Auch Microsoft verschenkt Software

10.04.2006
Auf der Linuxworld 2006 in Boston war Virtualisierung das beherrschende Thema. Neben Microsoft und IBM zeigten auch kleinere Firmen, wie weit das Thema fortgeschritten ist.

Von Wolfgang Leierseder

Während Microsoft seine Teilnahme an der deutschen Linuxworld abgesagt hat, war das Unternehmen in Boston mit Bill Hilf, Director Platform Technology Strategy, prominent vertreten. In seiner Keynote stellte Hilf die Notwendigkeit für Unternehmen dar, neben der Microsoft- auch andere Plattformen einzusetzen.

Seine Redmonder Kollegen bekräftigten diese Sicht, indem sie ankündigten, die Software "Virtual Server R2" gratis auszugeben. Als der "Virtual Server" 2005 gelauncht wurde, kostet die Enterprise-Edition 999 Dollar, und für die Standard-Edition waren immerhin 499 Dollar fällig. Im Dezember 2005 kappte Microsoft die Preise deutlich: 199 respektive 99 Dollar standen auf dem Enterprise- beziehungsweise Standard-Paket.

Doch Microsoft-Rivale und Partner VMware ging im Februar dieses Jahres dazu über, seine Virtualisierungssoftware GSX Server zu verschenken. Linux-Anbieter wie Xen Source oder Virtual Iron Software zogen entweder nach oder kündigten an, ihre Angebote als Add-on der Server-Editionen herauszugeben - Microsoft geriet unter Zugzwang.

Und mehr noch: Microsoft kündigte an, dass es Schnittstellen geschaffen habe, die es ermöglichen, die Serversysteme von Red Hat und Suse auf dem "Virtual Server" laufen zu lassen. Wer will, kann sich zusätzlich einen 24-Stunden-Support von Microsoft kaufen.

In diesem Zusammenhang gab der Redmonder Softwerker eine Lizenzvereinbarung mit 45 Herstellern bekannt, wonach diese das frei verfügbare "Virtual Hard Disk"-Format unterstützen. Dieses ist Voraussetzung, um die Applikationen der Lizenznehmer auf dem "Virtual Server" ablauffähig zu machen. Zu den Lizenznehmern gehören Brocade, BMC, Network Appliance und XenSource.

IBM, naheliegenderweise mit weniger Linux-Berührungsängsten ausgestattet, nutzte die Messe, um neue Linux-Pakete für kleine und mittlere Anwender vorzustellen.

So gibt es jetzt den "Integrated Stack for Linux", ein Middleware-Paket, das aus der "Community Edition" des "Websphere Application Server" sowie der "Express-C"-Ausführung der Datenbank DB2 besteht und in Zusammenarbeit mit Novell, Intel und Distributor Avnet erarbeitet wurde, so Big Blue. Damit können Kunden Linux-Server in Windows-Umgebungen integrieren.

Das Angebot soll noch in diesem Monat auf den Markt kommen nicht zuletzt auch das Hardwaregeschäft von IBM ankurbeln. Die Intel-Server der "x-Series", die Blades und die "TotalStorage"-Speichersysteme sind Teil des "Inntegrated Stacks". In den USA wird Avnet über seinen Partnerkanal zusätzlich eine "Likewise"-Software von US-Hersteller Centeris für die Integration und das Management des Pakets in Microsofts "Active Directory" vertreiben.

Als weitere Offerte stellte IBM für Partner und Kunden diese Version mit einer Demo-Version von VMwares Hosting-Version von Suses "Linux Enterprise Server 9" vor. Mit dieser Version können Partner bei Kunden Hosting demonstrieren und, wenn gewünscht, dieses Paket als zusätzlichen Service verkaufen. Zudem ist ein Entwickler-Kit namens "Open Computing Development Environment" geplant. Es enthält neben den zentralen Bestandteilen "Websphere Application Server Community"-Edition und "DB2 Express-C" auch eine Eclipse-Tool-Zusammenstellung

Dazu passt, dass Big Blue eine verbesserte Version der "Websphere Application Server Community"-Edition angekündigt hat. Diese bietet für Entwickler eine erweitertes (Eclipse-)Framework an, ferner die Integration mit Apaches "Tomcat"-Anwendungen. Laut dem Armonker Konzern können Entwickler damit Anwendungen testen und in verschiedenen Umgebungen zum Ablaufen bringen.

Schließlich kündigte IBM ein neues Sicherheitssiegel aus dem international anerkannten Common-Criteria-Programm an. Red Hat Enterprise Linux (RHEL) 4 auf IBM-Servern ist nun nach Level 4+ für das Controlled Access Protection Profile zertifiziert.

Auch HP ließ es sich nicht entgehen, um Softwarepakete mit quelloffenen "Building Blocks" anzukündigen. So wird in dem "HP Open Source Integrated Portfolio" der Application Server und die Enterprise Middleware Suite (JEMS) von JBoss enthalten sein sowie die "Connexitor Directory Services" von US-Anbieter Symas.

Diese Pakete, die von einem Serviceangebot und eigenen Java-basierenden Blaupausen für die firmenspezifische Implementatierung begleitet werden, sollen es den Kunden ermöglichen, Linux und weitere Betriebssystemplattformen wie Windows und das hauseigene Unix-Derivat HP-UX in ihre IT-Infrastruktur zu integrieren. Natürlich ist auch HP darauf erpicht, Hardware, also Server und Speicher, zu verkaufen.

Neue Chancen für die kleinen Softwarehäuser

Aber auch kleinere Firmen wie die amerikanische Xen Source ließen sich Boston nicht entgehen. Das Start-up wird noch dieses Jahr seine Open-Source-Virtualisierungslösung "Hypervisor" als kommerzielle Virtualisierungsplattform auf den Markt bringen. Angekündigt als "Xen Enterprise", soll es auch Bestandteil der für dieses Jahr angekündigten Linux-Version 5 von Red Hat und ebenso von Suse Linux Enterprise Server Version 10 sein. Laut den Amerikanern sind mit "Xen Enterprise" virtuelle Linux-, Windows- und andere Betriebssystem-Workloads möglich. Einziger Schönheitsfleck: Um mit Windows und älteren Linux-Versionen reibungslos zusammenarbeiten zu können, hat Xen Source bereits die für nächstes Jahr erwarteten Hardware-Virtualization-Möglichkeiten von Intel und AMD berücksichtigen müssen. So müssen sich Kunden keine neue Hardware anschaffen, um "Xen Enterprise" in gemischten Umgebungen ohne Leistungs- und Funktionsverlust einsetzen zu können.

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