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01.09.2000 - 

IT in der Automobilindustrie/Kfz-Zulieferer vor psychologischer Herausforderung

Y2K-Problem abgehakt - aber die Euro-Umstellung auf der langen Bank

01.09.2000
Deutschlands Exportindustrie Nummer eins gibt sich bei der Euro-Umstellung optimistisch. Von SOS-Signalen ist nichts zu hören. Im Gespräch mit Insidern und Marktbeobachtern hat Winfried Gertz* aber erfahren, dass nicht alles so rosig ist, wie es aussieht.

"Die Euro-Umstellung wird wesentlich billiger als die Jahr-2000-Umstellung", glaubt Karin Schlathau, Projektleiterin Einkauf bei Mann + Hummel im schwäbischen Ludwigsburg. Ihr zufolge hat der Kfz-Zulieferer, spezialisiert auf Filter und Kunststoffteile für den Motorraum, seine IT-Aufgaben in eigener Regie erledigt. Schlathau, ehemals Mitglied im Y2K-Initiativkreis beim Verband der Automobilindustrie (VDA): "Ich kann nur bestätigen: In unserer Branche läuft es gut." Wie es sich gehört, achtet man in Ludwigsburg darauf, dass auch 300 Kern-Zulieferer sowie 3500 breit gestreute Kooperationspartner ihre Hausaufgaben machen. "Bei den meisten laufen die Systeme", ist sich Schlathau sicher.

Damit liegt sie genau auf Verbandslinie. Laut Götz Birken-Bertsch, beim VDA in Frankfurt zuständig für das Thema Euro, gebe es unter den Mitgliedsfirmen "keine Probleme" bei der Umstellung. "Hersteller und ihre Zulieferer sind sehr weit in ihren Projekten und ziehen an einem Strick."

Zu anders lautenden Umfrageergebnissen, die eher zu einer nüchternen Beurteilung der industriellen Umstellungsprojekte veranlassen, sagt Birken-Bertsch: "Es ist richtig, dass viele kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) noch im Rückstand sind. Dazu zählen aber nicht die Mitgliedsfirmen des VDA sowie ihre Zulieferer." Rechtzeitig habe man Lösungen erarbeitet, die in den Firmen auch "problemfrei" zum Einsatz gekommen sind.

Handelt es sich hier um das "Pfeifen im Walde" oder spricht aus den Worten des VDA tatsächlich unerschütterliches Selbstbewusstsein? Zweifel sind erlaubt. Auch Ulrich Fröde, Leiter des Kompetenzzentrums Euro und Legacy Applications bei Siemens Business Services (SBS) in München und Gastgeber der konstituierenden Sitzung des neuen branchenübergreifenden "Forum Euro" am 9. August, meldet Bedenken an. Sicherlich setzten sich Großunternehmen ausführlich mit der neuen Währung auseinander und hätten ihre Umstellungsprojekte inzwischen zum überwiegenden Teil abgeschlossen. Hingegen benötige der Mittelstand noch kräftige "Anschubhilfe", so Fröde. Das Problem stecke in den Köpfen, man habe es quasi mit einer "psychologischen Barriere" zu tun.

Nach dem Theater um die vermeintlich drohende Y2K-Katastrophe steckten die Firmenchefs von KMUs einmal mehr den Kopf in den Sand. Daran haben sich schon die Industrie- und Handelskammern (IHK) ihre Zähne ausgebissen, wie Karl Kürtzinger von der IHK München zugibt. "Mit unseren Informationsangeboten können wir die Unternehmer einfach nicht erreichen."

Bei Fragen wie zum Beispiel zu Schnittstellenproblemen bei Softwareprogrammen winken die Entscheider nämlich ab. "Warum soll es bei der Euro-Umstellung anders zugehen als bei den glatt verlaufenen Jahr-2000-Projekten?"

Dies sei nicht gut für die "Awareness", so Fröde. Das "Durchschnaufen" nach den in vielerlei Hinsicht anstrengenden Jahr-2000-Projekten halte noch an. Vieles sei liegen geblieben. Und während das Thema "E-Commerce" nun die Gemüter heftig errege, laute das Argument: "Euro - das hat noch Zeit." Seines Wissens seien einige Autobauer und viele Zulieferer noch kräftig dabei, ihre Euro-Projekte über die Bühne zu bringen. "Dass alles in trockenen Tüchern ist, kann ich nicht bestätigen." Aus verschiedenen Quellen hat Fröde erfahren, dass sogar viele SAP R/3-Anwender noch nicht umgestellt hätten. Wie von der Europäischen Kommission in einer neuen Umfrage unter 3000 europäischen KMUs ermittelt wurde, hätten 60 Prozent der Unternehmen noch gar nicht angefangen. Ilka Tröger, Referentin bei der Kommission in Berlin, hatte die Ergebnisse beim ersten Treffen des "Forum Euro" präsentiert. Ihre Botschaft, angesichts der noch verbleibenden Zeit: "Wir können uns nur noch darauf konzentrieren, dass die Unternehmen umstellen, aber nicht, wie sie es tun sollen."

Im Osten nur NeuesEinen beispielhaften Weg beschritt das Land Thüringen, wo man mit Mitteln der EU 4500 KMUs auf Kurs brachte. Nach Angaben von Hartmut Horning, Euro-Projektleiter beim Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Wirtschaft e.V. (RKW) in Erfurt, wurden an drei Abenden alle wichtigen Themen vom Rechnungswesen über das Marketing bis zur Technik diskutiert. Anschließend konnten die Unternehmer mit einer dicken Mappe aus Umstellungshinweisen und Checklisten nach Hause gehen. Zwischen Eisenach und Erfurt werkeln viele Mittelständler, allein im Umfeld des Opel-Werks in Eisenach haben sich inzwischen rund 100 Kfz-Zulieferer angesiedelt. Laut Horning investieren sie hohe Summen in die Technik, was für das Land, das als Hochtechnologiestandort von sich reden macht, typisch sei. 70 Kfz-Zulieferer engagierten sich in einem Euro-Arbeitskreis des RKW. Horning: "Unternehmen im Osten haben einen entscheidenden Vorteil - sie sind von Altlasten befreit und haben komplett auf neue Systeme umgerüstet." Angesichts des vergleichbar hohen Anteils von FH- und Universitätsabsolventen unter den Mitarbeitern würden die Unternehmen ihre Umstellung in die eigene Hand nehmen und kaum mit externen Dienstleistern kooperieren.

Einer dieser erfolgreichen Zulieferer ist die FER GmbH in Eisenach. Die Firma entwickelt KFZ-Leuchten, Kabel- und Akustiksysteme und macht auch als Recyclingspezialist von sich reden. Weltweit sind 1100 Mitarbeiter für das Unternehmen tätig, allein 550 am Hauptsitz. Klaus Lantzsch, Sprecher der Geschäftsführung: "Uns ist nichts passiert, weil wir uns rechtzeitig vorbereitet haben." Vor allem die Meetings beim Verband, wo zahlreiche Fallbeispiele diskutiert worden seien, hätten dazu beigetragen. Euro- und Jahr-2000-Umstellung seien in einem Aufwasch erledigt worden - ohne Dienstleister. Lantzsch: "Mittelständler können nicht mal eben einen Arbeitskreis einrichten, sondern müssen sich vieles selbst aneignen und intern weitergeben." Drei Spezialisten und eine Reihe von "Key-Usern" hätten das Projekt über die Bühne gebracht.

Aller Optimismus in Ehren - aber ist das Problembewusstsein der Unternehmen nicht ein wenig unterentwickelt? "Viele ungelöste Probleme stehen im Raum", weiß Karl-Heinz Lemnitzer, Partner der KPMG in Frankfurt und stellvertretender Sprecher des "Forum Euro". "Wir werden sie beim Namen nennen." Was passiert eigentlich, wenn die Umstellung nicht rechtzeitig abgeschlossen ist oder die Buchhaltung nach wie vor in Mark rechnet? Was können die Unternehmen darauf antworten, die sich bis dato nur unzureichend mit der Euro-Umstellung befasst haben? Laut einer Umfrage des RKW haben nämlich fast zwei Drittel der Mittelständler noch gar nicht damit begonnen. Dennoch will das "Forum Euro" nicht mit der Angst operieren, Wirtschaftsprüfer Lemnitzer setzt vielmehr auf Information und ein dicht geknüpftes Netzwerk aus Partnern und Experten. Zu groß jedoch dürfen die Erwartungen an das "Forum Euro" nicht ausfallen. "Wir können nicht die Probleme jedes einzelnen Unternehmens lösen." Lemnitzer, der sich auch als Herausgeber eines Buches über den Euro verdient gemacht hat, bedauert, dass die erhoffte Sogwirkung aus der Euphorie kurz nach Währungsbeschluss ausgeblieben sei. "Zuerst hat man den Euro auf den Schild gehoben, seit der Währungsunion aber ist das Thema nicht mehr von besonderer Priorität."

Möglicherweise bringt sich auch die Automobilindustrie aktiv ins "Forum Euro" ein. Entsprechende Signale sind zumindest aus der Wolfsburger VW-Konzernzentrale zu hören. Man prüfe eine Beteiligung, wie es offiziell heißt. "Wir achten darauf", erklärt Euro-Projektleiterin Claudia Klar-Lustermann, "dass die Kommunikation mit unseren Lieferanten in Euro funktioniert." Dem Vernehmen nach haben einige "blaue Briefe" bekommen, weil sie noch im Rückstand sind. "Bei der Awareness", hält Klar-Lustermann fest, "besteht noch Handlungsbedarf."

"Für uns ist es wichtig, dass die Zulieferer in der Lage sind, uns in Euro zu bedienen", schließt sich Claus Lindau seiner Kollegin an. Lindau, als IT-Direktor bei Daimler-Chrysler in Stuttgart verantwortlich für den Bereich Finanzwesen und Controlling sowie Mitglied im konzernweiten Euro-Projekt, hält die technische Umstellung für erheblich aufwändiger, als es beim Y2K-Projekt der Fall war. "Es geht nicht nur darum, einen Wert umzurechnen. Vielmehr hat der Euro erhebliche Auswirkungen auf die Prozesse, weshalb ein deutlich höherer Testaufwand zu fahren ist." Auch bei Daimler-Chrysler ist das Euro-Projekt noch lange nicht über die Bühne. Nun konzentriert man sich auf die Einführung der Barmittel sowie auf die Konsequenzen aus neuen gesetzlichen Vorgaben für die Fachbereiche. Dass die Finanzbehörden noch nicht auf den Euro umgestellt haben, ist für Lindau ein bloßes Schnittstellenthema und in der Priorität nicht sonderlich hoch angelegt. "Darum kümmern sich die Wirtschaftsprüfer."

Die Großen der Autobranche sehen die Umstellungsaufgaben wesentlich differenzierter als ihre Zulieferer. Die auf die kleinen Unternehmen zurollende Informationskampagne des "Forum Euro" ergibt also durchaus Sinn, ist zumindest Frank Sempert überzeugt. Der Consultant, der sich wie kein anderer für das Jahr-2000-Thema engagierte und dafür sogar im Sonntagabend-TV-Talk bei Sabine Christiansen Flagge zeigte, legt seine ganze Erfahrung nun auch für das "Forum Euro" in die Waagschale. "Mir ist nicht unwohl in meiner Haut", sagt Sempert, wenn man ihn auf die "Seifenblase" Y2K anspricht. Ob man ihn und seine neuerlichen Warnungen ernst nehmen kann? Viele Unternehmen, erwidert er, seien froh, dass sie sich rechtzeitig auf den Jahrtausendwechsel vorbereitet haben. Auch beim Euro müsse ja irgendeiner aufstehen und den Leuten etwas sagen.

Mit Siemens und anderen im "Forum Euro" versammelten Unternehmen und Institutionen ist sich Sempert einig, dass der Aufwand für die Euro-Umstellung "tendenziell" höher ausfallen werde als bei der Jahr-2000-Umstellung. "Testen, testen und nochmal testen", lautet sein Rat an die Unternehmen.

* Winfried Gertz ist freier Journalist in München.