Lieber Dr. T., ich habe seit drei Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen, stattdessen hat sich mein Krankenkassen- beitrag drei Mal erhöht und das Brötchen kostet bei meinem Bäcker mittlerweile 50 Cent. Nun lese ich auf ComputerPartner.de, dass die Kaufkraft pro Lohnminute in Deutschland so hoch sei wie noch nie. Habe ich da was verpasst oder können Sie mir das erklären?
Zunächst einmal möchte ich eines klarstellen: Statistiken, die auf ComputerPartner.de veröffentlicht werden, sind absolut und in jedem Fall Glauben zu schenken – egal ob es sich um die Preisentwicklung bei LCD-Muttergläsern in der siebten Generation oder um die Anzahl von Spyware-Programmen auf einem mittelverseuchten Windows-PC handelt! Deshalb lautet meine Antwort: Selbstverständlich ist das Lohnniveau auf einem historischen Höchststand – Sie und ich haben es nur nicht gemerkt.
Ich muss allerdings zugeben, dass mich die Meldung auch ins Grübeln gebracht hat. In der Nachricht steht, dass man für ein Bier nur noch drei Minuten arbeiten müsse. In Bayern ist ein “Bier” eine “Mass” und die kostet in einem durchschnittlichen Münchener Biergarten 6 Euro. Der gemittelte Arbeitnehmer verdient also umgerechnet 120 Euro die Stunde – und das netto! Ich glaube, ich muss mal ein ernstes Wörtchen mit meinem Arbeitgeber über meine extrem unterdurchschnittliche Entlohnung reden. Ich kann mir nämlich höchstens zwei Bier pro Stunde leisten.
Aber ehrlich gesagt, ist mir das schon zu viel. Wenn ich morgens ins Büro komme und die heute zu erarbeitende Menge Bier auf meinem Schreibtisch sehe, überkommt mich der unwiderstehliche Drang, aufzustoßen. Gegen Mittag – mittlerweile habe ich sechs Bier geschafft – lässt sich der Drang nicht mehr unterdrücken. Und gegen drei am Nachmittag kann ich nicht mehr vernünftig denken und höchstens noch Kolumnen schreiben oder Business-Pläne für meine arbeitslosen Kumpels erstellen (die sich dank Herrn Hartz nur zwei Bier pro Tag leisten können). Zum Glück habe ich nur eine 36-Stunden-Woche. Nicht auszudenken, wenn ich wie ein Beamter 42 Stunden arbeiten müsste oder wie der Durchschnittsverdiener 20 Bier pro Stunde bekommen würde. Ich bin schließlich kein gebürtiger Bayer und verfüge deshalb nicht über die genetische Grundausstattung für solche Höchstleistungen.
Sie sehen also: Sie, ich und unsere Leberwerte sollten dankbar sein, dass wir von der gegenwärtigen Kaufkraftexplosion nicht besoffen – äh, betroffen sind.
Bis die Tage, hicks und rülps (’ntschuldigung!)
Ihr Dr. T.
(Dr. T.`s Sprechstunde aus ComputerPartner-Ausgabe 30/06)