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21.05.1982 - 

Mit System 370-Enmeiterte Architektur kommen Umstellungsprobleme nicht nur auf die Anwender zu:

XA-Spekulationen erschweren PCM-Geschäft

MÜNCHEN - Kaum ein IBM-Produkt hat in den letzten Jahren so viel Wirbel unter den Mitbewerbern verursacht wie das System /370-Erweiterte Architektur (XA) für die 308X-Prozessoren. Einschneidende Auswirkungen hat die XA-Ankündigung insbesondere auf die Verkaufsaktivitäten der PCM-Anbieter. Von IBM-VBs genährte Spekulationen, die Steckerkompatiblen könnten den XA-Step nicht nachvollziehen und somit inkompatibel werden, führten bei den Benutzern zu einer generellen Zurückhaltung gegenüber PCM-Maschinen.

Mit der im Oktober letzten Jahres angekündigten "Erweiterten Architektur" (Extended Architecture), die dem Benutzer mehr Rechnerleistung, zusätzlichen Hauptspeicherplatz, leistungsfähigere Kanäle und mehr E/A-Kapazität verspricht, habe Big Blue die steckerkompatiblen Mitbewerber deutlich aufs Glatteis geführt, konstatiert ein Kenner der PCM-Szene. Übereinstimmend meinen Betroffene wie Amdahl, BASF, NAS und Siemens, daß der Marktführer augenblicklich eine "Politik der kompletten Verunsicherung" betreibe. Dort, wo heute im Mainframe-Markt Maschinenkaufe anstünden, so berichten die PCM-Verkaufer, werde generell das "Schreckgespenst XA" an die Wand gemalt. Käme es dennoch zum Absschluß, so ließen sich die DV-Verantwortlichen lediglich auf kurzfristige Verträge ein. Aus Angst, so wird kolportiert die Steckerkompatiblen könnten XA nicht nachvollziehen.

Wie der deutsche NAS-Chef Martin Meirhofer bestätigt, sichere sein Unternehmen schon heute vertraglich zu, daß es bis spätestens zwölf Monate nach der Erstauslieferung der Extended Architecture seine AS-Prozessoren mit XA-Fähigkeiten ausrüsten werde. Auch die Amdahl Corporation hat gerade XA-Features für ihre V/7- und V/8-Maschinen angekündigt. Mitbewerber fassen die Amdahl- und NAS-Announcements allerdings als reine Marketing-Maßnahme auf, da bislang allein der Marktführer wisse, wie XA einmal aussehen werde.

Weshalb derartige Präventiv-Strategien für die

Steckerkompatiblen erstmals erforderlich geworden sind, verdeutlicht die Aussage eines NAS-Vertreters: "Die Anwender denken sie müßten unsere Rechner wegwerfen, wenn IBM XA bringt.

Doch in diesem Punkt lassen die Aussagen der Steckerkompatiblen keine Zweifel an der Nachturnbereitschaft aufkommen: "Es ist heute absolut kein Problem, der IBM architektonisch zu folgen, wenn uns die relevanten XA-Informationen vorliegen", resümiert Gerhard Sorg, Marketingleiter im Siemens-Großrechner-Bereich. Sorg sieht in der derzeitigen XA-Situation vielmehr ein Darstellungsproblem seitens der PCM-Industrie, das jedoch für diese lediglich eine Marketingherausforderung darstelle. Daß sich die IBM aber in einem deutlichen Vorteil befinde, weil sie sich mit der Veröffentlichung von XA-Details Zeit lassen könne, gestehen auch die Amdahl-Manager ein. So bewirke vor allem die Einstellung des US-Antitrustverfahrens und die Unterstützung seitens der Reagan-Regierung gegen die "japanische Rechner-Offensive" (Hitachi, Fujitsu), daß der Marktführer nunmehr wesentlich freier gegen seine Mitbewerber agieren könne als noch zu Zeiten der Kartell-Recherchen.

XA-Notwendigkeit nur für Größtbenutzer

Durch den "IBM-Freispruch" habe sich der Großrechner-Wettbewerb erheblich verschärft, bestätigten sowohl BASF-Vertriebsboß Eckart Ständer als auch Amdahl-Manager Dr. Horst Peter Rother. Bezogen auf die XA-Ankündigung der IBM sieht Rother jedoch eine zwingende Notwendigkeit, den Bedürfnissen der "Größt-Benutzer" entgegenzukommen. In den Jumbo-Anwendungen würde der Speicher immer knapper und die Engpässe im Ein-/Ausgabe-Bereich immer größer. Dies habe zwangsläufig eine neuartige Architektur erfordert. Der Amdahl-Marketier unterstreicht, daß sein Unternehmen "absolut keine Probleme" habe, den XA-Schritt auf den bestehenden Rechnern nachzuvollziehen.

Siemens und BASF deuten indes an daß sie "demnächst" mit neuen XA-fähigen Maschinen aufwarten werden.

XA-Geheimnis im Mikrocode

Daß die Schwierigkeiten beim Nachkupfern von XA nicht in der Technologie zu suchen sind, sieht auch der Mainframe-Spezialist von Arthur D. Little Inc. in Wiesbaden Michael Gora. Die Probleme lägen seiner Meinung nach in der Schnittstelle zwischen Zentraleinheit und Peripherie, weil IBM das "Mikrocode-Geheimnis" um XA noch nicht gelüftet habe.

Mit welchem Fleiß IBM-Vertriebsbeauftragte momentan auf XA herumreiten, konnte auch Walter Karstens beobachten, der als Geschäftsführer der Münchner Enex GmbH sowohl IBM- als auch PCM-Maschinen finanziert. Der Ex-Itel-Geschäftsstellenleiter, der 1979 den Medergang des Frankfurter Steckerkompatiblen einst hautnah miterlebte, bestätigt daß sich die derzeitige Verunsicherung des Marktes voll auf Laufzeiten der PCM-Verträge auswirke und somit direkt auf den Umsatz durchschlage.

IBM-Geschäft mit der Angst

Kritik am Marktführer äußert auch der Chef der IDC Deutschland GmbH, Erik H. Hargesheimer: Um den Großkunden den Weg zum PCM zu erschweren, treibt die IBM momentan verstärkt ein Geschäft mit der Angst." Daß der Wiesbadener Marktforscher mit seiner Analyse nicht ganz falsch liegt, verdeutlichen die Aussagen von Ulrich Schröder, der mit seiner Hamburger ICC GmbH nach eigenen Worten seit Jahren im Kielwasser von Big Blue segelt. Aus Schröders Sicht ist XA ein über zwei Jahre vorbereiteter Versuch der IBM, den "Software-Hammer gegen die PCM-Industrie zu schleudern". Daß der Marktführer bereits getroffen habe, mache sich in einer zunehmenden Zurückhaltung der Anwender gegenüber den Steckerkompatiblen bemerkbar. Diese Reaktion habe nach Schröders Meinung bereits dazu geführt, daß einige PCMs-angeblich allen voran Amdahl-ihre Hardware inzwischen zu Niedrigstpreisen in den Markt werfen würden.

Hoher Umstellungsaufwand

Emotionsloser sieht der Münchner Berater und Großrechner-Experte Michael Weintraub die XA-Situation: Für den weitaus größten Teil der Benutzer bestehe absolut keine Notwendigkeit, kurzfristig die Erweiterte Architektur einzusetzen. Zwar behebe XA zunächst die Speicherbegrenzung und die E/A-"Bottlenecks", aber bei den meisten Anwendern seien diese Engpässe noch längst nicht vorhanden. Außerdem könnten viele Begrenzungen bereits durch MVS/SP 1.3 behoben werden.

So wollen denn auch Big-Blue-Mitarbeiter von einem internen Papier der Armonker IBM-Zentrale wissen, in dem sich der Marktführer dahingehend äußere, daß bis 1986 weltweit lediglich 200 XA-Installationen eingeplant seien. Zudem benotige der Benutzer mindestens dreieinhalb Jahre - wie aus einem weiteren IBM-Papier hervorgeht -, bis MVS/XA voll lauffähig ist (siehe Tabelle). Kapazitätsplaner Weintraub sieht deshalb schon umfangreiche Umstellungsmaßnahmen auf die XA-Willigen zukommen.

Der weitaus größte Teil der IBM und PCM-Benutzer im Bereich der IBM-Systeme 3033 oder 308X reagiert auf XA-Spekulationen noch relativ gelassen. Sie bringen das "IBM-Spektakulum" zunächst auf den Nenner: "Extended Architecture ist für uns noch kein Thema." Frühestens in vier bis fünf Jahren könne diese für einen breiteren Anwenderkreis bedeutsam werden.

Die zurückhaltende Bewertung der neuen IBM-Architektur werten Branchenkenner jedoch nicht nur als eine Frage des Kapazitätsbedarfes, sondern auch der hohen XA-Kosten. Da der Marktführer nur Größt-Anwender im Visier habe, müsse er einen Weg über die Software suchen, "damit sich die enorm hohen Entwicklungskosten irgendwie amortisieren". Denn XA sei etwa dreimal so teuer wie ein "normales" MVS-Release.

Manfred Hasenbeck