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10.11.1995

Zahl der DV-Stellenanzeigen um 70 Prozent gestiegen Bildungsinstitute bevorzugen projekterfahrene Informatiker

MUENCHEN (CW) - Hochschulen und private Bildungstraeger stellen wieder Personal ein. Am meisten profitieren die Informatiker von dieser Entwicklung. In den ersten drei Quartalen des laufenden Jahres wuchs nach einer EMC-Auswertung der Jobinserate in 34 Tageszeitungen das Angebot gegenueber dem vergleichbaren Vorjahrszeitraum um 70 Prozent.

Paul Schmuecker, Leiter der Abteilung "Systemadaptierung" am Lehrstuhl fuer Medizinische Informatik in Heidelberg, berichtet, dass Universitaetskliniken, aber auch Krankenhaeuser vorwiegend DV- Mitarbeiter zur Einfuehrung und Betreuung von DV-Anwendungssystemen benoetigten. Schmuecker umreisst das sehr vielfaeltige Taetigkeitsspektrum seiner Mitarbeiter und Kollegen: "Es umfasst vorwiegend die Durchfuehrung von Systemanalysen, die Erstellung von Pflichtenheften sowie die Erarbeitung und Fortschreibung von Konzepten insbesondere fuer Klinikbereiche." Weiterhin beinhalte die Taetigkeit die Auswahl, Beschaffung, Installation, Parametrisierung, Anpassungsprogrammierung, Schulung, Betreuung und Pflege von DV-Infrastruktur und Anwendungssystemen.

Fuer den Hochschulbereich bestaetigt Schmuecker den allgemeinen Trend zu Standardsoftware: "Die Anzahl der Mitarbeiter, die fuer die Eigenentwicklung von Software eingesetzt werden, nimmt weiter ab." Man entscheide sich in der Regel nur noch fuer diese Loesung, wenn keine geeigneten Produkte am Markt verfuegbar seien.

Von Bedeutung fuer eine wirtschaftliche Informationsverarbeitung in seinem Hause sei die Integration der einzelnen Softwareprodukte in ein Gesamtsystem, wobei er einen Abbau der Heterogenitaet der Anwendungssysteme und den Einsatz von Standardprodukten anstrebe.

"Auffallend im Bereich der Systemeinfuehrung und -betreuung ist, dass die Faehigkeit der Mitarbeiter, Projekte zu managen, haeufig nicht den Anforderungen der Praxis genuegt", bedauert Schmuecker. Er fordert, dass spezielles betriebswirtschaftliches Wissen, Kenntnisse ueber Betriebsablaeufe, Organisationsstrukturen sowie ueber aerztliche und pflegerische Taetigkeiten im Krankenhaus spaetestens waehrend der praktischen Arbeit erworben werden muessen. "Das dauert in aller Regel ein Jahr", weiss der DV-Manager.

Den Einstieg finden nach Schmueckers Erfahrung Absolventen, "die sich bereits in ihrer Studienzeit ueber Praktika und Taetigkeiten als wissenschaftliche Hilfskraefte empfohlen haben". Fuer Joerg Nagel, Geschaeftsfuehrer der Computer Partner Beratungsgesellschaft mbH in Hamburg und im Schulungsgeschaeft engagiert, laesst sich der Nutzen fuer Studenten aus der Zusammenarbeit der Universitaeten mit der Industrie an folgenden Fragestellungen messen:

- Wie sieht die konkrete Aufgabe im Projekt aus?

- Wieviel Zeit verbringt der Student im Projekt?

- Wie verantwortlich ist jeder in die Arbeit eingebunden?

Nagel weiss aus Erfahrung, wo der Schuh drueckt: "Neben einer wuenschenswerten wissenschaftlichen Grundlage muss vor allem das Handwerkliche stimmen.

Damit meine ich informationstechnisches Detailwissen und Projekterfahrung." Absolventen wuerden wenig Praxiserfahrung mitbringen.

Fuer ihn ist entscheidend, dass Mitarbeiter das Geschaeft von der Pike auf lernen. "Ohne fundierte Ausbildung und Praxis in der Programmierung kann niemand, sei es im Bereich der Schulung, der Systemanalyse und -entwicklung oder im Projekt-Management, erfolgreich arbeiten." Die meisten Projekte wuerden daran scheitern, dass Menschen, die in die Verantwortung genommen werden, zwar einen akademischen Grad aufwiesen, nicht aber die erforderliche Erfahrung und in den ersten Jahren ueberhaupt nicht beurteilen koennten, wo die Probleme laegen. Der Hamburger Berater glaubt, dass die universitaere Ausbildung zu sehr auf Theorie abhebt und die Praxis vernachlaessigt.

Positionsbezeichnungen sind nicht zu gebrauchen

Nagel bedauert, dass zu wenige Unternehmen Praktika anbieten: "Wir haben gute Erfahrungen gemacht, sogar mit Leuten, die noch zur Schule gehen." Abhaengig vom Schultyp gebe es die ersten Praktika bereits in der achten oder neunten Klasse. Dabei habe man die erfreuliche Erfahrung gemacht, dass Schueler den PC nicht nur als Spielzeug betrachten, sondern Kenntnisse ueber Winword und Excel mitbringen. "Einmal hatten wir einen Schueler, der konnte nach vorgegebenen Mustern Excel-Makros programmieren," erzaehlt der Hamburger Schulungsprofi.

Als Beispiel wissenschaftlicher und praxisnaher Ausbildung fuehrt der Bildungsexperte das sogenannte Hamburger Modell an. Es handle sich dabei um eine Alternative zum Hochschulstudium. Betriebe arbeiten mit Bildungsinstituten zusammen, wobei die Mitarbeiter in die Unternehmen integriert sind und waehrend der gesamten theoretischen Ausbildungszeit parallel aktiv an realen Projekten mitwirken, unterschiedliche Abteilungen durchlaufen und ein breites Spektrum an betrieblichen Aufgaben kennenlernen.

"Bewerber auf dem Arbeitsmarkt haben sicher gute Chancen, wenn sie als Programmiersprache eine mit dem Praefix Visual- und zusaetzlich Cobol beherrschen", empfiehlt der Hamburger Berater. Obgleich seit Jahren totgesagt, wuerden noch immer 60 Prozent der Anwendungen mit dieser Sprache laufen. "Wenn ich heute aber objektorientiert programmieren will, brauche ich Visual-C oder Visual-Basic mit den entsprechenden Tools fuer die Entwicklung", so Nagel. Quasi- Standards wie Winword und Excel sollten, so die Forderung, schon in der Schule zum Stoff gehoeren.

Fuer den Schulungschef hat der ideale Bewerber zwei bis drei Jahre Projektarbeit hinter sich. "Eine Programmiersprache erlernt jeder in vier Wochen. Aber Programmieren ist nicht nur das Codieren, sondern beinhaltet auch immer die Kommunikation mit dem Anwender, die Analyse und Umsetzung der Aufgabe. Weil wir heute nicht mehr die Bereiche Analyse, Entwurf und Programmierung trennen, wie es frueher geschah, brauchen wir die Praxis."

Positionsbezeichnungen in der Informatikbranche, wie sie Woche fuer Woche auch im Stellenteil zahlreicher Tageszeitungen zu finden sind, haelt Nagel fuer unbrauchbar: "Es lassen sich heute keine berufsbezeichnenden Grenzen mehr ziehen. Wir sollten vielleicht auf den Ursprung zurueckkommen und sagen, wir suchen den Datenverarbeiter. Er/sie betreibt Systemanalyse, Systemdesign und schreibt Programme. Darueber hinaus ist er mobil und denkt international."

Der Berater legt Wert darauf, dass diesem Datenverarbeiter betriebswirtschaftliche Ablaeufe ganz selbstverstaendlich vertraut sind. Und weil kein Mensch zu jeder Zeit alles kann, muss der Ausbildungsprozess auch die Bereitschaft zur Leistung vermitteln. Schmuecker und Nagel sind sich einig: "Im Berufsleben des Datenverarbeiters hoert das Lernen nie auf. Wer stehenbleibt, verliert seine berufliche Kompetenz."