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05.07.1991 - 

Herstellerstreit blockiert Fortschritte

X/Open-Diskussion: "Wer das Geld hat, hat auch das Sagen"

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Anwender offener Systeme bewerten die Existenz unterschiedlicher Herstellergruppen positiv, solange Standards und neue Technologien das Ergebnis der Zusammenarbeit sind. Unbehagen entsteht, wenn - wie zuletzt bei der X/Open - der Verdacht aufkommt, verschiedene Mitglieder hätten ein Interesse daran, den Standardisierungsprozeß aufzuhalten

"Wir haben den Eindruck, daß die Aktivitäten der X/Open in letzter Zeit stark blockiert wurden - klare Worte fand Hans Jörg Beha von der Daimler Benz AG auf einer Podiumsdiskussion zum Thema "OSF, Unix International, X/Open und der Anwender: Wer braucht wen?", die im Rahmen eines Unix-Seminars von der Münchner Gesellschaft Technologie Transparent stattfand.

Wenig entschlußkräftig zeige sich die X/Open unter anderem bei Spezifikationen für Programmierschnittstellen (AP) und bei der seit zwei Jahren ausstehenden Entscheidung für eine grafische Benutzeroberfläche. Nach großen Anfangserfolgen sei der Standardisierungsprozeß in den letzten zwei bis drei Jahren zunehmend ins Stocken geraten.

Ursache für die Verschleppung, so der Anwendersprecher, sei neben der Konkurrenz zwischen den rivalisierenden Herstellergruppen Open Software Foundation (OSF) und Unix International vor allem der noch immer zu geringe Einfluß der User in der X/Open. Beha: "Die Anwender können es sich nicht länger bieten lassen, von den Herstellern dominiert zu werden. Wer das Geld hat, der hat auch das Sagen!"

Nicht wer das Geld hat, sondern wer das Geld in die Organisation einbringt, hat das Sagen - zumindest wenn es nach Volker Dulich von der Siemens Nixdorf Informationssysteme AG geht: "Bei der X/Open geben die Computerhersteller das Geld und nicht die Anwender" so der Münchner. "Es würde der X/Open gut anstehen", so der SNI-Mitarbeiter weiter, "wenn die Anwender sich zusammenschließen und mehr Geld hineinpumpen würden, damit wir noch schneller arbeiten könnten".

Der Vertreter der Herstellerseite erklärt die vielfach kritisierten Verzögerungen bei den Spezifikationen mit der Geschichte des X/Open-Gremiums. In den frühen Jahren seien wichtige Entscheidungen schnell zu fällen gewesen, weil alle Hersteller an einem Strang gezogen hätten. Die mühsame Suche nach Kompromissen sei erst in letzter Zeit nötig geworden.

Foto: Open Unix Group

Polarisierung innerhalb der X/Open

Bei der Festlegung auf eine, grafische Oberfläche sei man dann erstmals "von auf den Bauch gefallen". Innerhalb der X/Open habe eine Polarisierung 1 stattgefunden, auf der einen Seite die OSF/Motif-Gemeinde, auf der anderen die von Unix International unterstützte Open-Look-Gruppe. Weil es innerhalb der X/Open keine einfache Mehrheitsbeschlüsse gebe, sei eine Entscheidung nahezu unmöglich gewesen.

Hier so Dulich, hätte der Markt beziehungsweise der Anwender selbst eine Entscheidung herbeiführen müssen: "Warum haben die Anwender nicht mehr Druck gemacht? Sie haben lediglich gesagt, daß sie eine Entscheidung wollen aber nicht, welche Produkte!" Über ihre Beschaffungspolitik hätten die User den größten Einfluß auf die X/Open, sie müßten nur betonen, daß sie beispielsweise ausschließlich Produkte mit dem XPG3-Plus-Branding nähmen, und schon würden sich die Hersteller um die Unterstützung der entsprechenden Spezifikationen bemühen.

Trotzdem, so die Entgegnung des Daimler-Benz-Vertreters Beha, sei den Anwendern eine einzige Stimme im Board of Directors zu wenig - insbesondere wenn man daran denke welches enorme Einkaufspotential die User repräsentierten. Eine gleichberechtigte Stimmverteilung zwischen Herstellern und Kunden sei nötig, um die Anwender Oberhaupt zu motivieren, auf Entscheidungen der X/ Open Einfluß zu nehmen.

Auch für Helmut Schäfer, noch vor kurzer Zeit bei Hewlett-Packard in Böblingen beschäftigt, ist die Vorstellung "X/Open als Anwenderverein, der versucht, die Hersteller in den Clinch zu bekommen" interessant. Scheitern werde das Konsortium, wenn es sich seiner internationalen Rolle nicht bewußt werde und weiterhin versuche, mit Posix zu konkurrieren - dann trete wahrscheinlich wieder der "amerikanische Dominanzeffekt" ein.

Trotz der Kontroverse bewerteten auf der Technologie-Transparent-Veranstaltung so. wohl Anwender als auch Hersteller die Arbeit der X/Open grundsätzlich positiv - wenn auch mit gewissen Vorbehalten. Helmut Schäfer sah das Gremium in den letzten Jahren in einem "Dornröschenschlaf", aus dem die Gruppe aber jetzt zu erwachen scheine.

Einen Aufwärtstrend bemerkt auch Volker Dulich, der in der Streitfrage um die grafische Benutzeroberfläche an eine Entscheidung in wenigen Monaten glaubt. Motif habe sich als De. facto-Standard durchgesetzt. Auch auf Rechnerplattformen der UI-Mitglieder sei Motif inzwischen erhältlich - kein Grund also, warum die X/Open in den nächsten Monaten nicht ihren Segen zu der OSF-Oberfläche geben sollte.