Deutsche Unternehmer und die Digitalisierung

Aus der digitalen Trägheit lernen

Als Mitglied der Geschäftsleitung leitet Oliver Gürtler das Mittelstands-Business bei Microsoft Deutschland.
Als Co-Founder und Managing Partner ist Andreas Schwend für das Portfoliomanagement und die Unternehmensstrategie von Diconium verantwortlich.
Deutsche Firmen - auch jene aus dem Mittelstand - haben vor allem zu Beginn der Corona-Pandemie erkannt, wie wichtig für sie die Digitalisierung ist. Vieles wurde schon in Angriff genommne, doch reicht das?
Das viele Arbeiten von daheim hat in jüngster Zeit gezeigt, wie derr Umstieg auf neue Arbeitsweisen gelingen kann.
Das viele Arbeiten von daheim hat in jüngster Zeit gezeigt, wie derr Umstieg auf neue Arbeitsweisen gelingen kann.
Foto: Dean Drobot - shutterstock.com

Das viele Arbeiten von Zuhause in jüngster Zeit hat gezeigt, wie mehr oder weniger reibungslos der Ein- oder Umstieg auf remote und technologiebasierte Arbeitsweisen gelingen kann. Deutschlands Unternehmen haben in den vergangenen Jahren die Wichtigkeit von Digitalisierung für ihr Geschäft erkannt. Doch ist diese Erkenntnis genug? Digitalisierung hat eine ganz neue Geschwindigkeit aufgenommen - heute passieren Transformationen in zwei Monaten, die vorher nicht einmal in zwei Jahren denkbar gewesen wären.

Nächste Ausfahrt: Digitalisierung

Deutschland ist das Zuhause von Industrie 4.0 - doch bei aller Stärke dieser Branche gibt es noch Themenfelder mit Entwicklungspotential rund um die unternehmerischen Prozesse: Angefangen bei der internen Kommunikation über die Kostenoptimierung bis hin zur Verbesserung von Sicherheitsfragen. Es geht allem voran darum, die trendigen Buzzwords rund um die Digitalisierung für die Unternehmen zu übersetzen und in konkrete Handlungsschritte zu überführen. So werden Herausforderungen, die anfangs unüberwindbar schienen, realisierbar. Die Aufgabe ist hier, Probleme zu erkennen, Lösungen dafür zu entwickeln, diese umzusetzen und für diese neuen Systeme in der Belegschaft die Akzeptanz zu schaffen.

Vor diesen konkreten Herausforderungen stehen deutsche Unternehmen

Vor allem geht es darum, Change-Prozesse zu initiieren und in die eigenen Strukturen zu implementieren. Hierfür braucht es häufig einen Wandel der Unternehmenskultur, die eine gewisse Offenheit, die aktuelle Situation auch als Chance zu begreifen. Auch deutsche Kunden sollten sich auf das in den USA so beliebte und die sich auch mal auf ein "Trial and Error" einlassem, also einfach mal Neues ausprobieren. Falls ein neu implementiertes Tool oder Arbeitsformat sich nicht bewährt, wird es eben wieder abgeschafft. Falls es sich jedoch bewährt, profitiert davon im besten Fall das gesamte Unternehmen.

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So lernt die ganze Belegschaft, eine gewisse Flexibilität und Agilität an den Tag zu legen - das macht nicht nur nachfolgende Transformationsschritte einfacher, sondern trägt auch dazu bei, dass Firmen im Falle einer Krise resilienter werden, weil das gesamte Unternehmen sich schneller auf neue Situationen einstellen und in einem "New Normal" zügig zur gewohnten Produktivität zurückkehren kann.

Die globale Wirtschaft transformiert sich klassischerweise in drei Phasen:

  1. Phase1: Respond

  2. Phase2: Recover

  3. Phase3: Reimagine

Nach den smarten Ad-hoc-Lösungen aus Phase 1 und der Konsolidierung in Phase 2 geht es jetzt darum, bisherige Geschäftsmodelle und Prozesse mit innovativen Technologien neu aufzusetzen und erfolgreich zu transformieren. Aus dieser Phase 3, in der Firmen sich selbst und ihre Geschäftsmodelle "neu erfinden", gibt es bereits heute zahlreiche Positivbeispiele. Denn der seit Jahren immer stärker werdende Innovationsdruck, führt in bestimmten Branchen zu echten technologischen Quantesprüngen. So arbeiten beispielsweise 40 Prozent unserer gemeinsamen KMU-Kunden erfolgreich an Industrie-4.0-Projekten.

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Besonders Cloud-Lösungen bilden die Grundlage für die Digitalisierung von Unternehmen, da hier noch viele Chancen und Potenziale für Industrie und Produktion schlummern.

Die Krise als Chance: Wie Covid-19 die Digitalisierung beschleunigt

Im Zuge der globalen Coroan-Krise wurden Unternehmen weltweit auf die ganz harte Probe gestellt. Es gab viele Herausforderungen zu meistern, aber auch Chancen wurden ergriffen. Dabei verhalf die Pandemie vielen Unternehmen dabei, eingetretene Trends schneller umzusetzen. Es ist wichtig zu verstehen, dass kein Unternehmen den plötzlichen Herausforderungen zu 100 Prozent gewachsen ist.

Auch heute ist der Großteil der Firmen Vom "business as usual" noch weit entfernt. Doch was klar erkennbar ist: Unternehmen, die eine gute digitale Infrastruktur haben, sind widerstandsfähiger und kommen besser durch die Krise. Jedoch haben auch Firmen, die mit dem Eintreten von Covid-19 erst ihre digitalen Prozesse optimieren mussten, dies in einem beispiellosen Tempo geschafft. Corona war ein Beschleuniger für viele - manchmal zuvor lang aufgeschobene - Unternehmenstransformationen. Wer weiß, ob diese Umstellung auch ohne die gewiss nicht erfreulihcn Umstände so schnell umgesetzt hätte werden können.

Eins ist klar: Ob durch Krisenzeiten beschleunigt oder im Unternehmensalltag im laufenden Betrieb Schritt für Schritt umgesetzt - die Digitalisierung ist für alle Firmen sämtlicher Branchen ein fortlaufender Prozess und kann neue Bereiche und Wachstumsmöglichkeiten eröffnen. Dennoch gibt es im Zuge der digitalen Transformation für die Unternehmen auch noch einige Hürden zu überwinden.

Grundpfeiler gelungener Transformation: Können und Vertrauen

Für deutsche Firmen sind die zwei Themen "Können" und "Vertrauen" unersetzlich, um die Digitalisierung als gesamtes Unternehmen zu meistern.

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Zunächst zum Können: Ob in Bezug auf neue Mitarbeiter, die die Digitalisierung intern anschieben sollen, oder hinsichtlich neuer Software, die von extern ihren Beitrag leistet - deutsche Unternehmen bleiben so lange unentschieden, bis bewiesen ist, dass das notwendige Können vorhanden ist. Neue Bewerber müssen sich beweisen und Software-Anbieter müssen sich erst auf Herz und Nieren prüfen lassen, bevor eine Firma sich voll und ganz auf eine Zusammenarbeit einlässt.

Das Thema Vertrauen spielt eine Schlüsselrolle, denn sie ist die wichtigste Währung von Führungskräften gegenüber ihren Mitarbeitern. Auch bei der Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern, die Kunden bei der Umsetzung der eigenen digitalen Strategie unterstützen, ist Vertrauen unverzichtbar - dieses lässt sich nicht über Nacht aufbauen, sondern benötigt für Firmen hierzulande Zeit und eine kontinuierliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit zeigt, wie sich dieses Vertrauen, in dem Fall seitens der Führungskräfte gegenüber den Mitarbeitern, auszahlt: Viele Unternehmen waren gegenüber dem Konzept des Home-Office lange skeptisch - aktuelle Statistiken, beispielsweise das Ergebnis einer Umfrage der DAK Gesundheit vom Juli 2020 oder von Acer und Eset vom Mai 2020 zeigen, dass die Produktivität im Home-Office nicht sinkt - sogar ganz im Gegenteil. Laut der DAK-Studie schätzt die Mehrheit (59 Prozent) der befragten Arbeitnehmer im Home-Office, dass sie produktiver arbeiten als an ihrem Arbeitsplatz im Büro.

Denn in bei den meisten Kunden aus dem Mitteltstand gilt, dass sich das Können nicht mit nur einem guten Case beweisen und das Vertrauen nicht nach dem erfolgreichen Abschluss eines einzelnen Projektes aufbauen lässt. Deutsche Firmen brauchen länger, um die nächsten Schritte ihrer eigenen digitalen Transformation zu vollziehen. Was sich jedoch im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte gezeigt hat: Die Unternehmen hierzulande wachsen vielleicht langsamer und brauchen länger, um neue Methoden zu implementieren, bauen sich dabei jedoch ein stabiles Fundament auf, das sie krisenfest werden lässt.