Interview mit IFA-Direktor Dirk Koslowski

„Wir sehen uns keinesfalls als Hasardeure“

Armin Weiler kümmert sich um die rechercheintensiven Geschichten rund um den ITK-Channel und um die Themen der Distribution. Zudem ist er für den Bereich Peripherie zuständig. Zu seinen Spezialgebieten zählen daher Drucker, Displays und Eingabegeräte. Bei der inoffiziellen deutschen IT-Skimeisterschaft "CP Race" ist er für die Rennleitung verantwortlich.
Die diesjährige IFA soll als „Special Edition“ trotz der Corona-Pandemie als Präsenzevent für einen eingeschränkten Teilnehmerkreis stattfinden. Wie das von statten gehen soll erklärt IFA-Direktor Dirk Koslowski im ChannelPartner-Interview.
„Selbstredend werden Sicherheit und Gesundheit unserer Gäste bei allen genannten Aktivitäten vollumfänglich priorisiert und an erster Stelle stehen“, IFA-Direktor bei der Messe Berlin.
„Selbstredend werden Sicherheit und Gesundheit unserer Gäste bei allen genannten Aktivitäten vollumfänglich priorisiert und an erster Stelle stehen“, IFA-Direktor bei der Messe Berlin.
Foto: Messe Berlin

ChannelPartner: Herr Koslowski, wie sehr blutet Ihnen als Vollblut-Messeprofi das Herz, wenn Sie auf die IFA 2020 blicken?

Dirk Koslowski: Physische Leitmessen gehörten über Jahrzehnte in den PR-/ Kommunikations- und Marketingmix eines jeden namhaften Unternehmen mit zumindest internationalen Ambitionen, denn physische Veranstaltungen bieten nicht nur die Möglichkeit eines aktuellen Markt- und Wettbewerbsvergleiches, sie verstehen es gleichzeitig, mit hoher Effizienz, Menschen mit sehr unterschiedlichen Ambitionen und Zielen zusammenzuführen. Insbesondere dieses Element, die persönliche, menschliche Komponente des Austausches, vermissen wir alle bereits heute, nur wenige Monate nach Ausbruch der Pandemie, sehr schmerzlich.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass wir uns als "Messemacher" in den letzten Wochen intensive Gedanken darüber gemacht haben, wie ein auf die veränderten Rahmenbedingungen abgestimmtes und an die Bedürfnisse unserer Partner angepasstes Messekonzept aussehen könnte. Das Ergebnis: Die aktuell konzipierte IFA 2020 Special Edition bestehend aus einem physischen Kernevent, konzentriert sich auf ihre B2B-Funktionen: Einem Treffpunkte für Industrie und Handel in den IFA Business und Meeting Lounges, IFA NEXT meets SHIFT mobility mit branchenübergreifenden Innovationen und IFA Global Markets für das Sourcing von Komponenten unter Nutzung globaler Lieferketten. Während sich diese Veranstaltungsteile an Fachbesucher richten, können Medienvertreter exklusiv im Rahmen der IFA Global Press Conferences neueste Produkte und Services, Presse-Briefings und IFA Keynotes live erleben. Und selbstredend werden Sicherheit und Gesundheit unserer Gäste bei allen genannten Aktivitäten vollumfänglich priorisiert und an erster Stelle stehen.

ChannelPartner: Wie viele schlaflose Nächte hat Ihnen die durch die Corona-Pandemie verursachte Situation bereitet?

Koslowski: Zurückhaltend gesagt: Zahlreiche. Alles andere wäre aber am Ende auch verwunderlich. Wie alle leben aktuell in einer Zeit mit nahezu täglich wechselnden Rahmenbedingungen, ausgelöst durch eine globale Pandemie. Erkenntnisse beispielsweise über Art und Umfang von Abstandsregelungen und Reisebeschränkungen, müssen kontinuierlich überdacht und an die aktuellen Standards und Anforderungen angepasst werden. Dies, kombiniert mit den Erwartungen und dem Vertrauen einer global operierenden Industrie- und Handelslandschaft, umreißt nur einen Teil der Komplexität unserer Planungsvorbereitungen.

ChannelPartner: War für Sie auch eine komplette Absage der Messe eine Option?

Koslowski: Wäre mir diese Frage Anfang März gestellt worden, hätten wir dies womöglich nicht ausschließen können. Aber auch in Anbetracht der sich schrittweise abgezeichneten Öffnungsdynamik seit Ende April, ergibt sich inzwischen ein wesentlich differenzierteres Bild in Europa, insbesondere auch in Deutschland, welches uns nicht zuletzt zu unserer aktuellen Konzeption ermutigt hat. Das gesamte IFA-Team arbeitet seitdem mit Hochdruck an der IFA Special Edition 2020 und den damit verbundenen Sicherheitskonzepten, als auch an der virtuellen Verlängerung und Einbettung der IFA-Aktivitäten. Leidenschaft und positives Denken kann dabei eine enorme Motivation und Triebkraft sein und ich bin dankbar, dass die gesamte Messe Berlin und das IFA Team im Besonderen diese Herausforderung optimistisch und mit vollem Elan angeht.

ChannelPartner: Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, dass es unverantwortlich ist, mehrere Tausend Leute im September nach Berlin einzuladen?

Koslowski: Wir alle haben im Frühjahr dieses Jahres erleben dürfen, wie wichtig es insbesondere in Krisenzeiten ist, auf die Stimmen von Sachkompetenz, Vorsicht und Vernunft, verbunden mit einem hohen Maß an Selbstdisziplin, zu hören. Und wir wissen auch: Insbesondere Deutschland ist bislang vergleichsweise moderat durch diese beispiellos schwierige Zeit gekommen. Zum jetzigen Zeitpunkt stehen wir glücklicherweise an einem völlig anderen Punkt: Für den Schengenraum ermöglicht die aktuelle Öffnung endlich wieder die schmerzlich vermisste Reisefreiheit. Die Marktbelebung in Europa wird langsam spürbar und die Abstands- und Hygieneregeln sind ein Teil unserer Lebens-Normalität geworden. Insofern sehen wir uns keinesfalls als Hasardeure, sondern vielmehr als Überzeugungstäter, um mit der global wichtigsten Branchenmesse IFA, Anfang September, einen spürbaren Beitrag zur weiteren Belebung des wirtschaftlichen Umfeldes zu leisten.

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ChannelPartner: Wie sieht das damit verbundene Sicherheitskonzept aus?

Koslowski: Unser Sicherheitskonzept wird kontinuierlich in enger Abstimmung mit den zuständigen Gesundheitsbehörden diskutiert und an die jeweils geltenden Rahmenbedingungen angepasst. Das individuell auf diese Veranstaltung angepasste Maßnahmenportfolio wird alle im September notwendigen Abstands-, Sicherheits- und Hygienemaßnahmen berücksichtigen.

ChannelPartner: Wie viele Aussteller haben sich bereit erklärt, ihr verändertes Messekonzept mit zu tragen?

Koslowski: Eine wesentliche Voraussetzung und zugleich auch Vorteil der vorliegenden Konzeption ist die hohe Flexibilität in der Einbindung von Beteiligungsmöglichkeiten der Partner. So ermöglichen die thematisch sehr unterschiedlichen Veranstaltungselemente eine vergleichsweise späte und kurzfristige Partizipation. Die nominalen Beteiligungskosten sind bewusst auf ein Minimum reduziert, die IFA-typische Variabilität für Partner bleibt dabei erhalten. Insofern sind wir im laufenden Kontakt mit unseren Ausstellern und Partnern, das Interesse verschiedenster Branchenvertreter ist sehr ermutigend. Es ist kein Geheimnis, dass eine der derzeit größten Herausforderungen in den noch aktuell gültigen Reisebeschränkungen besteht. Dennoch sehen wir mit Freude, dass der Zuspruch einer physischen Beteiligung weltweit gegeben ist - auch wenn die aktuelle Situation es nur bedingt zulässt, die Reise nach Berlin verlässlich zu planen.

Im Corona-Jahr 2020 heißt es für das Funkausstellungsikone Miss IFA und das gesamte Messeteam anstatt “play bigger” erst einmal kleiner Brötchen zu backen.
Im Corona-Jahr 2020 heißt es für das Funkausstellungsikone Miss IFA und das gesamte Messeteam anstatt “play bigger” erst einmal kleiner Brötchen zu backen.
Foto: Messe Berlin

ChannelPartner: Kommen wir zu den inhaltlichen Punkten: Uns interessieren vor allem die Angebote für den Handel. Wie werden diese aussehen?

Koslowski: Der September ist traditionell ein guter Zeitpunkt für Markenhersteller der Consumer und Home Electronics-Branche um Partner aus dem Handel Innovationen in Vorbereitung des Jahresendgeschäftes zu präsentieren. Daneben ist in den letzten Monaten im besten Wortsinne ein "Innovationsstau" entstanden, den es mit der IFA abzuarbeiten gilt. Wir haben den Wunsch der Industrie verstanden, mit einen zentralen Treffpunkt im Rahmen der IFA Business und Meeting Lounges diesen Austausch zwischen Marken, Herstellern und dem Handel zu ermöglichen. Daneben sollte für alle interessierten Händler der Innovationsbereich IFA Next meets SHIFT mobility auf der Besuchsliste stehen. Wer über den Tellerrand des aktuellen Abverkaufs hinaus denkt, bekommt hier inspirierende Einblicke in zukunftsweisende Technologietrends. Die Vorregistrierung ist für Händler bereits angelaufen.

ChannelPartner: Ein wesentlicher Grund des Handels für den Besuch der IFA war immer die Ordertätigkeit für das Weihnachtsgeschäft. Denken Sie, dass trotz geringerer Anzahl an Ausstellern dies auch auf der IFA 2020 möglich sein wird?

Koslowski: Ja es ist richtig: Die aktuellen Rahmenbedingungen zwingen uns in diesem Jahr zu einem etwas ungewöhnlichen Veranstaltungsformat. Dennoch werden die teilnehmenden Industriepartner bestmöglich versuchen, den Handel zu informieren und mit attraktiver Produktportfolios und Konditionen anzusprechen.

ChannelPartner: Die IFA 2020 soll ja durch virtuelle Veranstaltungen ergänzt werden. Dabei soll die Suche nach einer geeigneten Plattform schwierig gewesen sein, da sich viele der angefragten Event-Plattform-Betreiber sich nicht in der Lage gesehen haben, die Anforderungen der IFA zuverlässig zu erfüllen. Sind Sie jetzt bei der Suche nach einem geeigneten Partner fündig geworden?

Koslowski: Zum einen: Im vergangenen Jahr zählte die IFA knapp eine Viertelmillion Besucher. Dies sind mindestens eine Viertelmillion Gründe nach dem geeignetsten Partner Ausschau zu halten. Und ja, wir sind aktuell in der Finalisierung der "IFA Virtual Experience". Die große Herausforderung besteht aber weniger in der Komplexität unserer Anforderungen, als vielmehr der auch für das Eventgeschäft anspruchsvoll kurzen Umsetzungszeit. Aber auch genau hierfür glauben wir die richtigen Lösungen gefunden zu haben. Also bleiben Sie bitte neugierig!

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