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02.10.1981 - 

Kassenarbeitsplätze müssen humaner gestaltet werden:

Zugluft, Lärm und Monotonie machen krank

Kassieren macht krank. Frauen an den Kassen müssen unter zum Teil unzumutbaren Bedingungen arbeiten. Fast alle Kassiererinnen in Selbstbedienungsläden klagen über Bluthochdruck, nervöse Herzbeschwerden und Einschlafschwierigkeiten. Wenn sie abends ihre Kassen schließen, ist ihr Nacken steif, der Rücken schmerzt, und die linke Hand-Arm-Schulterpartie ist wie gelähmt. Daß diese Beschwerden tatsächlich existieren, hat eine Studie des bayerischen Sozialministeriums gezeigt.

Der Leiter des Instituts für Arbeitsphysiologie der Technischen Universität München, Professor Wolf Müller-Limmroth, beschäftigte sich - ebenso wie zuvor das Bundesarbeitsministerium - mit der "menschengerechten Gestaltung von Kassenarbeitsplätzen" und kam zu dem Schluß. Es gibt viel zu verbessern. In den Selbstbedienungsläden hat sich zwar einiges verändert - doch nicht immer zum Wohle der Beschäftigten. Wahrend früher die Frauen an der Kasse auch die Kunden berieten, Verkaufsgespräche führten und bedienten, sitzen sie heute in der Regel acht Stunden am Tag in ihrem engen "Pferch", gehetzt von der Warteschlange ungeduldiger Einkäufer, aufgehalten durch "Langweiler" und gereizt durch "Nörgler".

Die Stühle von Kassiererinnen sind, wie die jüngste Studie ergab, meist unbequem und die Arm- und Beinfreiheit sind beschrankt. Dazu kommen Lärm, das nervenaufreibende Piepsen beim Eintippen der Preise und Zugluft von draußen Das künstliche licht schmerzt in den Augen Täglich packen Kassiererinnen im Durchschnitt zwei Tonnen Ware um - was aus der Sicht der Arbeitswissenschaftler jedoch "keineswegs Schwerarbeit" ist. Doch bei ungünstigen Körperhaltungen wird auch das eigene Körpergewicht mitbewegt, und die "Arbeit wird zur unerträglichen Belastung". Zu all dem werden Freundlichkeit, hohe Konzentration und Höflichkeit verlangt. Der Lohn bei einer 40-Stunden-Woche am Monatsende: 1180 bis maximal knapp 1800 Mark brutto.

Seit dem Erscheinen des ersten Forschungsberichtes vor zwei Jahren ist es der Gewerkschaft HBV gelungen, durch bundesweite Aktionen mit dem Slogan "Kassieren macht krank" und "Prüfen Sie Ihren Arbeitsplatz" auf die Belastungen der Kassiererinnen hinzuweisen und auch Verbesserungen durchzusetzen. Als außerordentlich hilfreich erwies sich dabei die vom Bundeszentrum Humanisierung des Arbeitslebens herausgegebene "Handlungsanleitung für die Praxis". In dieser Handlungsanleitung wurden die wichtigsten Grundsätze für eine menschengerechte Gestaltung von Kassenarbeitsplätzen zusammengefaßt. Das Bundeszentrum sprach sich dann unter anderem unmißverständlich gegen sogenannte Umpackkassen aus. An diesen Kassen müssen Kassiererinnen die Ware aus dem Einkaufswagen nehmen und in einen anderen Einkaufswagen umpacken Inzwischen haben zwar viele Unternehmen auf diesen Kassentyp verzichtet doch die Gewerkschaft HBV fordert nach wie vor ein generelles Verbot der Umpackkassen. Künftig sollten nur noch sogenannte Band-Kassentische eingerichtet werden. An diesen Kassen legt der Kunde seine Ware auf ein Förderband, auf dem sie in Reichweite der Kassierin transportiert wird. Nach der Registrierung wird die Ware an Bandende vom Kunden wieder übernommen .

Doch das Bundeszentrum beschränkt sich nicht auf das Votum für den Band-Kassentisch. Es stellte eine Vielzahl weiterer Forderungen zur Gestaltung von Kassenarbeitsplätzen auf:

þKassiererinnen sollten zum Kunden hin orientiert sitzen.

þDie Sitzflächenhöheund die Fußstellflächenhöhe müssen für die Kassiererinnen veränderbar sein.

þKassenarbeitsplätze . müssen eine ausreichende Bodenfläche für freie Stuhlbewegungen haben, um ein bequemes Betreten und Verlassen des Arbeitsplatzes zu ermöglichen und um eine optimale Arbeitshaltung einnehmen zu können.

þDie Beleuchtung von Kassenarbeitsplätzen muß eine Nennbeleuchtungsstärke von 500 lx aufweisen: Reflexblendungen am Arbeitsplatz sind zu vermeiden.

þDer Geräuschpegel an Kassenarbeitsplätzen darf auch unter Berücksichtigung der von außen einwirkenden Geräusche höchstens 70 dB(A) betragen.

Ein anderer Aspekt, der in der weiteren Diskussion stärker beachtet werden sollte, ist organisatorischer Art. Bereits das Bundeszentrum Humanisierung des Arbeitslebens hatte darauf hingewiesen, daß auch Arbeitsinhalte und Arbeitsabläufe bei der optimalen Gestaltung der Arbeit an Kassenarbeitsplätzen eine entscheidende Rolle spielen. In der jetzt vorgelegten Studie des bayereischen Sozialministeriums wird dieser Gedanke erneut aufgegriffen und fortentwickelt. Die Wissenschaftler der Technischen Universität München stellten fest, daß sich die Belastungen an Kassenarbeitsplätzen durch erhöhten technischen Komfort verringern ließen. Doch dies werde in der Praxis häufig gegen Monotonie und Langeweile eingetauscht. Vermeintliche Verbesserungen führen nach Auffassung des Arbeitswissenschaftlers Müller-Limmroth zu Verschlechterungen. Die Folge seien Gleichgültigkeit gegenüber der Arbeit, Gereiztheit und Resignation. Müller-Limmroth schlägt daher die Einführung von Kurzpausen vor. Und: Die Kassiererinnen sollten die Möglichkeit bekommen, nicht nur an der Kasse, sondern auch im Verkauf zu arbeiten. Optimal - so der Wissenschaftler - sei eine Mischtätigkeit, also wechselndes Kassieren und Bedienen.