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So bekommt man Prokrastination in den Griff

Schluss mit der Aufschieberitis



Bernhard Juchniewicz ist multidisziplinär ausgebildet und arbeitet seit 1976 mit Menschen inbesonders in belastenden Arbeits- und Lebenssituationen. Menschen darin zu unterstützen, ihr Potential zu entwickeln,ist seine Berufung. Nach zwei Studiengängen und diversen Zusatzausbildungen leitete er zunächst einige Jahre eine psychosomatische Fachklinik. Seit nunmehr 30 Jahren arbeitet er als in eigener Praxis selbständiger Berater und Coach nur noch mit gesunden Menschen. In vielen tausend Gesprächen begleitete er seitdem Menschen bei Veränderungen. Zu seinen Klienten gehören Unternehmer, Führungskräfte und ihre Teams und Privatpersonen. Darüber hinaus ist Bernhard Juchniewicz seit 1998 geschäftsführender Präsident der European Coaching Association, dem Verband professioneller Coachs in Europa. Er setzt sich mit Leidenschaft für das Berufsbild des professionellen Coachs und dessen Professionalisierung und Weiterentwicklung ein.
Der Reporting-Termin rückt immer näher, die Steuererklärung ist immer noch nicht gemacht und eigentlich sollte das Auto schon längst zur Inspektion. Viele Menschen schieben unangenehme Dinge vor sich her. Das muss aber nicht immer negativ enden.
Besonders Selbstständige, Freiberufler, Studenten und Arbeitnehmer, die sich ihren Arbeitsalltag selbst einteilen können, müssen sich täglich selbst motivieren, um die anfallenden Aufgaben zu erledigen.
Besonders Selbstständige, Freiberufler, Studenten und Arbeitnehmer, die sich ihren Arbeitsalltag selbst einteilen können, müssen sich täglich selbst motivieren, um die anfallenden Aufgaben zu erledigen.
Foto: a_korn - Fotolia.com

Morgen, morgen nur nicht heute, sagen alle faulen Leute - dieses alte Sprichwort ist so aktuell wie nie. Besonders in der ersten Jahreshälfte. Denn wer kennt das nicht? Nach den ersten motivationsreichen Wochen im neuen Jahr gönnt man sich häufiger Pausen und Ausnahmen bei den gesetzten Zielen: ob beim Sport, beim gesunden Essen oder anderen vorgenommenen Aufgaben im Beruf und bei der Karriere. Doch nicht nur mit Vorsätzen verhält es sich so, denn auch To-dos im Arbeitsalltag werden oft bis zur letzten Minute heraus gezögert und dann ärgert man sich, wenn man bis in die Nacht Überstunden machen muss. Prokrastination oder auch "Aufschieberitis" nennt man das Phänomen, Dinge lieber morgen als heute zu tun. Oder andere Aufgaben zu erledigen, die weniger wichtig sind, wie zum Beispiel seinen Facebook-Status checken oder die Wohnung putzen.

Marcel Prousts Ich-Erzähler in "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" leidet schon im vorherigen Jahrhundert daran. Denn seine Berufung kollidiert mit einer, wie er es nennt, krankhaften Willensschwäche. Die träumerische Selbstüberschätzung des armen, von der Muse ungeküssten Erzählers, die Beschönigung seines Problems, der innere, in der Resignation endende Kampf - all das sind klassische Merkmale der Aufschieberitis, wie sie nicht nur angehende Großschriftsteller kennen.

Vieles erledigt sich von selbst

Dinge aufschieben, um wichtige Aufgaben herumschleichen und erst kurz vor der Deadline mit dem Arbeiten anfangen - furchtbar, oder? Im Gegenteil, sagen Kathrin Passig und Sascha Lobo. Die beiden Berliner haben ein modernes und aktuelles Buch über das Phänomen Prokrastination geschrieben. Ein Buch also über produktives Nichtstun und den Teufel Selbstdisziplin. Die Autorin Passig sagt dazu in einem Interview im "Tagessepiegel": "Das realistische Minimalziel ist, dass die Leute das Buch lesen und an ihrem Leben gar nichts ändern, sich damit aber besser fühlen als vorher."

Und so nennen sich die modernen Großstadt-Hedonisten selbst Profi-Prokrastinierer, das heißt, sie tun tatsächlich einige Sachen nicht, sie räumen nicht den Keller auf und öffnen wichtig aussehende Briefe grundsätzlich erst ein paar Jahre später. Lustigerweise erledigen sich viele dieser Probleme dann von selbst. Außerdem kriegen sie beim Aufschieben trotzdem unglaublich viele Dinge hin. Ihr gemeinsames Blog "Riesenmaschine" wurde mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet, Kathrin Passig gewann den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Lobo im selben Interview: "Es geht um das Stichwort 'produktive Prokrastination'. Man muss ganz dringend etwas tun und tut etwas völlig anderes. Aber mit der Zeit und ein bisschen Übung, mit Selbstkenntnis und den richtigen Leuten schafft man dieses völlig andere, was man stattdessen tut, einigermaßen genau zu steuern."

Und was machen die ganzen Leute da draußen falsch, die weder ihre Steuererklärung schaffen noch stattdessen endlich ihren Roman schreiben? Passig behauptet, die machen doch bestimmt irgendwas Drittes, während sie den Roman und die Steuererklärung vor sich hinschieben. Wenn sie ungeübte Prokrastinierer sind, dann sei dieses Dritte womöglich einfach das Bügeln und Falten ihrer Socken. Das wäre aber natürlich ungeschickt. Denn alles, was jetzt nicht direkt Sockenbügeln ist, wird sich eines Tages als vorteilhaft herausstellen.

Warum schiebt man denn auch angenehme Aufgaben vor sich her? Irgendetwas Unangenehmes ist an aufgeschobenen Aufgaben immer. Wer schiebt denn bitteschön Fernsehen oder Rumliegen auf?

Also ist gelegentliches Aufschieben, oder Prokrastination auch zutiefst menschlich. Jeder macht es mal. Weil größere Vorhaben immer geplant werden müssen und nicht sofort erledigt werden können. Und weil das Aufschieben auch nützlich sein kann - viele unangenehme Anforderungen lassen sich auch effektiv aussitzen. Gut die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung gibt an, Unangenehmes oft bis zum letzten Moment hinauszuzögern. Manche von ihnen entwickeln sich aber zu chronischen Aufschiebern. Inzwischen sagen aktuelle Studien, dass bis zu 20 Prozent der Erwachsenen unter krankhafter Prokrastination leiden. Sie können ihr Leben nicht mehr regeln.

Es fängt meist ganz harmlos an. Eine Seminararbeit ist fällig, ein ungeliebtes, weil schwieriges Projekt in der Firma steht an. Doch kaum sitzt man am Schreibtisch, spürt man einen Impuls, der Hunger sein könnte oder Durst. Damit fängt es an, das Aufschieben - und der Selbstbetrug, sagt Hans-Werner Rückert. Er leitet die psychologische Beratung an der Freien Universität in Berlin. Rückert hat 1999 das erste Buch zum Thema Aufschieben geschrieben, und hält oft Workshops in der jüngst eröffneten Prokrastinationspraxis der Uni dazu ab. Ich meine: Trainings sollen und können helfen, den Alltag wieder in den Griff zu bekommen. Aber auch einfache Cochingtipps sind hilfreich: Natürlich ist nicht jede verschobene Aufgabe gleich ein Problem. Die European Coaching Association (ECA) sieht aber Probleme bei der Regelmäßigkeit.

Besonders Selbstständige, Freiberufler, Studenten und Arbeitnehmer, die sich ihren Arbeitsalltag selbst einteilen können, müssen sich täglich selbst motivieren, um die anfallenden Aufgaben zu erledigen. "Durch das Nicht-Erledigen von Aufgaben, gerät man oft in einen Stresszustand und Überforderung. Ist dieser Zustand dauerhaft durch Prokrastination ausgelöst, schlägt sich das negativ auf die Gesundheit aus.", warnt Bernhard Juchniewicz, Präsident der ECA und Gesundheits- und Management-Coach.

5 Tipps um Prokrastination zu umgehen

  • Kleine Aufgaben immer direkt erledigen

  • Anfangen - in kleinen Schritten

  • Arbeitszeiten fest einplanen

  • Tagesprotokolle führen

  • Sich selbst belohnen

Wenn solche Probleme sich verschlimmern, kann das ein wichtiges und ernstzunehmendes Signal sein, dass ein Burn Out oder ein Bore Out vorliegen. Bei ganz hartnäckigen Fällen, sollte man sich auf jeden Fall professionelle Hilfe holen. Der Hausarzt überweist dann erstmal zum Neurologen und auch eine Kurzzeittherapie könnte angezeigt sein. Auch depressive Menschen neigen dazu beziehungsweise sind im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr in der Lage, Aufgaben fristgemäß abzuarbeiten und zu erledigen. Beim Coaching wird deshalb genau geschaut, wo die Ursachen liegen, ob Verhaltensmuster geändert werden können oder ob eine zusätzliche psychologische Behandlung notwendig ist. (bw)