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30.07.1999

Zertifizierung: Keine Garantie für mehr Gehalt

Kritiker argwöhnen, daß die produktnahe Schulung mit anschließender Zertifizierung der Mitarbeiter eine geniale Marketing-Idee der Softwarehersteller war, um zusätzlich abzukassieren. Für viele Quereinsteiger ist sie eine gute Gelegenheit, den Berufseinstieg zu schaffen, von Profis wird der Test oft sogar erwartet, ohne daß dabei ein höheres Gehalt winkt.

Michael Schumacher ist überglücklich - nein, nicht der Formel-1-Rennfahrer, der hat im Moment sowieso keinen Grund dazu. Schumacher ist Computerexperte, hat die Prüfungen zum Microsoft Certified Systems Engineer (MCSE) absolviert und eine Reise nach Redmond gewonnen. Einige Microsoft-Trainingspartner, die sich unter der Bezeichnung Extended Training Network (ETN) vor zwei Jahren zusammengeschlossen haben, hatten diese Reise ausgelobt. So gesehen hat sich für den jungen Mitarbeiter eines IT-Dienstleisters aus Unna das Büffeln rund um Windows NT auf jeden Fall ausgezahlt.

Daß es lohnt, sich für den Titel eines MCSE geistig abzustrampeln, propagieren immer mehr Firmen, Ausbildungsinstitute, aber auch die Arbeitsämter, die diese Schulung finanziell unterstützen. Einige Trainingsanbieter werben gar mit einer 100prozentigen Vermittlungsquote, was Kritiker allerdings für unseriös halten.

Die Idee der Zertifizierung stammt aus den USA, genauer gesagt vom Netzanbieter Novell. Als Mitte der 80er Jahre die Produkte der Firma aus Provo in Utah ihren Siegeszug antraten, geschah das auch deshalb, weil es den Amerikanern gelang, ein neuartiges Trainingsinstrument einzuführen. Wer Novell-Produkte installierte, sollte auch gute Produktkenntnisse besitzen, die über weltweit einheitliche Prüfungen abgefragt wurden. Diese waren schwierig und kosteten eine Menge Geld.

Als Abschluß winkte dann der Certified Netware Engineer (CNE). IT-Dienstleister, die Novell-Produkte bei Kunden installierten, mußten solche Spezialisten in ihren Reihen haben. Kritiker meinten schon damals, daß dies die genialste Marketing-Idee des Netzwerkers war, der mit dem Zertifizierungsprogramm für ein gutes Image und die schnelle Verbreitung seiner Produkte sorgte.

Langsam entdeckten auch andere Anbieter das Geschäft mit produktnahen Ausbildungen. Mittlerweile gibt es weltweit über 100 Zertifizierungen vom Cisco Certified Network Associate über den Certified Lotus Specialist bis hin zum Sybase Certified Professional. Am professionellsten jedoch kopierte seit Anfang der 90er Jahre Lehrling Microsoft seinen Schulmeister Novell.

Den deutschen Markt dominieren laut Stellenmarktauswertung des Bildungsanbieters CDI in München eindeutig die MCSE- und CNE-Abschlüsse mit insgesamt 65 Prozent Anteil. Weltweit soll es nach Microsoft-Angaben bereits etwa 103000 Spezialisten geben, die sich mit den Produkten des Softwaregiganten aus der Nähe von Seattle auskennen und Prüfungen abgelegt haben. Wobei damit alle Abschlüsse gemeint sind, also auch die zum Microsoft Certified Professional (MCP). Dafür genügt es, nur eine Prüfung abzulegen, beim MCSE sind es gleich sechs, und wer noch den Zusatz Internet besitzen will, muß sich nochmals drei Tests unterziehen.

Uwe Rosenstock gehört zu den rund 6000 IT-Experten in Deutschland, die im vergangenen Jahr ihre sechs Prüfungen zum MCSE abgelegt haben. Er arbeitet heute bei einem IT-Anbieter im Norden der Republik und installiert unter anderem Windows NT bei Kunden. Als sein Arbeitgeber ihm anbot, diesen Kurs zu besuchen, hat er diese Möglichkeit gleich wahrgenommen. Rosenstock gehört sicherlich zu der Spezies von IT-Mitarbeitern, wie ihn sich jeder Chef nur wünschen kann. Denn bereits Ende der 80er Jahre ließ er sich zum CNE ausbilden, nun ist er auch noch MCSE. Weiterbildung habe für ihn höchste Priorität. Auf die Frage, ob er denn keine Lust habe, seinen Marktwert zu testen und bei einem anderen Unternehmen anzuheuern, winkt er ab: "Wenn ich sehe, wie und mit welch'' veralteten Technologien einige unserer Kunden arbeiten, wüßte ich wirklich nicht, wohin ich gehen sollte." Eine geregelte Arbeitszeit und Dienstwagen sind weitere Argumente, die ihn davon abhalten, sich bei der Konkurrenz umzuschauen.

Wer sich also zum MCSE qualifizieren will, kann dies am besten tun, indem er sich von seinem Arbeitgeber zu einem der Trainingsanbieter schicken läßt, die mit Microsoft zusammenarbeiten, den sogenannten Certified Technical Education Center (CTEC). Die Ausbildung ist nicht ganz billig. Wer alle sechs Prüfungen inklusive Kurse besucht, muß mit 18000 bis 25000 Mark rechnen.

Nun ist es aber so, daß zwischenzeitlich Alternativmodelle existieren, die bei weitem nicht so teuer sind. Die günstigste Variante ist die, daß man sich nur zur Prüfung anmeldet. Eine kostet rund 200 Mark. Vorher sollte aber jeder Interessent die Prüfungsfragen gründlich durchgearbeitet haben, sonst stehen die Chancen schlecht, den Test zu bestehen.

Auch die Arbeitsämter fördern in großem Stil IT-Kurse, die mit einer Zertifizierung abschließen. Vor allem Quereinsteiger erhalten dadurch eine reele Chance, einen Job zu finden. Allerdings warnen Unternehmensvertreter davor, sich mit einem so theoretischen Abschluß zu begnügen. Bernhard Busley zum Beispiel, Bereichsleiter bei der Dr. Seidel Informa- tionssysteme GmbH, einem IT-Dienstleister in München, nennt das Problem beim Namen: "Ohne praktische Erfahrung hat der MCSE keinen Wert."

Auch der Hamburger IT-Spezialist Rosenstock kann sich nicht vorstellen, ohne Praxis ein Netzwerk zu administrieren. Er glaubt aber auch nicht, daß man nur mit Kenntnissen aus der täglichen Arbeit die Tests bestehen kann: "Man muß die Aufgaben richtig durcharbeiten", denn zum Teil hätten sie mit der Realität nicht viel zu tun. Als "Lachnummer" gar bezeichnete ein MCSE gegenüber der CW einige Fragen. Diese müssen per Multiple-Choice-Verfahren beantwortet werden und zwar in einem unabhängigen Testcenter der Firmen Sylvan Prometric oder Vue. Schulungsanbieter können im Auftrag dieser beiden Firmen die Prüfungen abnehmen, die für viele Zertifikate weltweit einheitlich sind.

Das etwa halb- bis ganzstündige Multiple-Choice-Verfahren wird immer wieder dahingehend kritisiert, daß es Theoretiker bevorzuge, daß es ausreiche, nur richtig dafür zu büffeln, da sich alle Antworten im Internet oder in Büchern nachlesen lassen. IT-Manager Busley dagegen sieht es nicht so dramatisch: "Selbst für einen guten Spickzettel muß man sich als Schüler intensiv mit der Materie auseinandersetzen." Cisco hat den anspruchsvolleren Weg gewählt: Wer die Weihen der hohen Netzwerkkunst erlangen will, muß in einem fortgeschrittenen Stadium auch praktische Prüfungen ablegen, und die sollen es in sich haben, wie ein Cisco-zertifizierter Profi bestätigt.

Die Arbeitgeber reagieren unterschiedlich auf diese Zertifikate, die Mitarbeiter in ihren Lebensläufen anführen. Grundsätzlich sind sie willkommen. Es zeige, daß sich der IT-Spezialist zusätzlich angestrengt habe, wie ein Personaler anmerkt. Rainhard Hahn, Personalchef der Kirch-Gruppe in München, formuliert es pragmatisch: "Jede Zusatzqualifikation hat Einfluß auf das Gehalt." Schränkt dann aber gleich wieder ein: "Der Zertifizierte ist nicht automatisch besser", er schaue sich schon jeden Bewerber genau an, ob er auch in sein Unternehmen passe, denn im Zweifelsfall "können wir fachlich noch immer nachbessern". In den IT-Abteilungen der großen Konzerne sind MCSEs und Konsorten noch eher die Ausnahme. Er sei keine Voraussetzung, könne aber die Einstellungschancen erhöhen, meinte Günther Szogs, bei der Commerzbank zuständig für die IT-Trainee-Ausbildung.

Kunden erwarten Erfahrung

Georg Heller aus Köln, DV-Mitarbeiter eines der größten Anwenderunternehmen in Deutschland, bemühte sich persönlich um den Microsoft-Abschluß: "In einem großen Laden ist Initiativgeist gefordert." Auf der Suche nach einem etwas kostengünstigeren Angebot als den derzeit am Markt üblichen entdeckte er das Skill-Improvement-Network-(Skin-)Projekt.

Mittels einer Mischung aus Seminaren, Selbstlernphasen und Online-Training erwarb er den MCSE und zahlte dafür etwa die Hälfte des üblichen Preises, also rund 9000 Mark. Das leuchtete Hellers Arbeitgeber ein, der daraufhin die Kosten übernahm.

Umstritten ist die Bedeutung dieser Abschlüsse unter IT-Dienstleistern. Volker Jansen, Personalchef des Münchner Softwarehauses Softlab, beobachtet, daß Kunden Wert auf solche Zertifikate legen und sie zum Teil verlangen. Busley dagegen relativiert den Wert: "Bei Kunden zählt zu 90 Prozent die Erfahrung des Mitarbeiters und zu zehn Prozent der Schein."

Er glaubt sogar, daß in nächster Zukunft beispielsweise der MCSE für einige Gebiete wie die Server-Administration selbstverständlich sein wird. Dann müsse sich ein Kandidat sogar die Frage gefallen lassen, warum er die Tests nicht absolviert habe.

In einem Punkt waren sich die von der CW befragten Personaler und MCSEs einig: in der nüchternen Einschätzung dieses Abschlusses und seinen Auswirkungen auf das Gehalt. Sie seien nämlich minimal, nicht der Rede wert. Die zehn Prozent Aufpreis, die in Gerüchten herumgeistern, sollen absolut unrealistisch sein.