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01.05.1987

Zur sozialen Reife der Technik finden

Dr. Helga Nowotny

Vorsitzende des sozialwissenschaftlichen Komitees der European Science Foundation Wien

Das herkömmliche Denken über Technologien war lange Zeit ZU sehr am Artefakt-Charakter der Technik orientiert und zuwenig an ihrem Prozeß- und Systemcharakter. Menschen kommen im herkömmlichen Denken als in ihren Verhalten und Reaktionsweisen standardisierte Einzelwesen oder als Aggregate derselben vor; sie sind die "human operating units" die entweder den an sie gestellten Anforderungen gewachsen sind oder, wenn Stör- und Unfälle auftreten, "unter menschlichem Versagen" in der Ursachenstatistik erscheinen.

Wie unzulänglich eine solche Sichtweite ist, hat kürzlich der Organisationssoziologe Perrow aufgezeigt. Er stellte vergleichende Untersuchungen darüber an, wie verschiedene technische Systeme - Luftfahrt, Seefahrt, Weltraumfahrt, aber auch Bergbau und Energieerzeugung durch Kernkraft - auf mögliche Unfälle vorbereitet sind und sie zu minimieren beziehungsweise aufzufangen trachten. Der Titel des Buches drückt knapp und prägnant aus, was ebenso Bestandteil jedes technischen Systems ist: "Normal Accidents. Living with High-Risk Technologies" - normale Unfälle, mit deren Auftreten zu rechnen ist, weil sie sich nie ganz vermeiden lassen. Die Fähigkeit der jeweiligen technischen Systeme, sie aufzufangen und auf sie zu reagieren, variiert jedoch beträchtlich. Das sogenannte menschliche Versagen gewinnt eine andere Sicht. Es ist das System, das es Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten einzubringen, und es hängt vom Design des Sicherheitssystems ab, welche Chancen menschliches Reagieren überhaupt hat.

Unfälle sind jedoch nur eine - besonders negative - Form von Überraschungen, die in technischen Systemen auftreten. Es gibt auch positive Überraschungen und vor allem latente Überraschungen, deren Wirkungen verzögert auftreten beziehungsweise später sichtbar werden. Jede technische Innovation birgt im Grunde solche latenten Überraschungen in sich, die sich weder durch intensive Untersuchung ihres Überraschungspotentials frühzeitig erkennen und diagnostizieren lassen noch von vornherein regulierbar sind. Ist man jedoch auf noch nicht von bekannte oder festgelegte latente Überraschungen gefaßt, so sind Strategien eher denkbar, dem erwarteten Unerwarteten zu begegnen. Auch hier geht es um das Auffinden einer neuen Balance zwischen dem Erwartenkönnen des Unerwarteten und der Beeinflussung und besseren Beherrschung dessen, was erwartbar ist.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der sozialen Reife von Technologien. Ingenieure haben gelernt, auf technische und wirtschaftliche Vorgaben zu reagieren und technische Lösungen für die ihnen gestellten Probleme zu finden. Technologien durchlaufen einen technischen Reifungsprozeß, bevor sie von Technologien, deren Entwicklungsgang sich nach anderen Problemstellungen richtet, abgelöst werden. Vielleicht ist der technische Zivilisationsprozeß im späten 20. Jahrhundert genügend weit vorangeschritten, um Technologien auch gesellschaftlich ausreifen zu lassen, das heißt soziale Vorgaben und Problemstellungen genauso zu berücksichtigen wie bisher technische und wirtschaftliche.

Eine sozial ausgereifte Technik müßte Antworten auf brennende soziale Problemstellungen enthalten. Am einschneidendsten werden technische Veränderungen gegenwärtig wohl am Arbeitsplatz und in der Struktur des Arbeitslebens empfunden. Die konsequente Fortführung einer "Revolution", die keine ist, sondern Kontinuität eines fortschreitenden Rationalisierungsprozesses, führt zu drastischen Strukturveränderungen. Im Kernbereich der industriellen Produktion zeichnet sich etwas ab, was Kenner der innerbetrieblichen Automatisierung vorsichtig als Ende der Arbeitsteilung umschreiben, freilich mit gleichzeitiger Verlagerung neuer Segmentierungen nach außen in die weniger automatisierten Produktionsbereiche. Wie wird es einer Gesellschaft in Zukunft gelingen, neue Verteilungskämpfe um knapp gewordene Arbeitsplätze zu lösen, oder wie sollen leistungsorientierte Gruppen motiviert werden, die strukturell schwächer gewordenen mitzutragen? Sind Wissen und Fähigkeiten von Menschen, von denen sie einst glaubten, sie hätten für das ganze Leben Gültigkeit, von Überalterung bedroht, oder gibt es auch hier Erfahrungen, die wie im biologischen Alterungsprozeß den Verlust anderer Fähigkeiten zu kompensieren im Stande sind?

Zum sozialen Reifungsprozeß von Technologien gehört weiter, neue gesellschaftliche Integrationsmöglichkeiten für technische Optionen zu schaffen. Technologische Monokulturen sind nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht eine pathologische Erscheinung, die sich zu Recht als anfällig erweisen, wenn sich die wirtschaftliche oder gesellschaftspolitische Großwetterlage ändert, oder sie unerwartet mit Ablehnung und Protest aus der Öffentlichkeit konfrontiert werden. Viele, zumindest retrospektiv unnötig erscheinende gesellschaftliche und politische Traumata ließen sich vermeiden, wenn die Vorteile von größerer technischer Diversifikation erkannt und als gesellschaftlicher Integrationsweg angesehen würden. Technology Assessment wird nicht nur mit formalen Methoden betrieben, sondern spielt sich auch in öffentlichen Kontroversen ab. Schumpeters Warnung, Monopole anders als nur transistorisch zu sehen, hat hier ihren Platz. Für eine ungewisse Zukunft gerüstet zu sein, heißt unter anderem größere Adaptionsfähigkeit durch kulturelle und technische Vielfalt zu erzeugen und solcherart die technische Kultur zu einer gelebten und mitgestalteten Kultur zu machen.

Zur sozialen Reife der Technik gehört schließlich die Synchronisation der mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und in anderen Rhythmen verlaufenden sozialen und technischen Prozesse. Soziale Prozesse verlaufen meist langsamer als technische. Technologien neu zu denken und zu leben, heißt schließlich auch, unterschiedliche Rhythmen berücksichtigen und aufeinander abstimmen zu können und zu lernen, mit beiden zeitlichen Prozessen - Innovation und Verschleiß - umzugehen.

Auszug aus dem Beitrag "Zur gesellschaftlichen Kontrolle von Technik" in Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 4, Campus Verlag, Frankfurt