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30.08.1985 - 

Die Renaissance der Minis als universelle Netzwerkcluster:

Zentrale DV allein ist ein Anachronismus

Totgesagte leben lang. Im Falle der Superminis trafen alle Abgesänge der vergangenen Jahre besonders kraß daneben. Ein Grund für das Comeback liegt in der Netzwerkstärke der Systeme, der andere in der Applikationsorientierung der Minimacher, ein dritter in der Ernüchterung der Anwender in bezug auf reine PC- oder reine PC/Mainframe-Lösungsversuche.

Jede Zukunftsprognose hat ihr Risiko. Selten einmal haben aber die meisten Analytiker so sehr danebengelegen, wie in der Einschätzung der Zukunftschancen von Minicomputersystemen. Erinnern wir uns: Im Jahre 1982 - die Mikro- und PC-Welle schwappte gerade vehement auch auf den deutschen Markt - war vom Dinosauriersterben die Rede. Gemeint waren die Mainframes und Minis, vor allem aber letztere. Die PC-Euphorie hatte manchen Zeitgenossen partiell blind gemacht.

Plötzlicher Gegenwind aus PC-Richtung

Weitgehend unbemerkt blieb daher die zunächst lautlose Umorientierung der Minicomputerhersteller vom reinen Hard- und Systemsoftwaregeschäft auf endbenutzerorientierte Komplettlösungen. Tief geschockt vom plötzlichen Gegenwind aus der PC-Richtung waren die Minimacher mit sich zu Rate gegangen und hatten sich auf die traditionellen Stärken ihrer Systeme besonnen. Allemal verfügten die Superminis bereits Ende der siebziger Jahre über Großrechnerleistung; auch die Betriebssysteme standen diesem Niveau nicht nach, sondern boten ausgerisiftes Time-sharing bei schnellen Antwortzeiten und hohem Benutzerkomfort. Das Datenmanagement konnte ebenfalls höchsten Ansprüchen gerecht werden. Die Netzwerkfähigkeiten der Minis waren hervorragend, auch oder gerade in Richtung der IBM-SNA-Welt.

Starkes Engagement in Büroautomation und CIM

Was bei den Miniherstellern fehlte, war das Engagement auf Applikationsebene. Neben reinen Branchenlösungen mußten solche horizontalen Anwendungen besonders interessant und zukunftsweisend sein, die die Stärken der Superminis und vor allem deren Netzwerkfähigkeiten voll zur Geltung bringen konnten. Aus diesen Überlegungen resultiert das starke Engagement der Minimacher in der integrierten Büroautomation und im Computer Integrated Manufacturing (CIM).

Als Ende 1982 in den USA die ersten zweistelligen Millionenaufträge in rein kommerziellen Umfeldern für vernetzte Büroautomationscluster auf Superminibasis erteilt wurden, fiel dies wegen des zeitversetzt in Europa auftretenden PC-Fiebers hierzulande noch niemandem so recht auf.

Und dennoch signalisierten diese Abschlüsse bei US-amerikanischen Großunternehmen eine klare Abkehr von reinen PC- oder PC/Mainframelösungen. Je ausgeprägter diese Tendenz in den Folgejahren wurde, desto stärker war der Marktführer gezwungen, die alte zentralistische Konzeption zu revidieren oder wenigstens stark abzumildern, hatten doch die Minimacher mit ihren flexiblen Bürosystemen genau an deren schwächstem Punkt einen recht wirksamen Hebel angesetzt.

Mittlerweile sind auch die europäischen Großunternehmen zum Beispiel in der integrierten Büroautomation auf ein dreischichtiges Modell eingeschwenkt, das aus Arbeitsstationen, Abteilungsrechnern und Zentralsystemen besteht. Was aber ist nun der große Vorteil dieser zwischengeschobenen Abteilungs- oder intelligenten Clustersysteme auf Supermini-Basis?

Als allererstes ist die Tatsache zu nennen, daß mit Abteilungssystemen moderne Rechnerunterstützung dort physisch angesiedelt ist, wo sie gebraucht wird, und nicht bei extremen Kosten und unerträglichen Wartezeiten in einem entlegenen Closed-shop unter fremder, für die Fachabteilung anonymer Kontrolle, das heißt die Abteilung wird mit Abteilungsrechnern nicht mir Herr des eigenen Systems, sondern spart bei funktionalem Gewinn noch Zeit und Geld.

Fachabteilung braucht nicht zu programmieren

Zweitens sind diese Systeme in der Lage, simultan sowohl horizontale Kommunikation (zu anderen Abteilungssystemen), als auch vertikale Kommunikation (mit zentralen Hostsystemen nach oben und den Arbeitsstationen nach unten) zu betreiben. Über diesen Punkt soll weiter unten noch ausführlicher die Rede sein.

Drittens brauchen Fachabteilungen nichts zu programmieren (wie bei den PCs). Die Büroautomations cluster bieten ein echtes "Enduser-Computing", das heißt die Integration von allgemeinen Bürofunktionen (netzweite elektronische Post, Ablage, Kalender- und Ressourcenverwaltung, integrierte Textverarbeitung) kombiniert mit typischen Personal-Computing- und Entscheidungshilfe-Funktionen (Tabellenkalkulation, persönliche relationale Datenbanken, Präsentations- und Geschäftsgrafik, Schrifttypmanipulation, Grafikeditoren). Durch die Abteilungssysteme werden Funktionen zusammengefaßt, die auf PCs zuvor einzeln und verstreut lagen und zudem eine riesige Datenredundanz bei mangelhafter Datensicherheit produzieren. Wenn man hinzunimmt, daß heute zu einem modernen Bürosystem auch noch endbenutzerorientierte Abfragesysteme gehören, die zentrale, dezentrale und bürosysteminterne Daten und Informationen zusammenfassen können, so ergibt sich bei voller Integration ein funktionaler und Bedienungskomfort, der weit über die rudimentären PC/Mainframemöglichkeiten hinausreicht.

Brüche zwischen PC-Software und der Zentralanwendung

Viertens können bei den führenden Systemen vorhandene Industriestandard-PCs/Arbeitsstationen an die Abteilungsrechner so wie Bildschirme angeschlossen werden, so daß ein Benutzer zwischen individueller, abteilungsbezogener und zentraler Anwendung auf Knopfdruck umschalten kann. Der Abteilungsrechner übernimmt mit seinen überlegenen Möglichkeiten den Verbindungsaufbau zum Zentralrechner in einer für den Benutzer transparenten Weise. Zusätzliche PC-Hard- und -Software für den Mainframelink ist nicht erforderlich. Zwischen Abteilungssystem und Arbeitsstation können Daten und Dokumente bidirektional ausgetauscht werden, wobei die Editierbarkeit, aber auch das Format erhalten bleiben. Damit ist eine Brücke zwischen der PC-typischen Software und der Abteilungs- und Zentralanwendung geschlagen.

Fünftens bieten die Abteilungssysteme wiederum als integrierten Bestandteil den Zugang zu öffentlichen Daten, Netzen und Diensten. So kann ein Abteilungssystem zu seinen sonstigen Aufgaben noch Telex- oder Teletexanschluß oder externer Btx-Rechner sein. Auf diese und auf die weiter oben beschriebenen Funktionen können die Anwender bei entsprechender Berechtigung netzweit zugreifen, wohlgemerkt nicht nur die lokal angeschlossenen Arbeitsstationen, sondern auch andere Abteilungssysteme, ja sogar die direkt am Mainframe angeschlossenen Terminals, die sich dabei die SNA-Fähigkeit des Abteilungsrechners in umgekehrter Richtung zunutze machen.

Sechstens erlauben die modernsten der Superminibürosysteme neben ihren Standardfunktionen eine vollständige Einbindung individueller Anwendungssoftware, die von der kompletten Menüintegration bis zur bidirektionalen Benutzung der Postfunktionen und der Dokumentendomänen geht; das heißt, die Informationsverarbeitung erhält insgesamt durch diese Systeme einen wesentlich höheren Integrationsgrad. Das war der Schlüssel zum Erfolg der Superminis im Büro.

Architektur auf Applikationsebene offen

Siebtens überschreiten die Abteilungsrechner die Schwelle der Herstellerabhängigkeit, indem sie internationale (X.400) oder Defactostandards (DIA/DCA) des Nachrichten- und Dokumentenwesens unterstützen, das heißt, elektronische Nachrichten und voll formatierte Dokumente können zwischen Systemen von Herstellern A und B ohne Verluste ausgetauscht werden. Die Architektur ist auf der wichtigsten, der Applikationsebene, offen.

Vor diesem Hintergrund sei an dieser Stelle ein kleiner Exkurs in die Details der Netzwerkfähigkeiten von Superminis eingeflochten. 32-Bit-Systeme können in der Regel mehrere Netzwerke simultan bedienen. Für die Verbindung von Systemen untereinander repräsentiert beispielsweise das DG-eigene Xodiac einkomplettes Netzwerkdesign, das im Sinne des ISO-Schichtenmodells alle sieben Schichten umfaßt. Diese Schichtenorientierung wiederum erlaubt es, daß das Netz ohne Modifikation der oberen, vom Benutzer direkt ansprechbaren Bestandteile auf völlig unterschiedlichen physikalischen Trägern gefahren werden kann, also sowohl über synchrone als auch über asynchrone Verbindungswege, über Basis- oder Breitband-LANs, über öffentliche PDNs (zum Beispiel X.25/ Datex-P) als auch private Paketvermittlungssysteme etc. Für den Benutzer bleibt transparent, auf welchem Wege eine Netzverbindung erfolgt. Eine Netzverbindung kann über mehrere unterschiedliche physikalische Ebenen hintereinander zustande kommen.

Anzahl der Rechner ist nicht begrenzt

Xodiac kann als unspezifisches oder "anarchisches" Netzwerkkonzept verstanden werden: Es erfordert weder eine Ring-, noch Baum- oder Sternstruktur. Die Anzahl der Rechner im Netz ist nicht begrenzt. Solche Netze, die keine bestimmte Struktur besitzen und die dazu noch bei vollem Netzwerkbetrieb organisch wachsen können, bedürfen eines Routingmechanismus, um die Last gleichmäßig zu verteilen und die Zugriffspfade für den Benutzer transparent zu halten.

Der Benutzer kommt mit dem Netz nur dann direkt in Kontakt, wenn er seinen Bildschirm ohne Kontrolle eines Anwenderprogrammes zu einem anderen System durchschalten will oder wenn er einen Filetransfer initiieren will. Vom Endbenutzer nicht wahrnehmbare Funktionen sind der Zugriff auf entfernte Ressourcen (Geräte, Dateien, Prozesse), der elektronische Postversand sowie der Datenzugriff lokaler Programme auf entfernte Bestände (bis auf Satz- respektive Feldebene). Das Konzept gestattet also - bei völliger Transparenz - die Benutzung im Netz verteilter Ressourcen, als seien diese lokal vorhanden. Die sattsam bekannte Datenredundanz in großen Organisationen kann damit wirkungsvoll eingedämmt werden.

Weltumspannende Netze mit mehreren tausend Knoten

Mit Konzepten wie Xodiac werden heutzutage weltumspannende Netze mit mehreren tausend Knotenrechnern betrieben. Das Interessante an diesen Netzwerkfähigkeiten ist nun, daß jeder dieser Knoten zu derselben Zeit auch mehrfacher SNA-Cluster sein kann. Unter DG/SNA ist beispielsweise jedes MV-System in der Lage, einen 3274-Clustercontroller (LU 1,2,3) mit Laufzeitoptimierung zu emulieren. Jedes System kann demnach nicht nur mit gleichen seiner Art, sondern auch noch mit Rechnern in SNA-Netzen verbunden sein. Da jedes System die Funktionalität eines 3274-Clusters nicht nur einmal, sondern simultan und parallel viermal darstellen kann, sind insgesamt 128 Benutzer eines MV-Systems etwa gleichzeitig in der Lage, mit bis zu vier verschiedenen SNA-Netzen zu kommunizieren. Benutzer solcher Systeme, die selbst keine Direktverbindung zu einem SNA-Netz neben, können über das Netz zu dem Knoten durchrouten, der die SNA-Verbindung besitzt, und von dort zum Beispiel eine 3270-Applikation auf dem Host starten, die dann auf seinem lokalen Bildschirm erscheint.

Verbindungen zwischen Supermini und SNA-Knoten

Zwei konzeptionell unterschiedliche Netzwerke gehen auf diese Art und Weise ohne zwischengeschalteten, aufwendigen Gatewayrechner transparent ineinander über. Gerade diese Verbindungsmöglichkeiten haben zu der starken Verbreitung von Superminis in den letzten Jahren beigetragen. Auf der Basis eines Application Interface sind zudem auf der Seite der Superminis Möglichkeiten der Kommunikation von lokalen Programmen mit normalerweise interaktiven Programmen des Hosts möglich. Dieser Mechanismus wird andererseits von der Hostseite auch dazu genutzt, um in umgekehrter Richtung auf Ressourcen und Programme des Supermini-Netzes zuzugreifen. In Kürze wird diese Verbindungsmöglichkeit noch um ein weiteres Application Interface ergänzt, so daß dann noch andere Programm-zu-Programm-Verbindungen zwischen Supermini und SNA-Knoten möglich werden.

Der Vollständigkeit halber sei ohne Detaildarstellung erwähnt, daß die Multinetzfähigkeit der MV-Systeme nicht allein auf Xodiac und SNA beschränkt ist, sondern parallel und simultan zu diesen beiden Netzen können auch noch die auf Ethernetbasierenden Netzwerkstandards XNS (Xerox Network System) und TCP/IP (der Netzwerkanschluß an die Unix-Welt) betrieben werden. Diese Netzwerkvielfalt gestattet eine Flexibilität der Anwendung, wie sie vor wenigen Jahren noch undenkbar schien. Dadurch, daß die Minimacher selbst nun mit CIM und Büroautomation sinnvolle Anwendungen für diese Netzwerke anbieten, werden die teilweise schon länger existierenden technischen Möglichkeiten allerdings erst jetzt voll ausgenutzt.

Der massenhafte Einsatz von modernen Abteilungsrechnern ist daher trotz aller Widerstände aus manchen zentralen DV-Stäben wohl nicht mehr zu verhindern, zu klar liegen die Vorteile sowohl bei der Funktionalität, als auch bei den Kosten und Verfügbarkeitszeiten auf der Hand. IDC schätzt das Wachstum dieses DV-Segments auf annähernd 60 Prozent über die nächsten fünf Jahre.

Der Transmionsriemen ist heute obsolet

Ein deutscher Großanwender hat kürzlich diese Entwicklung vergleichend sehr treffend mit einem Beispiel aus der Industriegeschichte beschrieben. Bevor Diesel- und Elektromotoren entwickelt waren, die für arbeitsindividuellen Antrieb in der Produktion eingesetzt werden konnten, war die Fertigung von der Laufgeschwindigkeit des zentralen Transmissionsriemens abhängig. Eine moderne industrielle Fertigung wäre auf der Basis einer solchen Technik völlig undenkbar. So bahnbrechend der Transmissionsriemen in den Anfängen der Industrialisierung war, so obsolet ist er heute. Die Analogie zur rein zentralistischen DV springt geradezu stechend ins Auge. Informatiorisverarbeitung auf der Grundlage zentraler DV allein ist ein Anachronismus. Das Comeback der Superminis hat dies bewiesen.

Jochen Scholl (35) leitet den Marketingbereich Büroautomation bei Data General Deutschland.