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01.11.1985 - 

Was es mit der Auseinandersetzung von Apple mit Digital Research auf sich hat:

Zum Nulltarif den Gegner bezwingen

Apple feiert es vorsichtig als Sieg, Digital Research (DR) überschreibt die Malaise: "Apples Copyright-Ansprüche enden in Vereinbarung mit der Digital Research Inc., die GEM-Software zu ändern." Was aber steckt in Wahrheit dahinter? Einen Dali klebt man nicht um eine Litfaßsäule - man soll ihn betrachten können. In der Computerbranche muß man das Scheinbare umkreisen, um ein Gesamtbild zu bekommen: Die Mäuse machen Krieg.

Liest man die Presseerklärung von DR, scheint schier Unglaubliches über Amerika niedergegangen zu sein:

- DR muß seine GEM-Software und Entwicklungen für die Zukunft ändern.

- DR muß jede Verwechslungsmöglichkeit vermeiden.

- DR gesteht zu, Aufmachung und Format der Werbung zu ändern.

- DR muß jede Funktionsgleichheit mit Apple-Produkten dementieren.

- DR soll behaupten, daß GEM-Programme nicht in gleicher Weise wie Apple-Programme funktionieren.

- DR unterschrieb, neue Versionen von GEM zu produzieren, die sich sowohl in Arbeitsweise wie Erscheinungsbild vom Apple Macintosh Computer abheben.

- DR muß Änderungen durch Apple auf ausreichenden Abstand von Apple-Produkten kontrollieren lassen.

- DR muß "so bald wie möglich" insbesondere die GEM-Programme Desktop, Paint und Draw modifizieren.

- Sobald DR die neuen Versionen liefern kann, müssen die alten vom Markt verschwinden.

- Die laufenden GEM-Programme werden in einer neuen GEM-Umgebung arbeiten.

- DR hat als Teil eines abschließenden Kompromisses zugestanden, an Apple eine geheimzuhaltende Summe zu zahlen und an Apple-Softwareentwicklungen mitzuarbeiten und jeden Vertragsbruch im Hinblick auf Apples Rechte zu vermeiden.

- "Digital Research und Apple haben weiterhin vereinbart, sich in künftigen Software-Entwicklungen zu engagieren."

Schlimmer konnte es nicht kommen. - Hat die Sache Methode, müßte es bald auch Microsoft an die Gurgel gehen? Und einigen kleinen Softwarehäusern?

Wenn man die Amerikaner und ihre Art, Geschäfte zu machen, kennt, muß man zwei Dinge im Auge behalten: Sie schlagen hart zu, und sie machen keinen Hehl daraus. Wenn aber dann eine derartige Presseerklärung offiziell gestreut wird, muß selbst für - amerikanische Verhältnisse der Teufel im Detail stecken:

- Da gehen also zwei Gegner in den Ring, kommen Arm in Arm wieder heraus und säuseln, in Zukunft eine Menge zusammen unternehmen zu wollen.

- Da muß einer an einen anderen eine "geheimgehaltene" Summe zahlen und versprechen, künftig für ihn an dessen Projekten zu arbeiten.

Schaut man genau hin, scheint Apple mit DR gelungen zu sein, was den Amerikanern mit Korea und Vietnam nicht gelang: Unterwerfung und Integration.

Einige Leichen liegen noch am Weg

Sieht man zurück, so liegen am Wege scheinbar noch einige Leichen herum: Xerox hatte in seinem PARC einige Pflänzchen ausgesetzt, die zu einem Star aufblühten, aber nie Stars wurden. Auch Siemens hegt in seinem Treibhaus Wunderblumen namens EMS 5800, die zum Kino werden, wenn man auf Mäuse tippt. Nachweislich waren diese Gezüchte da, ehe ein Apfel namens Macintosh den Markt befruchtete.

Niemand hat bislang der Behauptung widersprochen, daß Apple sich seinen Samen aus dem Parc besorgt habe. Im Gegenteil: Seit Lisas Kapriolen war Apple sogar stolz darauf, die "Parc-Philosophie" dem gemeinen Volk nutzbar gemacht zu haben.

Wie nun, und dazu fehlt die schlüssige Darlegung, war der Apfel vor der Blüte da? Wurde in den USA die Zeitachse gedreht, wurden Gesetze umgeschrieben, hat sich die Logik verkehrt - oder wie sonst kommt Apple mit Digital Research zu einem derartigen Kompromiß, bei dem einem Löwen die Zähne gezogen wurden?

Geht man davon aus, daß alles außer dem Clinch der beiden Branchenriesen in den Staaten seinen normalen Gang behalten hat, ist unter dem Strich erst einmal zu erkennen, daß Apple handfeste Rechte besitzen muß, die so knallhart greifen, daß DR kapitulieren mußte. Denn wer einem anderen eine Menge Geld schuldet und für ihn zu schaffen verspricht, arbeitet offenkundig eine "Strafe" ab. Muß er das, was er für sich selbst tut, zensieren lassen, steht er unter "Vormundschaft". Muß er sich in Arbeiten für den anderen "engagieren", liegt er an der Leine.

Nimmt man jetzt noch andere Details dazu, kommt man zu dem Schluß, Apple habe Digital Research quasi kassiert, mit GEM hineinlaufen lassen in eine Falle, die zu einer Art Nulltarif den Gegner übereignet.

Nun hört die Welt, insbesondere die Welt der Icons und der Mäuse, bei DR noch nicht auf. Logischerweise müßte in Apples Visier Microsoft bereits scharfgestellt werden, denn in den dortigen Windows treiben sich Drop-down-Menus und Icons herum, daß es eine Pracht ist. Man weiß aber, daß Microsoft tüchtig daran mitgedreht hat, den Mac überhaupt ins Rollen zu bringen, daß etliche Werkzeuge in Apples Toolbox bei Microsoft gehortet wurden, daß also - oder nicht? - Apple und Microsoft so manches Agreement gehabt haben müssen, so daß der Verdacht naheliegen kann, Apple und Microsoft hätten ein gemeinsames Interesse daran gehabt, DR vorerst "kaltzustellen".

Unterstellt man solch "böses" Treiben, kann man den Hut nicht mehr auf dem Kopf behalten - man muß ihn einfach ziehen und mit einer Verbeugung vor solcher Cleverness devot schwenken. Das wäre reinrassig amerikanische Strategie, einen Mitbewerber auszuschalten. Logischerweise müßte das "Übernahme-Spiel" dann weitergehen. Die Ziele locken nur so.

Für einen Mac gibt's drei Jacks

Da wäre erst einmal Atari aufs Korn zu nehmen, eine Firma, die mit der Verballhornung Jackintosh für einen Mann wie Scully in den Gully gehören muß. Gibt es doch für einen Mac drei Jacks, und zieht doch die Überzeugungskraft des Atari 520 ST ihren Lebenssaft ausgerechnet aus jenem Humus, den Apple jetzt erst einmal aus dem Verkehr zu ziehen trachtet: aus GEM.

So waren denn nach Apples Grinsen und DRs Geknirsche bei Atari die Schotten dicht. Von Atari kein Kommentar zur GEM-Problematik. Digital Research ballt in der Hosentasche immerhin noch die Faust: "Um GEM hat sich eine derartige Anwendergemeinde gebildet, daß sich aus Änderungen und Weiterentwicklungen nur künftige Verbesserungen ergeben können, ohne daß Apple dagegen etwas machen kann. Das Produkt kann dadurch nur noch besser werden." Ein Trugschluß: Hätte es eine Möglichkeit gegeben, es besser zu machen als Apple, wäre es zur Ähnlichkeit und zur Auseinandersetzung wohl kaum gekommen . . .

Weniger gelassen mag Apple aber die Entwicklung eines GEM-DOS für alle 68000er aus den Erfahrungen mit dem Atari-GEM zur Kenntnis genommen haben. Hier macht die Handschellenpolitik gegenüber DR wieder einen tieferen Sinn. Denn gerade jede Unähnlichkeit mit der Benutzeroberfläche des. Macintosh muß das Ziel von Apple sein. Je unähnlicher, kruder, mühsamer, uneleganter, desto besser für den Mac, ohne daß Apple selbst der Vermarktung dazulernen müßte.

Denn Apple hat trotz vollmundiger Sprüche mit dem Macintosh die Business-Welt keineswegs im Sturm er obern können und ist mit dieser Maschine vorwiegend auf dem Campus gelandet. Die Querelen im eigenen Hause, die nicht zuletzt auch Leuten wie Woz und Jobs auf den Geist gegangen sein mögen und ihnen den Abgang versüßten, konnten zur Entwicklung von Apple zu einem klassisch kaufmännischen Unternehmen auch nicht gerade beigetragen haben.

Ein Mann wie John Sculley, in der harten Getränkebranche wohl kaum dazu erzogen, mit Glacéhandschuhen hinzulangen, nimmt den Erfolg, wie er ihn kriegen kann.

Kein Damoklesschwert über dem Amateur

Man muß nicht der Erste sein; um zu siegen. Es genügt, wenn die Gegner ausfallen. Aber so schön das auch klingen mag: Es ist nicht Aufgabe eines Unternehmens, seine Marktposition dadurch zu festigen, daß Geld in Rechtsanwälte, in Prozesse statt in einen marktgerechten Vertrieb gesteckt wird. Kaum ist Jobs aus dem Hause, will Apple ihm verbieten, zu wissen, was er weiß, ihn gerichtlich vergessen machen, daß er es schließlich war, der zusammen mit Wozniak den Boden bereitet hat für das, auf dem Apple heute steht. Die fünf Getreuen, die Jobs nachgelaufen sind - allen voran Richard A. Page, den Kopf voll zukunftsträchtiger Ideen , sollen auch im Paragraphendickicht umkommen, sozusagen per Scully in den Gully, damit Apple sich auf Lorbeeren profitabel ausruhen darf.

Wenn das Schule macht und auch andere Hersteller auf die Suche gehen, wo mit Anwälten und Richtern Konkurrenz gelähmt und verhindert werden kann, könnte der Fortschritt vielleicht so verlangsamt werden, daß nur noch über dem Amateur am Homecomputer kein Damoklesschwert schwebt.