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Kein Meister ist vom Himmel gefallen

So werden Sie Keynote Speaker

Renate Oettinger ist Diplom-Kauffrau Dr. rer. pol. und arbeitet als freiberufliche Autorin, Lektorin und Textchefin in München. Ihre Fachbereiche sind Wirtschaft, Recht und IT. Zu ihren Kunden zählen neben den IDG-Redaktionen CIO, Computerwoche, TecChannel und ChannelPartner auch Siemens, Daimler und HypoVereinsbank sowie die Verlage Campus, Springer und Wolters Kluwer.
Viele Führungskräfte und Berater träumen davon, als Vortragsredner zu brillieren, fast wie im Schlaf ihren Lebensunterhalt zu verdienen und Spitzenhonorare zu erzielen. Doch bei vielen wird dies ein Tagtraum bleiben. Außer sie arbeiten jahrelang daran, sich das hierfür nötige Image und die hierfür nötige Bekanntheit aufzubauen. Tipps von Bernhard Kuntz.

"Ich möchte Speaker werden" - mit diesem Anliegen kontaktieren seit einigen Jahren Trainer, Berater und Coaches sowie Angehörige verwandter Berufsgruppen verstärkt Marketing- und PR-Agenturen. Diese Noch-nicht-Speaker lassen sich, vereinfacht formuliert, folgenden vier Personengruppen zuordnen:

Schon leicht ergraute Berater, die auf ein erfolgreiches Beraterleben zurückblicken, sich mental bereits auf den Ruhestand einstimmen und dann nicht völlig in Vergessenheit geraten möchten, sondern ab und zu noch ihre Erkenntnisse und Erfahrungen an ein größeres Publikum weitergeben möchten.

Ob Kunden, Kollegen oder Mitarbeiter: Gute Redner kommen bei jedem Publikum gut an
Ob Kunden, Kollegen oder Mitarbeiter: Gute Redner kommen bei jedem Publikum gut an
Foto: Matej Kastelic-shutterstock.com

Inhaber etablierter Trainings- und Beratungsunternehmen, die das Halten von Vorträgen zum Beispiel bei Verbandstagungen primär als Marketinginstrument betrachten, um mit Neukunden in Kontakt zu kommen.

  • Relative No-Names im Trainings- und Beratungsmarkt, die entweder ihr Geld leichter als bisher verdienen möchten und/oder getragen vom Gefühl "Ich habe der Menschheit etwas zu sagen" sich nach mehr öffentlicher Anerkennung sehnen, und

  • Newcomer im Trainings- und Beratungsmarkt, die aufgrund des Nimbus, mit dem sich manche (selbsternannte) Top-Keynote-Speaker umgeben und des Rummels, der seit dem Aufblühen der German Speakers Association (GSA) um das Speaker-sein entstanden ist, zur Überzeugung gelangt sind: "Im Speaker-Business liegt das Geld auf der Straße" und "das, was die Lautsprecher der Szene können, das kann ich auch".

Zumindest bei unserer Agentur lässt sich etwa ein Drittel der Personen, die sich mit der Anfrage "Können Sie mich beim Speaker-werden unterstützen?" an uns wenden, den beiden erstgenannten Personengruppen zuordnen. Und ihre Ziele? Sie sind meist realistisch. Denn faktisch wollen sie nur "Teilzeit-Redner" sein. Und das Ziel, ein absolutes Top-Honorar zu erzielen, hat für sie nicht höchste Priorität. Entweder weil sie ihre Schäfchen bereits im Trockenen haben oder weil sie mit ihren Vorträgen primär an lukrative Beratungsaufträge kommen möchten. Deshalb ist für sie die Frage "Wer ist bei meinen Vorträgen da?" entscheidender als die Frage "Wie hoch ist mein Honorar?".

Viele haben keine Chance

Mindestens zwei Drittel der Anfragen entfallen jedoch auf die beiden letztgenannten Personengruppen. Das heißt, Männer und Frauen, die am liebsten Fulltime-Speaker wären, jedoch nüchtern betrachtet keine Chance haben, kurz- oder mittelfristig - das heißt, in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren - einen nennenswerten Teil ihres Lebensunterhalts, mit dem Halten von Reden zu verdienen. Ihr Wunsch "Speaker werden" ist schlicht ein Tagtraum, von dem sie sich schnellstmöglich verabschieden sollten - zumindest wenn sie eine Familie zu ernähren haben. Denn sie erfüllen die Grundvoraussetzungen, um ein häufig gebuchter und gut bezahlter Redner zu werden, nicht.

Denn warum engagieren zum Beispiel Unternehmen, Verbände und Kongressveranstalter einen Redner oder "Keynote-Speaker" für eine Veranstaltung? Primär aus drei Motiven.

Motiv 1: Sie wollen ihren "Gästen" zum Beispiel einen schönen Abend bereiten, der ihnen im Gedächtnis haften bleibt, weshalb sie, wenn sie an die Veranstaltung denken, auch immer wieder positiv an den Veranstalter denken. Das ist bei vielen Firmenjubiläen und Kundenveranstaltungen der Fall. Für den Redner bedeutet dies:

  • Er muss entweder bereits einen gewissen Promi-Status haben (oder wie der Sohn von Helmut Kohl eine von seinem Vater geliehene Popularität), damit die Anwesenden anschließend stolz zu ihren Bekannten sagen können "Ich habe den XY schon mal live erlebt" oder

  • sein Auftritt muss so pointiert und spritzig sein, dass die Anwesenden wie beim Comedy-Redner Dr. Jens Wegmann sich zum Beispiel vor Lachen biegen, weshalb sie gerne an den Abend denken.

Motiv 2: Sie wollen die Zuhörer zu einem Umdenken oder bestimmten Verhalten motivieren. Das ist bei vielen Kick-offs, Händlertagungen und Vertriebsmeetings der Fall. Dann muss der Experte aus Veranstaltersicht ein ausgewiesener Experte für das betreffende Thema - sei es Vertrieb, Changemanagement oder Motivation - sein, der den Zuhörern etwas zu sagen hat und seine Inhalte so präsentiert, dass er bei ihnen auf offene Ohren stößt.

Motiv 3: Sie benötigen ein Zugpferd, das den Saal mit zahlenden oder für den Veranstalter attraktiven Besuchern füllt. Das ist zum Beispiel bei vielen Kongressen und Kundenveranstaltungen, die Unternehmen für Businesskunden oder Finanzdienstleister für ihre vermögenden Privatkunden durchführen, der Fall. Dann muss der Redner bei den Zielpersonen bereits eine hohe Bekanntheit haben und/oder aus deren Sicht ein ausgewiesener Experte für "…" sein. Ansonsten verfügt er über die gewünschte Zugkraft nicht.

Inhalt dieses Artikels

 

Felix Thönnessen

Eine wirklich ausführliche Übersicht. Gerade die Darstellung der Motive gefällt mir.

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