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02.11.1984 - 

Neue Kommunicationsformen verändern Arbeitsorganisation:

Zukünftig beurteilt der Computer den Heimarbeiter

NEUSTADT - Als eine Renaissance der Heimarbeit skizziert Dipl.-lngeunieur Dieter Hirschmann. Neustadt, die Entwicklung zum Büro von morgen. Rapider Ausbau von Kommunikationsnetzen und zugleich ein stagnierendes Arbeitsangebot bilden für die kommenden Jahrzehnte eine der schwerwiegendsten Herausforderungen. Als wichtige Ressourcen zwingen die neuen Techniken deshalb zu Überlegungen über veränderte Formen in der Arbeitsorganisation. Kriterien im volkswirtschaftlichen Rahmen bilden dabei sowohl die Personalkosten und das Produktiwermögen als auch der Faktor Freizeit.

Während hierzulande noch heftig über Vor- und Nachteile der sogenannten Neuen Medien diskutiert und bisweilen auch gestritten wird, ist man in Frankreich, den USA und Japan schon einen Schritt weiter. Dort werden bereits seit geraumer Zeit Untersuchungen darüber angestellt, welche arbeitsmäßigen Erleichterungen Text- und Datenfernverarbeitung, Fernkopieren, Bildschirmtext, Personal- und Heimcomputer dem Benutzer bieten, wie damit personalintensive Tätigkeiten optimiert werden können, die für andere Tätigkeiten freiwerdende Zeit kreativ genutzt werden kann, um Leerlauf zu vermeiden. Andererseits ist zu verhindern, daß Arbeitsplätze in dem Maße abgebaut werden wie neue Medien zum Einsatz kommen und damit der Graben zwischen "Arbeits-Besitzern" und "Arbeits-Suchern" sich noch weiter öffnet.

Manuelle Eingabe wird Haupttätigkeit

Jede Tätigkeit besteht aus einem Teil Sofort- und einem Teil Speicherarbeit. Eine Datentypistin zum Beispiel wird nur einen geringen Teil ihrer täglichen Arbeitszeit für die Entgegennahme und das Archivieren der datenmäßig aufbereiteten Erfassungsbelege aufwenden. Ihre Haupttätigkeit wird wohl die manuelle Eingabe der Daten über ihr Bildschirmterminal bilden.

Zu untersuchen wäre, ob diese Tätigkeit nicht genausogut zu Hause, in der gewohnten Umgebung, ausgeübt werden könnte, bei entsprechender Kostenbeteiligung des Arbeitgebers an räumlichen Einrichtungen und arbeitstechnischen Voraussetzungen.

Ebenso wären die versicherungsmäßigen Bedingungen entsprechend neu zu definieren und auf den Heimarbeitsplatz auszudehnen. Ungeklärt ist auch die Anwendung der Arbeitsschutzgesetze und die Kontrolle über die Einhaltung der Vorschriften über Bildschirmarbeitsplätze.

Weiter wäre zu untersuchen, wie entsprechende Angebote von den unmittelbar Betroffenen akzeptiert werden, welche sozialen und volkswirtschaftlichen Konsequenzen sich hieraus ergeben, etwa ob sich "Isolationsneurosen" bilden oder mehr Zeit zur Pflege nachbarschaftlicher Beziehungen genutzt wird.

Computer-Kopplung spart den Boten ein

Solche Gedankenspiele können allerdings nur dann für Interessenten attraktiv sein, wenn die soziale Absicherung des Arbeitnehmers bei der zuhause ausgeübten Tätigkeit erhalten bleibt. Hier sind insbesondere die Gewerkschaften aufgerufen, Mißbräuche zu verhindern.

Es wäre sogar denkbar, daß Tätigkeiten ganz auf den häuslichen Bereich verlagert werden, daß sogenannte "Jobs" von Boten gebracht oder per Post versandt werden. Um beim Beispiel der Datentypistin zu bleiben, wäre das auf den Transfer von Bandkassetten oder Disketten beschränkt. Durch die Koppelung komfortabler Heimcomputer mit dem Firmencomputer ließe sich sogar der Bote einsparen. Schriftstücke oder Datenerfassungsbelege könnten notfalls auch per schneller digitaler Fernkopierer auf dem gleichen Wege übermittelt werden.

Da sich auf Weise Weise auch größere Entfernungen überbrücken lassen, ist es nicht unbedingt erforderlich, daß Wohn- und Arbeitsstätte in unmittelbarer Nähe liegen.

Der Gedanke der Fernarbeitsplätze muß nicht nur auf einfache routinemäßig zu erledigender Arbeiten beschränkt bleiben. Wissenschaftler könnten ungestört zuhause mittels kommuniktionsfähiger Terminals in den weltweit zur Verfügung stehenden umfangreichen Datenbanken recherchieren und über außenliegende Nebenstellen ihrer Firma oder Verwaltung trotzdem ständig erreichbar sein. Für Mitarbeiter im Außendienst oder auf größerem Firmengelände gehört der Eurosignalempfänger ohnehin schon jetzt dazu, während Autotelefon und/oder -Computer aus Kostengründen und der geringen Frequenzkapazität wegen eher dem oberen Management vorbehalten bleiben.

Neben der bisher schon bestehenden Möglichkeit von Telefonkonferenzen, werden mit der schrittweisen Einführung von sogenannten "dienste-integrierenden Netzen" durch die Deutsche Bundespost zurvlehmend auch Videokonferenzen benutz, so daß Geschäftsreisen auf das unbedingt notwendige Maß reduziert oder ganz eingespart werden können. Selbst wenn sich Gesprächspartner räumlich weit auseinander befinden - theoretisch können sie über mehrere Länder verstreut sein - hat doch jeder von ihnen Sprach- und Sichtkontakt. Einladungen zu derartigen Zusammenkünften werden in sogenannten "Mailboxen" abgelegt, auf die der Mitarbeiter über ein persönliches Paßwort regelmäßig zugreift und dort die neuesten Nachrichten entnimmt. Diese Möglichkeit bietet jetzt schon das Bildschirmtext-System oder die neue Dienstleistung "Telebox" der Deutschen Bundespost.

Tätigkeit vom heimischen Schreibtisch

Die Alternative der Fernarbeitsplätze wird allerdings die Beurteilung von Mitarbeitern, mit denen man nur noch per "Draht" kommuniziert, erschweren. Schnelligkeit und Qualität der Aufgabenerledigung noch mehr an Bedeutung gewinnen, durch die künftige Bereitstellung der Glasfasertechnologie wird die Möglichkeit gegeben sein, mit Vorgesetzten oder Mitarbeitern auch visuellen Kontakt zu pflegen. Ob die Beurteilungspraxis gerechter wird als bei der bisherigen Verfahrensweise, muß dahingestellt bleiben. Vielleicht bildet sich dann der Computer anhand einer gespeicherten Punktetabelle selbst ein Urteil über die Qualifikation seines Operators und legt das Ergebnis nach erfolgter Plausibilitätskontrolle in einem Speicher ab zu dem nur der Vorgesetzte Zugang hat.

Es gibt doch heute schon eine ganze Reihe Berufstätiger in der Gruppe der freien Berufe, die ihre Tätigkeit quasi vom heimischen Schreibtisch aus wahrnehmen, wie zum Beispiel Ärzte, Steuerberater, Rechtsanwälte, Übersetzer, Unternehmensberater, Schriftsteller etc.

Nichts spricht dagegen, diese Annehmlichkeiten auch Angestellten zu bieten. Die konsequente Anwendung der Mikroelektronik in Verbindung mit breitbandigen Glasfasertechnologien und genormter Schnittstellen sowie entsprechend angepaßter Software rücken diese Möglichkeiten in den Bereich der Realität. Spielcomputer mit unterschiedlichen systemspezifischen Betriebssystemen werden dann so gut wie keine Marktchance mehr haben.

Gefragt sind mit Standardbausteinen modular erweiterbare, universelle Alleskönner mit an die jeweils gestellte Aufgabe angepaßten, ausgereiften Programmen, einer leicht erlernbaren Sprache, die mit jedem Großcomputer zusammenarbeiten können.

Das vollelektronische Büro wird - gegen Ende des Jahrhunderts - stufenweise verwirklicht werden, wobei die Organisationseinheit "Büro" räumlich nicht mehr klar zu umreißen ist. Kreative Tätigkeit läßt sich aber auch dann weiterhin nicht nur mit dem Computer bewältigen.

Die gewohnten, starren Arbeitszeiten -werden sich auflösen zugunsten einer individuell vereinbarten Arbeitszeit, die sich hauptsächlich an der ausgeführten Tätigkeit orientiert. Neben den 4-Stunden-Arbeitsverträgen sind etwa auch 2-Stunden-Verträge denkbar. Es gibt sicher eine ganze Reihe "Nur-Hausfrauen", die sich ein Taschengeld hinzuverdienen möchten, denen aber ein Halbtags-Job wegen der Kinder bereits zu lang ist. Das gelegentliche "Anmieten" von Arbeitsleistung bei Bedarf wird zwar schon praktiziert, stößt bei den Genverkschaften aber auf wenig Gegenliebe.

Globales Umdenken auf allen Seiten

Als Tatsache gilt: die zu verteilende Arbeit wird knapper werden, obwohl insgesamt mehr Arbeitsplätze mit einem wesentlich höheren intellektuellem Niveau geschaffen werden und damit die Anforderungen an den Einzelnen steigen.

Es muß deshalb zu einem globalen gesellschaftlichen Umdenken kommen sowohl von Seiten der Arbeitgeber, als auch von Seiten der Arbeitnehmer, Gewerkschaften und Politiker.

Weniger zu arbeiten, wird nicht unbedingt mehr Armut bedeuten. Individuelle Arbeitszeiten und Arbeitsplätze garantieren nicht die absolute Freiheit. Aber mehr Freizeit läßt sich auch nicht in Mark und Pfennig ausdrücken.

in Aspekt sollte bei allen Planspielen nicht vergessen werden: Die Hauptsache bleibt der Mensch, und die Maschine muß der "nützliche Idiot" bleiben, der sicherstellt, daß Menschen von Routinearbeit und stumpfsinniger Tätigkeit entlastet und für kreative Beschäftigung frei werden.