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28.09.1984

Zeitalter des Visuellen und des Computers

Solche Überlegungen lassen die Aussagen mancher Gegner der Visualisierung längst nicht mehr stichhaltig erscheinen. Auch wenn sie auf die - vermeintliche! - Tatsache hinweisen, daß Bilder der Phantasie weit weniger Raum lassen als Texte, sind sie widerlegbar. Selbst die so sehr verschrienen Comics bedürfen durchaus jeder kreativen Ergänzung des Beschauers (was sich unter anderem in der Tatsache äußert, daß diese für manche Eltern nicht verständlich sind). Es erweist sich, daß durch Bilder zwar die optisch erfaßbare Information stärker fixiert ist als durch Worte, auf der anderen Seite aber genügend Leerstellen offenbleiben, die der Beschauer zu füllen hat. Bei Bildgeschichten sind das beipielsweise die Logik des Ablaufs, die sozialen Verhältnisse der dargestellten Personen, die emotionale Seite und die visuelle Darstellung. Ähnliche Schlußfolgerungen ergeben sich auch für andere Bildmedien, nicht zuletzt für Film, Fernsehen und Video.

Grafik statt Formel

Diese kurze Skizzierung der wahrnehmungspsychologischen Basis erscheint wichtig - um so mehr, als selbst manche Medienspezialisten herzlich wenig davon wissen. Jedenfalls brauchen wir uns keinerlei Gewissensbisse mehr zu machen, wenn wir uns - nicht zuletzt mit Hilfe von Computergrafik-Systemen - mehr und mehr den Bildern zuwenden. Selbstverständlich geht es dabei nicht um eine Veränderung sprachlicher Ausdrucksmittel, sondern um eine Ergänzung. Man wird von Fall zu Fall überlegen, ob die eine oder andere Information besser durch Worte oder durch Bilder wiederzugeben ist.

Bei der Diskussion über die aufkommenden Computerbilder treten leider banale Anwendungen, beispielsweise in den "commercials", in den Vordergrund. Man übersieht dabei, daß es in der heutigen Zeit mehr denn je eine wichtige Aufgabe ist, die komplexen Sachverhalte, die in unserer modernen Welt gültig sind, verständlich zu beschreiben, faßlich zu machen und übersichtlich zu gestalten. Und je komplexer die Situation ist, um so besser bewährt sich das Bild.

Ein grundlegender Nutzen der - insbesondere interaktiven - Computergrafiker weist sich in Wissenschaft und Unterricht. Mit computergenerierten Bildern läßt sich die Aussage aller erdenklichen Formeln in einer bisher unbekannt prägnanten Form erfassen, der Lernende hat darüber hinaus die Möglichkeit des Experimentierens - so kann er beispielsweise physikalische oder chemische Umsetzungen in der Simulation durchführen oder elektrische Felder unter bestimmten Randbedingungen untersuchen, ohne dazu Geräte oder Laboratorien zu benötigen. Unter anderem ist jede Art von Mathematik, die sich im Zwei- oder Dreidimensionalen abspielt, durch Bilder ausdrückbar - Bilder, deren Aussage hinter der Formel nicht zurückzustehen braucht. Damit könnte der lange gesuchte "Königsweg zur Mathematik" gefunden sein.

Nicht nur der Unterricht, sondern auch die Forschung kann von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen. An der Universität Bremen hat sich um den Mathematiker Heinz-Otto Peitgen und den Physiker Peter H. Richter eine Arbeitsgruppe für "experimentelle Mathematik" gebildet. Bemerkenswerterweise sind es computergenerierte Bilder, mit deren Hilfe komplexe Prozesse, die sich bisher der Vorstellung entzogen, in farbigen Bildern sichtbar gemacht werden können. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die Situation, daß jene Experten für diesen Teil ihrer Arbeit, die Visualisierung, keine öffentlichen Mittel bekommen. Sie müssen sich die notwendigen Gelder durch den Verkauf von Dias und Katalogen beschaffen.

Verborgenes entdecken

Ganz nebenbei - nicht beabsichtigt, aber mit Erstaunen aufgenommen - ergab sich nicht zuletzt bei den Bremer Experimenten die Tatsache daß viele dieser Bilder aus dem Computer von überraschendem grafischen Reiz sind. Das Computergrafik-System tritt an die Stelle eines Mikroskops, mit dem man kristalline Oberflächen durchforscht, allerdings mit dem Unterschied, daß die Mathematik etwas vom Menschen Gemachtes ist. Worauf nun eigentlich die Schönheit dieser computergenerierten Bilder beruht, ist noch Gegenstand von Diskussionen. Unabhängig davon erscheint es aber immerhin erfreulich, daß auch ein Instrument, das handfesten technischen und wirtschaftliche Forderungen entspricht, einen bisher verborgenen faszinierenden Teil unserer Welt aufzudecken vermag.