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04.06.1993 - 

Der Gastkommentar

Zu schnelle Erholung verhindert den Regenerierungsprozess

Wer kennt sie nicht, die alttestamentarische Berichterstattung ueber die sieben fetten und die sieben mageren Jahre, die das Land heimsuchen sollten? Seien wir ehrlich, wir verdraengen solcherlei Wissen, denn es passt partout nicht in unsere schnellebige Denkweise - die wir zumindest praktizieren, was die schlechten Ereignisse anbetrifft.

Wir muessen die sieben fetten Jahre als hinter uns liegend ansehen. Bei Licht betrachtet, waren es sogar ueber acht Jahre. Folgern wir deshalb, dass uns jetzt die sieben mageren Jahre ins Haus stehen? Mitnichten. Wir leben gewissermassen mit einer asymmetrischen Konjunkturphilosophie: Kaum dass uns die ersten Boten einer broeckelnden Geschaeftslage erreichen, rechnen wir allenfalls mit Monaten, bis wir wieder jubilierend aus vollen Fleischtoepfen (pardon: Auftragsbuechern) jahrelang schoepfen duerfen. Die mageren Jahre werden sozusagen im Zeitraffer abgehakt.

Diese Rechnung ist zu simpel. Wer die Bestimmungsfaktoren fuer unsere Konjunkturlage skrupuloes analysiert und ausserdem bis dato unbekannte, diskontinuierlich auftretende Faktoren unserer turbulenten Zeit ernst nimmt, wird an die verbreitet unterstellte Kuerze der mageren Zeit nicht glauben koennen.

Weit weniger berechtigt als in frueheren Jahrzehnten ist beispielsweise die Annahme, dass wir auch kuenftig auf einen breiten, praktisch alle Branchen erfassenden Konjunkturverlauf bauen duerfen. Der gewaltig ausgeweitete Markt (Europa, Osten, ...) nimmt nicht nur Gueter auf, die wir als bislang gut abgeschottete Westeuropaeer liefern wollen, sondern er bietet selbst Arbeit und Produkte, neue Praeferenzen, neue Warenkoerbe und neue Arbeitsteilung. Die branchenbezogene Entwicklung von Prosperitaet und Rezession wird sich staerker auspraegen. Die exakte Segmentierung und Besetzung von Maerkten wird so manchem, der sich in einem sicheren Strom zu bewegen glaubt, nicht gelingen.

Ein duesteres Bild? Es kommt darauf an, ob man das in Aussicht Stehende bedauerlich findet oder nicht. Vieles spricht dagegen, dass man die notwendige neue "Taktung" der fetten und mageren Zeiten beklagen sollte. Zu schnelle Erholung verleitet nachgerade dazu, sich der veraenderten Parameter oder der ungesunden eigenen Traegheit erst gar nicht bewusst zu werden. Schnelle Erholung verhindert den Regenerierungsprozess, den uns heute viele Unternehmen - der Not gehorchend und jetzt nicht ohne Schmerzen - vorexerzieren. Musterschueler der Vergangenheit verdeutlichen dabei an vorderster Front, wie flott sich unantastbare Guetesiegel in grelle Signale fuer beispiellose Selbstzufriedenheit und Ineffizienz wandeln.

Uns geht es nicht um die Propagierung des sozialen und personellen Kahlschlags, sondern um die Verdeutlichung der unfassbaren Unproduktivitaet, die wir uns zu Lasten anderer (sprich: besserer) Wertschoepfungsmoeglichkeiten in sogenannten hochkonjunkturellen Zeiten leisten. Die Wertschoepfung ist fuer viele Produkte heute eine ausser Rand und Band geratene Groesse, die sich von einer marktgesteuerten Praeferenzrelation sowie einer vernuenftigen Kostenstruktur immer weiter entfernt hat. Der Markt wehrt sich, aber er lernt auch: zum Beispiel von denen, die Lean Production ernstnehmen und auch - siehe da - in den mageren Jahren vernuenftig ueber die Runden kommen.

Not macht erfinderisch, und das erklaert auch so manche schnelle Ueberwindung der mageren Zeiten; aber dieses "Konzept" sollte man nicht ueberstrapazieren, nur weil man sich in besseren Zeiten nicht den Kopf ueber eine schwierige Zukunft zerbrechen wollte. Weniger Speck muss nicht Not heissen, und so gesehen wird die fast allen verordnete Schlankheitskur gewiss nicht nur Nachteile bringen - selbst wenn es etwas laenger dauern sollte. Es muessen ja nicht gerade sieben Jahre werden.

Aus: IOT Forum, Ausgabe 30, Mai 1993