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Apple nach Steve Jobs

Wäre Steve Jobs heute mit Apple zufrieden? Natürlich nicht!

Stephan Wiesend schreibt für die Computerwoche als Experte zu den Themen Mac-OS, iOS, Software und Praxis. Nach Studium, Volontariat und Redakteursstelle bei dem Magazin Macwelt arbeitet er seit 2003 als freier Autor in München. Er schreibt regelmäßig für die Magazine Macwelt, iPhonewelt und iPadwelt.
Heute vor sieben Jahren ist der Apple-Gründer Steve Jobs verstorben, vermisst wird er von vielen Apple-Fans – und das nicht ohne Grund.
Vieles ist anders geworden in der Nach-Jobs-Ära.
Vieles ist anders geworden in der Nach-Jobs-Ära.
Foto: Bloomicon - shutterstock.com

Schlägt das neue macOS-Update fehl oder geht bei der iPhone-Produkteinführung etwas schief, hört man von alten Apple-Anwendern immer wieder: „Unter Steve Jobs wäre das nicht passiert“. Das ist längst nicht mehr originell, ein Körnchen Wahrheit ist aber vielleicht doch dabei. In den letzten Jahren haben wir Steve Jobs nämlich in einigen Apple-Momenten dann doch vermisst: Uns fehlen seine undiplomatischen Meinungen. Hätte er auf die Datenskandale um das allseits bekannte soziale Netz mit einem "Fuck Facebook" reagiert? Hätte er sich mit Elon Musk angefreundet oder sogar verfeindet?

Unter den wachsamen Augen von Steve Jobs schien Apple irgendwie straffer geführt zu werden. Heute könnte man als Außenstehender fast den Eindruck gewinnen, dass Tim Cook´s Apple jedes Jahr „wurschtiger“ geworden ist. Eine Funktion ist nicht fertig? Dann kommt sie eben etwas später und wenn bei der Keynote etwas nicht funktioniert, gilt offenbar die Regel „shit happens!“. So macht auch Tim Cook einen weit sanfteren Eindruck als sein Vorgänger. Dieser äußere Eindruck ist allerdings einfach Unsinn. Tim Cook hat Apple so hervorragend im Griff, wie er es auch schon unter Steve Jobs hatte. Es ist vor allem die Außenwirkung, die in den letzten Jahren gelitten hat.

Über die Person Steve Jobs gibt es zwar zahlreiche Biographien, etwa die sehr inhaltsreiche von Isaac Jacobson. Trotzdem bleibt Steve Jobs immer noch eine perfekte Projektionsfläche: Tyrannische Geschäftsführer können sich auf ihn ebenso berufen wie Studienabbrecher und Entwickler, deren „visionäres“ Produkt abgelehnt wurde. Sogar Donald Trump ist ja ein Fan und twitterte gelegentlich mal Zitate von ihm. Wäre Apple unter Steve Jobs wirklich heute ein anderes Unternehmen?

Heute sickert alles durch

Undenkbar, dass unter Steve Jobs ganze Produktgruppen schon vor der Keynote bekannt bzw. geleakt wären. Wäre Steve Jobs noch immer an der Spitze des Unternehmens, wäre die Vorstellung des iPhone X eine Sensation gewesen.

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Die Wahrheit: Apple ist kein kleines Unternehmen mehr, sondern ein weltweit vernetzter Konzern. Vor allem bei Einführung eines neuen iPhones sind zu viele Subunternehmen beteiligt, als dass man Geheimhaltung garantieren könnte: Es fällt einfach auf, wenn ein Kunde plötzlich einhundert Millionen an Kameramodulen kauft. Bei diesen Stückzahlen kann es sich dann eben nur um Apple handeln. Anders sieht es aber bei internen Datenlücken aus – hatte doch anscheinend ein Apple-Mitarbeiter kurz vor der iPhone-X-Vorstellung eine finale Version von iOS 11 an Journalisten verschickt. Durchaus möglich, dass sich der Betreffende dies unter dem nachtragenden Steve Jobs nicht getraut hätte. Die aktuellen Leaks vor der iPhone-XS-Keynote muss man nun aber nicht der Schlampigkeit innerhalb von Apple zuschreiben, sondern der Findigkeit von Journalisten. Selbst Steve Jobs wäre nicht auf die Idee gekommen, dass jemand von draußen die entsprechenden Bilder-Links raten könnte.

Politisches Engagement

Aus dem Thema Politik hat sich Steve Jobs eher herausgehalten, in den letzten Jahren geht Apple aber auf Konfrontationskurs mit der US-Regierung. Mag Tim Cook zwar ein wenig betulich wirken, bei der Einhaltung von Datenschutz und Schutz der Privatsphäre versteht er keinen Spaß. Grund dafür ist aber vor allem die steigende Bedeutung von iOS für Apple. Bei einem Mobilbetriebssystem ist aber hohe Datensicherheit aber essentiell und wird von Apple als Wettbewerbsvorteil gesehen. Automatisch führt dies aber zu Auseinandersetzungen mit FBI und US-Regierung – die Privatsphäre etwas anders definieren. Ein Problem, das Apple zuvor nicht hatte.

Was aber Steve Jobs zu Donald Trump sagen würde, kann man ebenfalls nur raten, wir vermuten aber wenig Nettigkeiten. So ist Steve Jobs Witwe ja eine aktive Gegnerin des US-Präsidenten.

Umweltschutz

Europäer belächeln oft die Umweltschutz-Initiativen von US-Firmen, Apple hat in den letzten Jahren aber beachtenswerte Fortschritte gemacht. Apple gibt sich Mühe, die CO2-Emissionen bei Produktion, Transport usw. zu reduzieren, achtet unter anderem auf umweltfreundliche Verpackung. Auch ein komplettes Recycling-System und Verzicht auf Schadstoffe sind echte Fortschritte. Hier folgt Apple aber einer langen Tradition, so hatte schon Steve Jobs 2007 in einem offenen Brief Apples Wertschätzung für Umweltschutz bekräftigt. Bei den zahlreichen Auspackvideos der Apple Watch 4 bzw des iPhone XS ist kaum jemandem aufgefallen, dass Apple außer Bildschirmfolie kaum noch Plastik bei der Verpackung nutzt.

Die Qualität sinkt

Ein iPhone 8 bläht sich beim Aufladen auf, Macbook-Tasten bleiben hängen und die Apple Watch hat Problem mit Mobilfunk: Unter Steve Jobs hätte es das nicht gegeben.

Das ist aber nach unserer Meinung nur ein Mythos: Erinnert man sich nämlich ohne Verklärung an alte Apple-Produkte, so hat Apple doch eine kleine Tradition an „Schönheitsfehlern“. So duldete Jobs die Einführung der runden iMac-Maus, die so unergonomisch wie die aktuelle Apple-TV-Fernbedienung war und über die Boombox deckt man besser den Mantel des Schweigens. Das von Steve Jobs abgesegnete iPhone 5 hatte seine Schwächen, der iCloud-Vorläufer Mobile Me war den Kunden eigentlich nicht zumutbar und die ersten iPads waren so sparsam mit Arbeitsspeicher ausgestattet, dass sie nur wenige Jahre nutzbar waren. Zumindest bei den iPhones hat sich Apple in den letzten Jahren aber eigentlich keine echten Mängel geleistet. Das geht vielleicht sogar zu Lasten der Innovation, so hätte Apple unter dem etwas risikobereiteren Steve Jobs vielleicht schon früher auf die etwas tückische Technologie OLED gesetzt.

Was Apple in den letzten Jahren gelernt hat, ist ein gescheites Krisenmanagement. Man vergleiche die Antenna-Gate beim iPhone 4 und die Akku-Panne Ende 2017. 2010 hat man eine Extra-Keynote, übrigens die letzte mit Steve Jobs, einberufen. Der Haupttenor war: "Ihr haltet das falsch" und "Andere haben gleiche Probleme" – Nicht sonderlich hilfreich für die betroffenen Nutzer. Zwar gab es danach einen kostenlosen Bumper als Entschädigung, das war es aber schon. Nicht so bei der Akku-Panne im Dezember 2017. Apple hat offen zugegeben, dass die Leistung gedrosselt wird, sobald der Akku schwächelt. Gleichzeitig wurde auch erklärt, warum das passiert: Der Akku kann bei den Leistungsanstiegs nicht die benötigte Energie zur Verfügung stellen, eine Alternative wäre der Komplett-Absturz des iPhones. Statt eines Bumpers hat Apple, übrigens noch bis Ende 2018, ein Austauschprogramm für alle iPhone-Modelle aufgelegt, der Kunde zahlt hier knapp 30 Euro und erhält sein Gerät mit dem neuen Original-Akku wieder zurück.

Zeichen der Schwäche: Apple informiert über kommende Produkte

Undenkbar unter Steve Jobs: Gegenüber der Presse hat Apple vor einigen Monaten kommende Produkte vorgestellt. So wird ja Ende des Jahres der Mac Pro erscheinen. Wir fragen uns aber, ob nicht auch Steve Jobs diese Enthüllungen als notwendig angesehen hätte: Die Ankündigungen waren ja notwendig, um professionelle Mac-Anwender bei der Stange zu halten. Für Video- und Audio-Profis bietet der aktuelle Mac Pro kaum noch ausreichend Leistung. Mangels Zukunftsperspektive hatten schon viel zu viele Mac-Anwenden den Wechsel zur Windows-Plattform vollzogen – und werden nicht so schnell wieder zurückkehren. Apple ist in den letzten Jahren etwas offener gegenüber kommenden Produkten geworden. Die steigende Anzahl an Unternehmenskunden macht dies aber wohl unerlässlich.

Was wir uns unter Steve Jobs kaum vorstellen können – ein wichtiges Produkt aus dem Porfolio wird bekannt gegeben, der Verkauf startet nicht gleichzeitig mit anderen Geräten, sondern sechs Wochen später wie das iPhone XR.

Mikromanagement: Auch Steve Jobs hätte keine Kontrolle mehr über Apple

Ende der 90er war Apple noch ein vergleichsweise kleines Unternehmen. Nur so war es möglich, dass sich Steve Jobs persönlich in Bewerbungsgespräche einmischte und Bewerber nach ihrem Sexualleben ausfragte – oder wissen wollte, ob sie schon mal LSD genommen hätten. Schon damals kritisierten viele Berater dieses ständige Einmischen in fremde Fachbereich als „Mikromanagement“. Aus Sicht von Betriebswirten ein völlig falsches Verhalten für einen CEO, da sich dieser mit wichtigeren Aufgaben beschäftigen soll. Auch heute wäre Steve Jobs wohl gezwungen, sich aus vielem rauszuhalten. Apple ist in den letzten Jahren so stark gewachsen, dass Tim Cook den Leitern der Firmenteilen weit mehr Kontrolle zugestehen muss, als es Steve Jobs gefallen hätte. Von ein wenig Mikromanagement hätte aber vielleicht manch jüngst eingestellte Apple-Projekt profitiert – man denke, ein Steve Jobs hätte plötzlich das Thema iCar für sich entdeckt.

Aber auch moderne Werbeformen wie Influencer als Marketing-Mittelkönnten den Missfallen des Firmengründers finden. War doch Steve Jobs dafür bekannt, Marktforschung und Berater wenig zu schätzen. Zu einem Reporter soll er laut Isaacson einmal gesagt haben: ‘Did Alexander Graham Bell do any market research before he invented the phone?’” Allerdings wurde diese Haltung wohl oft falsch verstanden: Jobs hielt es für wenig sinnvoll, durch Umfragen neue Produkte zu suchen. Die Reaktionen von Nutzern auf ein fertiges Produkt wurden immer sehr genau beobachtet. Heute nutzt auch Apple Diagnosefunktionen von iOS und macOS um die Nutzererfahrung zu verbessern.

Langweilige Keynotes ohne Steve Jobs

Was uns persönlich aber in den letzten sieben Jahren wirklich fehlt, sind großartige Keynotes. Tim Cook ist ein hervorragender Firmenchef und nicht nur aus Sicht der Aktionäre eigentlich erfolgreicher als Steve Jobs. Die Erzeugung eines „Reality Distortion Fields“ würde ihm aber niemand zutrauen. Leider kann er aber bei einer Keynote Steve Jobs nicht das Wasser reichen, es fehlt hier ein wenig an Glamour. Phil Schiller, der stakkatoartig alle neuen Funktionen eines iPhones auflistet, ist authentisch, aber kein Missionar. Craig Federighi ist auf der Bühne im Vergleich zu Steve Jobs vielleicht ein wenig zu unernst und zu verspielt? Als erfolgreicher Firmengründer hatte Jobs einfach mehr Autorität als jeder Manager oder Entwickler – auch in den Köpfen der Zuschauer. Letztendlich sollte man aber die Bedeutung der Keynotes nicht überschätzen. Was für die Apple-Plattform schlussendlich zählt, sind die vorgestellten Produkte.

Der siebte Todestag ist aber sicher wieder ein guter Anlass, sich wieder einmal Jobs alte Stanford Commencement Address anzusehen. (Macwelt)