Martin Wild zur Rolle des Chief Digital Officer

„Der CDO muss sich eigentlich selber abschaffen“



Matthias Hell ist Experte in Sachen E-Commerce und Retail sowie  Buchautor. Er veröffentlicht regelmäßig Beiträge in renommierten Handelsmagazinen und E-Commerce-Blogs. Zuletzt erschien seine Buchveröffentlichung "Local Heroes 2.0 – Neues von den digitalen Vorreitern im Einzelhandel".
Während MediaMarktSaturn den bisherigen Chief Digital Officer zum neuen Deutschland-Chef macht, blickt Martin Wild noch einmal zurück auf seine Erfahrungen als CDO. Sein neues Start-up verzichtet dagegen auf einen eigenen Digital-Vorstand.

Seit 1. Oktober hat MediaMarktSaturn einen neuen Deutschland-Chef: Sascha Mager, bisheriger Chief Digital Officer (CDO) des Unternehmens. Die Personalie ist aus zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Zum einen weil es unter deutschen Top-Unternehmen eine Premiere ist, dass der CDO zum CEO wird - gut ein Drittel der DAX30-Unternehmen hat noch nicht einmal einen Chief Digital Officer. Zum anderen ist die Führungsentscheidung auch im Kontext von MediaMarktSaturn so etwas wie ein Meilenstein: Vor zehn Jahren galt das Unternehmen noch als E-Commerce-Verweigerer. Heute hat das Unternehmen einen Online-Anteil von rund einem Viertel des Gesamtumsatzes - und nun auch einen Digital-Fachmann an der Unternehmensspitze.

Dabei dürften in der Branche viele, die die Worte "MediaMarktSaturn" und "CDO" in einem Atemzug hören, vor allem an einen Mann denken: Martin Wild. Der E-Commerce-Pionier (er gründete 1997 den Online-Händler Home of Hardware) wurde 2014 bei MediaMarktSaturn zum Chief Digital Officer bestellt und war damit in Deutschland einer der ersten, die diese Funktion bekleideten. "Meine Position war von Anfang auf C-Level-Ebene angesiedelt", erzählt Wild, der 2020 bei dem Elektronik-Retailer ausstieg und heute ein Ernährungs-Start-up leitet. "Diese Verankerung ist aus meiner Sicht besonders wichtig, damit man als CDO Gehör findet und in allen Bereichen mit einer digitalen Agenda mitsprechen kann."

Martin Wild wurde 2014 Chief Digital Officer von MediaMarktSaturn - und damit einer der ersten CDOs in Deutschland
Martin Wild wurde 2014 Chief Digital Officer von MediaMarktSaturn - und damit einer der ersten CDOs in Deutschland

"Der CDO ist der logische Nachfolger des CEO"

Entscheidend war für Wild, dass er von Anfang an einen eigenen Stab erhielt, der über die Jahre von fünf Leuten auf ein rund 20-köpfiges Team anwuchs. "Nur so war es möglich, Dinge vorzuleben und im Unternehmen einen Pull für die Digitalisierung zu erzeugen", erklärt Wild. Wegen der damals noch stark dezentralen Organisationsform von MediaMarktSaturn sei es wichtig gewesen, dass die Kollegen aus den Landesgesellschaften die von dem CDO der Holding ausgehenden Impulse aufnahmen. Mit Initiativen wie der Weiterentwicklung der IT-Landschaft, der Digitalisierung der Arbeitsplätze, der Einführung von digitalen Features in den stationären Märkten und der Einrichtung eines Start-up-Inkubators erzeugte Wild einen Modernisierungssog, der bis heute bei dem Retailer nachwirkt. "Mein Ziel war es, das Mindset bei MediaMarktSaturn in eine digitale Richtung zu verändern", so der ehemalige CDO.

Dass einer seiner Nachfolger nun zum CEO der deutschen Landesgesellschaft wurde, sieht er als Zeichen, dass MediaMarkt­Saturn es mit der Digitalisierung ernst meint. "Ich habe immer gesagt, der CDO muss sich eigentlich selber abschaffen. Denn es handelt sich aus meiner Sicht um eine vorübergehende Rolle, die dazu dient, Digitalisierung in allen Unternehmensbereichen zu verankern. Insofern ist es ein logischer Schritt, wenn der CDO zum Nachfolger des CEO wird", erklärt Wild.

Heute ist Martin Wild Co-Gründer und -Geschäftsführer des Ernährungs-Start-ups Organic Garden
Heute ist Martin Wild Co-Gründer und -Geschäftsführer des Ernährungs-Start-ups Organic Garden
Foto: Organic Garden

Neues Start-up hat keinen Chief Digital Officer

2020 verließ Wild MediaMarktSaturn, um noch einmal neu durchzustarten: Als CEO von Organic Garden, einem in Ingolstadt beheimateten Start-up, hat er sich die Produktion und den Vertrieb von Nahrungsmitteln nach einem ebenso innovativen wie nachhaltigen Modell auf die Fahnen geschrieben. "Es ist heute meine Leidenschaft, Lebensmittel von höchster Qualität zu genießen. Bei Organic Garden verbinde ich nun diese Leidenschaft mit meinem weiter vorhandenen Begeisterung für Digitalisierung", erklärt Wild. Denn es sei klar, dass auch das Thema Ernährung in der Zukunft massiv vom der Digitalisierung abhänge. "Nur so können wir effizienter und ressourcenschonender wirtschaften."

Interessanterweise gibt es bei Organic Garden keinen Chief Digital Officer. "Wir sind ein von Grund auf digital ausgerichtetes Unternehmen, bei dem alle Entscheidungen durch einen digitalen Filter laufen", begründet Wild den Verzicht auf die CDO-Position. Der Unternehmer sieht sich damit erneut in einer Vorreiterrolle: "Heute gibt es noch nicht ausreichend Digital Natives in den Unternehmen. Aber in zehn Jahren, wenn die nächste Generation ihren Weg im Arbeitsmarkt macht, wird sich das ändern. Dann wird sich auch die Notwendigkeit für einen dezidierten CDO im Unternehmen wieder auflösen."

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