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Digitale Transformation

Braucht die digitale Welt noch ERP-Systeme?



Dirk Bingler ist seit 2011 Sprecher der Geschäftsführung in der GUS Group. Seit 2014 engagiert er sich aktiv als Vorstand des Arbeitskreises ERP im Bitkom. Seine Themenschwerpunkte sind die Zukunft von ERP-Systemen sowie die Auswirkung der Digitalisierung auf deren Architekturen. Dirk Bingler verfügt über 21 Jahre Branchenerfahrung im internationalen Konzernumfeld bei der Siemens AG und seit 2003 im Mittelstand.
Haben ERP-Systeme in Zeiten der Digitalisierung überhaupt noch eine Daseinsberechtigung? Ja. Sie sind sogar wichtiger denn je. Aber dafür müssen sie sich grundlegend verändern.

Die Auswirklungen der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung werden besonders in der industriellen Fertigung sichtbar. Unter anderem gilt es hier, kostspielige Ausfallzeiten von Maschinen zu reduzieren: Heute "weiß" die Fertigungsanlage dank Predictive Maintenance schon von möglichen Problemen, bevor diese überhaupt auftreten. Sensoren sammeln dazu kontinuierlich Daten und werten sie in Echtzeit aus. Bei Unregelmäßigkeiten sendet das System umgehend eine Warnmeldung an die Instandhaltung, wo das betroffene Ersatzteil bestellt und ausgetauscht wird - und zwar noch bevor das alte nicht mehr funktioniert.

Wie sieht das ERP-der Zukunft aus? - Viele unternehmensübergreifende Geschäftsszenarien lassen sich mit den klassischen monolithischen ERP-Suiten nicht mehr abbilden.
Wie sieht das ERP-der Zukunft aus? - Viele unternehmensübergreifende Geschäftsszenarien lassen sich mit den klassischen monolithischen ERP-Suiten nicht mehr abbilden.
Foto: sdecoret - shutterstock.com

Was in diesem Beispiel einfach klingt, ist in der Praxis oft mit hohem Aufwand verbunden. Denn um digitale Prozesse durchgängig abzubilden, müssen alle beteiligten IT-Systeme, Sensoren und Maschinen über Schnittstellen miteinander verbunden und die Daten zwischen den Systemen aufeinander abgestimmt werden. Und: Sämtliche Abläufe sind in den betriebswirtschaftlichen Kontext des Unternehmens zu integrieren. An dieser Stelle setzen ERP-Systeme an. Als zentraler Taktgeber sorgen sie dafür, dass aus dem Waren- ein Wertefluss wird; dass Aufträge verwaltet, Kosten zugeordnet, Verbrauchsmaterialien erfasst oder Liefertermine eingehalten werden. Es liegt jedoch auf der Hand, dass mit der zunehmenden Digitalisierung auch die Anforderungen an ERP-Systeme steigen. Viele unternehmensübergreifende und vernetzte Geschäftsszenarien lassen sich mit den klassischen monolithischen Mega-Suiten nicht mehr abbilden. Wie also muss ein ERP-System künftig beschaffen sein?

Flexibel kombinierbare ERP-Services

Mobile und vernetzte Prozesse erfordern auch entsprechend flexible ERP-Systeme mit einer hohen Integrationsfähigkeit. Statt starre Suiten sind smarte Service-Bausteine gefragt, die sich je nach Anforderung problemlos miteinander kombinieren lassen. Dabei müssen die Anwendungen heute nicht nur miteinander, sondern - wie im Beispiel beschrieben - auch mit mobilen Endgeräten, externen Apps oder Maschinen kommunizieren. Dafür sind offene ERP-Lösungen notwendig, die sich via Cloud mit anderen Systemen verbinden lassen.

Auch die Rolle von digitalen Plattformen wird künftig immer wichtiger: ERP-Anbieter ergänzen darüber ihre eigenen Lösungen um Funktionalitäten aus der Cloud (zum Beispiel durch Services für IoT oder künstliche Intelligenz) oder bieten dort selbst einzelne Module als Service an. Der Vorteil: Die Lösungen sind immer up to date, teure und aufwendige Release-Wechsel gehören der Vergangenheit an. Dazu kommt, dass die Hersteller sich durch diese "Arbeitsteilung" wieder mehr auf ihre Kernkompetenzen - wie zum Beispiel ihr Branchen-Know-how - konzentrieren können, wovon letztlich wieder die Nutzer profitieren.

Usability im Fokus

In Zeiten von Apps und Social Media erwarten Nutzer auch von ERP-Systemen eine moderne, übersichtliche Oberfläche, mit der sich die Anwendungen intuitiv und einfach bedienen lassen. Einige ERP-Lösungen bieten beispielsweise heute die Möglichkeit, Benutzeroberflächen individuell zu konfigurieren. User können dann ihre persönlichen aufgabenbasierten Ansichten erstellen oder individuelle Layouts konfigurieren. Auch die Bediensteuerung wird sich den Konzepten moderner IoT-Anwendungen anpassen müssen. Hier spielt vor allem die Spracheingabe eine immer wichtigere Rolle. Aber auch die Kommunikation via Chatbots oder Visualisierungen mittels Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) werden künftig ein Bestandteil des Nutzererlebnisses von ERP-Anwendungen sein.

Künstliche Intelligenz wird zum Standard

In der industriellen Fertigung, aber auch bei den klassischen betriebswirtschaftlichen Prozessen werden Formen der künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens künftig unverzichtbar sein. Sensoren und Maschinen sammeln dazu große Mengen an Daten. Zur automatischen Erkennung von Zusammenhängen und Mustern wird fortlaufend ein KI-System trainiert und ein Modell erstellt, mit dem sich die Daten in Echtzeit analysieren lassen. Ziel ist es, auf diese Weise künftige Ereignisse vorherzusagen. Aber auch in administrativen Unternehmensbereichen wie der Buchhaltung kommt KI künftig zum Einsatz: Statt beispielsweise manuell Rechnungen zuzuordnen, erlauben es smarte Anwendungen heute bereits, Dokumente nicht nur automatisch zu erfassen, sondern auch zu interpretieren und richtig zu verbuchen.

Um auch in Zukunft am Markt zu bestehen, müssen ERP-Systeme entweder selbst entsprechende Funktionalitäten mitbringen oder so beschaffen sein, dass sie KI- und Predictive Analytics-Anwendungen integrieren und deren Ergebnisse nahtlos weiterverarbeiten können.

Steigende Datenmengen

Die Voraussetzung für derart umfangreiche Analysen und Prognosen sind große Mengen an Daten (Big Data). Moderne ERP-Systeme sind heute in der Lage, strukturierte Informationen zu speichern, zu verarbeiten und sinnvoll in bestehende Abläufe einzubinden. Aufgrund der Digitalisierung verändert sich dabei die Art der Daten: Während Unternehmen früher überwiegend strukturierte Informationen verarbeiten mussten, sind es heute immer mehr unstrukturierte Daten - beispielsweise Kundenfeedback aus Social Media-Kanälen oder Sensordaten aus der Produktion. Neben der Cloud, über die Unternehmen Rechen- und Speicherleistung flexibel "einkaufen" können, helfen Technologien wie NoSQL- oder In-Memory-Datenbanken dabei, ERP-Lösungen fit für maschinelles Lernen zu machen.

Sicherheit hat höchste Priorität

Mit der zunehmenden Vernetzung steigt auch die Angriffsfläche für Hacker. Insbesondere im Mittelstand zögern daher immer noch viele Unternehmen, wenn es darum geht, ERP-Systeme oder -Funktionalitäten aus der Cloud zu beziehen oder zum Internet hin zu öffnen. Anbieter müssen daher sicherstellen, dass die verwendeten Technologien weltweiten Sicherheitsstandards entsprechen und regelmäßig an sich verändernde Bedrohungen angepasst werden. Für Unternehmen, die dennoch skeptisch sind, bieten Zwischenlösungen eine Alternative: Hierbei werden lediglich einzelne Funktionen des ERP-Systems nach außen über die Cloud publiziert. Weder Benutzerinformationen noch sensible Stamm- und Bewegungsdaten werden in der IT-Wolke gespeichert.

Sind ERP-Systeme "out"?

ERP-Systeme sind alles andere als out. Sie bleiben auch weiterhin ein integraler Bestandteil der IT-Landschaft. Zukunftsorientierte ERP-Anbieter haben bereits begonnen, ihre Systeme an die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt anzupassen - ein Prozess, der sich die nächsten Jahre rapide fortsetzen wird. Ein intensiver und kontinuierlicher Dialog zwischen ERP-Anbietern, Anwendern und Marktbegleitern ist damit heute wichtiger denn je. Denn durch die weltweite Vernetzung von Systemen und Abläufen eröffnet die Digitalisierung nie dagewesene Freiheitsgerade für alle Beteiligten. Wer hier die Anforderungen seiner Kunden, Zielbranchen und Partner nicht genau kennt und ernst nimmt, hat kaum Chancen, sich auf Dauer im Markt zu behaupten.