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19.06.1992 - 

Qualifizierungskonzept für Informatikfachkräfte, Teil 1

Zukunft des DV-Spezialisten: Dinosaurier oder Schlüsselfigur

"Die glorreichen Zeiten der Hohepriester gehen langsam, aber sicher dem Ende zu, und die Computertempel werden geräumt. Wer sich dagegenstemmt oder den Kopf in den Sand steckt, läuft Gefahr, am Schluß mit leeren Händen dazustehen", meint William Zachmann mit Blick auf die DV und die damit entstandene Berufsgruppe. Aber was bedeutet das für die Zukunft der Informatikfachkräfte?

Haben Informatikfachkräfte überhaupt eine Zukunft, oder sind sie bereits vom Aussterben bedrohte Dinosaurier? In dem Maße, wie der Computer sich vom Spezialisteninstrument zum alltäglichen Werkzeug entwickelt, liest man Schlagzeilen, die das Ende dieses Berufsfeldes einzuläuten scheinen. Der ehemals Betroffene, der Benutzer werde sein Werkzeug in Zukunft so gut beherrschen, daß Informatikfachkräfte überflüssig würden.

Interessant ist die Frage, wie sich die Veränderungen in den Unternehmen zukünftig auf die Informatikfachkräfte auswirken, welche Rolle diese Berufsgruppe in Zukunft spielt und vor allem welche Kernqualifikationen im Vordergrund stehen werden. Deshalb haben die Autoren zunächst einmal darauf geachtet, eine gesicherte Trendaussage zur Entwicklung der Informatikfachkräfte und ihrer beruflichen Anforderungen zu erstellen.

In den 60er und 70er Jahren war die spezifische Form des Computereinsatzes das Rechenzentrum. Eine strenge Arbeitsteilung und klar definierte Schnittstellen zwischen Fachabteilungen und dem Rechenzentrum prägten das Bild. Durch die räumliche und organisatorische Isolation des Rechenzentrums hatte das Berufsbild der DV-Fachkraft noch sehr stark den Charakter eines weißbekittelten Labortechnikers.

Kernqualifikationen bestanden in dieser Zeit neben den Grundlagen wie Mathematik aus wenigen Programmiersprachen und dem Wissen über technische Details einer sehr begrenzten Anzahl von Rechnertypen. In den 80er Jahren fand sich die DV-Fachkraft in einer Arbeitsumgebung wieder, die durch den Host im Terminalbetrieb und den Einsatz von traditionellen Dialoganwendungen gekennzeichnet war. Voraussetzung dafür war, daß DV-Systeme nicht mehr ausschließlich über das Rechenzentrum genützt, sondern unmittelbar an die Fachabteilungen des Unternehmens angebunden wurden.

Neue Anforderungen an die DV-Fachkräfte

Dieser Einzug der Computer in die betriebliche Arbeitsrealität ging mit einer veränderten strategischen Nutzung der Datenverarbeitung einher. Das Rationalisierungsziel war nun nicht mehr die bloße Übernahme von Routinearbeiten durch einen Rechner, sondern die computergestützte Effektivierung betrieblicher Organisations- und Informationsstrukturen.

Mit der betrieblichen Integration der DV änderten sich auch die Anforderungen an die DV-Fachkräfte. Die Gestaltung der DV-Systeme konnte nun nicht mehr als Laboraufgabe an reine Techniker delegiert werden. Die in der Logik der Dialoganwendungen angelegte Abbildung betrieblicher Strukturen erforderte zum einen Kenntnisse des Anwendungsfeldes, zum anderen setzte die adäquate Abbildung komplexen betrieblicher Strukturen zunehmend den Einsatz ingenieurmäßiger Methoden der Systementwicklung voraus. Die Verschiedenartigkeit der Aufgaben und Anforderungen führte zu einer sehr weitgehenden Spezialisierung der Berufsgruppe.

Jetzt in den 90er Jahren befindet sich die DV erneut im Wandel - und damit auch das Qualifikationsprofil von Informatikfachkräften. Ein Blick in die Stellenanzeigen beispielsweise der CW gibt einen ersten Eindruck von den Trends der Veränderung des Qualifikationsprofils.

Mehr soziale Kompetenz gefordert

Besonders fällt die Tatsache ins Auge, daß sich die gesuchten neuen Mitarbeiter durch ein hohes Maß an sozialen und kommunikativen Kompetenzen auszeichnen sollen. Nach einer CDI-Stellenmarktanalyse aus dem Jahr 1991 nahm die Anzahl der Nennung sozialer Qualifikationen zwischen 1990 und 1991 um 45,6 Prozent zu.

Welche Entwicklungen liegen diesen signifikanten Nachfrageveränderungen zugrunde?

- In den Unternehmen dringt der PC mehr und mehr in das Arbeitsleben ein.

- Software dient zunehmend der umfassenden Unterstützung aller Tätigkeiten am Arbeitsplatz.

- Die starre Großrechnertechnologie wird tendenziell von leistungsfähigen und flexiblen Systemen seit einiger Zeit verstärkt durch PC-Netze verdrängt.

- Die Entwicklung dieser hochflexiblen Systeme erfolgt nicht mehr isoliert am Arbeitsplatz im Rechenzentrum, sondern sie kann nur noch gemeinsam mit dem Benutzer direkt in der Fachabteilung bewältigt werden.

- Das geschieht zunehmend in Projektgruppen, die aus Mitarbeitern sehr unterschiedlicher

Abteilungen zusammengesetzt sind.

- Begriffe wie Teamfähigkeit, Kontaktfreudigkeit und Projekterfahrung sind deshalb keine Modeerscheinungen, sondern ein deutlicher Indikator dafür, daß die veränderte Aufgabe von DV-Fachkräften in den Unternehmen nicht mehr mit den herkömmlichen technischen Qualifikationen zu bewältigen sind.

Umfassende Innovationsprozesse

Diese Veränderungen ordnen sich ein in umfassende Innovationsprozesse. Die IV-Strategie als Bestandteil der Unternehmensstrategie ist kaum noch wegzudenken. Es ist also zu klären, wie diese Einbindung auf die Arbeit der Informatikfachkräfte wirkt und welche Rolle daraus für sie entsteht.

Die heute noch üblichen Strukturen mit sehr weitgehender Arbeitsteilung und ausgeprägten Hierarchien sind für die heutigen Wettbewerbsbedingungen zu träge. Die gewünschte Flexibilität - Stichworte sind Just-in-time-Produktion, geringe Durchlaufzeiten und reduzierte Lagerbestände - ist nur zu erreichen mit einer hohen Verfügbarkeit aller Informationen, jederzeit, überall und in jeder gewünschten Form. Das erfordert eine Arbeitsorganisation, die sich an flachen Hierarchien orientiert, in denen Entscheidungen nicht erst weitergereicht, sondern dort getroffen werden, wo sie nötig sind.

Diese Innovationsstrategien verknüpfen den Einsatz der Informationstechnik und die Arbeitsorganisation in neuer Qualität:

- Die Aufbau- und Ablauforganisation muß integriert und dezentralisiert werden.

- Parallel verändert sich die Informationstechnik in den Unternehmen zu dezentralen Rechnerarchitekturen, die jedem Arbeitsplatz individuelle Ressourcen zur Verfügung stellen.

Grundlage des notwendigen Entwicklungsprozesses ist die untrennbare Einheit von Technik- und Arbeitsgestaltung. Neue Arbeitskonzepte sind heutzutage immer mit den Einsatzmöglichkeiten des allgegenwärtigen Werkzeugs Computer verknüpft. Die bisher bekannten und standardisierten Einsatzmöglichkeiten des Rechners werden aber so weitgehend durch die veraltete Arbeitsorganisation bestimmt, daß neue Einsatzmöglichkeiten zusammen mit den neuen Arbeitskonzepten zu definieren sind.

Diese neue Qualität im Verhältnis von Arbeitsgestaltung zu Technikgestaltung führt zu einer radikalen Veränderung im Berufsbild der Informatikfachkräfte. Im Doppelprozeß von Arbeits- und Technikgestaltung nehmen Informationsspezialisten eine wichtige Rolle ein. Ohne die aktive Mitarbeit der Datenverarbeiter ist die Umsetzung neuer Unternehmensstrategien nicht denkbar.

Angesichts dieser Entwicklung bleiben den DV-Profis in Zukunft zwei Möglichkeiten: Stemmen sie sich gegen die Entwicklung und stecken den Kopf in den Sand, laufen sie Gefahr, am Schluß mit leeren Händen dazustehen. Oder sie gehen offensiv mit den Veränderungen um und stellen sich ihrer neuen Aufgabe: Die ist dann nur noch als Bestandteil einer übergeordneten Aufgebe zu verstehen, der Arbeitsgestaltung.

Qualifikation und Selbstverständnis

Wie die Informatikfachkräfte sich angesichts dieser Herausforderung verhalten, wird von ihrem Selbstverständnis abhängen. Der klassische Techniken wird jedenfalls an den neuen Aufgaben scheitern.

Zurück zur Ausgangsfrage. Informatikfachkräfte haben eine Zukunft. Aber das gesamte Berufsfeld muß und wird sich grundlegend wandeln. Was heute noch als isolierte Zusatzqualifikation erscheint, wird morgen das Berufsbild bestimmen:

Datenverarbeiter mitten im Unternehmen, involviert in soziale Prozesse, konfrontiert mit Aufgaben, die mit der althergebrachten Datenverarbeitung nur wenig zu tun haben. Darauf muß sich die Qualifizierung dieser Berufsgruppe in Zukunft einstellen.

(wird fortgesetzt)