Späte Einsicht in Hannover?

22.03.2001
Ab 2002 gibt es einen weiteren Tag Cebit

Es muss während der Vorbereitung passiert sein. Irgendein Techniker war es leid, und er verpasste dem Hörgerät des Cebit-Veranstalters neue Batterien. Es muss zu dem Ohr gehören, das Richtung Fachhandel lauscht, denn der Anteil der Fachbesucher war für die Rückkehr in die alten Zeiten verantwortlich. Dieser betrug laut Messegesellschaft bei der Millen-niumsveranstaltung über 87 Prozent. Das ist zwar der Cebit noch kei-nen Händlertag wert oder einen anständigen "Dealers only"-Be-reich, aber es ist ein Signal, dass inzwischen auch in Niedersachsens Hauptstadt die Phrasendrescherei dem Nachdenken weicht. Wie aus der Kinderpädagogik bekannt, ist Selbsterkenntnis weitaus effektiver als der erhobene Zeigefinger, wie etwa der der Fachpresse. Kindische Fern-bleibedrohungen potenzieller Disti-Untermieter auf der einen und Hallen-verweise für Multimediahersteller auf der anderen Seite sollten endlich ausgedient haben, wenn mit konstruktiver Zusammenarbeit begonnen wird. Einen Tag mehr, das bedeutet weniger Stress für Besucher und Aussteller, aber auch höhere Umsätze für die Messegesellschaft und Han-nover. Dass es hierbei hauptsächlich um Geld und Politik geht, sollte auch jedem Fachhändler klar sein. Um uns geht es nur peripher, wenn es sich beispielsweise um Statements zur Zufriedenheit handelt. Jetzt fehlen nur noch die Produkte aus den geschassten Unterhaltungsberei-chen, die der Totgeburt Cebit Home zwangsverordnet wurden. Mit zuneh-mender Konvergenz wird eine halbe Messe unattraktiv, im gleichen Maß, wie die Funkausstellung an ehemaligen Cebit-Highlights gewinnt. Die Zukunft des Handels zeigt sich in Berlin, wo es um Kultur, Spaß und Unterhaltung mit und ohne PC geht. öber die Technik dazu und das Geld, was damit verdient wird, mögen sich die Nadelstreifler in Hannover und München zu Tode streiten - Berlin lebt. Für ein Ladengeschäft sind Produkte wichtig, die von normalen Menschen gekauft werden können und nicht das hundertste E-Cash-System oder eine Internet-Frankier-maschine. Ein Fachhändler will die Produkte seiner Distributoren und Hersteller begutachten, er will wissen, was zu Weihnachten und bis dahin gefragt sein wird, wohin die Trends gehen. Die Innovation wird längst nicht mehr vom gewerblichen Kunden eingefordert. Der Private will den neues-ten Grafikchip, den schnellsten Prozessor, den größten Bildschirm. Die virtuelle Unterhaltungswelt ist die Zukunft, die IT nur noch das Werkzeug dafür. Die Informationsgesellschaft ist da, sie braucht nicht mehr zu kom-men, sie muss genutzt werden.

Mein Fazit: Die Hersteller von Hühneraugenpflaster werden von der verlängerten Cebit profitieren. Wer jedoch den Händler aus den Augen verliert, macht eine Messe für Industrie und Verwaltung - nicht für die Zukunft.

Bis demnächst, Euer Querschläger!

Der ComputerPartner-Autor "Querschläger" ist ein Fachhändler aus Rheinland-Pfalz.