Rechner aus zweiter Hand: Ein neuer Markt ohne Grenzen?

28.11.1997
MÜNCHEN: "Ungewohnt hohe Margen, es gibt keine profitablere Marktlücke!" Second-hand-Spezialist Omnico sagt dem Geschäft mit Gebraucht-PCs prächtiges Gedeihen nach. Parallel zu den Bergen von Elektroschrott wächst angeblich still und leise ein Markt heran, der nicht zuletzt für den Händler besonders interessant sein soll.Allerdings ist die junge Branche hierzulande noch nicht so richtig ins Rollen gekommen. Wie steht es um das Marktpotential?

MÜNCHEN: "Ungewohnt hohe Margen, es gibt keine profitablere Marktlücke!" Second-hand-Spezialist Omnico sagt dem Geschäft mit Gebraucht-PCs prächtiges Gedeihen nach. Parallel zu den Bergen von Elektroschrott wächst angeblich still und leise ein Markt heran, der nicht zuletzt für den Händler besonders interessant sein soll.Allerdings ist die junge Branche hierzulande noch nicht so richtig ins Rollen gekommen. Wie steht es um das Marktpotential?

Der Bedarf an gebrauchten PCs wächst gewaltig", behauptet die Omnico GmbH, eines der wenigen Unternehmen in Deutschland, die sich ganz auf den Handel mit den alten Möhrchen verlegt haben. "Allein unsere Verkaufszahlen belegen das", schwört Geschäftsführer Matthias Krönke auf die Entdeckung "der Marktlücke" schlechthin.

15.000 Second-hand-PCs will die Firma aus Mörfelden-Walldorf, nach eigenen Angaben hierzulande der größte Broker für gebrauchte Marken-PCs, in diesem Jahr absetzen - eine Steigerung von immerhin zirka 88 Prozent im Vergleich zu den rund 8.000 Systemen im Vorjahr. Gemessen am Gesamtabsatz an Personal- computern in Deutschland liegen Omnicos verkaufte Stückzahlen jedoch im Promillebereich. Das Umsatzziel des Brokers für das laufende Geschäftsjahr liegt bei fünf Millionen Mark.

Der Markt für Second-hand-Hardware - eine Branche tappt im dunkeln

Ein wenig Licht auf das globale Befinden des jungen Marktes werfen Untersuchungsergebnisse des Marktforschungsinstituts International Data Corporation (IDC).

Demnach wurde der Weltmarkt für Gebraucht-Systeme im Vorjahr mit rund 3,5 Milliarden US-Dollar bewertet. Die Nachfrage an nicht mehr brandaktueller Ware ist im vergangenen Quartal zwar gestiegen, parallel dazu findet jedoch ein drastischer Preisverfall statt. Trotz der erfreulichen Nachfrage sollen sich leise Bedenken bei den Händlern regen: Das Angebot an Second-hand-Ware wird in den nächsten Jahren - so IDC - nicht zuletzt durch PCs aus abgelaufenen Leasing-Verträgen ebenfalls stark ansteigen. Fragt sich, ob die Nachfrage auf die Dauer Schritt halten kann.

Kunden erwarten Garantieleistungen

Hans-Udo Sattler, Inhaber der Firma Sattler PC Technik in Greifenstein, ist hier optimistisch: "Der Umsatz wird steigen", glaubt der Unternehmer, der, nachdem sich für ihn das Geschäft mit neuer Ware als unrentabel herausstellte, zu 90 Prozent auf den Handel mit Gebraucht-PCs umgestiegen ist. Aus seiner Sicht ist der Handel mit der Ware aus zweiter Hand lohnend, aber mühsam. "Das Geschäft hat viel mit Vertrauen zu tun, man muß wissen, mit wem man es zu tun hat. Oft hat man angeblich tolle Ware und dann stellt sich heraus, daß sie miese Qualität hat", spricht er aus Erfahrung.

Zur "Vertrauenssache" wird der Kauf von Second-hand-PCs nicht zuletzt auch für den Endkunden, und hier kommt die Garantie-Frage ins Spiel. Zwar bleibt dem Händler bei gebrauchter Ware die gesetzliche Gewährleistungspflicht von sechs Monaten erspart, Garantieleistungen werden jedoch im allgemeinen von ihm erwartet. Denn: "Garantie ist eine wichtige Sache.

Die Kunden fragen danach", weiß Karl-Heinz Ludwig, Inhaber der KHL-Elektronik in Offental, zu berichten. Die Omnico GmbH räumt ihren Händlern im Normalfall eine Funktionsgarantie beim Eintreffen der Ware ein. Bei den Wiederverkäufern variiert die Kulanz: Für Garantiefristen zwischen einer Woche und sechs Monaten fühlen sich die Händler für die Gebrauchten verantwortlich.

Das Gebrauchtwaren-Geschäft hält die Omnico GmbH nicht zuletzt deswegen für zukunftsträchtig, weil es den Interessen mehrerer Parteien entgegenkommt: Der Handel mit den Alt-Geräten stellt nach Meinung des Second-hand-Spezialisten "die konsequenteste Form des Recyclings" dar und ermöglicht Herstellern und Unternehmen die profitable "Entsorgung" ihrer Altbestände.

Große Zielgruppe: Einkommensschwache Kunden

Omnico bezieht die Ware von den 100 größten deutschen Unternehmen wie Banken oder Versicherungen, die ihre alten Personalcomputer zusehends weniger an Mitarbeiter weitergeben, da ihnen der interne Aufwand mittlerweile zu groß ist. Hier werden dann die Angebote mehrerer Broker eingeholt. Inzwischen gibt es auch für Omnico so etwas wie Konkurrenz: "Vor kurzem ist uns doch glatt ein Deal mit der Vereinsbank geplatzt, weil ein Mitbewerber das Doppelte geboten hat", stellt Krönke - fast amüsiert über die noch

relativ neue Erfahrung - fest. Als direkte Mitbewerber nennt er R+P in Rödermark und Dataserv in Düsseldorf.

Potentielle Abnehmer soll es in ausreichender Menge geben: Einkommensschwächere Privatkunden wie Studenten, aber auch Institutionen mit höherem Bedarf, jedoch schmalem Budget zählen zu den Hoffnungsträgern der in der Branche tätigen Unternehmen. Neben Schulen und Behörden sollen auch Betriebe unterschiedlicher Größen und Branchen im In- und Ausland zu den Interessenten gehören. Als besonders absatzfreundlich haben sich die osteuropäischen Länder herausgestellt: Dort holt sich Omnico immerhin 50 Prozent seines Umsatzes (etwa 70 Prozent in Stückzahlen).

Und nicht zuletzt für Einsteiger und PC-Neulinge soll die nicht mehr brandaktuelle Ware ideal sein: Handelt es sich doch meist um "pflegeleichtere" Systeme wie 386- oder 486-PCs, die dem Durchschnittsanwender nicht mit für ihn überflüssigem technischen Schnickschnack das Leben schwer machen, sondern mit ihrer Basisausstattung eher auf dessen Bedürfnisse und Geldbeutel zugeschnitten sind. "Im Gegensatz zu den 100.000 Anwendern im Markt, die immer das Neueste an Technologien haben müssen, ist Otto Normalverbraucher damit überfordert. Für Standardaufgaben ist ein (gebrauchter) 486er völlig ausreichend. Ein Pentium MMX hieße da, mit Kanonen auf Spatzen schießen", vertraut auch Sattler auf seine Kundschaft. "Allerdings müssen dazu die Entscheider erst mal umdenken", räumt er ein.

Anreiz für Händler: Hohe Margen

Für den Händler sieht Omnico eine Chance, sich dem Preiskampf mit den großen Elektromarktketten zu entziehen. "Mit gebrauchten PCs kann der Händler ungewöhnlich hohe Margen erzielen und außerdem sein Produktspektrum erweitern", wirbt Geschäftsführer Krönke für die Branche.

"Margen von 15 bis 30 Prozent lassen sich mit Gebraucht-PCs machen", bestätigt auch der Inhaber der Firma Sattler PC Technik. Für KHL-Elektronik-Chef Ludwig gehören die wirklich guten Margen von 20 bis 30 Prozent zwar der Vergangenheit an, 10 bis 15 Prozent hält er heute jedoch durchaus für realistisch.

Ludwig erzielt 70 bis 80 Prozent seines Umsatzes mit Gebraucht-PCs und will das Geschäft auch weiter ausbauen. Auch für Mustafa Yilderim, Inhaber von PC-Com in Berlin, sind die Margen bei den Systemen aus zweiter Hand besser als bei neuer Ware. Allerdings läuft der Handel mit Gebraucht-PCs in seinen Augen mittelmäßig.

Lieferung größerer Stückzahlen ein Problem

Eine Schwachstelle und damit ein Markt-hemmender Faktor könnte laut IDC die Tatsache werden, daß es in diesem Bereich naturgemäß keinen "Standard-PC" gibt.

Durch den Mangel an baugleichen, ähnlich konfigurierten Systemen wird die prompte Lieferung höherer Stückzahlen nach Meinung größerer Broker häufig zum Problem. Denn für den Zeitaufwand, der zur Neukonfiguration der Geräte erforderlich wäre, sind die Margen dann doch nicht hoch genug. Bei Omnico etwa ist der nachträgliche Einbau eines CD-ROM-Laufwerks diesbezüglich das Äußerste der Gefühle.

Omnico-Geschäftsführer Krönke gibt zu, daß es bei großen Stückzahlen theoretisch zu Lieferengpässen kommen könnte, "bisher war

das aber noch nie ein wirkliches Problem". Möglicherweise gehören wirklich große Aufträge hierzulande noch nicht zum Alltag des Ge-

schäfts ...

Auch KHL-Inhaber Ludwig sieht hier noch keinen Anlaß zur Sorge: "Die zehn bis 30 Stück, die unsere Kunden im Schnitt wollen, lassen sich leicht abdecken", gibt er sich zuversichtlich.

Immer günstigere Neu-Geräte drücken die Preise ihrer Vorgänger

Ein weiteres Problem für den zartkeimenden Markt ist laut IDC das Aufkommen neuer PCs zu immer niedrigeren Preisen: Diese drücken die Preisspanne, innerhalb derer Broker ihre Gebraucht-Systeme verkaufen können. Beispiel 386-PCs: Alle von IDC befragten Händler waren sich einig: Unter der Preisspanne von 200 bis 300 Mark lohnt sich das Geschäft mit dieser Technologie für sie nicht mehr.

(taf)

Omnico-Geschäftsführer Matthias Krönke verspricht sich enorme Wachstumsraten in der Second-hand-Branche.

Auch Online wird mit Hardware aus zweiter Hand gehandelt - etwa über

Mediasells regelmäßige Online-Auktion für Computer und Zubehör.