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19.01.1996 - 

Spagat zwischen Grundlagenforschung und Berufsorientierung

"Zur eierlegenden Wollmilchsau koennen wir nicht ausbilden"

CW: Kommt Ihnen der Vorwurf aus der Wirtschaft bekannt vor, die Universitaeten wuerden ihre Studenten am Bedarf vorbei ausbilden?

Schipanski: Natuerlich spricht man ueberall darueber, dass die Ausbildung an deutschen Universitaeten nicht bedarfsbezogen sei. Wenn man allerdings in der Industrie nachfragt, kommen ganz unterschiedliche Anforderungen fuer denselben Studienabschluss. So arbeiten Ingenieure nicht nur in der Forschung und Entwicklung, sondern auch im Vertrieb, im Marketing oder in der Produktion.

CW: Trotzdem hoert man immer wieder die Kritik der Praktiker, die Universitaetsabgaenger haetten fuer das Berufsleben nicht das noetige Wissen vermittelt bekommen.

Schipanski: Die Wirtschaft muss einfach bedenken, dass wir fuer den gesamten Einsatzbereich schulen. Es faellt schliesslich auch der Industrie schwer, wirklich generalisierte Berufsprofile zu beschreiben. Eines steht aber fest: Zur eierlegenden Wollmilchsau koennen wir nicht ausbilden.

CW: Auch nicht in Thueringen?

Schipanski: Die Technische Universitaet Ilmenau bildet nicht am Bedarf vorbei aus. Wir haben nach der Wende bewusst den Dialog mit der Industrie gefuehrt, um deren Gesichtspunkte in die Neukonzeption der Lehre einfliessen zu lassen. So bieten wir eine Ausbildung an, die wir nach 1989 neu strukturiert haben.

CW: ... und die praxisorientiert ausgerichtet ist?

Schipanski: Die Ausbildung enthaelt zum einen ein breit angelegtes Grundlagenstudium. Zum anderen ist sie berufsorientiert, auch weil wir Studienjahresarbeiten und Diplomarbeiten mit Forschungsthemen vergeben, die in enger Zusammenarbeit mit der Industrie entstehen. Bei uns existiert noch eine breite, anwendungsorientierte Forschung aus der Tradition der DDR-Universitaeten. Davon zeugen zum Beispiel Drittmittelerwerbungen von 22 Millionen Mark fuer unsere kleine Universitaet. Ich werde wohl kaum praxisfern ausbilden, wenn ich in der Forschung so eng mit der Industrie verbunden bin.

CW: Wie sollte ein Studium gestaltet sein?

Schipanski: Man muss den Studenten ein Fundament an Methoden uebermitteln, mit denen sie denken und eigenstaendig Schlussfolgerungen ziehen koennen. Das Studium darf sich nicht auf die Vermittlung von Detailwissen konzentrieren, sondern muss die methodische Basis fuer ein breites Fachgebiet vermitteln.

CW: Die TU Ilmenau bietet mit dem Telekommunikations-Manager einen spezialisierten Aufbaustudiengang im Bereich der Kommunikationstechnik an (siehe Kasten auf der naechsten Seite). Ist das eine Reaktion auf die Forderung der Industrie, ein berufsbezogeneres Studium anzubieten, und geht der Trend auch in Zukunft dahin, Interessierten durch Aufbaustudiengaenge praxisrelevantes Wissen zu vermitteln?

Schipanski: Ich wuerde es durchaus als Trend bezeichnen. Man wird auch in Zukunft ein bestimmtes grundstaendiges Studium haben, auf dem aufbauend der Student sich dann in bestimmte Spezialrichtungen einarbeiten kann.

Neben dem Telekommunikations-Manager wird es an unserer Universitaet auch weitere Angebote geben, sowohl fuer gewisse Informatikgebiete als auch fuer die Elektrotechnik oder den Maschinenbau. So wollen wir der Tendenz der immer staerkeren Verzahnung der einzelnen Wissensgebiete untereinander gerecht werden.

CW: Woher bezieht die TU Ilmenau die notwendige Resonanz aus der Industrie, um bedarfsgerecht ein Studienangebot machen zu koennen?

Schipanski: Wir nutzen durch einen direkten Partnerschaftsvertrag mit Siemens einmal im Jahr die Gelegenheit zu einem ausfuehrlichen Gedankenaustausch ueber unsere Absolventen. Hier stellen wir auch unsere Studienkonzepte vor; die Firma sagt, was sie braucht. Darueber hinaus arbeite ich und zahlreiche unserer Professoren und Dozenten in Ausschuessen verschiedener Gremien wie VDE oder VDI. Ausserdem stehen wir mit kleinen und mittelstaendischen Unternnehmen durch unsere intensiven Forschungskontakte in enger Verbindung. Allerdings bleibt hier sicher noch einiges zu tun.

CW: Inwieweit koennen die Ergebnisse solcher Kontakte in die Ausbildungsplaene einfliessen? Weitestgehend sind die Rahmenrichtlinien fuer die Ausbildung ja auch durch die Politik festgesetzt.

Schipanski: Die Rahmenrichtlinien stellen zwar gewisse Vorgaben dar, deren Ausfuehrung koennen wir als Universitaet jedoch recht frei gestalten. Andererseits sind wir natuerlich nicht gewillt, auf dem derzeitigen Ausbildungsstand, wie er von der Politik vorgegeben wird, stehenzubleiben. Hier liegt gerade unser Vorteil als kleine und innovative Universitaet, dass wir versuchen, die Studieninhalte neu zu definieren, beispielsweise fuer Medientechnologie, Ingenieurinformatik und technische Betriebswirtschaftslehre.

CW: Schlagworte wie Telelearning oder Computer Based Training (CBT) sind derzeit in aller Munde. Wollen Sie solche Lernformen auch an Ihrer Universitaet einsetzen?

Schipanski: Das haben wir leider noch nicht in groesserem Ausmass installiert, aber das ist ein naechster Schritt, nachdem wir jetzt erst einmal den Modellversuch elektronische Medientechnik durchfuehren und die Medientechnologie einfuehren. CBT wird ein wesentliches Standbein fuer das Lernen und Forschen an unserer Universitaet werden muessen. Wir entwickeln hierfuer Konzepte in der fakultaetsuebergreifenden Arbeitsgruppe Medientechnologie.

CW: Was tut die TU Ilmenau ausserdem, um in Zukunft eine bedarfsgerechte Ausbildung zu gewaehrleisten, gerade im Hinblick auf den DV-Bereich?

Schipanski: Wir wollen eine Professur fuer Medientechnologie ausschreiben. Hier soll es vor allem um die Infrastruktur fuer neue Kommunikationsformen gehen. Sie koennen ja schliesslich auch nicht Bahn fahren, ohne dass vorher die Schienen verlegt und die Weichen korrekt gestellt sind. Das Management von modernen DV- und Kommunikationssystemen wird weiterhin auf Software basieren und damit eine wesentliche Komponente aller unserer Studiengaenge darstellen.

CW: Wie werden sich Studieninhalte veraendern?

Schipanski: In der Ex-DDR wurde grossen Wert auf Interdisziplinaritaet gelegt, um die uns manche noch heute beneiden und die ich auch gerne wieder einfuehren moechte. Diese Reserven aus alter Zeit wollen wir zunaechst wieder anzapfen. Die Informatikbestandteile werden in Zukunft auch in anderen Faechern eine groessere Rolle spielen.

CW: Worin unterscheiden sich die Lehrplaene an Ihrer TU im Vergleich zu traditionell gewachsenen westlichen Universitaeten?

Schipanski: Bei uns muessen die Studenten ein Semester lang ein Fachpraktikum mit fester Aufgabenstellung absolvieren. Viele andere Universitaeten schreiben das nicht vor. Weiterhin koennen die Studenten ein reiches fakultatives Angebot in Anspruch nehmen und faecheruebergreifend lernen. Ob sie das auch tun, kann ich im Moment nicht sagen, das wird sich erst in Zukunft zeigen. Dem entgegen steht der derzeit sehr umfangreiche Pflichtteil fuer alle Studienrichtungen. Vielleicht sollte man davon doch etwas zugunsten einer umfassenden interdisziplinaeren Ausbildung opfern.

CW: Waere das ein Rezept, um die Position der Universitaeten gegenueber den Fachhochschulen besser abzugrenzen? Letztere verzeichnen in letzter Zeit einen erheblichen Zuwachs, gerade weil die Ausbildung dort als praxisorientiert gilt. Anscheinend folgen viele Studenten doch dem Ruf nach weniger trockener Theorie und mehr praxisrelevanter Wissensvermittlung.

Schipanski: Das ist wohl richtig, ich muss den Studenten, die sich fuer eine FH entscheiden, jedoch immer wieder sagen: An den Fachhochschulen bekommen sie ein ausgewaehltes Wissen vermittelt fuer eben speziell die gewaehlte Studienrichtung. Im Berufsleben wird es diesen Studenten jedoch schwerer fallen, wenn sich neue Richtungen in der Industrie in immer kuerzeren Abstaenden etablieren. Man muss sich vielleicht drei- bis viermal im Leben neu orientieren innerhalb seiner Fachrichtung; das habe ich selber erfahren. Und das faellt wesentlich leichter mit einem breiten fundamentalen Methodenwissen, wie es eben nur an der Universitaet vermittelt wird.

CW: Sind die Fachhochschulen Konkurrenten der Universitaet?

Schipanski: Nein, ganz sicher nicht. Sie sind eine sinnvolle und notwendige Ergaenzung unserer Hochschullandschaft. Ich finde es nur bedauerlich, wenn man zuwenig herausarbeitet, dass die Besonderheiten der Universitaetsausbildung durchaus ihren Sinn haben. Es ist nicht gut, dass man die Universitaet allgemein als zu theoretisch oder weltfremd abstempelt.

CW: Wie sieht die Arbeitsteilung aus?

Schipanksi: Man sollte sich darauf besinnen, dass an den Universitaeten ein bestimmtes Fundament fuer die Innovationen des naechsten Jahrhunderts - ja sogar Jahrtausends - gelegt wird. Und das kann nicht durch eine einseitige, nur fachorientierte Ausbildung geschehen. Es gibt bestimmte Spruenge, gerade in der technischen Entwicklung, die eben die Grundlagenforschung an den Universitaeten initiierte. An den Fachhochschulen werden dann die speziellen Anwendungen solcher Innovationen vermittelt. Hierin liegt eine gesunde Aufgabenteilung zwischen Universitaeten und Fachhochschulen gerade in Hinblick auf ein am Bedarf des Arbeitsmarkts ausgerichtetes Ausbildungswesen in Deutschland. Auf diesem Konzept sollte man auch in Zukunft bestehen und darauf hinweisen, dass eine universitaere Ausbildung immer auch auf einer Grundlagenforschung fussen muss. Nehmen Sie Japan als Beispiel: Hier versucht man jetzt erst, in die Grundlagenforschung einzusteigen, weil man gemerkt hat, dass die Beschraenkung auf anwendungsorientierte Forschung, Entwicklung und natuerlich auch Ausbildung das gesamte Industriesystem ausbluten laesst. Dann gibt es keine neuen grundlegenden Ideen mehr. Insofern muss man die Universitaeten unterstuetzen.

Professorin Dagmar Schipanski ist Rektorin der Technischen Universitaet Ilmenau. Darueber hinaus gehoert sie verschiedenen Gremien wie dem Rat fuer Forschung, Technologie und Innovation der Bundesregierung und dem Wissenschaftsrat an.