Ladendiebstahl

Wie sich Händler wehren können



Andreas Th. Fischer ist freier Journalist im Süden von München. Er verfügt über langjährige Erfahrung als Redakteur in verschiedenen IT-Fachmedien, darunter NetworkWorld Germany, com! professional und ChannelPartner. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen IT-Security, Netzwerke und Virtualisierung.
Ladendiebstahl sorgt für immensen Schaden. Wir zeigen, mit welchen Tricks Ladendiebe arbeiten, welche Präventionsmaßnahmen wirklich helfen und welche Rechte Händler besitzen.
Durch Ladendiebstähle gehen dem Handel jedes Jahr Milliarden Euro verloren.
Durch Ladendiebstähle gehen dem Handel jedes Jahr Milliarden Euro verloren.
Foto: Mike_shots - shutterstock.com

Ladendiebstähle haben Konjunktur. "Rein statistisch gesehen wird durch jede Person in Deutschland ein Warenwert von knapp 30 Euro pro Jahr gestohlen", bringt es Frank Horst auf den Punkt. Der Sicherheitsexperte beim Kölner Handelsforschungsinstituts EHI berichtet, dass dem Handel im Jahr 2019 rund 4,4 Milliarden Euro durch Diebstahl und organisationsbedingte Verluste entgangen sind. Das waren rund 5 Prozent mehr als noch im Jahr davor. Für 2020 liegen bislang noch keine Berechnungen vor.

Nichtsdestotrotz sind die Zahlen für 2019 erschreckend. So lassen sich von den 4,4 Milliarden Euro an Inventurverlusten rund 3,75 Milliarden Euro direkt auf Diebstahl zurückführen. Waren im Wert von 2,44 Milliarden Euro wurden durch Kundinnen und Kunden gestohlen, 950 Millionen von den eigenen Mitarbeitenden entwendet und weitere 360 Millionen Verlust gingen auf Diebstähle durch Lieferanten und Servicekräfte zurück. Zusätzlich entstanden 660 Millionen Euro Schaden durch organisatorische Mängel, beispielsweise durch falsche Preisauszeichnungen.

Nicht nur der Handel leidet unter den Diebstählen. Auch dem Staat entstand durch die nicht geleistete Mehrwertsteuer laut EHI-Institut ein volkswirtschaftlicher Schaden in Höhe von 510 Millionen Euro.

Gift für die Rendite

Die Diebstähle wirken sich direkt negativ auf die Rendite des Handels aus. Sie entsprechen nach Angaben von EHI-Mitarbeiter Frank Horst rund 1 Prozent des Umsatzes, wenn man die entgangenen Verkaufspreise in Bezug zum Bruttoumsatz setzt. Zusammen mit den Ausgaben für Diebstahlprävention und Sicherungsmaßnahmen entgeht dem Handel sogar rund 1,32 Prozent seines Umsatzes.

Der Großteil der Inventurdifferenzen wird durch diebische "Kunden" verursacht.
Der Großteil der Inventurdifferenzen wird durch diebische "Kunden" verursacht.
Foto: EHI

Immerhin ist die Zahl der einfachen Ladendiebstähle seit 1997 nahezu kontinuierlich gesunken. Allerdings haben sich schwere Ladendiebstähle in den letzten dreizehn Jahren verdreifacht. Insgesamt ist die Zahl der angezeigten Ladendiebstähle im Berichtszeitraum um 3,9 Prozent auf 325.786 Fälle gesunken. Die Dunkelziffer liege aber bei 98 Prozent. Die Zahlen sind also nur bedingt aussagekräftig. Das Handelsforschungsinstitut EHI geht deshalb davon aus, dass jährlich mehr als 22 Millionen Ladendiebstähle mit je einem Warenwert von 110 Euro unentdeckt bleiben.

Ladendiebstahl - Die Tricks der Diebe

Wenn etwa der Laden voll mit Kunden ist, greifen die Diebe zu Bewährtem und stopfen sich die Ware schnell in einem unbeobachteten Moment in eine Tasche oder verstecken sie unter ihrer Kleidung. Andere packen ihre Einkäufe in eine Einkaufstasche, legen aber nur einen Teil der produkte an der Kasse auf das Fließband. Der Rest verlässt das Geschäft dann in der Regel unentdeckt. Alternativ verstecken sie kleinere Produkte hinter einem größeren mitgebrachten Gegenstand, so dass sie an der Kasse nicht auffallen.

Gelegentlich treten auch ganze Banden in Aktion, die gemeinsam einen Laden heimsuchen. Während ein Teil der Gruppe für eine Ablenkung sorgt, verschwinden die anderen mit der geklauten Ware oder stopfen sie sich unentdeckt in ihre Taschen. Solche professionellen Ladendiebe lassen sich nur schwer erkennen. Anders sieht es bei Ersttätern aus, die immer wieder an ihrer verkrampften, nervösen und insgesamt eher unnatürlichen Haltung auffallen.

Ladendiebstahl - Was Verkäufer dürfen

Auf keinen Fall dürfen Sie oder Ihre Mitarbeiter die Tasche eines verdächtigen Kunden ohne dessen Einwilligung durchsuchen. Auch pauschale Kontrollen sind nicht zulässig. Das gilt selbst dann, wenn Schilder im Laden angebracht sind, die genau darauf hinweisen. Sinnvoller ist es bei einem konkreten Tatverdacht die Polizei zu verständigen.

Die Zahl der angezeigten Ladendiebstähle geht in Deutschland kontinuierlich zurück.
Die Zahl der angezeigten Ladendiebstähle geht in Deutschland kontinuierlich zurück.
Foto: EHI

Dank dem sogenannten "Jedermann-Festnahmerecht" kann ein auf frischer Tat ertappter Ladendiebe festgehalten werden, um ihn der Polizei zu übergeben. Dabei muss aber die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben und ein konkreter Tatverdacht vorliegen. Ohne einen triftigen Grund darf ein Dieb zum Beispiel auch nicht gefesselt werden.

Ein ertappter Dieb ist nicht zu einer Auskunft über sich oder seine Tat gegenüber Ihren Mitarbeitern verpflichtet. Selbst gegenüber der Polizei muss er nur Angaben zu seiner Person machen. Weitere Aussagen darf er verweigern.

Für Missverständnisse sorgen auch immer wieder die sogenannten "Fangprämien", die in manchen Geschäften per Schild angekündigt werden. Zum einen darf die Prämie nicht höher sein als der Wert der entwendeten Ware. Zum anderen muss die ausgelobte Summe nicht sofort bezahlt werden.

Ladendiebstahl verhindern

Der beste Schutz gegen Ladendiebstahl ist nach Angaben der Polizei Stuttgart das eigene, qualifizierte Verkaufspersonal. Erkennbar präsente und aufmerksame Mitarbeiter, die im Umgang mit Ladendieben geschult wurden, hätten sich als "wirksamste Waffe" gegen Langfinger erwiesen, schreibt die Behörde auf einer eigens eingerichteten Webseite.

Besonders diebstahlgefährdete Artikel sollten zudem nur an der Kasse oder ausschließlich mit Bedienung erhältlich sein. In Bereichen mit Selbstbedienung sollten, sofern möglich, nur Hüllen ausgestellt werden. Das gilt zum Beispiel für Musik-CDs oder DVDs. Bewährt habe sich in besonders gefährdeten Bereichen zudem der Einsatz stationärer oder mobiler gewerblicher Sicherheitskräfte.

Professionelle Diebe können echte Kameras von Attrappen leicht unterscheiden.
Professionelle Diebe können echte Kameras von Attrappen leicht unterscheiden.
Foto: Phonlamai Photo - shutterstock.com

Auch baulich lasse sich einiges machen. So sollten die Verkaufsräume hell und gut ausgeleuchtet gestaltet sein. Auch sollte es möglichst wenige oder am besten gar keine unübersichtlichen Ecken, Winkel oder Pfeiler geben. Regale sollten nicht zu hoch sein und "einen gewissen Überblick" erlauben. Empfohlen wird auch, die Kassen sowie das Büro des Filialleiters leicht erhöht zu platzieren und gegebenenfalls verspiegelte Fenster zum Verkaufsraum anzubringen.

Spiegel in unübersichtlichen Ecken sollten jedoch nicht überschätzt werden. Sie können diebische Kunden allenfalls verunsichern. In der Realität würde aber kaum ein Mitarbeiter auf sie achten, zumal die oft konvexe Ausführung zwar das Blickfeld vergrößere, das Bild aber gleichzeitig verkleinere. Im Kassenbereich seien Spiegel aber durchaus sinnvoll, da sie einen Blick in und unter die Einkaufswagen erlauben.

Bei der Sicherheitstechnik rät die Polizei zu einer gesunden Skepsis. Diese könne die Aufmerksamkeit des Personals immer nur ergänzen, aber niemals ersetzen. Professionelle Ladendiebe würden sich auch von modernster Technik nur selten abschrecken lassen.

Eine funktionierende Videoüberwachung sei nur mit großen Personalaufwand realisierbar. Das mache sie teuer. Günstigere Attrappen seien für professionelle Diebe aber leicht erkennbar und daher nur in Verbindung mit versteckten, echten Kameras empfehlenswert. Viel versprechend seien dagegen Systeme zur elektronischen Artikelsicherung, die beim Stehlen einen Alarm auslösen. Allerdings erfordern sie ein zum Eingreifen bereites Personal, merkt die Behörde an.

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