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Supply-Chain-Management vom Application-Service-Provider

Zulieferer Edscha legt Partner an die Lieferkette

31.03.2000
MÜNCHEN (CW) - Verbesserung der Termintreue auf 95 Prozent, Halbierung des Lagerbestands und ein um 30 Prozent schnellerer Durchlauf sind der Erfolg der innerbetrieblichen Restrukturierung. Nun integriert der Automobilzulieferer Edscha AG zusätzlich Lieferanten und eine Spedition in seinen Leistungsprozess. Die Supply-Chain-Management-Software läuft jedoch extern.

Kann das Werk überhaupt wirtschaftlich arbeiten? Diese Frage stand am Anfang der Restrukturierung bei der Edscha-Gesellschaft in Remscheid. Produktion, Lagerbestände und Umsatz standen in einem krassen Missverhältnis. Hier im Stammwerk trugen 60 Prozent der Erzeugnisse nur fünf Prozent zum Umsatz bei, machten aber 40 Prozent der Lagerbestände aus. Doch nicht nur die Remscheider Produktion war von der Schließung bedroht, auch sämtliche Auslandsgesellschaften bis auf eine schrieben rote Zahlen. Die Geschäftsprozesse in dem Traditionsunternehmen bedurften daher dringend einer Modernisierung.

Schon 1995 ging die Edscha AG die Aufgabe an, die nach den Funktionen Entwicklung, Einkauf, Produktion und Vertrieb orientierte Organisation durch eine kundenorientierte Prozessstruktur zu ersetzen. Zum Partner wählten sie die Münchner Unternehmensberatung Wassermann AG.

Diese initiierte beispielsweise ein Auftragszentrum, das den gesamten Leistungsprozeß überwachen sollte. Dazu gehört die Verantwortung für die Höhe der Bestände, die Termintreue und Durchlaufzeiten. Für die Steuerung der Abläufe setzten die Prozess-Manager schon damals das Wassermann-Tool "Way" ein. Mit diesem lassen sich die Prozesse simulieren, so dass Schwachstellen und Konflikte der Logistik bereits beim Auftragseingang identifiziert und behoben werden können.

Die Umsetzung der prozessorientierten Organisation kam allerdings durch Edscha-Interna und aufgrund von Softwareproblemen ins Stocken. Für Wassermann war Edscha der erste Kunde aus der Automobilzulieferung. Deshalb konnte das Produkt branchenspezifische Anforderungen nicht abbilden. Beispielsweise ändert sich bei Edscha die Auftragslage rund um die Uhr. Ein entsprechendes Feature fehlte damals in dem Tool.

Einer schnellen Umsetzung stand aber vor allem die ungewisse Zukunft des maroden Unternehmens im Weg. Im Herbst 1996 reifte der Beschluss der damaligen fünf Eignerfamilien, das Unternehmen zu veräußern. Im April 1997 erfolgte schließlich ein Management-Buyout durch Horst Kuschetzki. Heute ist er Vorstandsvorsitzender und nach erfolgreichem Börsengang im vergangenen Jahr mit 23 Prozent Anteil größter Einzelaktionär.

Nach dem Führungswechsel wurden die Geschäftsziele neu definiert. Das Unternehmen konzentriert sich jetzt auf Geschäftsfelder, in denen laut Kuschetzki die Chance besteht, Marktführer zu sein: als Zulieferer im Automobilbau. Eine Schraubenfabrik in Berlin sowie die Herstellung von Fahrerkabinen für Gabelstapler und von Scharnieren für Möbel und Heimwerker fielen dieser Begrenzung zum Opfer. Zugleich verstärkte das Unternehmen die internationale Präsenz. Edscha stellt heute mit 4000 Mitarbeiten an 18 Produktionsstandorten Karosserieprodukte her, vor allem Türscharniere und -feststeller, Cabrio-Dachsysteme und LKW-Schiebeverdecke.

Im Frühjahr 1998 begann die Wassermann AG erneut mit einer Schwachstellenanalyse des Leistungsprozesses im Werk Remscheid. Wie Andreas Welther, Prinzipal bei Wassermann und verantwortlich für den Bereich Automotive, ausführt, wurden die 1995 eingeführten Abläufe "nicht richtig gelebt".

Deshalb musste beispielsweise an der Termindisziplin und der Beseitigung von planerischen Rückständen gearbeitet werden. Bei der Auftragsannahme werden die Bedingungen für die Erfüllung und die daran anknüpfenden Termine rückwärts geplant. Dabei kann es sein, daß Meilensteine des Produktionsprozesses in der Vergangenheit liegen. Solche Rückstände sind gängige Praxis, doch schädlich für die Termintreue; Ressourcen sind nur schlecht planbar. Heute werden Engpässe und Konflikte wie die Überlastung einer Presse von den vier Prozessplanern bereits am PC in der Simulation erkannt und gelöst.

Der Erfolg bei den Durchlaufzeiten, der Termintreue und der Verkleinerung des gebundenen Bestands durch das Prozess-Management macht Mut. Edscha setzt derzeit ein Pilotprojekt auf, in dem mit Hilfe der Wassermann-Software die Planung der Leistungsprozesse die Werks- und Unternehmensgrenzen überschreiten sollen. Zu Projektpartnern werden das Stammwerk, die Edscha-Fertigung in Tschechien, die Zulieferbetriebe KMS Gesenkschmiede GmbH, Solingen, und Norton Pampus GmbH, Willich, sowie die Spedition Häring Service Company, Grafenau.

Die Zulieferkette, neudeutsch: Supply Chain, beginnt mit der Bestellung des Rohstahls bei der 70-Mann-Schmiede in Solingen. Sie fertigt daraus Scharnierrohlinge, die von der Spedition nach Tschechien gebracht werden. Bereits jetzt ermöglicht Häring dem Kunden Edscha, via Internet zu verfolgen, wo sich seine Sendungen befinden. In Tschechien werden die nach Losgrößen gruppierten Rohlinge gefräst und gebohrt. Häring schafft anschließend die Ware nach Remscheid, wo die Scharniere auftragsbezogen montiert werden.

Ergänzt wird diese Kette durch eine zweite, die mit der Bestellung von Material bei Norton Pampus beginnt. Der Hersteller aus Willich fertigt Laufbuchsen für die Edscha-Scharniere. Den Transport nach Remscheid übernimmt ebenfalls Häring.

Ab September sollen sich die Informationen von Servern der Deutschen Telekom AG abrufen lassen. Der Zugriff erfolgt via Web-Browser. Die Projektpartner bedienen sich der Deutschen Telekom AG als Application-Service-Provider (ASP). Als solcher übernimmt sie die Wartung der Software, garantiert die Datensicherheit und die Verfügbarkeit der Informationen.

Die ASP-Server fungieren als Informationsbörse und zentrale Kommunikationsplattform. Basis für das Supply-Chain-Management ist die Simulationssoftware von Wassermann. Die Application-Services ersparen den Projektpartnern, Lizenzen des Wassermann-Produkts zu kaufen. Sie zahlen für die Benutzung der Telekom-Server eine Grund- und bei Zugriff eine Benutzungsgebühr.

Das Werk in Remscheid stellt seine Auftragsdaten zur Verfügung, aber auch Bestands-, Fertigungs- und Dispositionsdaten. Diese stammen aus den PPS-Modulen der R/2-Anwendung, die weiterhin im Edscha-Betrieb angesiedelt ist. Die SAP-Software ist über eigens entwickelte Brückenprogramme mit dem Simulations-Tool verbunden.

Jeder Projektpartner hat via Browser die gesamte Supply Chain im Blick und kann mit ihr planen. Auf diese Weise bekommt der Spediteur so früh wie möglich seine Frachtliste mit Material-, Auftragsnummer und Tonnagen. Der Transportdienstleister Häring kann somit mit den Edscha-Daten seine Lastwagenauslastung verbessern.

Noch sind die Informationen in der Applikation recht grob strukturiert. Sie können bei Bedarf jedoch detaillierter werden, zum Beispiel, was sie Auslastung einer Presse in Remscheid anbelangt. Unter anderem ist es möglich, Vereinbarungen zwischen den Unternehmen etwa über den Durchsatz oder Produktionsgrenzen zu hinterlegen.

Auf jeden Fall soll, bevor die Pilotanwendung im Herbst dieses Jahres an den Start geht, die Kommunikation mehrsprachig werden. Das gilt etwa für Ausnahmefälle der Supply Chain, auf die die Projektpartner reagieren müssen.

"Das Konzept steht", beschreibt Edscha-Chef Kuschetzki den Status des Supply-Chain-Managements. Die Feinheiten müssen zwar noch herausgearbeitet werden, doch die Hoffnung auf Erfolg scheint berechtigt: "Wir erwarten ähnliche Kennziffern wie bei der Restrukturierung des Remscheider Werks."

In Nischen zum Erfolg

Heute erwirtschaftet die Edscha AG mit 4000 Mitarbeitern an weltweit 18 Standorte rund eine Milliarde Mark pro Jahr. Die Unternehmensgruppe fertigt Karosserieprodukte, Cabrio-Verdecksysteme und Lkw-Schiebeverdecke.

Gegründet wurde Edscha 1870 von Eduard Scharwächter (sitzend in der Mitte) in Remscheid. Dort ist noch heute der Firmensitz. Weitere Standorte in Deutschland befinden sich in Hengersberg und Hauzenberg. Bis April 1997 gehörte Edscha den Nachkommen des Gründers. Dann erfolgte das Mangagement-Buyout durch Horst Kuschetzki. Dieser sanierte das marode Unternehmen und führte es 1999 an die Börse.