von Dokumententypen sind als Body Types der 1984er Version von X.400 definiert. Hierzu gehören das Teletex T.61, Faksimileversionen und ein speziell definiertes Dokumentenformat (SFD: Simple Formatable Document). Die 1988er Version von X.400 wird Mechanismen enthalten, die es ermöglichen, beliebige Dokumententypen (zum Beispiel DCA, ODA) zu übertragen.

Diese Offenheit von X.400 bringt aber auch neue Gefahren mit sich. Damit der angestrebte weltweite Nachrichtenaustausch ermöglicht wird, wird eine Vereinheitlichung der verwendeten Dokumentenstandards erforderlich. Die kurz vor der Verabschiedung stehende ISO Office Document Architecture (ODA) könnte hier die rettende Rolle spielen.

Für den Datenaustausch gibt es seit September 1987 einen internationalen Standard unter dem Namen "Edifact" (Electronic Data Interchange for Administration, Commerce and Transport). Auch hier gibt es starke Bestrebungen, zumindest kürzere Edifact-Nachrichten über X.400 auszutauschen.

Mit einer Entscheidung für X.400 sind somit noch längst nicht alle Probleme gelöst, auch wenn einige Verkäufer einem das einreden wollen. Andererseits sollte man die Rolle von X.400 als weltweitem Infrastrukturmechanismus nicht unterschätzen.

Wird x.400 sich überhaupt gegen IBMs Document Content Architecture (DCA) und Document Interchange Architecture (DIA) durchsetzen können?

DCA definiert eine Dokumentenarchitektur und ist somit in seiner Funktionalität mit ODA vergleichbar, nicht mit X.400. DIA hingegen überlappt sich in seiner Funktionalität mit X.400.

DIA bietet den Benutzern einen Dokumentenbibliotheksdienst, einen Dokumentenverteilungsdienst und einen Anwendungsdienst. Nur der Dokumentenverteilungsdienst ist vergleichbar mit X.400. In diesem Aspekt ist X.400 jedoch DIA funktional überlegen.

Wegen der Überlegenheit von X.400 in der Nachrichtenübermittlung sind DIA/X.400-Gateways schwer zu realisieren. Für das dritte Quartal 1988 hat IBM ein Gateway zwischen X. 400 und Disoss, einer Realisierung von DIA, angekündigt. Es wird vermutet, daß IBM in diesem Zusammenhang DIA in Richtung X.400 weiterentwickeln wird. Ein Indiz dafür wäre auch die Tatsache, daß IBM seit 1983 keine neue Version von DIA veröffentlicht hat.

Nach anfänglichem Zögern hat sich IBM inzwischen klar zu OSI und damit auch X.400 bekannte Allerdings macht IBM im Vergleich zu anderen Herstellern eine wichtige Einschränkung: OSI gilt als akzeptierte Architektur für die Kommunikation zwischen IBM-Systemen und denen anderer Hersteller, nicht aber innerhalb der IBM-Welt. Dort hat weiterhin SNA einschließlich DIA seine Gültigkeit. Allerdings könnte sich auch diese Position in den nächsten Jahren noch wandeln.

Welchen Sinn hat es, neben Telex, Teletex, Bildschirmtext und Faksimile noch einen Standard zu definieren?

Ziel von X.400 ist es nichts einen zusätzlichen Dienst, losgelöst von den anderen zu definieren sondern die Integration bestehender Dienste und Endgeräte zum essentiellen Bestandteil des Message-Handling-Dienstes zu machen. In X.408 wurden bereits Umsetzungen für verschiedene Zeichensätze definiert. X.430 spezifiziert den Anschluß von Teletex-Endgeräten an den Message-Handling-Dienst. Die ersten öffentlichen X.400-Dienste bestätigen die Intentionen der Standardisierer.

Die hohe Funktionalität von X.400 erleichtert die vorgesehene Rolle als Drehscheibe für Dienste und Endgeräte. Als Beispiele sollen im folgenden kurz die Unterschiede von X.400 und Teletex aufgezeigt werden.

Einige der Vorteile von X.400 gegenüber Teletex sind:

a) X.400 ist personenorientiert und nicht geräteorientiert. Sender und Empfänger einer Nachricht sind in der Regel Personennamen und keine Geräteadressen. Das erleichtert die Handhabung und erlaubt Vertraulichkeit.

b) Der Inhalt der Nachrichten kann die unterschiedlichsten und sogar gemischte Formen annehmen. Teletex ist dagegen auf internationaler Ebene nur auf Text beschränkt.

c) X.400 ermöglicht eine Implementierung über viele Arten von Datentransportnetzen, nicht nur X.21-Netzen, X.25-Netzen und ISDN.

d) Die Speichervermittlung von X.400 ermöglicht es, Nachrichten abzusenden, auch wenn das Gerät des Empfängers nicht eingeschaltet ist.

e) Die Integration mit anderen Diensten und herstellereigenen elektronischen Post-Systemen ist wegen der hohen Funktionalität von X.400 leichter und im Standard bereits vorgesehen.

f) Unterschiedliche Endgeräte können an Message Handling Systems angeschlossen werden.

g) Die allgemeine Funktionalität ist höher. Nachrichten können zum Beispiel mit Prioritäten versehen, weitergeleitet und verzögert werden.

h) Die Integration mit der Datenverarbeitung ist Bestandteil von

X.400. Bei der Konzeption von Teletex wurde eher an Schreibmaschinen gedacht. Die DV-Integration ist deshalb problematisch (Nachrichteninhalt, Verteilung eingehender Teletexe,...).

Teletex hat gegenüber X.400 allerdings auch einige Vorteile:

a) Teletex hat in einigen Ländern juristisch die Qualität eines Einschreibens. Dies ist bei X.400 ebenfalls denkbar, aber noch nicht ausreichend untersucht.

b) Ein Teletex ist mit Abschluß der Absendung bereits auf der anderen Seite empfangen. Im Message Handling System kann ein längerer Zeitraum zwischen Senden und Empfangen liegen.

Trotzdem macht die obige Gegenüberstellung deutlich, daß X.400 Teletex überlegen ist. Da es darüber hinaus Teletex und andere Alternativen soweit wie möglich integriert, ist langfristig eine Ersetzung der funktional beschränkten Alternativen durch X.400 zu erwarten.

Warum sind die Postverwaltungen so sehr daran interessiert, einen Message-Handling-Dienst anzubieten? Es ist doch sicherlich viel billiger, private X.400-Systeme direkt zusammenzuschließen.

Die X.400-Empfehlungen sprechen einen Zusammenschluß privater Management Domains nicht an. Während verschiedentlich vermutet wurde, daß Postgesellschaften einen solchen Zusammenschluß verbieten wollen, ist aber die wahrscheinlichere Interpretation diejenige, daß CCITT gar nicht befugt war, hier Aussagen zu machen. Das entsprechende ISO-Dokument läßt konsequenterweise direkte Verbindungen zu.

Mit Sicherheit werden direkte Übermittlungen zwischen privaten Management Domains die preiswerteste Lösung sein. Eine Reihe von guten Gründen spricht aber dafür, zumindest einen Teil der Nachrichten über die öffentlichen Management Domains zu verschicken:

- Anstelle von Hunderten oder Tausenden von Kommunikationspartnern hat man nur einen, wodurch sich der Managementaufwand und Konformitätsprobleme beträchtlich reduzieren.

- Die öffentlichen Betreiber können Gateway-Dienste in vielen Fällen kostengünstiger anbieten.

- Die Verantwortung für die sichere Übermittlung wird (mit Einschränkungen) von den öffentlichen Management Domains übernommen.

- Die Gebührenabrechnung wird vereinfacht.

Gibt es überhaupt schon X.400-Produkte?

Auf verschiedenen Messen werden sogenannte X.400-Multivendor-Demonstrationen durchgeführt. Mehrere Hersteller verbinden ihre X.400-Systeme (Produkte oder Vorversionen) untereinander und zeigen, daß Nachrichten beliebig ausgetauscht werden können.

Die letzte Demonstration dieser Art fand im Oktober auf der Telecom Æ87 in Genf statt. Die dort vertretenen Aussteller waren AT&T, British Telecom, Danet, Deutsche Bundespost, Dialcom, DEC, Hewlett-Packard, IBM, KDD, NTT, Nixdorf, Olivetti, Philips, STR, Schweizer PTT, Sydney, Telenet, Telesystems, Telic Alcatel, Transpac und Unisys.

Es ist als gesichert anzusehen, daß alle bedeutenden Hersteller spätestens in diesem Jahr X.400-Produkte anbieten werden. Eine Reihe von Produkten ist heute schon verfügbar (siehe Marktübersicht auf Seite 26).

Wer garantiert, daß die X.400-Systeme der verschiedenen Hersteller überhaupt miteinander kommunizieren können? Schließlich hat der Standard eine Ganze Reihe von Optionen und ist in sich sehr komplex.

Die Hersteller und Postverwaltungen haben dieses Problem sehr bald erkannt und sehr viel Aufwand in die Definition von international anerkannten Testfällen für X.400-Konformitätsprüfungen gesteckt. Die Testfälle werden zur Zeit auf speziell entwickelten Testsystemen implementiert. Eine Reihe von Postverwaltungen etabliert zur Zeit Testdienste, so auch die Bundespost.

Darüber hinaus bieten andere Institutionen, wie Spag Services, übergangsweise sogenannte Interoperability-Tests an. Die Multivendor-Demos ermöglichten es den Herstellern, den weltweiten Zusammenschluß in der Nußschale zu simulieren. Viele Fehler konnten entdeckt und korrigiert werden.

Eine neue Version von X.400 wird 1988 veröffentlicht werden. Werden die Systeme der neue Version überhaupt mit Systemen der alten kommunizieren können?

Die 1988er Version von X.400 wird in erster Linie die Qualität des Standards verbessern. Zusätzlich wurden Ergänzungen wie ein Gateway zur Briefpost spezifiziert. Dabei spielen Kompatiblitätsaspekte eine wichtige Rolle. Es ist zu hoffen, daß keine Probleme oder wenigstens nur minimale auftreten werden.

Zusammenfassung:

Abschließend läßt sich bemerken, daß heute am Erfolg von X.400 kaum noch gezweifelt werden kann. Insofern ist die Aufmerksamkeit, die X.400 in der Öffentlichkeit erhält, berechtigt. Der Durchbruch in kommerzieller Sicht ist in diesem Jahr zu erwarten.