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28.03.1980 - 

Heinzgünther Klaus: Jenseits von Bit und Byte

Zur Philosophie der systemtechnischen Vollendung

Die Frage, was der Computer denn nun eigentlich sei im Kontext der menschlichen Historie, löst Heinzgünther Klaus in seinem demnächst erscheinenden Buch "Jenseits von Bit und Byte" mit einem für Menschen relativ befriedigenden Ergebnis: Menschen sind die besseren Computer, aber Computer haben die besseren Nerven. Was also liegt näher als die menschlichen Turbulenzen emotionaler Natur mit der maschinellen Konsequenz der künstlichen Geschöpfe mit Hard- und Software zum Zwecke noch höherer Vollendung in den Griff zu bekommen. Die sich anschließende Frage, wer denn nun sich oder wen oder was am Schlafittchen kriegt, kann Klaus auch - die Maschinenstürmer freundlich beschwichtigend beantworten: "Der Computer behält seinen Werkzeugecharakter: Perfekt in der Anwendung - darüber hinaus aber immer um ein Grad weniger vollendet als der vollendetste seiner Meister. Dieses zum hier vorabgedruckten letzten, eher tiefsinnigen Kapitel seines ansonsten leichtsinnigen Büchleins, das demnächst für 9,80 Mark bei Heinzgünther Klaus selbst, zu finden in der Presseabteilung der Honeywell Bull in Köln, zu haben sein wird. 21 Kapitelchen, von denen jedes ein Kapitel für sich ist, auf nur 93 Seiten machen viel Vergnügen in kürzester Zeit. bi

Kompetente Beobachter der EDV-Szene, allen voran die amerikanische Science-Fiction-Autoren Dr. Isaac Asimov und Arthur C. Clarke, haben lange und ausdauernd darüber nachgedacht, ob nicht der Mensch selbst als eine Art Computer betrachtet werden kann. Grundsätzlich ist man sich einig, daß ein solcher Aspekt interessante Tatsachen enthüllt. Allgemeiner Konsens besteht ferner darüber, daß homo sapiens trotz einiger erstaunlicher Leistungsmerkmale erhebliche Systemmängel aufweist, die auf eine wenig fachgerechte Konzeption hindeuten. Zum Beispiel der Gehirnspeicher: Zweifellos ein imponierendes Großregister auf bioelektrischer Basis; er umfaßt, auf kleinstem Raum, ein Vielfaches der Kapazität datentechnischer Jumbos. Der Vorteil gegenüber den industriell gefertigten Anlagen wird jedoch durch den Nachteil des recht unzuverlässigen Zugriffs stark relativiert. Ähnlich verhält es sich mit der logischen Verarbeitung; sie ist beim Menschen durch assoziative motivationale, moralische und andere hochkomplexe Verknüpfungsmechanismen weitaus raffinierter gestaltet als bei einem handelsüblichen Hardware- und Software-Instrument der achtziger Jahre. Gleichwohl erfolgt das Processing beim Menschen viel zu langsam und zu ungenau. Eine Reihe von Speicherinhalten und Verarbeitungsroutinen können allein deshalb nicht abgerufen und eingesetzt werden, weil das Bewußtsein - im Gegensatz zu einer gut ausgetesteten Supervisor-Software - sich seiner Möglichkeiten oft nicht gewahr wird.

Reklamationen wegen steinzeitlicher Trödelei

Zwar wäre jeder EDV-Hersteller froh, wenn er seinen Kunden die ganze Bandbreite der Ein-/Ausgabeeinheiten anbieten könnte, die ein normaler Mensch sein eigen nennt. Andererseits würde es ständig Reklamationen hageln wegen der steinzeitlichen Trödelei bei der Ausführung peripherer Operationen, ganz zu schweigen von dem Ärger, den die unexakte und darum fehlinterpretierbare natürliche Sprache verursacht. Was nützt es also, daß ein Mensch sich selbst programmieren und sogar reparieren kann, wenn er der körperlichen und geistigen Ermüdung unterliegt und durch sporadisch auftretende emotionale Störungen häufig in seiner Verarbeitungsfunktionalität versagt?

Das von vielen Zeitgenossen als gefährlich betrachtete Streben, einen Robotercomputer zu konstruieren, der humankompatibel reagiert, sollte niemanden schrecken, denn ein solcher Automat wird aufgrund seines systemintegrierten Fehlerpotentials kaum jemals gebaut werden.

Was hingegen nicht heißt, daß man nicht eines Tages Rechner herstellen wird, die alle Feinheiten des menschlichen Gehirns mitbringe, ohne daß aber gleichzeitig die erwähnten Nachteile wirksam werden. Ein derartiger Computer wird auch kreative und intuitive Schaltkreise enthalten und somit das "Genie" seines Schöpfers passabel kopieren können.

Gehirnsimulation so gut wie gelöst

Wenn dergleichen Prognosen zu utopisch oder gar absurd erscheinen, der

möge sich vergegenwärtigen, daß im Kopf des Menschen Gehirnzellen vorhanden sind, deren Anzahl endlich ist. Die Verknüpfungsmuster sowie die Strukturen der Komplexität, die das Zusammenspiel der Neuronen bestimmen, sind ebenfalls endlich, was bedeutet, daß theoretisch-mathematisch gesehen - die Aufgabe einer weitgehenden Gehirnsimulation so gut wie gelöst ist - und das nach drei bis vier Jahrzehnten Computergeschichte! (Um den menschlichen Kopf samt Denkapparat aus dem ersten Einzeller heraus zu entwickeln, brauchte die Natur immerhin zwei bis drei Milliarden Jahre.)

Daraus folgt: Der Computer wird auch in Zukunft für jede Überraschung gut sein. Und bevor das Papier des vorliegen den Taschenbuches auch nur einen Hauch von Gilb ansetzt, sind die hierin abgedruckten Fabeln von den viel aufregenderen Fakten alle eingeholt. Soviel scheint gewiß. Was aber dann?

Was aber, wenn das Verhältnis Mensch/Maschine das tradierte Schema des buchhalterisch Begreifbaren durchbricht? Wenn es außer den technischen und betriebswirtschaftlichen Denk-"Moduln" auch noch einiger philosophischer Übung bedarf, um vorauszusehen, in welcher Richtung wir uns bewegen? Wird denn alles, was sich heute als Problemfülle vor uns auftürmt, in den Griff zu kriegen sein: mit "Lösungspaketen"?

Bequeme Verfahren zur Überwindung ausgewählter Unbequemlichkeiten

Die Computereuphorie vergangener Jahre und die darauffolgenden Perioden der Ernüchterung legen uns eine vorsichtige Beurteilung nahe: Denn stets wenn der Fortschrittsglaube verkündete, es gabe jetzt - oder gleich - die bequemen Verfahren zur Überwindung ausgewählter Unbequemlichkeiten, stellte sich alsbald heraus, daß die elementaren Grundwahrheiten des individuellen und gesellschaftlichen Seins wenig beeinflußt und schon gar nicht hinwegprogrammiert werden können. Sie tauchen auf jeder höher organisierten Effizienzstufe wieder auf, wenngleich verändert und manchmal abgeschwächt.

Dabei wird es vorerst wohl bleiben, und das ist beruhigend, weil der Computer so seinen originären Werkzeugcharakter behält: perfekt in der vorgesehenen Anwendung - darüber hinaus aber immer um ein Grad weniger vollendet als der vollendetste seiner Meister.