Bitkom-Präsident Achim Berg zur Kultusministerkonferenz

„Bildungspolitischer Offenbarungseid“

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Der Präsident des Branchenverbands Bitkom, Achim Berg, lässt kein gutes Haar an der Bildungspolitik der Länder während der Corona-Pandemie. Es räche sich jetzt, dass digitale Alternativen zum Präsenzunterricht nicht energisch genug vorangetrieben wurden.

Die weiterhin steigende Zahl der Covid-19-Infektionen hat die Diskussion über Schulschließungen und verlängerte Weihnachtsferien neu entfacht. So hatte die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina eine Aussetzung der Schulpflicht ab 14. Dezember ins Gespräch gebracht. Derzeit berät die Kultusministerkonferenz über das weitere Vorgehen.

Einerseits Restaurants zu schließen, andererseits aber Schüler und Lehrer Tag für Tag in die Klassenzimmer zu zwingen, hält Bitkom-Präsident Achim Berg für „absolut unlogisch“.
Einerseits Restaurants zu schließen, andererseits aber Schüler und Lehrer Tag für Tag in die Klassenzimmer zu zwingen, hält Bitkom-Präsident Achim Berg für „absolut unlogisch“.
Foto: Syda Productions - shutterstock.com

Achim Berg, Präsident des Branchenverbands Bitkom, findet klare Worte zu weiteren Unterrichtsausfällen: "Die Rufe nach verlängerten Ferien, Schulschließungen und einem zusätzlichen Schuljahr sind ein bildungspolitischer Offenbarungseid. Unfreiwillige Freizeit hatten unsere Schüler in diesem Corona-Jahr schon zur Genüge", wettert der Bitkom-Präsident. Jetzt räche sich, dass viele Bundesländer und Schulen kategorisch am Präsenzunterricht festgehalten und digitale Alternativen nicht energisch vorangetrieben haben.

Berg ist der Meinung, dass seit dem Beginn der Pandemie vor einem dreiviertel Jahr genügend Zeit war, Schulen, Schüler und Lehrer auf die aktuelle Situation vorzubereiten und zu innovativen, flexiblen und digitalen Bildungsformaten zu wechseln. "Der Digitalpakt Schule wird seit fast fünf Jahren diskutiert, seit Mai 2019 stehen mehr als 5,5 Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen zur Verfügung, nur ein Bruchteil davon wurde abgerufen", beklagt er.

Prinzipenreiterei auf dem Rücken von Schülern, Eltern und Lehrern

Einen besonderen Bremsklotz sieht Berg in der "von einigen Landesdatenschutzbeauftragten ausgelöste Verunsicherung". Diese habe vorhandenen Digitalisierungsbemühungen engagierter Lehrer und Schulleiter zusätzlich gebremst. "Die Prinzipienreiterei auf dem Rücken von Schülern, Lehrern und Eltern muss ein Ende haben", fordert Berg.

Auch die Politik bekommt ihr Fett weg: "Einerseits Restaurants zu schließen, andererseits aber Schüler und Lehrer Tag für Tag in die Klassenzimmer zu zwingen, ist absolut unlogisch", attestiert der Bitkom-Chef. Statt die Schüler jetzt nach Hause zu schicken, sollte, wo es technisch möglich ist, auf digitalen Fernunterricht umgestellt werden, regt er an.

Der Branchenverband sieht auch über virtuelle Klassenzimmer hinaus eine Vielzahl an Möglichkeiten, jenseits des Schulgebäudes Lernstoff über digitale Technologien zu vermitteln. Als Beispiel nennt der Verband Lern-Apps wie AntonApp, StudySmarter, Scoyo oder Duolingo und Video-Tutorials wie Sofatutor, Bettermarks oder Simpleclub. Digitale Bildungsangebote müssten sich nicht hinter klassischem Unterricht verstecken, schon gar nicht in Pandemie-Zeiten. "Ein 'Das können wir nicht' darf nach all den Monaten als Ausrede nicht mehr durchgehen", bekräftigt Berg. Er sieht durch die Intervention von Datenschutzbeauftragten die zusätzliche Herausforderung, "die massive Verunsicherung bei Lehrern, Eltern und Schülern in Fragen des Datenschutzes aufzulösen". Jetzt sei Pragmatismus gefragt statt rückwärtsgewandtem Dogmatismus.

Die Bundesländer müssen nach Ansicht Bergs nun klare, bundeseinheitliche Vorgaben machen, welche digitalen Lerntechnologien jetzt eingesetzt werden können und sie müssen umgehend Lizenzen für Lernsoftware bereitstellen, um digitalen Unterricht überall möglich zu machen.

Schulen, die kurzfristig keinen digitalen Unterricht ermöglichen können, sollten projektbasiertes, eigenständiges Lernen von zu Hause anbieten und damit Kompetenzen wie Selbstständigkeit und Problemlösungsfähigkeit vermitteln, die gerade in der digitalen Welt von großer Bedeutung sind, lautet der Rat des Bitkom-Präsidenten.

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