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Supply Chain Finance

Alternative Formen der Finanzierung

Marcus Laube ist Gründer und Geschäftsführer der crossinx GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main. In den letzten 14 Jahren widmete er sich gezielt der Entwicklung und Markteinführung innovativer B2B Internet Services für die elektronische Rechnungslegung und die Financial Supply Chain. Marcus Laube gehört zu den führenden Köpfen auf seinem Gebiet und engagiert sich in verschiedenen nationalen und europäischen Vereinen und Verbänden für e-Invoicing.
Neue Finanzierungsmodelle bedeuten mehr Liquidität, mehr Handlungsspielraum und mehr Flexibilität - besonders für den Mittelstand.
Der Anteil des Working Capital der an einer Supply Chain beteiligten Unternehmen ist nicht immer gerecht verteilt.
Der Anteil des Working Capital der an einer Supply Chain beteiligten Unternehmen ist nicht immer gerecht verteilt.
Foto: William Potter - shutterstock.com

Der Finanzmarkt bleibt in Bewegung. Nicht zuletzt die Finanzkrise ebnete den Weg für immer neue Finanzprodukte und -Dienstleistungen. Eines der Konzepte ist Supply Chain Finance (SCF).

Supply Chain Finance –Finanzierungsformen entlang der Lieferkette

Supply Chain Finance gilt als Teilgebiet des Supply Chain Managements (SCM). SCF rückt dabei die Optimierung von Finanzstrukturen und Geldflüssen in den Fokus. Ziel ist die Maximierung des Profits von einzelnen oder mehreren Unternehmen entlang einer Lieferkette. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welcher Lieferant oder Dienstleister in der Lieferkette was und auf welche Art und Weise finanziert. SCF nimmt also zwischen der Finanzierung und dem SCM eine Art Schnittstellenfunktion ein.

Für die Akzeptanz von SCF am Markt gibt es unterschiedliche Gründe. Auf der einen Seite geben Geschäftsbanken den negativen Einlagezins der Europäischen Zentralbank (EZB) zunehmend an deren Kunden weiter. Betroffen sind hiervon besonders große Firmenkunden mit hohen Kapitalbeständen. Um Strafzinsen zu vermeiden, können Unternehmen ihre Kapitalbestände kurzfristig verlagern und etwa durch direkte Investitionen oder eben durch Supply Chain Finance-Lösungen in aktive Posten umwandeln.
Mit der Umschichtung von Kapitalbeständen zur Vorfinanzierung von Lieferanten kann nicht nur der Einlagezins eingespart werden. Durch das Ausnutzen von Skonti und anderen Discounts, die die Lieferanten bei früherer Zahlung einräumen, winken zusätzliche Erträge für den Kreditor.

Auf der anderen Seite sind Lieferanten und externe Dienstleister laufend mit der Optimierung des Working Capitals konfrontiert. Die ungleichen Markt- und somit auch Machtverhältnisse zwischen Unternehmen und Zulieferern werden von Unternehmen oftmals ausgenutzt: Sie verlängern häufig – im Rahmen des rechtlich Möglichen –Zahlungsziele und wälzen so die Kosten für die Finanzierung auf den Lieferanten ab.
SCF möchte an dieser Stelle einen Ausgleich schaffen und die verschiedenen Anforderungen von Unternehmen und Lieferanten unter einen Hut bringen.

Dynamic Discounting, Rechnungsauktion, Reverse Factoring

Grundvoraussetzung für SCF ist die Nutzung von E-Invoicing, da erst die elektronische Verarbeitung von Rechnungsdaten und die Digitalisierung von Finanzprozessen SCF überhaupt ermöglicht. Unternehmen können unter anderem zwischen folgenden Modellen wählen:

  • Dynamic Discounting: Lieferanten räumen Unternehmen bei frühzeitiger Zahlung entsprechend höhere Skonti ein. Die Höhe des Nachlasses und der Zeitpunkt der Zahlung sind kurzfristig und individuell für jede einzelne Rechnung verhandelbar. Im Gegensatz zum herkömmlichen Skonto verändert sich der Discount im Zeitverlauf dynamisch. Je früher gezahlt wird, desto höher fällt er aus.

  • Rechnungsauktion: Soll eine Rechnung im Auktionsverfahren finanziert werden, kann sowohl der Rechnungssteller als auch der –Empfänger eine Auktion starten. Durch verkürzte Zahlungsziele und das Einräumen von Discounts schützen sich Unternehmen vor Strafzinsen und maximieren ihr Einsparpotenzial. Lieferanten profitieren von einem schnell verfügbaren Cash-Flow und verbessern somit ihre Liquidität.

  • Reverse Factoring: Hierbei übernimmt ein Finanzdienstleister für den Rechnungsabnehmer die Vorfinanzierung der Lieferantenforderung. Der Factoring-Anbieter verpflichtet sich dazu, die Forderungen eines Lieferanten vorzufinanzieren. Dadurch erhält der Lieferant sein Geld früher. Der Auftraggeber des Factors wiederum kann sich mit der Zahlung noch bis zum ursprünglichen Zahlungsziel Zeit lassen.

  • Zwischenfinanzierung durch einen Finanzdienstleister: Der Unterschied zu anderen Lösungen liegt darin, dass die Veranlassung der Zahlungen – ähnlich einer Banküberweisung – stets vom Käufer ausgeht, nicht vom Lieferanten. Im Unterschied zum Factoring bleibt bei dieser Konstruktion die Forderung beim Lieferanten und wird nicht verkauft; der Finanzdienstleister gewährt dem Kreditor lediglich einen Kredit auf Basis einer Rechnung.

  • Weitere Optionen: Auch Darlehen von Unternehmen an Lieferanten, Purchasing Cards, die wie Kreditkarten eingesetzt werden, oder der Verkauf von Forderungen durch den Lieferanten, also das klassische Factoring, sind gängige und durchaus bewährte Varianten von Supply Chain Finance.

Keine dieser Optionen ist an sich neu. Neu ist hingegen, dass für die Umsetzungen der verschiedenen Varianten von SCF heute technische Lösungen zur Verfügung stehen, die entlang der Wertschöpfungskette zwischen den ERP-Systemen von Lieferanten, Unternehmen und Banken ihren Einsatz finden. Die ERP-Systeme der Parteien werden quasi vernetzt. Zudem können Unternehmen Dank solcher Lösungen immer öfter auf Banken in ihrer Funktion als Intermediär zur Zwischenfinanzierung von Lieferantenforderungen verzichten. Die Liquidität wird zwischen Abnehmer und Lieferant nach Bedarf verschoben.

Rolle von Supply Chain Finance im Mittelstand

Durch die Erschließung von alternativen Finanzierungsquellen können Unternehmen Wettbewerbsvorteile am Markt erzielen. Nicht alle CFOs sind sich jedoch über das Potenzial von Supply Chain Finance im Klaren. Zwei der größten Hürden sind Angst und Unwissenheit seitens der Finanzentscheider. Große Unternehmen, die in der Modernisierung ihrer Finanzprozesse schon weiter sind, beklagen, dass gerade kleine und mittelständische Lieferanten in Bezug auf SCF-Konzepte zu zurückhaltend agieren.

Zusätzlicher Druck entsteht durch die Optimierungsbemühungen großer Unternehmen, die keine Rücksicht auf die Situation ihrer Lieferanten nehmen. So verlängern Unternehmen etwa Zahlungsziele und laden damit die Finanzierungskosten den Lieferanten auf. Die Folgen sind Liquiditätsengpässe seitens der Zulieferer, ein erhöhtes Risiko für Lieferantenausfälle und eine verschlechterte Beziehung zwischen Unternehmen und Lieferant.

Eine andere Hürde stellt neben der unzureichenden Bekanntheit auch die vermeintliche Komplexität der verschiedenen Ansätze dar. Finanzverantwortlichen fällt es schwer einzuschätzen, ob SCF überhaupt zu ihrem Unternehmen passt und welche Weichen für eine erfolgreiche Integration in bestehende Finanzstrukturen gestellt werden müssen.

Zweifel überwinden

Zwar sind die Zweifel an Supply Chain Finance verständlich, allerdings sind sie leicht auszuräumen. Im ersten Schritt sollte ein Unternehmen sich mit den verschiedenen Ansätzen und Wirkungsmechanismen von Supply Chain Finance vertraut machen. Im Anschluss daran ist es entscheidend, auch den Lieferanten alle Vor- und Nachteile von SCF klar zu kommunizieren. Der letzte Schritt ist die Wahl des richtigen Ansatzes und des entsprechenden Technologie-Anbieters.

Folgende Schritte sind ratsam:

  • Stellen Sie zunächst fest, ob Sie mit eigener Liquidität arbeiten können oder ob Sie einen Finanzdienstleister hinzuziehen sollten.

  • Stellen Sie sicher, dass Ihr Einkauf, Ihre Buchhaltung und Ihre Treasury miteinander gut vernetzt sind und Abstimmungsprozesse schnell von Statten gehen können.

  • Stimmen Sie sich mit Ihren Hauptlieferanten darüber ab, welche SCF-Lösung für alle Beteiligten die sinnvollste ist.

  • Setzen Sie die gewählte SCF-Lösung mit ihren Hauptlieferanten auf.

  • Weiten Sie die SCF-Lösung im letzten Schritt auf weitere Lieferanten aus.

Unsicherheiten und Vorbehalte gegenüber SCF müssen ausgeräumt werden

Die Vielzahl an möglichen Ansätzen sorgt dafür, dass Supply Chain Finance einen umfassenden Beitrag zur Verbesserung der Kapitalflüsse leisten kann. Um das Potenzial von SCF ausnutzen zu können, ist es von zentraler Bedeutung, dass bestehende Unsicherheiten und Vorbehalte gegenüber SCF-Maßnahmen aufgelöst werden.

Diese Aufgabe obliegt der Treasury, also dem Unternehmensbereich, der originär für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs und die Optimierung der Liquidität Sorge trägt. Wie einzelne SCF-Maßnahmen funktionieren, wie sie wirken und welchen Beitrag sie zur Kostensenkung und Liquiditätssteigerung leisten, sollte das Treasury nicht nur transparent kommunizieren, sondern allen am Prozess Beteiligten Akteuren, wie Einkauf oder Lieferanten, vermitteln.

Das erklärte Ziel ist es, für die jeweilige individuelle Lieferantenbeziehung den richtigen SCF-Ansatz auszuwählen, denn die eine, für jede Unternehmenssituation und Lieferantenbeziehung passende Standardlösung existiert nicht. SCF bietet mit flexiblen Methoden, Prozessen und IT-Lösungen die Möglichkeit, für jeden Fall eine individuelle Lösung zu finden, egal ob diese auf eigener Liquidität oder einer Fremdfinanzierung basiert.