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20.12.1996 - 

Nutrichem mit neuer Fertigungslogistik

Zweistellige Wachstumsraten erfordern flexible Produktion

Die hitzige Diskussion um die Einführung unternehmensweiter Informations- und Steuerungssysteme vernachlässigt häufig die Situation der mittelständischen Unternehmen, obwohl diese die überwiegende Mehrheit aller DV-Anwender stellen. Große Standardsysteme sind für die Bedürfnisse dieser Betriebe überdimensioniert und müssen oft mit erheblichem Aufwand angepaßt werden. Unbestritten ist, daß in variantenreichen oder prozeß-orientierten Produktionen kundengerechte Abläufe nur noch mit Unterstützung flexibler, anpaßbarer Produktionsplanungs- und -steuerungssysteme (PPS-Systeme) zu realisieren sind.

Die Nutrichem Diät + Pharma GmbH aus dem fränkischen Roth war in der Vergangenheit kaum imstande, schnell auf neue Trends oder spontane Kundenwünsche zu reagieren: Die Ursachen dafür lagen vor allem in den komplexen Produktionsabläufen und den langen Beschaffungszeiten von Vorprodukten. Gesucht wurde deshalb eine PPS-Lösung, mit der sich Prozesse beschleunigen und Kosten reduzieren ließen.

Wie ein typisches mittelständisches Unternehmen organisiert, hat Nutrichem seit der Firmengründung 1977 eine stürmische Expansion erlebt. In den vergange-nen Jahren waren Wachstumsraten von durchschnittlich 20 Prozent zu verzeichnen. Dem mußte auch die DV standhalten.

Als langjähriger Anwender der Quattro-Systeme von Nixdorf mußte Nutrichem schon seit einiger Zeit mitansehen, wie sich die eigene Informationstechnik dem Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeiten näherte. Das galt für die PPS sowie für die Finanzbuchhaltung (Fibu). Hinzu kam, daß die Siemens-Nixdorf Informationssysteme (SNI) AG den Service für die Quattro-Anlagen beenden wollte. So fällte die Unternehmensleitung Anfang 1994 die Entscheidung, die Quattro-Anlage abzulösen.

Nutrichem sieht es nicht als seine Aufgabe, eine DV um ihrer selbst willen zu betreiben: Freie Mittel werden vorzugsweise in "wertschöpfende" Prozesse investiert. Zum Einsatz kamen - und kommen - keine "Imagelösungen", sondern ausschließlich nach dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit evaluierte Produkte.

Schon bei der Systemauswahl stellte sich eine Schwachstelle vieler Standardprogramme heraus: Bereits kleinste Änderungen machen teure Anpassungen notwendig. Ein typisches Beispiel ist bei Nutrichem die Stammdatenhaltung. Da für viele Produkte die Herstellvorschriften des Arzneimittelgesetzes gelten, sind in den meisten Datenstrukturen sieben Nachkommastellen zu verwalten. Das stellt den größten Teil der Systeme vor schwer lösbare Probleme.

Doch nicht nur dem Anpassungsaufwand, sondern auch den Investitionskosten maß das Unternehmen ein hohes Gewicht bei. Dabei berücksichtigte es neben einmaligen Anschaffungspreisen auch die Folgeinvestitionen für Systempflege und -Updates.

Nach dem Startschuß für die Anschaffung eines neuen Systems spielte das Projektteam - bestückt mit Vertretern aus allen Fachbereichen - "Weihnachten": Es listete erst einmal alle Anwenderwünsche auf, ohne daß ein erhobener Zeigefinger im Hintergrund Kostenbewußtsein anmahnte oder auf Probleme der technischen Realisierbarkeit verwies. Aus diesem Wust von Erfordernissen und Wünschen kristallisierte sich mit Hilfe eines erfahrenen Beraters ein schlüssiges Pflichtenheft heraus.

Die Zeiträume für die verschiedenen Stufen der Systemauswahl sind nicht zu unterschätzen: Von der Entscheidung für eine Ablösung des alten Systems über die Pflichtenhefterstellung und die Sammlung von Angeboten bis hin zur Auswahl dreier potentiell tauglicher Produkte (aus 26 abgegebenen Angeboten) vergingen fast zwölf Monate. Und damit war Nutrichem, wie die bei anderen Unternehmen gesammelten Erfahrungen zeigen, noch relativ schnell. Drei weitere Monate mußten darauf verwandt werden, die Leistungsfähigkeit der drei in die Endauswahl gekommenen Produkte zu vergleichen.

Im März 1995 schloß Nutrichem einen Generalunternehmervertrag mit dem Stuttgarter Software- und Systemhaus Strässle ab. Gegenstand der Vereinbarungen waren die Lieferung der Standardsoftware "PSK 2000" mit der Komponente "PSK*Logistik" auf Basis der Datenbank Oracle, die Bereitstellung einer Finanzbuchhaltung (von Quantum) und eines Labor-Informationssystems (Gemeinschaftsprojekt von Nutrichem und Strässle auf Grundlage käuflicher Softwareprodukte).

Zum Aufgabenspektrum gehörte ferner die Installation aller Softwarekomponenten, die Mitarbeiterschulung, die Anbindung von Subsystemen und die Programmierung spezieller Änderungen, etwa im Formularwesen.

PPS-System und Fibu waren im Juni 1995 mit Daten gefüllt und funktionstüchtig. Zwei Monate später wurden die Eckdaten auf den neuen Rechner übertragen, und Anfang September zogen die Daten des Altsystems als ASCII-Files auf die neuen Rechner - zwei Server der "HP-9000"-Familie - um. Zu diesem Zeitpunkt starteten auch die Schulungsmaßnahmen, die den Anwendern Nutrichem-eigene Daten zur Verfügung stellten.

Bis Ende September 1995 wickelte Nutrichem die laufenden Aufträge auf der Altanlage ab. Die neuen Bewegungen steuerte aber bereits das aktuelle System. Klare und eindeutige Anweisungen, wer welche Daten wo eingeben sollte, verhinderten, daß uneinheitliche Datenbestände in den Systemen existieren. Der gesamte Datenbestand aus der Altanlage wurde mehrmals auf das neue System übertragen.

Am 19. Oktober 1995 war es soweit: Die alte Anlage wurde vom Netz genommen. Die schnelle Systemumstellung hatte nicht nur aus Kostengründen hohe Priorität. Sie beeinflußt maßgeblich die Akzeptanz seitens der Mitarbeiter: Ein länger andauernder Parallelbetrieb hätte deren positive Einstellung beeinträchtigt und den "Anfangsschwung" wirkungslos verpuffen lassen.

Um die Implementierungsphase kurz zu halten, wählte Nutrichem eine eher unübliche Vorgehensweise: Die in der Regel vor der Umstellung stattfindende Bereinigung der Stammdaten wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Zur Umstellung übernahm das neue System zunächst die alten Datensätze. Erst danach - zum Teil während der Schulungen - bereinigten die Anwender diese Daten.

Großer Aufwand trotz kleinem Datenbestand

Der Datenbestand ist bei etwa 1200 Verkaufsartikeln, 6000 lagermäßig geführten Produkten und 2500 Stücklisten mit durchschnittlich 30 Positionen relativ überschaubar. Trotzdem verlangte die Aktualisierung den Mitarbeitern hohen Einsatzwillen ab: Rund 2000 Überstunden fielen allein dafür an. Mit abschließender Überprüfung der bereinigten Daten und einer Inventur zum Jahreswechsel 1995/96 waren die Daten schließlich auf dem aktuellen Stand.

Zum Jahreswechsel soll nun das Labor-Informationssystem angebunden werden. Dann ist die bislang manuell abgewickelte Chargenverwaltung voll in das "PSK* Logistik"-Modul integriert.

Durch die Vereinigung von Fibu und PPS auf einem Rechner wurden die Anwortzeiten kürzer, die Ausfallsicherheit höher und die Kosten geringer. Das größte Plus dieser Vorgehensweise liegt aber in der Ausbaufähigkeit. Nutrichem hat erst 30 bis 40 Prozent der Investitionssumme in Form von Produktivitätsverbesserungen umgesetzt. Das brachliegende Potential soll sukzessive genutzt werden.

Durchlaufzeit wurde reduziert

So wäre beispielsweise schnell und kostengünstig ein Management-Informations-System (MIS) aufzubauen. Das ergibt allerdings erst einen Sinn, wenn das System ausreichend mit Daten gefüllt ist, also beispielsweise Vergleiche zwischen Perioden des laufenden und des vergangenen Geschäftsjahrs möglich sind.

Erste Erfolge sind aber schon heute sichtbar: Die Durchlaufzeit eines üblichen Auftrags hat sich von acht bis zehn auf sechs bis acht Wochen verringert. Geplant ist jedoch eine Halbierung der ursprünglichen Durchlaufzeit.

Das Ziel von Nutrichem besteht darin, mit den vorhandenen Mitarbeitern und möglichst wenig Neueinstellungen die bisherigen Wachstumsraten auch künftig zu erzielen. Das PPS-System soll dabei helfen - durch kostengünstigen Ausbau und Integration mit anderen Produkten.

Nahrung für Sportler

Seit 1977 handelt die Nutrichem Diät + Pharma GmbH, Roth bei Nürnberg, mit Produkten und Halbfabrikaten der Biochemie. 1979 stieg sie selbst in die Produktion ein. Die in den beiden eigenen Werken produzierten Erzeugnisse - Sport-Nahrungsmittel, Diätkost-Artikel und Nahrungsergänzungs-Produkte - stellen heute die Hauptumsatzträger dar. Insgesamt lagen die Einnahmen im vergangenen Jahr bei rund 100 Millionen Mark. Die beiden Produktionsstandorte in Roth beschäftigen rund 250 Mitarbeiter, die angegliederte Vertriebsgesellschaft etwa 30. Zudem unterhält Nutrichem drei Tochtergesellschaften im europäischen Ausland.

*Rüdiger Förster ist als Prokurist zuständig für die DV der Nutrichem Diät + Pharma GmbH in Roth bei Nürnberg.