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11.08.2000 - 

Online-Training/Deutsch-amerikanische Wissenschaftlerin schwört auf Web-based Training

Zum Online-Lernen gehören Humor und Spaß

Teilnehmer von Online-Kursen erzielen bessere Lernergebnisse als die Besucher von herkömmlichen Seminaren. Diese neue Lernform ist aber auch anstrengender. Das behauptet zumindest die deutsch-amerikanische Wissenschaftlerin Beate Baltes im Gespräch mit Ingrid Weidner*.

CW: Was das Online-Lernen betrifft, scheint der US-Bildungsmarkt wesentlich offener und mit größerer Begeisterung die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Weshalb stürzen sich in den USA die Universitäten mehr auf Online-Kurse als hier?

Baltes: Universitäten in den USA müssen sich stärker nach wirtschaftlichen Notwendigkeiten richten. Mit Online-Kursen können die Hochschulen zusätzlich Geld verdienen. Ein anderer Grund ist sicher die andere Alterspyramide der Studierenden. Viele sind berufstätig, durchschnittlich Mitte 30, und die Kurse an der Universität finden am Abend zwischen 17.30 und 22.00 Uhr statt. Online-Kurse empfinden die Studierenden deshalb als Erleichterung der Studienbedingungen, da sie von zu Hause aus arbeiten können.

CW: Wie sieht es mit den Lernerfolgen aus?

Baltes: Bisher haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Evaluation gehört in den USA bei Präsenzkursen an der Universität genauso zum Standard wie bei den Online-Seminaren. Die Bewertungen durch die Studierenden waren ebenso erfreulich wie die Klausurergebnisse. In guten Online-Trainings sind die Lerneffekte meistens größer als im Präsenzunterricht.

CW: Was sind aus Ihrer Sicht die grundsätzlichen Unterschiede beim Online-Lernen im Vergleich zur klassischen Hochschulausbildung?

Baltes: Als Online-Instruktor habe ich auf jeden Fall mehr Arbeit mit einem Kurs als bei einer klassischen Vorlesung oder einem Seminar. Es steckt ein hoher Organisationsaufwand dahinter. Die Themengliederung des Kurses muss sehr genau und gleichzeitig sehr flexibel handhabbar sein. Wenn die Studenten vom Weg abkommen, unwesentliche Themen bearbeiten oder den Anschluss verlieren, muss ich sie wieder zurückführen. Außerdem dürfen bei einem Online-Kurs Humor und Spaß am Thema keinesfalls fehlen. Neben dem Online-Kursangebot stehe ich regelmäßig mit den Studierenden per E-Mail und Telefon in Kontakt. Mindestens ein Treffen gehört an der Universität zum Kurs dazu.

CW: Zählte die Konzeption von Online-Kursen zu Ihrer Ausbildung an der National University?

Baltes: Nein. Vor einigen Jahren erhielt ich den Auftrag, Online-Kurse in meinem Fachbereich zu konzipieren. Damals begann ich, das aktuelle Angebot zu sichten, selbst Kurse zu belegen und aus den Fehlern anderer zu lernen. Ich halte es für sehr wichtig, selbst an einem Kurs teilzunehmen, bevor man sich an die eigene Konzeption macht. Aufgrund von verschiedenen Lernkonzepten, theoretischen Überlegungen und der Möglichkeiten des Webs entwickelte ich die ersten eigenen Kursangebote.

CW: Welche Voraussetzungen sollte ein Online-Kurs auf jeden Fall erfüllen?

Baltes: Für mich zählt der konstruktivistische Ansatz unbedingt dazu. Das eigenständige Erarbeiten von Lerninhalten hilft den Studierenden, die Themen besser und intensiver zu verstehen. Dazu gehört außerdem die Diskussion der Teilnehmer untereinander. Dabei entsteht ein synergetischer Effekt: Das Wissen und der persönliche Lernerfolg jedes Einzelnen wird größer. Selbstverantwortliches Lernen bietet größere Freiheit, allerdings verlangt es auch mehr Eigenverantwortung. Beim konstruktivistischen Lernen sehe ich die größten Schwierigkeiten bei den Professoren und Dozenten. Ihnen fällt die Umstellung besonders schwer.

CW: Beziehen sich Ihre Zweifel mehr auf die Situation in Deutschland oder den USA?

Baltes: Da ich bis zum Diplom an der Münchner Universität studiert habe, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie langweilig Vorlesungen sein können. Bisher zeigen die Professoren wenig Initiative zu Veränderungen. In den USA ist das universitäre System anders und der Druck auf Dozenten und Professoren durch die regelmäßige Bewertung höher. Lange Monologe von Professoren oder Dozenten werden vermutlich bald Vergangenheit sein.

CW: Welche Elemente gehören Ihrer Meinung nach zum virtuellen Lernraum?

Baltes: Neben Vorlesungselementen sollten auf jeden Fall regelmäßige Arbeitsaufgaben, Links zu weiterführender Literatur und Foren für den Austausch vorhanden sein.

CW: Verstehen Sie unter "Foren" auch einen Chat-Raum als wesentlichen Bestandteil eines Kurskonzeptes?

Baltes: Wir haben das Chatten zwar ausprobiert, aber es ist so, als ob ständig alle durcheinander reden. Als Erfahrung ist es für die Teilnehmer ganz amüsant, aber ich halte es aus didaktischer Sicht für überflüssig. Wichtiger sind dagegen Gruppenarbeitsaufgaben.

CW: Sie betonen die didaktischen Fähigkeiten eines Online-Dozenten. Gibt es demnächst eine Art "Lehrprobe" wie in der klassischen Lehrerausbildung auch für die Referenten in der beruflichen Weiterbildung?

Baltes: Sinnvoll ist es auf jeden Fall, wenn der Kurs Wert auf Qualität legt. Während meiner Recherche stieß ich auf das eine oder andere windige Angebot. Ein Anbieter pries beispielsweise eine teure Web-basierende Qualifizierung zum Online-Trainer an. Hatte man bei ihm die Gebühr von 1500 Mark bezahlt, prüfte keiner mehr, ob man die Lektionen auch durcharbeitete, sondern man bekam das Zertifikat zugesandt, egal, ob man etwas gelernt hatte oder nicht. Für die TÜV-Akademie in München habe ich einen Kurs "Online-Instructor" konzipiert, bei dem die Leute wirklich arbeiten müssen, und die Lehrprobe am Ende gehört ebenfalls dazu.

CW: An wen richtet sich der Kurs?

Baltes: In erster Linie an alle Dozenten, Personalverantwortliche und Lehrende, die in Zukunft Wissen stärker an virtuelle Gruppen und über das Internet vermitteln wollen. Am Ende des zweiteiligen Kurses sollen die Teilnehmer in der Lage sein, einen Online-Kurs zu konzipieren, moderieren und evaluieren. Außerdem wissen sie am Ende des Kurses, welche Prüf- und Online-Lehrmethoden machbar und didaktisch sinnvoll sind. In zahlreichen Arbeitsaufgaben lernen sie alle Grundlagen für die spätere Arbeit.

CW: Findet der Kurs überwiegend deshalb online statt, um den Ernstfall gleich am eigenen Lernen zu üben?

Baltes: Ursprünglich hatte ich geplant, den Kurs von Los Angeles aus zu betreuen. Da aber die Situation in Deutschland, was Online-Lernen anbelangt, eine andere ist, entschlossen wir uns, den ersten Kursblock als einwöchige Präsenzveranstaltung anzubieten. Der zweite Kursteil fand über einen Monat hinweg online statt. Diese Woche war sehr wichtig für die Motivation der Teilnehmer, um Vorurteile abzubauen.

CW: Bei vielen Schulungsanbietern und Hochschuldozenten gibt es Vorbehalte gegen die neuen Lernformen. Werden Präsenzveranstaltungen irgendwann überflüssig?

Baltes: Die Universität und Präsenzkurse sind weiterhin als soziales Umfeld sinnvoll und wichtig. Aber gerade in der Erwachsenenbildung wird das Online-Lernen eine wichtige Rolle einnehmen. Ich denke hier vor allem an Frauen mit Kindern, die sich wieder auf den Wiedereinstieg in den Beruf vorbereiten möchten. Hier sehe ich einen großen Bedarf. Außerdem interessieren sich die Teilnehmer, auch wenn sie noch so motiviert sind, dafür, wie die Kurskollegen oder Dozenten denn live aussehen. Das ist ganz natürlich und geht mir genauso.

CW: Wird es in Zukunft bei Online-Schulungsangeboten Qualitätsstandards geben, um die Qual der Wahl zu vereinfachen?

Baltes: Davon gehe ich aus. Ein Gütesiegel könnte den Markt übersichtlicher gestalten und die Auswahl wesentlich vereinfachen.

*Ingrid Weidner ist freie Journalistin in München.